mini|Bucheinband des gefälschten Sammelbands Colchicine – 100 years of Research ist ein gefälschter Tagungsband über Colchicin, der zum Zweck der Verleumdung des deutschen Rechtsmediziners Matthias Graw erstellt wurde und 2022 Gegenstand eines Skandals war.

Fälschung als Beleg für einen Plagiatsvorwurf Der umfangreiche, angeblich 1982 erschienene englischsprachige Tagungsband wurde in geringer Stückzahl hergestellt. Der Band war nur per E-Bay erhältlich. Das Buch war von einem deutschen Allgemeinmediziner in Pakistan in Auftrag gegeben worden und sollte den Eindruck eines wissenschaftlichen Werks erwecken, das vor 1987 erschienen sei. In dieses Buch flossen Passagen und Abbildungen aus der Dissertation des Münchner Ordinarius Graw ein. So sollte der Eindruck entstehen, als hätte Graw für seine 1987 erschienene Doktorarbeit daraus abgeschrieben.

Unter Verweis auf diesen Band beauftragte der Allgemeinmediziner im Februar 2022 die Plagiatsprüfer Stefan Weber und Martin Heidingsfelder, die Dissertation von Graw auf ein Plagiat zu prüfen. Im Juli 2022 legten Weber und Heidingsfelder ihre Ergebnisse der Universität Hamburg, an der Graw promoviert worden war, vor: Graws Doktorarbeit sei ein Plagiat eines Beitrags des Tagungsbandes. Der Auftraggeber wurde nicht bekannt gemacht.

Einschätzung der Universität Hamburg Die Ombudsstelle der Universität Hamburg prüfte den Vorwurf und enttarnte den Tagungsband als Fälschung. In einer E-Mail vom 6. Oktober 2022 an die Plagiatsprüfer nannte die Ombudsstelle beispielhafte Indizien hierfür:

Nach Aufdeckung der Fälschung Stefan Weber veröffentlichte den gescannten Inhalt des Bandes, zog aufgrund dessen Fälschung seine Plagiatsvorwürfe gegen Graw zurück und entschuldigte sich. Er bezeichnete die Angelegenheit als „Desaster für die Plagiatsforschung“, ermittelte weitere Belege dafür, dass der Band eine Fälschung ist, und rekonstruierte den Ablauf der Verleumdungskampagne gegen Graw. Den Namen des Auftraggebers gibt Weber bislang nicht preis.

Martin Heidingsfelder hingegen distanzierte sich von seinen früheren Vorwürfen gegen Graw nicht. Er räumte nur ein, dass es Indizien für eine Fälschung gebe, verwies auf eine „andauernde“ Prüfung und äußerte sich nicht mehr.

Im Oktober 2022 wurde der Auslöser der fälschlichen Plagiatsvorwürfe und Auftraggeber der Plagiatsprüfer identifiziert. Die Staatsanwaltschaft München leitete Ermittlungen u. a. wegen Urkundenfälschung und Betrug ein. Nach mehr als zwei Jahren Ermittlungsarbeit musste sich der inzwischen 70-jährige Allgemeinmediziner vor Gericht u. a. wegen Verleumdung zum Nachteil von Matthias Graw verantworten. Das Amtsgericht München verurteilte ihn im März 2025 wegen Verleumdung, Urkundenfälschung sowie Betrugs zu zweieinhalb Jahren Freiheitsstrafe. Er hatte die Fälschung veranlasst und dann die Plagiatsprüfer beauftragt, um an Graw Rache zu üben. Seine von ihm gepflegte Mutter war gestorben und wegen des Verdachts, ihr Sohn habe sie vergiftet, im von Graw geleiteten Institut für Rechtsmedizin obduziert worden.Uwe Ebbinghaus: Die Münchner Plagiatsintrige vor Gericht, FAZ, 16. Januar 2025; abgerufen am 11. Februar 2025 Das Landgericht München I setzte im Juli 2026 in zweiter Instanz die Freiheitsstrafe auf zwei Jahre herab und setzte sie gegen Zahlung einer Auflage von 210.000 € an Graw und 15.000 € an die Staatskasse zur Bewährung aus.

Laut FAZ war der Verdächtige in einen ähnlichen Fall in Großbritannien verwickeltUwe Ebbinghaus: Der Quacksalber, faz.net, 25. November 2022Hanno Charisius: Ermittlungen gegen Münchner Arzt wegen Plagiatsaffäre, sueddeutsche.de, 23. November 2022, und Weber hätte in seiner Streitschrift Auf „Plagiatsjagd“ seine eigenen Fehler in der Sache heruntergespielt.

Literatur C. Moldoveanu (Hrsg.): Colchicine – 100 Years of Research Proceedings of a Symposium on Spindle Toxins / Colchicina – 100 de ani de cercetare Lucrările unui Simposion pe Tema Toxine Fusiforme, Editura Academiei Republicii Socialiste România, Bucharest, 1982, Digitalisat

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