mini|Verbreitung des Starčevo-Körös-Criș Komplexes, im Osten fehlt Moldawien, im Norden das obere Theiß-Gebiet Die frühneolithische Starčevo-Kultur datiert zwischen ca. 6000 und 5400 v. Chr.Nándor Kalicz: An Grenze „zweier Welten“ – Transdanubien (Ungarn) im Frühneolithikum. In: Detlev Gronenborn, Jörg Petrasch (Hrsg.): Die Neolithisierung Mitteleuropas. The Spread of Neolithic to Central Europe. International Conference, 24-26th June 2005. Verlag Römisch-Germanisches Zentralmuseum, Mainz 2010, S. 235–254.Kornelija Minichreiter, Ines Krajcar Bronić: New radiocarbon dates for the Early Starčevo Culture in Croatia. Pril. Inst. arh. Zagreb (2006) 23: 5–16. Sie wurde nach der Fundstätte Starčevo bei Pančevo (Serbien) benannt. Sie erstreckte sich über Südwestungarn, Serbien, Nordkroatien, Nordmazedonien und Teile Bosniens. Die Starčevo-Kultur in Südwestungarn und Serbien, die Körös-Kultur in Ostungarn und deren rumänisches Pendant, die Criş-Kultur, treten vor 6000 noch überregional einheitlich in Erscheinung und verkörpern die erste Neolithisierungswelle. Nach 6000 setzt eine Differenzierung des Keramik-Stils ein, die in der Ausprägung des Starčevo-Körös-Criș-Komplexes mündete.Wolfgang Haak: Dissertation, Johannes Gutenberg-Universität Mainz (2006), S. 195, S. 9.
V. Milojčić (1949)Vladimir Milojčić: Chronologie der jüngeren Steinzeit Mittel- und Südeuropas. Deutsches Archäologisches Institut, Verlag Gebr. Mann, Berlin 1949, S. 70–81 teilte die Starčevo-Kultur in die Stufen I–IV.
Fundgeschichte Die Ortschaft Starčevo fand ab dem Jahre 1912 wissenschaftliches Interesse, als beim Tonabbau für eine Ziegelei archäologisches Material gefunden wurde. Im Jahre 1928 begann die eigentliche systematische Forschung. Die Starčevo-Kultur wurde nach dem im Jahre 1931 bis 1932 durch das University of Pennsylvania Museum of Archaeology and Anthropology (Philadelphia), das Peabody Museum of Archaeology and Ethnology der Harvard University (Massachusetts), das Fogg Art Museum, ebenfalls Harvard University, und die American School of Prehistoric Research unter der Leitung von Vladimir J. Fewkes (1901–1941)Vladimir Fewkes papers 1058, University of Pennsylvania , Robert W. Ehrich (* 1908) und Miodrag Grbić (1901–1969) ergrabenen Fundort von Starčevo-”Grad” bei Pančevo acht Kilometer südöstlich von Belgrad benannt. Spätere Ausgrabungen wurden 1969 bis 1970 unter der Leitung von Drage Garašanin von der New York City University durchgeführt. Weitere Fundorte sind die Siedlungen von Divostin, Donja Branjevina, Obre I und Vinkovci.
Lebensweise Holm und andere Autoren nehmen an, dass die Nordausbreitung landwirtschaftlicher Lebensweise nach Europa, also das frühe Neolithikum, durch das Klimaoptimum des Atlantikums begünstigt wurde, dessen Temperaturen deutlich höher lagen als heute.Hans J. Holm: Archäoklimatologie des Holozäns: Ein durchgreifender Vergleich der Wuchshomogenität mit der Sonnenaktivität und anderen Klimaanzeigern („Proxies“). In: Archäologisches Korrespondenzblatt 41/1 (2011), S. 119–132, doi:10.11588/ak.2011.1.34544.
Mit dem Auftreten des Starčevo-Körös-Criș-Komplexes können im transdanubischen Raum erstmals Ackerbau und Viehzucht festgestellt werden. Die Bauern hielten Schafe, Ziegen, Rinder, Schweine und Hunde und kultivierten daneben Emmer, Einkorn, Weizen, Linsen und Erbsen. Die ergänzende Jagd war noch nicht in den Hintergrund getreten.Wolfgang Haak: (PDF). Dissertation, Johannes Gutenberg-Universität Mainz (2006), S. 195, S. 10.
Verwandte Kulturen Verwandte Kulturen sind die makedonische Gruppe Anzabegovo-Vrsnik und die Gruppe Veluška Tumba-Porodin. Verbindungen gibt es auch zum bulgarischen Frühneolithikum, besonders was die Hausformen betrifft. Die Keramik ist dagegen in der Spätphase vorwiegend organisch gemagert und weniger häufig bemalt. Die Starčevo-Kultur wird als Vorläufer der Linienbandkeramik betrachtet.Elisabeth Hamel: Das Werden der Völker in Europa. Tenea, Bristol / Berlin 2007, ISBN 978-3-86504-126-5, S. 77Jens Lüning: Geburt aus dem Widerspruch. Die Entstehung der Bandkeramik aus ihrer Mutterkultur Starčevo. In: Ünsal Yalçin (Hrsg.): Anatolien und seine Nachbarn vor 10.000 Jahren. Anatolian Metal VII. Veröff. Deutsches Bergbaumus. Bochum 214. Der Anschnitt, Beih. 31 (Bochum 2016) 273-289.
Siedlungswesen Im Südosten des Verbreitungsgebiets sind vor allem Tellsiedlungen bekannt, weiter im Westen, besonders in Transdanubien Flachsiedlungen.Zur Verbreitung von Tells allgemein s. Eva Rosenstock, Environmental Factors in Tell Formation: An Archaeometric Attempt. In: Robert Hofmann/Fevzi-Kemal Mötz/Johannes Müller (Hrsg.), Tells: Social and Environmental Space (International Workshop 2011 Kiel). Universitätsforschungen zur prähistorischen Archäologie. Bonn, Habelt 2012, 33-46 Der Forschungsstand im ehemaligen Jugoslawien ist eher schlecht, sodass nur wenige Hausgrundrisse der Starčevo-Kultur bekannt sind. Es handelt sich um kleine Bauten mit Wänden aus Pfosten, deren Zwischenräume mit Flechtwerk und Lehm verkleidet waren. Die Fußböden bestanden aus Stampflehm, flachen Kiesel oder mit Lehm bedeckten Rollbalken.Goce Naumov, Embodied houses. The social and symbolic agency of Neolithic architecture in Neolithic Macedonia. In: Daniela Hofmann, Jessica Smyth (Hrsg.): Tracking the neolithic house in Europe: sedentism, architecture and practice. One world archaeology Springer, New York 2013, S. 69 Die Wände bestanden meist aus Flechtwerk. Möglicherweise gab es auch sogenannte Halbgrubenhäuser, also eingetiefte Hausbauten. Die Häuser der Starčevo-Schichten in Lepenski Vir waren trapezförmige und hatten Steinfußböden. Sie waren in geraden Reihen angelegt. In Amzabegovo hatten die Häuser Steinfundamente, und es wurden Lehmziegel und Stampflehm verwendet. Naumov (2013) führt dies auf Einflüsse aus Nord-Griechenland zurück.Goce Naumov, Embodied houses. The social and symbolic agency of Neolithic architecture in Neolithic Macedonia. In: Daniela Hofmann, Jessica Smyth (Hrsg.): Tracking the Neolithic house in Europe: sedentism, architecture and practice. One world archaeology Springer, New York 2013, S. 69 Die Häuser aus Veluška Tumba sind 11–12 m lang,Muzafer Korkuti: Neolithikum und Chalkolithikum in Albanien. Philipp von Zabern, Mainz 1996. meist sind sie aber kleiner. Aus Veluška Tumba, Porodin und Dobromiri sind Tongebilde bekannt, die als Hausmodelle gedeutet werden. Danach hätten die Häuser First- oder Spitzdächer gehabt, vermutlich aus Stroh, das mit Seilen befestigt war.Goce Naumov, Embodied houses. The social and symbolic agency of Neolithic architecture in Neolithic Macedonia. In: Daniela Hofmann, Jessica Smyth (Hrsg.): Tracking the neolithic house in Europe: sedentism, architecture and practice. One world archaeology. Springer, New York 2013, S. 70. Falls es sich bei dem Idolen von Majdari und Govrlevo tatsächlich um Hausmodelle handelt, könnten sie als Belege für Flachdächer herangezogen werden.Goce Naumov: Embodied houses. The social and symbolic agency of Neolithic architecture in Neolithic Macedonia. In: Daniela Hofmann, Jessica Smyth (Hrsg.): Tracking the neolithic house in Europe: sedentism, architecture and practice. One world archaeology. Springer, New York 2013, S. 71. Das Modell von Topolčani stellt vielleicht auch eine Tür dar.Goce Naumov: Embodied houses. The social and symbolic agency of Neolithic architecture in Neolithic Macedonia. In: Daniela Hofmann, Jessica Smyth (Hrsg.): Tracking the neolithic house in Europe: sedentism, architecture and practice. One world archaeology. Springer, New York 2013, S. 71.
Stein- und Knochengeräte An Werkzeugen sind Silexgeräte, meist aus Klingen, und leistenförmige geschliffene Steinbeile bekannt. Aus Knochen wurden Angelhaken und Harpunen, Spatulae sowie Polierscheiben für Tonwaren hergestellt.
Keramik Das Formenspektrum der Starčevo-Kultur umfasst halb- bis dreiviertelkugelige Gefäße, Schüsseln und Schalen, die bisweilen auf Füßen ruhen, Flaschen und große Vorratsgefäße. Während die Grobkeramik oft Schlickrauung (Barbotine), Fingerkerben oder Fingerkniffe, Warzen etc. als Verzierung aufweist, ist ein geringer Prozentsatz (etwa 2–3 %) der Feinkeramik bemalt. Auf Grund dieser Bemalung wird die Starčevo-Kultur in mehrere Stufen untergliedert. Nach Garašanin ist die älteste Keramik monochrom. Darauf folgt eine Stufe mit Bemalung in weiß-auf-rot. An Motiven finden sich Tupfen, Netzmuster, rekti- und kurvilineare Formen (florale Muster, Spiralen etc.). Die Stufen mit monochromer und weiß-auf-rot bemalter Keramik werden als Proto-Starčevo zusammengefasst. Das klassische Starčevo zeigt schließlich Bemalung in dunkel-auf-hell. Auch hier kommen kurvi- und rektilineare Motive vor.
Kultgegenstände Die Menschen der Starčevo-Kultur fertigten anthropomorphe Plastiken aus Ton. Einige sind ungegliedert und von säulenartiger Form; andere wirken naturnäher, sie weisen einen langen stabartigen Hals, einen reduzierten Oberkörper und ein stark betontes Gesäß mit ausladenden Hüften auf (Steatopygie). Fast alle diese kleinen Statuetten sind zerbrochen, wohl mit Absicht. Auch drei- oder vierbeinige, an Hocker oder „Altärchen“ erinnernde Objekte, deren Verwendungszweck unklar ist, werden oft als Kultgegenstände gedeutet.
Musikinstrumente An der Grabungsstelle in Brunn am Gebirge in NiederösterreichValeska Becker: Die Starčevo-Kultur. donau-archaeologie.de wurde eine der ältesten Gefäßflöten aus Ton gesichert.Beate Maria Pomberger: Eine frühneolithische Gefäßflöte von Brunn am Gebirge. Archäologie Österreichs 20/2, 2009, 55–58.Beate Maria Pomberger: Wiederentdeckte Klänge. Musikinstrumente und Klangobjekte der Epochen Neolithikum, Bronzezeit, Eisenzeit und Römische Kaiserzeit im Gebiet zwischen der Salzach und dem Donauknie – Frequenzanalysen, Schallpegelmessungen, Reichweiten. Dissertationsschrift, Universität Wien 2014, S. 44-51, 318-319, Taf. 1, Fototafel 1. Das MusikinstrumentBeate Maria Pomberger, Jörg Helmut Mühlhans, Christoph Reuter: Versuch einer raum- und instrumentenakustischen Analyse prähistorischer Bauten und Instrumente. Archaeologia Austriaca 01/2014; 97–98(2013–2014):97–114. doi:10.1553/archaeologia97-98s97 datierte ins 6. Jahrtausend v. Chr. und gehörte zur Starčevo-Kultur.Peter Stadler: Die frühneolithische Siedlung von Brunn am Gebirge, Flur Wolfholz, 5650–5150 v. Chr. und die Entstehung der Linearbandkeramik. Archäologie Österreichs 20/2, 2009, 48–54.
Totenritual Echte Gräberfelder sind aus der Starčevo-Kultur nicht bekannt. Die wenigen Bestattungen, die wir kennen, sind in Hocker-Lage in Siedlungsgruben begraben. Selten nur wurden Beigaben in die Gräber gelegt, etwa in Form grober und feiner bemalter Gefäße, was uns durch die Ausgrabungen in Tečić bei Kragujevac bekannt wurde und auf den Glauben an das Leben nach dem Tode hinweist. In Golokut wurden zwei Bestattungen in einem sogenannten Grubenhaus gefunden. Das Skelett einer älteren Frau war vom Schädel eines Auerochsen begleitet und eine Skapula lag im Beinbereich.Douglas Bailey, Balkan Prehistory, Exclusion, incorporation and Identity. London Routledge 2000, S. 123
Wichtige Fundorte Der eponyme Fundort Starčevo ist bis heute nicht ausführlich publiziert worden. Die meisten Siedlungen sind nur durch kurze Vorberichte bekannt. Gut veröffentlicht sind die Fundstellen Divostin und, in mehreren, allerdings schwer zugänglichen Artikeln, Donja Branjevina. Weitere wichtige Fundorte sind Amzabegovo (Makedonien) Blagotin Crnokalačka Bara Gornja Tuzla, rund 10 km von Tuzla entfernt Grivac Lepenski Vir Ostrovu Golu Slavonski Brod Tečić Veluška Tumba (Makedonien)
Herkunft Archäologische Thesen