mini|Josef Motschmann anlässlich einer Vortragsveranstaltung in Altenkunstadt, 2015. Fotograf: Bernd Kleinert
Josef Motschmann (* 26. Januar 1952 in Altenkunstadt, Oberfranken, Bayern; † 26. November 2016 in Bad Staffelstein) war ein deutscher Theologe, Gymnasiallehrer, Mundartlyriker, Heimatforscher, Hobbyhistoriker, Laiendarsteller, Vortragsredner und Autor.Motschmann, Josef. In: Deutsche Nationalbibliothek, auf: d-nb.infoZwischen Lichtenfels und Burgkunstadt . Jüdische Kultur auf dem Lande – Fernsehbeitrag vom 31. Juli 2014. In: Bayerischer Rundfunk, auf: br.de
Familie
Motschmann wuchs als ältestes von vier Kindern seiner römisch-katholischen Eltern auf einem Bauernhof in Altenkunstadts Klosterstraße (im Volksmund: „Kaffeegass“) auf.Dieter Radziej: Das Erbe der jüdischen Gemeinde. In: Obermain-Tagblatt, 15. März 2019, auf: obermain.deAndreas Motschmann: Erinnerungen an Dichter und Heimatforscher Josef Motschmann. In: Obermain-Tagblatt, 25. Januar 2022, auf: obermain.de Im Jahr 1981 heiratete er Elfriede Fischer (* 1955), mit der er in die gemeinsame Wahlheimat Schönbrunn bei Bad Staffelstein zog. Aus der Ehe gingen drei Söhne hervor, Kilian (* 1983), Benedikt (* 1985) und Valentin (* 1987). Die Vornamen, welche die Eltern für ihre Söhne wählten, beziehen sich auf den Frankenapostel Kilian, auf die dem familiären Wohnort Schönbrunn nahegelegene ehemalige Benediktinerabtei Kloster Banz, auf die beiden Josef Motschmann inspirierenden Vorbilder, den in dieser Abtei langjährig tätigen Benediktinermönch Valentin Rathgeber und den Komiker Karl Valentin sowie auf den früh verstorbenen Bruder von Josef Motschmanns Mutter, der Valentin hieß, an den damit erinnert wird.Schriftl. Auskunft durch Valentin Motschmann, 12./14. Februar 2023.
Schule Josef Motschmann litt zeitlebens unter einer starken Einschränkung seiner Sehfähigkeit, die eine intensive sportliche Betätigung und schwere körperliche Arbeit unmöglich machten. Trotzdem spielte er gern Fußball. Zunächst besuchte der „Aldnkuschde Buu“ (Altenkunstädter Bub) von 1958 bis 1963 die Volksschule in Altenkunstadt, für damals reguläre fünf (Grund-)Schuljahre. Während dieser Zeit führte er ein Tagebuch.Bernd Kleinert: Dialekt macht die Sprache lebendiger. In: Obermain-Tagblatt, 4. Juni 2019, auf: obermain.de
Aufgrund seines anfänglichen Berufswunsches, Priester zu werden, lebte er von 1963 bis 1970 im erzbischöflichen Knabenseminar Ottonianum, einem konfessionellen Internat in Bamberg. Parallel dazu besuchte er das Franz-Ludwig-Gymnasium in Bamberg, wo er 1972 sein Abitur bestand. 1970 hatte er sich zum Beginn der Kollegstufe entschlossen, das Ottonianum zu verlassen, um direkten und regelmäßigen Kontakt zu seinem Freundeskreis in Altenkunstadt haben zu können.Schriftl. Auskunft durch Andreas Motschmann, 14. Februar 2023. Bis zur Reifeprüfung musste er als Fahrschüler zwischen Altenkunstadt, dem Bahnhof in Burgkunstadt und seiner Schule in Bamberg pendeln, hin und zurück schultäglich rund 100 Kilometer.
Schon im frühen Kindesalter wurde ihm darstellerisches Talent zugeschrieben. Als älterer Schüler engagierte er sich in der Jugendarbeit und stellte als Laiendarsteller gern Karl Valentin dar. Durch diese stark mundartlich geprägte Figur erwachte wohl auch sein Interesse an Mundartdichtung.Hermann H. Hacker: Josef Motschmann – Heimatdichter und Historiker, Versuch einer Annäherung (PDF-Datei; 1,7 MB). In: Kunst und Kultur in Bad Staffelstein (= Bad Staffelsteiner Schriften, Bd. 15), September 2012, Kultur-Initiative Staffelstein e. V. (Hrsg.), ISBN 978-3-935302-03-6, S. 167–180. In der Katholischen Landjugendbewegung (KLJB) wurde er innerhalb der Gemeinschaft nachhaltig geprägt. Dort lernte er auch seine spätere Ehefrau kennen.
Studium Schon zu Studienbeginn war er sich klar geworden, dass er eine Familie gründen wollte; sein ursprünglicher Berufswunsch, katholischer Priester zu werden, war somit wegen des Zölibats ausgeschlossen. Ab dem Wintersemester 1972/73 bis zum Sommersemester 1974 studierte er zunächst an der Julius-Maximilians-Universität in Würzburg Germanistik und Geschichte. Vom Wintersemester 1974/75 bis zum Sommersemester 1977 war er an der Gesamthochschule Bamberg für Pädagogik und Katholische Theologie immatrikuliert und legte dort 1976 sein Vordiplom im Fachbereich Erziehungswissenschaften, Fachgebiet Pädagogik, ab. Zum Wintersemester 1977/78 wechselte er an die Eberhard Karls Universität nach Tübingen.Schriftliche Auskunft durch die Otto-Friedrich-Universität Bamberg, Zentrale Universitätsverwaltung, Universitätsarchiv, Lisa Balder, M.A., 16. Februar 2023.
Insbesondere seine dortige Studienzeit soll ihn stark beeinflusst haben. Er gehörte 1979/80 zum letzten Jahrgang, der durch den Theologen Hans Küng geprüft wurde, als diesem die kirchliche Lehrbefugnis durch das Dikasterium für die Glaubenslehre entzogen wurde. Sein Studium schloss Motschmann als diplomierter Theologe (Dipl.-Theol.) ab.Gemäß schriftlicher Auskunft durch die Otto-Friedrich-Universität Bamberg, Zentrale Universitätsverwaltung, Universitätsarchiv, Lisa Balder, M.A. vom 16. Februar 2023, liegt keine Diplomarbeit Josef Motschmanns vor.Gemäß Prüfungsakte Josef Motschmann (UAT 479/519) im Bestand der Katholisch-Theologischen Fakultät in Tübingen datiert die Diplom-Urkunde auf den 11. Juli 1980. – Eine Sichtung der Unterlagen zu den Diplomprüfungen im Fach Erziehungswissenschaften (UAT 295) hat keinen Hinweis darauf ergeben, dass Josef Motschmann an der Universität Tübingen eine Diplomprüfung im Fach Erziehungswissenschaften/Pädagogik abgelegt hat. – Schriftliche Auskunft durch die Eberhard Karls Universität Tübingen, Universitätsarchiv, Dr. Susanne Rieß-Stumm, 17. Februar 2023.
Wirken Beruf und Berufung Zunächst wirkte er als Pastoralassistent in der Pfarrei St. Martin in Bamberg. Dies umfasste eine erste Tätigkeit als Religionslehrer in der Martinschule, einer zur Pfarrei gehörenden Hauptschule. Nach der Ausbildung zum Pastoralreferenten arbeitete er hauptamtlich in der Telefonseelsorge und als Religionslehrer am Maria-Ward-Gymnasium für Mädchen in Bamberg, wo er in der Oberstufe langjährig den Leistungskurs Religion leitete.gep: Unterrichtshilfen für das Bistumsjubiläum 2007 in Vorbereitung, 17. Dezember 2004. In: Erzbistum Bamberg, auf: eo-bamberg.de Für die Ehe-, Familien- und Lebensberatungsstelle des Erzbistums in Bamberg wirkte er mehr als 32 Jahre lang als Berater in Leitungsfunktion.Ehe-, Familien- und Lebensberatungsstelle des Erzbistum Bamberg: Jahresbericht 2015Altenkunstadts Ehrenbürger Josef Motschmann ist tot. In: Fränkischer Tag, 28. November 2016, auf: infranken.de
Mundartliche Lyrik Als Mundartdichter trat er auf Bühnen, im bayerischen Hörfunk und im Fernsehen auf, publizierte ab 1981 mit dem Gedichtband Weidn loun sich biing (Weiden lassen sich biegen) seine Lyrik auf Print- und später auch Audiomedien.Mundartgedicht von Heimatdichter Josef Motschmann. In: Obermain-Tagblatt, 31. Dezember 2020, auf: obermain.de Seine mundartlichen Gedichte sind aphoristisch und zeitkritisch, widmen sich Heiterem ebenso wie Ernstem, darunter auch dem Antisemitismus.Herbert Loebl OBE, PhD: Laudatio for Josef Motschmann, awarded by B'nai B'rith Klutznick National Jewish Museum, Washington, D. C., 19. Mai 1998. In Schulen warb er vor Schülern für den Gebrauch ihrer heimischen Mundart ebenso wie für das Beherrschen des Hochdeutschen.Laura Zech: Dem Dialekt auf der Spur: Heimatdichter im Deutschunterricht. In: Viktor-von-Scheffel-Schule, Bad Staffelstein, undatiert (zw. 2005 und 2016), auf: rsstaff.by.to
„Haamed ist dodd, wu ich veschdeh und wu ich veschdandn wä.“
Übertragung aus der fränkischen Mundart ins Hochdeutsche: Heimat ist dort, wo ich verstehe und wo ich verstanden werde.
Regionalhistorische Forschung In der Nachkriegszeit aufgewachsen, wurde er durch wiederholt geäußerte Erinnerungen seiner Großmutter darauf aufmerksam, dass in seiner Geburtsstadt und in der Straße, in der er geboren wurde, einst ein großer Anteil jüdischer Bewohner lebte.Josef Motschmann: Es geht Schabbes ei – Vom Leben der Juden in einem fränkischen Dorf, Lichtenfels 1988, S. 13–15 (Vorwort des Verfassers).Josef Motschmann, auf: frankenwuerfel.de Seine Fragen zu deren Verbleib allerdings wurden während der 1950er und 1960er Jahre sowohl in der Schule als auch vor Ort entweder unbefriedigend knapp oder mit Schweigen beantwortet.Josef Motschmann, auf: widenthecircle.org Daher widmete er sich bereits parallel zu seinem dritten Studienabschnitt in Tübingen der heimatkundlichen Forschung zur jüdischen Geschichte seiner Geburtsstadt sowie der oberfränkischen Region. 1983 veröffentlichte er die viel beachtete Broschüre Der Leidensweg der Juden am Obermain, die auf seinem identisch betitelten Vortrag beruhte.Christiane Hoss: Reise-Tagebuch zur Studien-Reise des aktiven Museums nach Nordbayern vom 21.–24. Mai 2009 (PDF-Datei; 536 kB). In: Aktives Museum – Mitgliederrundbrief Nr. 61, Juli 2009, S. 6–7, auf: aktives-museum.deGemeinsam für Erinnerungskultur und Antisemitismus-Prävention, 22. September 2020, auf: juden-am-obermain.de Weitere Vorträge und Publikationen folgten. Dadurch sah er sich jedoch regelmäßig Anfeindungen und persönlicher Bedrohung per Briefpost und Telefon sowie durch in den Lack seines Kraftfahrzeugs eingeritzte Hakenkreuze ausgesetzt, insbesondere als er zur Identität der lokalen bzw. regionalen antisemitischen Täter während der Zeit des Nationalsozialismus forschte. Täternamen nannte Motschmann während einer Vortragsveranstaltung erst dann, als alle ihm namentlich bekannten Täter bereits verstorben waren. Deren Nachfahren, mit denen er sich duzte, charakterisierte er als nicht verantwortlich für die juristisch in den allermeisten Fällen ungesühnten Taten ihrer Elterngeneration. Die Wahrheit über das Tun ihrer Väter anzusprechen und zuzuschreiben, hielt er indes für zumutbar, zumal deren Opfer ein Anrecht darauf hätten.Alfred Thieret: „Die Mitläuferfabrik“ - das Verhalten der Täter. In: Obermain-Tagblatt, 10. November 2013, auf: obermain.deJulie Freestone, Rudi Raab: Eine Synagoge ohne Juden, auf: der-stolperstein.deAlfred Thieret: „Der Anfang des furchtbaren Endes“. In: Obermain-Tagblatt, 4. Juni 2019, auf: obermain.de
mini|Die Synagoge von Altenkunstadt, 1920er Jahre 1988 gründete er in seiner Geburtsstadt die Interessengemeinschaft Synagoge Altenkunstadt und blieb bis zu seinem Tod deren Vorsitzender. Das „Aldenkuschder“ Synagogengebäude wurde auf seine Initiative hin mit Unterstützung der Bayerischen Landesstiftung als zweites im Freistaat restauriert und ab 1993 zu einem Ort der Begegnung, des kulturellen Austausches und des friedlichen Diskurses.Synagoge Altenkunstadt, auf: museen.deEnde einer Ära: Interessengemeinschaft Synagoge aufgelöst. In: Obermain-Tagblatt, 17. Oktober 2022, auf: obermain.de
Im Verlauf eines Skandals, der sich aus der posthumen Ehrung der Burgkunstädter Schriftstellerin Kuni Tremel-Eggert (Kunigunde Eggert) aus Anlass ihres 50. Todestages im Jahr 2007 entwickelte, bezog Motschmann zu deren teils explizit antisemitischem literarischen Werk Stellung: „Sie hat wie viele andere eine Saat ausgestreut, die schließlich die Verbrechen der Nazis ermöglicht hat“.Heimatdichterin betrieb antisemitische Hetze – Josef Motschmann geht auf Distanz zur heutigen Veranstaltung zu Ehren Kuni Tremel-Eggerts und erklärt seine Beweggründe. In: Fränkischer Tag, 14. April 2007, S. 14.Braune Poetin. In: Der Spiegel, 18/2007, 29. April 2007, S. 165.Marius Meyer: Ehrung für eine Antisemitin. In: Süddeutsche Zeitung, 17. Mai 2010, auf: sueddeutsche.deDer Skandal um die Ehrung Kuni Tremel-Eggerts, Projektvorschlag für den Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten im Schuljahr 2010/11, Hausarbeit 2010,