mini|Florence K. Upton Florence K. Upton (* 22. Februar 1873 in Flushing, New York; † 16. Oktober 1922 in Hampstead, London) war eine in den USA geborene britische Zeichnerin und Illustratorin. Mit Cartoons war sie Beiträgerin der Satirezeitschrift Punch, sie veröffentlichte im Strand Magazine und war auch als Porträtmalerin erwerbstätig. Bekannt wurden die Bilderbücher, welche sie als Gemeinschaftsarbeiten mit ihrer Mutter Bertha Upton schuf. Besonders erfolgreich war eine zwischen 1895 und 1909 erschienene Buchreihe um die Abenteuer verschiedener Puppen. Der Name der Titelfigur dieser insgesamt 13 Bände zählenden Serie – Golliwogg, bei den Uptons oft mit Artikel als „a Golliwogg“ oder „the Golliwogg“ über den Eigennamen hinaus stilisiert – wurde in der Rezeptionsgeschichte zu einem stehenden Begriff (in Schreibweise „golliwog“, vereinzelt „gollywog“ oder kurz „golly“) für eine bestimmte Art schwarzer Puppen in der stereotypen Ästhetik von Minstrel-Shows und als solcher kommerziell und ideologisch weiterverwertet.Susanne Reichl: Articulating Cultural Meanings. The Example of the Golliwog(g), in: Marie Hologa (Hrsg.): Cases of Intervention: The Great Variety of British Cultural Studies, Cambridge Scholars Publishing, 2013, S. 165–182. Reichl spricht die unterschiedlichen Schreibweisen als „reflecting the versatility of the character itself“ zu Beginn ihres Beitrags an und verwendet in Folge „Golliwogg“, wenn sie sich auf Uptons Kinderbücher bezieht, die spätere, heute geläufigere Variante, wenn von der Begriffsgeschichte und -rezeption die Rede ist.Michael Pickering: „Fun Without Vulgarity“? Commodity Racism and the Promotion of Blackface Fantasies, in: Wulf D. Hund, Michael Pickering und Anandi Ramamurthy (Hrsg.): Colonial Advertising & Commodity Racism. LIT Verlag, Münster, 2013, S. 119–145.Robert M. MacGregor: The Golliwog. Innocent Doll to Symbol of Racism, in Sammy Richard Danna (Hrsg.): Advertising and Popular Culture: Studies in Variety and Versatility. Popular Press, 1992, S. 124–153.
Das Victoria & Albert Museum, in dessen Museum of Childhood (Young V&A) „some of the earliest golliwogs“ im Jahr 2009 noch ausgestellt waren, verglich die Bücher der Uptons angesichts ihrer Beliebtheit mit der Harry-Potter-Buchreihe. Heute werden Florence K. Uptons Arbeiten aus der Sammlung des Hauses nur noch teilweise online präsentiert. Zeichnungen aus dem Umfeld der Figur Golliwogg tragen den Vermerk „This object, or the text that describes it, is deemed offensive and discriminatory. We are committed to improving our records, and work is ongoing“, sie werden in der Dauerausstellung nicht gezeigt.
Leben und Nachwirkung Florence Kate war das zweitälteste von vier Kindern der Eheleute Bertha Upton (geborene Hudson, 1849–1912) und Thomas Harborough Upton (1836–1889), Bertha und Thomas waren in die USA emigriert und hatten dort im Jahr 1870 geheiratet. Der Vater war Bankangestellter in New York, die Mutter musisch begabt. Ab 1884 lebte die Familie in Manhattan. Gemeinsam mit ihrem Vater besuchte die begabte Jugendliche Florence Abendkurse an der National Academy of Design. Ganz unerwartet starb Thomas Upton im Frühjahr 1889.
Bertha Upton bestritt daraufhin den Lebensunterhalt der Familie mit Gesangsstunden, die älteste Tochter Ethelwyn (* 1871) verdiente etwas dazu, und auch Florence, gerade einmal 16 Jahre alt, arbeitete im Bereich der Gebrauchsgrafik, während die jüngsten Geschwister, Alice (* 1875) und Desmond (* 1880), weiterhin zur Schule gingen. Bei der Arbeit für unterschiedliche Printmedien und Agenturen knüpfte Florence erste Kontakte zu Autorinnen und Autoren, deren Werke sie in Folge illustrierte. In Summe stabilisierte sich die finanzielle Lage der Uptons so weit, dass es im Jahr 1893 möglich war, die Verwandtschaft mütterlicherseits in England zu besuchen. Als die Familie zurück in die USA reiste, blieb Florence in London, um ihre künstlerische Ausbildung und Karriere in Europa fortzusetzen. Unter anderem belegte sie Kurse an der Art Summer School von George Hitchcock in Egmond aan Zee und an der Académie Colarossi in Paris. Zwischenzeitlich bildete sie sich an der Art Students League of New York weiter.
Vom Jahr 1906 an lebte Upton fortwährend in London. Hier veröffentlichten sie und ihre Mutter auch ihre Bilderbücher „By Florence K. Upton“ mit dem nachgereihten, kleiner gedruckten Zusatz „Words by Bertha Upton“ oder „Verses by Bertha Upton“. In den Jahren, in denen Bertha wieder in den USA lebte, arbeiteten die Uptons über die Distanz zusammen. Mit dem Tod von Bertha Upton verlor Florence nicht nur die Mutter, sondern auch ihre Arbeitspartnerin.Laut ihrer Biografin (Norma S. Davis, 1992) habe Florence K. Upton nach dem Tod ihrer Mutter weiterhin Botschaften von ihr erhalten und sie per Écriture automatique aufgezeichnet. Hier zitiert nach Marilynn Olson: Roots of Oz: The Uptons' Vege-Men's Revenge, in: Suzanne Rahn (Hrsg.): L. Frank Baum's World of Oz. A Classic Series at 100. The Scarecrow Press, 2003, S. 31. Die Künstlerin führte Porträtaufträge aus und entwarf wieder Werbesujets – erhalten sind unter anderem zwölf Blätter farbiger Lithografien für einen Hersteller von Fotozubehör; die einzelnen Motive ergeben in Folge eine Bildgeschichte.Florence Kate Upton, Pictorial advertisements for the Wellington Photographic Materials. Victoria and Albert Museum, Department of Engraving, Illustration and Design & Department of Paintings, Accessions 1919, London: Printed Under the Authority of His Majesty's Stationery Office, 1921.
Zehn Jahre nach dem Tod von Bertha starb Florence, noch keine 50, in ihrem Londoner Atelier. Begraben ist sie auf dem Hampstead Cemetery. Eine erste ausführlichere Würdigung erschien 1926 im Stammverlag der Uptons, die kleine Monografie war bebildert und enthielt neben den Kinderbuchillustrationen und Cartoons der Künstlerin auch etliche ihrer Porträts und Stillleben. 70 Jahre nach Uptons Tod wurden Leben und Werk von Florence K. Upton erstmals wissenschaftlich aufbereitet.
Im Archiv von The Punch (British Library, Archives and Manuscripts) befinden sich Cartoons von Upton: In den von ihr kreierten Rubriken Dolly’s Classics und The Classics Revised griff die Zeichnerin antike Stoffe wie Laokoon, Perseus und Andromeda, das Urteil des Paris oder Die drei Grazien auf und versah sie mit einem bildlichen Twist, bei dem jeweils die Grödener Gliederpuppen, die auch Uptons Bilderbuchillustrationen und -welten prägten, auftreten. Hinsichtlich der Ästhetik dieser Bilderbücher findet sich in der neueren Literatur die Formulierung, Uptons Illustrationen seien auf ansprechende Weise ‚aufgeräumt‘.Im englischen Original ist von „Florence Upton’s pleasingly uncluttered pictures“ die Rede, siehe Victor Watson (Hrsg.): The Cambridge Guide to Children’s Books in English. Cambridge University Press, 2001 (Lemma Illustration in children’s books) S. 358.
Literaturgeschichtliche Betrachtung erfuhr weniger die Serie um Golliwogg, der ab dem zweiten Band der Reihe und rückwirkend ab der zweiten Auflage des ersten Bandes an die Spitze der jeweiligen Buchtitel rückte, als vielmehr The Vege-Men’s Revenge (1897): Die Geschichte um ein Mädchen, das es mit belebtem Gemüse zu tun bekommt, wurde als Vorläufer und mögliche Inspiration von Dorothy and the Wizard in Oz (1908) gelesen. In diesem Fortsetzungsband des Romans Der Zauberer von Oz (L. Frank Baum) finden sich Motive und Themen, wie die Uptons sie in ihrem Werk dargestellt hatten.Marilynn Olson: Roots of Oz: The Uptons' Vege-Men's Revenge, in: Suzanne Rahn (Hrsg.): L. Frank Baum's World of Oz. A Classic Series at 100. The Scarecrow Press, 2003, S. 21–41.
Den Golliwogg-Büchern wurde von Seiten der Forschung zur Kinder- und Jugendliteratur Zurückhaltung entgegengebracht. Zumindest Lois R. Kuznets behandelte die Serie in ihrer Untersuchung When Toys Come Alive: Narratives of Animation, Metamorphosis, and Development (1994). Darin beschrieb sie Golliwogg als Protagonisten mit „black skin and unruly hair“, zugleich „clearly a gentleman in both manners and somewhat dandified attire“. Kuznets Ansicht nach dehnten die Bilderbücher der Uptons konventionelle Rollen bis hin zur Möglichkeit von „virtual biracial romance aus“.Lois R. Kuznets: When Toys Come Alive: Narratives of Animation, Metamorphosis, and Development. Yale University Press, New Haven, 1994, S. 105f. Diese Hypothese wurde in jüngster Zeit von der afroamerikanischen Künstlerin und Kulturwissenschaftlerin Sequoia Barnes als zu großzügig betrachtet, doch sieht auch Barnes Golliwogg im Kontext des Dandy und geht davon aus, dass Florence K. Upton mit ihrer ganz konkreten Sozialisation um das Konzept des Black Dandy gewusst habe. – Stärker aufgegriffen als von der Literaturwissenschaft wurde Uptons Figur Golliwogg als Repräsentant des Phänomens Golliwog, somit von Fachleuten aus Fächern wie Cultural Studies, Soziologie oder Psychologie.Wie stark die Wahrnehmung der Künstlerin Upton vom gleichsam verselbstständigten „supercharged image of the golliwog“ geprägt ist, zeigen auch die Raumtexte zu Patrick Kelly: Runway of Love. (Peabody Essex Museum, 2022), einer Ausstellung zum Schaffen des Modedesigners Patrick Kelly. Im Kapitel Anti-Black & Racist Memorabilia heißt es in einer der Objektbeschreibungen zu einem Ensemble aus der Frühjahr/Sommerkollektion 1986 (Golliwog als Druckmotiv auf Stoff) einleitend: „American-born English writer Florence Kate Upton created the golliwog for a series of children’s books published in 1895. The character was based on an American blackface minstrel doll that Upton played with as a child. Subsequently, the golliwog became a popular children’s doll in the US and UK, and, by the mid-1900s, it was a symbol of racist and anti-Black stereotyping. [...]“ In Folge wird ausgeführt, wie Kelly sich dieses Bild subversiv aneignete (Patrick Kelly: Runway of Love, Annotated Object Label PK-039.a-f).