mini|US-Präsident Woodrow Wilson (1912)

Die Amerikanische Besetzung Haitis begann am 28. Juli 1915, als 330 Soldaten des United States Marine Corps auf Weisung des Präsidenten der Vereinigten Staaten, Woodrow Wilson, in Port-au-Prince, Haiti, landeten, um Politik und Finanzen Haitis unter ihre Kontrolle zu bringen. Die Invasion und anschließende Besetzung sollte den zunehmenden amerikanischen Geschäftsinteressen in Haiti Rechnung tragen. Der Intervention im Juli ging eine jahrelange sozioökonomische Instabilität in Haiti voraus, die ihren Höhepunkt in der Ermordung des Präsidenten von Haiti Jean Vilbrun Guillaume Sam durch Aufständische fand, die über die von ihm angeordneten Hinrichtungen der oppositionellen Elite verärgert waren. Die Besatzung endete am 1. August 1934, nachdem Präsident Franklin D. Roosevelt ein Rückzugsabkommen vom August 1933 bestätigt hatte. Das letzte Kontingent der Marines zog am 15. August 1934 ab, nachdem die polizeilichen und militärischen Befugnisse formell an die von den Amerikanern geschaffene Gendarmerie d’Haïti übertragen worden waren.

Während der Besetzung hatte Haiti drei Präsidenten, wobei die Vereinigten Staaten allerdings durch Aufrechterhaltung des Kriegsrechts den Gang der Dinge entschieden. Es kam zu zwei großen Aufständen, bei denen mehrere Tausend Haitianer getötet wurden und zahlreiche Menschenrechtsverletzungen, auch Folter und standrechtliche Hinrichtungen, durch Marines und die Gendarmerie begangen wurden. Zur Zwangsarbeit verpflichtete Einheimische wurden für die Realisierung umfassender Infrastrukturprojekte eingesetzt, wobei Hunderte bis Tausende ums Leben kamen. Unter der Besatzung lebten die meisten Haitianer weiterhin in Armut, während eine ausgewählte Minderheit der zumeist wohlhabenden, französischstämmigen Elite ihre bestimmende Rolle im Land konsolidieren konnte.

Hintergrund mini|Môle-Saint-Nicolas, dargestellt von Jeanne Françoise Ozanne (ca. 1785) Die Vereinigten Staaten hatten die Unabhängigkeit Haitis (1804) von Anfang an mit Argwohn gesehen und ein unverhohlenes Interesse gezeigt, das Land unter ihre Kontrolle zu bringen. Im Jahr 1891 scheiterte der amerikanische Versuch, sich den Ort Môle-Saint-Nicolas mit seinem Naturhafen als militärischen Stützpunkt zu sichern.

Labile Verhältnisse in Haiti In Haiti herrschte um die Jahrhundertwende politische und wirtschaftliche Instabilität. Gegenüber Frankreich bestand im Gefolge der früheren Kolonialzeit und der daraus beibehalten wirtschaftlichen Verflechtungen eine hohe Finanzschuld. Im Jahr 1910 hatte der amerikanische Präsident William Howard Taft Haiti ein umfangreiches Darlehen eingeräumt, womit die Verschuldung gegenüber Frankreich abgetragen werden sollte. Angesichts der Höhe der in Rede stehenden Beträge konnte diese Maßnahmen aber die Lage Haitis nicht verbessern.

Im Jahr 1902 kam es in Haiti zu einem Bürgerkrieg zwischen der Regierung von Pierre Théoma Boisrond-Canal und General Pierre Nord Alexis gegen die Rebellen von Anténor Firmin, der dazu führte, dass Pierre Nord Alexis Präsident wurde. Im Jahr 1908 wurde er von der Macht verdrängt und eine kurzlebigen Präsidentschaften folgte auf die andere: François C. Antoine Simon im Jahr 1911; Präsident Cincinnatus Leconte (1911 bis 1912; kam bei einer Explosion im Präsidentenpalast ums Leben); Michel Oreste (1913 bis 1914; wurde durch einen Staatsstreich abgesetzt), ebenso wie sein Nachfolger Oreste Zamor im Jahr 1914. Zwischen 1911 und 1915 hatte Haiti aufgrund von politischen Morden, Staatsstreichen und Zwangsexilierungen sieben Präsidenten.

Deutscher Einfluss als strategisches Problem für die Vereinigten Staaten mini|Deutsche Marine greift in Port-au-Prince aus Anlass der Lüders-Affäre ein. Die deutsche Präsenz in Haiti war zahlenmäßig nicht groß, aber ausgesprochen einflussreich. Zudem hatte der deutsche Kaiser Wilhelm II in Haiti mehrfach mit der von ihm bevorzugten Kanonenbootpolitik eingegriffen. Sowohl die Lüders-Affäre des Jahres 1891Haiti Fear Germany; Arrival Of A Warship At Port Au Prince Causes Alarm - The United States Maybe Appealed To. In: New York Times. 22. Dezember 1899 als auch der Marcomannia-Zwischenfall des Jahres 1902 hatte zum Eingreifen deutscher Marineverbände geführt. Im Jahr 1910 kontrollierten Deutsche in Haiti rund 80 Prozent des Außenhandels des Landes. Sie besaßen und betrieben Versorgungsbetriebe in Port-au-Prince und Cap-Haïtien und kontrollierten den Hafenbetrieb in Port-au-Prince.

Die deutsche Gemeinschaft war eher bereit, sich in die haitianische Gesellschaft zu integrieren als jede andere Gruppe weißer Ausländer, einschließlich der zahlreicheren Franzosen. Einige Deutsche heirateten in Haitis bekannteste gemischtrassige Familien afrikanisch-französischer Abstammung ein. Dadurch konnten sie das in der Verfassung verankerte Verbot des Landbesitzes für Ausländer umgehen. Die deutschen Einwohner behielten starke Verbindungen zu ihrem Heimatland und unterstützten fallweise auch die deutsche Militär- und Geheimdienstnetze in Haiti. Sie dienten ferner als Hauptfinanziers der zahlreichen Revolutionen des Landes, indem sie den konkurrierenden politischen Gruppierungen Darlehen zu hohen Zinssätzen gewährten.Schmidt: United States occupation of Haiti, Rutgers University Press, New Brunswick, 1995 S. 35.

Der deutsche Einfluss widersprach der amerikanischen Politik, die nach der Monroe-Doktrin die Kontrolle im Umfeld der Vereinigten Staaten beanspruchte. Im Vorfeld des Ersten Weltkriegs spielten vermehrt strategische Überlegungen eine Rolle, wenn es um die Analyse des Vorhandenseins einer starken deutschen Präsenz in der Karibik, an den Seewegen zum Panamakanal, ging.

Amerikanische Finanzinteressen Haiti war mit einem Betrag, der 80 Prozent der jährlichen Staatseinnahmen entsprach, bei den Vereinigten Staaten verschuldet. Gleichwohl war das Land in der Lage, seinen Verpflichtungen nachzukommen. Wegen des Einflusses deutscher Geschäftsleute trotzdem besorgt, setzten sich Unternehmen der amerikanische Finanzbranche bei ihrer Regierung dafür ein, Haiti zu besetzen.

Von 1910 bis 1911 unterstützte das Außenministerium der Vereinigten Staaten ein Konsortium amerikanischer Investoren, angeführt von der National City Bank of New York, bei der Übernahme einer dominierenden Beteiligung an der Nationalbank von Haiti, um die Bank der Republik Haiti (BNRH) zu gründen. Auch Frankreich behielt eine Beteiligung an der BNRH. Die BNRH war die einzige Geschäftsbank des Landes und diente der haitianischen Regierung als Zentralbank.

Die amerikanische Regierung stützte sich mangels eigener Kenntnisse auf die Expertise des Vizepräsidenten der National City Bank, Roger Leslie Farnham, wenn es um das Engagement in Haiti ging. Farnham war als Finanzberater, Lobbyist, und Journalist in der Karibik gut vernetzt. Während der gesamten 1910er Jahre verlangte Farnham von den aufeinanderfolgenden haitianischen Regierungen, ihm die Kontrolle über die Zölle des Landes, die einzige Einnahmequelle des Staats, zu gewähren, und drohte mit einer amerikanischen Intervention, wenn Haiti sich weigerte.

1914 begann Frankreich seine Beziehungen zu Haiti zu verlieren, da es sich auf den Ersten Weltkrieg konzentrierte, und Farnham schlug dem Kongress der Vereinigten Staaten vor, dass die BNRH von New York aus verwaltet werden sollte. Er argumentierte, dass sich die Lage in Haiti nicht bessern würde, „bis eine stärkere Macht von außen eingreift“. Als Reaktion auf Widerstand der haitianischen Seite hielt die BNRH Gelder der haitianischen Regierung zurück und finanzierte Rebellen, um die haitianische Regierung zu destabilisieren und so eine amerikanische Intervention zu rechtfertigen. mini|USS Machias transportierte den haitianischen Goldschatz nach New York Am 27. Januar 1914 wurde der haitianische Präsident Michel Oreste durch einen Staatsstreich abgesetzt. Daraufhin wurde mit einer Einheit der U.S. Navy am 29. Januar ein Kommando des Marine Corps nach Port-au-Prince gebracht, um die amerikanischen Interessen zu schützen.Johnson, S. 66 Die National City Bank forderte das amerikanische Außenministerium auf, weitere militärische Unterstützung zu leisten, um die nationalen Finanzreserven Haitis zu übernehmen und argumentierte, Haiti sei zu instabil geworden, um die Vermögenswerte sicher zu verwahren. Am 17. Dezember 1914 übernahmen Angehörige der amerikanische Streitkräfte Haitis Goldreserven in Höhe von rund 500.000 US-Dollar, was einhundert Jahre später etwa 13,5 Millionen Dollar entsprach. Die Marines packten das Gold in Holzkisten, luden diese in einen Wagen und transportierten sie unter dem Schutz nicht uniformierter Sicherheitskräfte, die den Weg säumten, zu einer Einheit der U.S. Navy, die das Gold nach New York brachte, wo es bei der National City Bank gelagert wurde.

Amerikanische Invasion Im Februar 1915 wurde Jean Vilbrun Guillaume Sam Präsident von Haiti. Er regierte mit harter Hand. Der Höhepunkt seiner repressiven Maßnahmen war am 27. Juli 1915 die Hinrichtung von 167 politischen Gefangenen. Die Bevölkerung erhob sich daraufhin gegen Sams Regierung. Sam, der sich in die französische Botschaft geflüchtet hatte, wurde in Port-au-Prince von einem wütenden Mob gelyncht. Die Vereinigten Staaten betrachteten dies als antiamerikanischen Revolte und eine Bedrohung der amerikanischen Geschäftsinteressen im Land. Die amerikanische Regierung beschloss, schnell zu handeln.Weinstein, S. 28

Am 28. Juli 1915 befahl Präsident Wilson, Port-au-Prince mit 330 Marines des U.S. Marine Corps zu besetzen. Wilson wollte auch die haitianische Verfassung umschreiben, die ausländischen Landbesitz verbot. Sie sollte durch eine Verfassung ersetzt werden, die den Amerikanern die finanzielle Kontrolle über Haiti garantierte. Um öffentliche Kritik zu vermeiden, behauptete Wilson, die Invasion sei eine Mission zur „Wiederherstellung von Frieden und Ordnung ... [und] hat nichts mit irgendwelchen diplomatischen Verhandlungen der Vergangenheit oder der Zukunft zu tun“.Weston, S. 217

Die Invasion selbst stieß auf keinen ernsthaften Widerstand. Ein haitianischer Soldat, Pierre Sully, wurde von den Marines erschossen.

Amerikanische Besatzungszeit In den Jahren der amerikanischen Besatzung Haitis fanden nur in 1930 und 1932 Wahlen zum Parlament statt. Die Besatzungsmacht setzte Präsidenten ein, die vom Parlament bzw. dem neu eingeführten Staatsrat (Conseil d’État) pro forma bestätigt wurden. Von 1918 bis 1929 gab es kein Parlament in Haiti.

Zeit der Dartiguenave-Präsidentschaft von 1915 bis 1922 Die amerikanischen Besatzungsbehörden suchten zunächst einen Präsidentschaftskandidaten, der bereit war, mit ihnen zusammenzuarbeiten.Renda, S. 30–31 Philippe Sudré Dartiguenave, Präsident des Senats und einer der Mulatten der haitianischen Elite, die die Vereinigten Staaten unterstützten, erklärte sich im August 1915 bereit, die Präsidentschaft von Haiti anzunehmen, nachdem mehrere andere Kandidaten abgelehnt hatten.

Innerhalb von sechs Wochen nach der Besetzung übernahmen Vertreter der US-Regierung die Kontrolle über die haitianischen Zollämter sowie andere Behörden und Institutionen einschließlich der Banken und der nationalen Finanzverwaltung. Unter der Kontrolle der US-Regierung wurden 40 Prozent des haitianischen Nationaleinkommens für die Rückzahlung von Schulden bei amerikanischen und französischen Banken verwendet.Weinstein, S. 29 mini|Stützpunkt der U.S. Marines in Cap-Haitien