mini|Titelblatt der Zeitschrift al-Imām vom Mai 1908 mit dem Untertitel Majallah perlajaran, pengetahuan, perkhabaran („Zeitschrift für Bildung, Wissenschaft und Information“) al-Imām ( ‚Vorbild, Richtschnur‘) war eine malaiische Monatszeitschrift in Jawi-Schrift mit islamischer Ausrichtung, die vom Juli 1906 bis Dezember 1908 in Singapur erschien. Es war die erste Zeitschrift in Südostasien, die die Ideen der in Kairo ansässigen islamischen Reformisten Muhammad ʿAbduh und Raschīd Ridā aufgriff und verbreitete. Die Zeitschrift wurde von Tahir Jalaluddin (1869–1956) und Sayyid Shaykh al-Hadi (1867–1934) gegründet. Sie erschien mit dem Untertitel Majallah perlajaran, pengetahuan, perkhabaran („Zeitschrift für Bildung, Wissenschaft und Information“) zu Beginn eines jeden Islamischen MonatsMat Ton: Pengislahan masyarakat Melayu. Perbincangan al-Imam (1906–1908). 2006, S. VII. und folgte inhaltlich dem Modell von Raschīd Ridās Zeitschrift al-Manār.Mohammad Redzuan Othman: Idea Kemajuan dalam Pemikiran dan Perjuangan Sayyid Shaykh al-Hadi. In: M. R. Othman u. a. (Hrsg.): Sejarah pembinaan negara bangsa. Penerbit Universiti Malaya, Kuala Lumpur 2006. S. 125–144. Hier S. 128. Insgesamt erschienen 31 Ausgaben. Al-Imām war in der Zeit, in der sie existierte, die einzige malaiischsprachige Zeitschrift, weswegen sie für die Malaien und malaiisch sprechenden Muslime in der Region von besonders großer Bedeutung war.Hamzah: Al-Imam: its role in Malay Society, 1906–1908. 1981, S. 21. Sie galt als das Sprachrohr der malaiischen Modernisten (kaum muda).Hamzah: Al-Imam: its role in Malay Society, 1906–1908. 1981, S. 152.
Name Der Name der Zeitschrift knüpft an Aussagen im Koran an, in denen Imam als Bezeichnung für grundlegende Texte und menschliche Vorbilder verwendet wird. So ist auf der Titelseite der einzelnen Ausgaben der Titel der Zeitschrift jeweils von Zitaten aus zwei Koranversen umgeben, die das Wort enthalten, nämlich „Und alles haben wir genau erfasst in einem klaren Hauptbuch (imām mubīn)“ (Sure 36:12) und „Und mache uns für die Gottesfürchtigen zum Vorbild (imām)“ (Sure 25:74).Hamzah: Al-Imam: its role in Malay Society, 1906–1908. 1981, S. 23.
Inhalte Nach Azyumardi Azra war al-Imām einer der wichtigsten Kanäle für die Übermittlung der Ideen von al-Manār in die malaiisch-indonesische Welt. Sie war auch äußerlich al-Manār ziemlich ähnlich und enthielt viele Verweise auf sie und Auszüge aus ihr.Roff: The Origins of Malay Nationalism. 1967, S. 59. Neben Anleihen bei al-Manār nutzte al-Imām aber auch andere arabische Zeitschriften. Das Vokabular, das die Autoren der Zeitschrift benutzten, war sehr stark von der arabischen Sprache beeinflusst, was manchmal ihren Lesern Schwierigkeiten bereitete, weil sie Wörter nicht verstanden.Hamzah: Al-Imam: its role in Malay Society, 1906–1908. 1981, S. 24.
Die Notwendigkeit der religiösen Reform Nach William Roff galt al-Imāms erstes Interesse nicht direkt dem sozialen oder politischen Wandel, sondern der Religion.Roff: The Origins of Malay Nationalism. 1967, S. 57. Die Gemeinschaft der Muslime wurde dazu aufgerufen, unzulässige Neuerungen aufzugeben. Traditionelle Formen des Islams, die mit Adat-Bräuchen vermischt waren, sollten gereinigt werden, und die ʿUlamā', die diesen hybriden Islam unterstützten, sollten dazu gebracht werden, den „reinen“ Islam auszuüben. In einem programmatischen Artikel vom Juni 1908 wird erklärt, das Religiöse Reform (islah al-dini) die Qibla der Zeitschrift sei, der Koran ihr Imam und die sunnitische Denkschule ihr Madhhab.Hamzah: Al-Imam: its role in Malay Society, 1906–1908. 1981, S. 31.
Botschaft der Zeitschrift war, dass die Hauptursache für den Niedergang der muslimischen Völker im Vergleich zu ihrem früheren Ruhm darin lag, dass sie aus Unwissenheit aufgehört hatten, den Geboten Gottes zu folgen, wie sie durch seinen Propheten Mohammed übermittelt worden waren. Ein weiteres wichtiges Thema war der Wandel der Zeiten, der veränderte Bedürfnisse für die Umma mit sich bringe.Mat Ton: Politik al-Imam. 2000, S. 240. Die Zeitschrift hatte auch einen Abschnitt mit Fatwas (malaiisch Soal dan Jawab), in dem die Notwendigkeit des Idschtihād, also der eigenständigen Interpretation von Koran und Hadith betont und vor Taqlīd, also blinden Befolgung der etablierten wissenschaftlichen Tradition, gewarnt wurde.
Bildung Bezüglich der Bildung propagierte die Zeitschrift die Aufnahme weltlicher Themen in die traditionellen, rein religiösen Lehrpläne. Die Zeitschrift verfolgte auch detailliert die Entwicklung der Madrasat al-Iqbāl al-Islāmīya, der ersten arabischen Schule in Singapur, die im Februar 1908 unter Beteiligung von Personen aus dem Herausgeberkreis gegründet wurde und in der Fächer wie Geographie, Geschichte und Mathematik unterrichtet wurden.Hamzah: Al-Imam: its role in Malay Society, 1906–1908. 1981, S. 74–81. Gegenüber der Frauenbildung wurden in der Zeitschrift aber starke Vorbehalte geäußert, weil darin eine Gefahr für die Sicherung der Nachkommenschaft gesehen wurde. So wurde in der Zeitschrift die Furcht geäußert, dass im Falle, dass Mädchen wie in den westlichen Ländern zur Schule gingen, sie ihren weiblichen Charakter verlieren und dann danach streben würden, Ehe, Schwangerschaft und Mutterschaft auszuweichen.Hamzah: Al-Imam: its role in Malay Society, 1906–1908. 1981, S. 116–117.
Die malaiische Gesellschaft und die Herrschenden In selbstkritischer Verurteilung tadelte al-Imām aber auch die Rückständigkeit der Malaien, ihre Beherrschung durch fremde Völker, ihre „Faulheit“ und „Selbstgefälligkeit“, ihren Streit untereinander und ihre Unfähigkeit, für das Gemeinwohl zusammenzuarbeiten.Azra: The Transmission of al-Manārs Reformism to the Malay-Indonesian World. 2007, S. 150. Daneben beschäftigte sich al-Imām mit der Notwendigkeit sozialer und wirtschaftlicher Veränderungen in der malaiischen Gesellschaft, und die Zeitschrift appellierte an die Herrscher und hochstehenden Persönlichkeiten (raja-raja dan orang-orang besar), diese zu unterstützen.
Was die politische Ebene anlangt, so äußerte sich die Zeitschrift besonders kritisch gegenüber dem Sultan von Terengganu, dessen Regierung sie als despotische Monarchie beschrieb. Zwei Herrscher, denen al-Imām Respekt und Bewunderung zollte, waren Ibrahim Masyhur, der Sultan von Johor, und der Sultan von Riau-Lingga.Hamzah: Al-Imam: its role in Malay Society, 1906–1908. 1981, S. 96. Den ehemaligen Sultan von Johor Abu Bakar verglich die Zeitschrift mit Muhammad Ali Pascha von Ägypten und dem osmanischen Sultan.Hamzah: Al-Imam: its role in Malay Society, 1906–1908. 1981, S. 98–99. Der Staat Kedah wird als ein Musterbeispiel für eine gerechte Justizverwaltung genannt, weil hier ein Mitglied der Königsfamilie für den Mord an einem Geldverleiher zum Tode verurteilt und hingerichtet wurde.Hamzah: Al-Imam: its role in Malay Society, 1906–1908. 1981, S. 101.
Der Kampf gegen den Kolonialismus Neben diesem Einsatz für einen gereinigten Islam beschäftigte sich die Zeitschrift auch mit aktuellem Geschehen und den Wirkungen des Kolonialismus. So findet sich in einer Nummer der Zeitschrift der Ausruf: „O Leute des Orients. Sollten wir uns nicht schämen und niedergeschmettert fühlen angesichts der Tatsache, dass unsere Nation von einer fremden Nation in den See der Demütigung gestürzt wurde?“Zitiert in Mat Ton: Politik al-Imam. 2000, S. 242. Ein im September 1906 veröffentlichter Artikel sinnierte über das Schicksal der Länder, die ihre Unabhängigkeit verloren hatten und nur noch eine „Sammlung von Texten und Erzählungen“ besaßen. Im Dezember desselben Jahres publizierte die Zeitschrift einen Artikel von Sayyid Shaykh al-Hadi, in dem dieser den Europäern vorhielt, orientalische Völker in die Sklaverei zu führen, sich gegenüber orientalischen Herrschern doppelzüngig und respektlos zu zeigen und die Tore zum Wissen zu verschließen.
Um die Demütigung der Kolonisierten darzustellen, griffen die Autoren der Zeitschrift häufig auf Tiermetaphern zurück, indem sie beispielsweise erklärten, dass sich das kolonisierte Land gegenüber der Kolonialmacht „wie ein Tier zu seinem Herrn“, „wie ein Wachhund“ oder „wie ein Reitpferd“ verhalte.Mat Ton: Politik al-Imam. 2000, S. 242. Ein wichtiger Gedanke in der Zeitschrift war die Liebe zum Heimatland, wobei für dieses üblicherweise der arabische Begriff Watan verwendet wurde, der sich im 19. Jahrhundert im Mittleren Osten verbreitet hatte.Andaya: From Rūm to Tokyo: The Search for Anti-Colonial Allies by the Rulers of Riau, 1899–1904. 1977, S. 140–141.
Eine Reihe von Artikeln in al-Imām spiegelte auch den Unmut im Sultanat von Riau über die von der niederländischen Kolonialregierung eingeführten Änderungen im Hofprotokoll und die Abschaffung des Amtes des Yamtuan Muda wider. In diesem Zusammenhang wurde auch eine Rede veröffentlicht, die der älteste Sohn von Riau vor dem Rushdiyyah Club in Pulau Penyengat gehalten hatte. Allerdings begegnete die Zeitschrift der niederländischen Regierung nicht nur mit Ablehnung, fand manchmal auch lobende Worte, so zum Beispiel im Zusammenhang mit zwei islamischen Schulen, die mit niederländischer Erlaubnis in Batavia und Surabaya mit niederländischer Erlaubnis eröffnet werden konnten.Hamzah: Al-Imam: its role in Malay Society, 1906–1908. 1981, S. 101f.
Japan und die Türkei Von Anfang an enthielt die Zeitschrift auch regelmäßig Nachrichten aus Japan und der Türkei. Schon in ihrer ersten Nummer befasste sich die Zeitschrift unter dem Titel „Türkei und Japan“ mit dem Vorschlag für einen Religionskongress, der in Tokio abgehalten werden sollte. Viel Beachtung fanden die in der Presse des Mittleren Osten kolportierten Berichte über die angeblich bevorstehende Konversion Japans zum Islam. Im Jahre 1907 finanzierten die Herausgeber der Zeitschrift die Übersetzung eines arabischen Werks des ägyptischen Nationalisten Mustafā Kāmil über Japan mit dem Titel aš-Šams al-mušriqa („Die aufgehende Sonne“).Andaya: From Rūm to Tokyo: The Search for Anti-Colonial Allies by the Rulers of Riau, 1899–1904. 1977, S. 141–143. Die Türkei war für al-Imām vor allem als Sitz des Kalifats von Bedeutung. Gegenstand der türkeibezogenen Artikel waren Berichte über ihre militärische Entwicklung und die angebliche Fürsorglichkeit von Sultan Abdülhamid II. Negative Berichte in der westlichen Presse über das Osmanische Reich wurden gemissbilligt. Als aber der Sultan 1908 von den Jungtürken gestürzt wurde, übernahm al-Imām deren Perspektive und stellte sie als Beschützer des Islams dar.Azra: The Transmission of al-Manārs Reformism to the Malay-Indonesian World. 2007, S. 151.
Mitwirkende mini|hochkant|Tahir Jalaluddin, der erste Herausgeber der Zeitschrift Erster Herausgeber der Zeitschrift war Tahir Jalaluddin. Stellvertretender Herausgeber wurde der islamische Gelehrte Haji Abbas bin Muhammad Taha (geb. 1885), der in Mekka studiert hatte und 1905 nach Singapur zurückgekehrt war.Nico Kaptein: al-Imām. In: Kate Fleet, Gudrun Krämer, Denis Matringe, John Nawas, Devin J. Stewart (Hrsg.): Encyclopaedia of Islam Auflage 3, 2017 . Er trat im März 1908 die Nachfolge von Tahir Jalaluddin als Herausgeber an.Azra: The Transmission of al-Manārs Reformism to the Malay-Indonesian World. 2007, S. 147.