mini|Prenzlower Thor, Stadtseite, 1801
Das Prenzlauer Tor im nordöstlichen Berlin war ein Stadttor der Berliner Akzisemauer an der Straße nach Prenzlau. Es bestand von etwa 1705 bis 1868 und war Namensgeber für den Groß-Berliner Stadtbezirk Prenzlauer Tor, den heutigen Prenzlauer Berg.
Am Standort der alten Torbauten befindet sich seit den 1870er Jahren eine Straßenkreuzung, die mehrfach ausgebaut wurde, zuletzt in der DDR mit der achtspurigen Mollstraße und Karl-Liebknecht-Straße. Als Name der Kreuzung blieb Prenzlauer Tor bis in die jüngste Zeit umgangssprachlich in Gebrauch.Prenzlauer Tor. (PDF; 600 kB) Bezirksamt Pankow von Berlin, Touristisches Wegeleitsystem Pankow, 2005; abgerufen am 6. Juli 2026.
1928 errichtete das Kaufhaus Jonass & Co. am Prenzlauer Tor ein großes Geschäftsgebäude, darin befanden sich unter den Nationalsozialisten mehrere Dienststellen der Reichsjugendführung sowie in der DDR die Zentrale der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED).
Lage
Knapp siebenhundert Meter nördlich des heutigen Alexanderplatzes lag das Prenzlauer Tor in der ältesten Berliner Vorstadt Königsstadt am nördlichen Ende der damaligen Prenzlauer Straße. Als Tor der Berliner Akzisemauer befand es sich zwischen dem westlich gelegenen Schönhauser Tor und dem östlichen Bernauer Tor (1810–1868: „Königstor“). Die Torbauten standen auf dem Straßenland der heutigen Mollstraße am Übergang zur Prenzlauer Allee. Noch 2026 waren die Flurgrenzen des alten Torgrundstücks erhalten, sie verliefen im Zickzack über die große Straßenkreuzung.Liegenschaftskataster der bezirklichen Vermessungsstellen in Berlin, ALKIS: Flurstück 6044, Nordwestgrenze zur Torstraße / Prenzlauer Allee. Geoportal Berlin, Karte: Flurstücke. Östlich des Tores befindet sich seit 1802 der Friedhof der Gemeinden St. Marien und St. Nikolai, er ist heute als Gartendenkmal geschützt. Geologisch liegt der Ort im Talsand des Berliner Urstromtals am Fuße der Hangkante der eiszeitlichen Hochfläche des Barnim, dessen Geschiebemergel nordwärts zum Windmühlenberg um mehr als zwölf Höhenmeter ansteigt.
Ab 1809 hatte das damals neugegründete Berliner Stadtparlament einen Wahlbezirk namens Prenzlauer-Thor-Bezirk, er umfasste das später als „Scheunenviertel“ bekannte Gebiet nördlich des Alexanderplatzes zwischen Münzstraße, den Scheunengassen, der Linienstraße und der Prenzlauer Straße. 1865 verlegte die Stadtverwaltung den Prenzlauerthor-Bezirk stadtauswärts nach Norden auf das Gebiet des Windmühlenbergs.168. Stadtbezirk: Prenzlauerthor-Bezirk. In: Communal-Blatt der Haupt- und Residenz-Stadt Berlin, Sittenfeld, 1865, S. 242. Mit der Bildung von Groß-Berlin im Jahr 1920 und der damit verbundenen Eingemeindung der umliegenden Städte und Gemeinden wurde der Bezirk IV zunächst als Prenzlauer Tor bezeichnet, 1921 aber in Prenzlauer Berg umbenannt. Seit einer Umbezirkung durch die Nationalsozialisten 1938 liegt das Prenzlauer Tor in Berlin-Mitte.Julius Lippert: Verlauf der neuen Verwaltungsbezirksgrenzen. In: Amtsblatt der Reichshauptstadt Berlin, 27. März 1938, 79. Jg., Nr. 13, S. 216.
Geschichte: Das Tor Ab 1705 ließ König Friedrich I. eine Circumvallation der Berliner Vorstädte anlegen, sie bestand aus einem Zaun aus Palisaden und verlief entlang der heutigen Torstraße / Mollstraße.Das Grundbuch der Stadtgemeinde Berlin oder historische Darstellung des Grundvermögens der Stadtgemeinde. Sittenfeld, Berlin 1872, S. 22. Zur Kontrolle des Grenzverkehrs entstand am Ende der damaligen Prenzlauer Straße ein Tor, damals auch Prenzlauer Landwehr genannt, es wurde Bestandteil der Berliner Akzisemauer.Anton Friedrich Büsching: Neue Erdbeschreibung. Dritter Teil, Zweiter Band. Bohn, Hamburg 1771, S. 2315. 1711 war ein Accisehaus errichtet, der erste Thor-Schreiber am Prentzloischen Thor hieß August König.Thor- und Baum-Schreiber, In: Adreß-Kalender der Königlich Preußischen Haupt- und Residenz-Städte, Zweyte Abtheilung: Collegia und Aemter, Berlin 1711, S. 40. Zur Mitte des 18. Jahrhunderts war das Prenzlauer Tor nicht nur Zolltor, sondern auch eines der Berliner Tore, durch das mittellose Juden die Stadt betreten mussten. König Friedrich II. schrieb 1756 in seinem Generalprivilegium:
Eine ähnliche Herberge betrieb die Berliner Jüdische Gemeinde um 1800 auch am nahgelegenen Rosenthaler Tor.
Bis ins späte 18. Jahrhundert waren die Tore der Akzisemauer „bloße Öffnungen der Mauer, […] schlichte, kaum verzierte Durchgänge oder Durchfahrten“. Auf einer Anhöhe nördlich vor dem Prenzlauer Tor befanden sich seit 1748 mehrere Windmühlen, die Friedrich II. dorthin versetzen ließ. Die Mühlen hatten zuvor an Festung Berlin gestanden, auf der Bastion VII und auf dem Ravelin vor dem Spandauer Tor. Die Anhöhe vor dem Prenzlauer Tor wurde später bekannt als Windmühlenberg.Friedrich Holtze: Geschichte der Befestigung von Berlin. Verlag der Königlichen Geheimen Ober-Hofbuchdruckerei, Berlin 1874, S. 90.
Neue Torbauten, 1802 1802 wurden die Palisaden ersetzt durch eine steinerne Mauer, die direkt vor dem Tor einen neuen Knick stadtauswärts bekam, um den neu angelegten Friedhof der Gemeinden St. Marien und St. Nikolai zu umschließen. Gleichzeitig mit dem Mauerbau erfolgte eine Erweiterung der Torbauten, die Pläne zeichnete Bau-Inspektor Carl Georg Meinecke.Carl Georg Meinecke: Prenzlower Thor. Planzeichnung mit Ansicht Stadtseite und Grundriss, Berlin 1801. In: Hermann Schmitz: Berliner Baumeister vom Ausgang des achtzehnten Jahrhunderts. Verlag für Kunstwissenschaften, Berlin 1914, S. 295 (siehe oben: Artikelbild).
Das „Prenzlauer Thor, zu Ende der Prenzlauerstraße, ist 1802 gebaut und ganz einfach.“J. G. A. Ludwig Helling: Geschichtlich-statistisch-topographisches Taschenbuch von Berlin. Logier, Berlin 1830, S. 327. Es glich in seiner schlichten Bauweise dem benachbarten Schönhauser Tor und Bernauer Tor. Sie bestanden jeweils:
mini|hochkant|Grenadiere vor dem Tor, 1834
Die gut sieben Meter hohen, gemauerten Torpfeiler hatten quadratische Grundrisse und Kapitelle mit auskragenden Ecksteinen, Kranzgesimsen sowie flachen Pyramidendächern, die Breite der Durchfahrt betrug gut zwölf Fuß (knapp vier Meter), auf der Feldseite des Tores befand sich zuletzt eine Ueberfahrtsbrücke.Berlinische Nachrichten von Staats- und gelehrten Sachen, 16. Juni 1867, S. 5. Zu beiden Seiten der Durchfahrt standen Gebäude für die Wache und die Steuerbeamten, 1854 erhielt das Steuergebäude einen Erweiterungsbau.Königliche Ministerial-Bau-Kommisssion: Bekanntmachung. In: Königlich Preußischer Staats-Anzeiger, Berlin, 10. August 1854, S. 1430.
Durch das Prenzlauer Tor gelangten große Mengen Getreide nach Berlin, es war neben dem Bernauer Tor dasjenige Tor, das „die stärkste Zufuhr aus der Uckermark einläßt“. Nach einer durchschnittlich guten Ernte 1805 fuhren durch das Prenzlauer Tor mehr als achttausend Fuhrwerke beladen mit fast sechstausend Wispel Getreide.Sebald: Über die schlechten Fahrwege von Berlin nach Prenzlau. In: Berlin oder der preußische Hausfreund, 9. August 1806, 1. Jahrgang, Nr. 38. Dieterici, Berlin, S. 201 (Sechstausend Wispel entsprechen rund achttausend Kubikmeter). Zu Zeiten der Deutschen Revolution 1848/49 war es der Berliner Bevölkerung erlaubt, Lebensmittel für den Eigenverbrauch unverzollt einzuführen, größere Mengen landeten allerdings auf dem Schwarzmarkt. Stadtweit galt das Prenzlauer Tor damals als das „Hauptthor für die Einbringung von Mehl“, pro Tag wurden bis zu vier Tonnen steuerfrei von Privatpersonen eingeführt.Stadtverordneten-Versammlung. In: Neue preußische Zeitung, 13. Juni 1849, S. 1 f. Im Vergleich zu den benachbarten Toren war der Verkehr zu Beginn des 19. Jahrhundert geringer, das Prenzlauer Tor war deshalb beliebt unter wachhabenden Soldaten:
Rückbau 1865–1871 1865 verloren das Prenzlauer Tor und Akzisemauer ihre fiskalische Funktion, als König Wilhelm I. die Zollgrenze etwa zweieinhalb Kilometer stadtauswärts an die Grenze des Berliner Weichbilds verlegte. Ein neues Steuergebäude wurde am Chausseehaus der Prenzlauer Chaussee errichtet, in Höhe der heutigen Erich-Weinert-Straße. Anfang 1868 waren die Tordurchfahrt und die Akzisemauer abgerissen,Polizei-Präsidium: Betrifft die Regulierung des Platzes am Prenzlauer Thore. Berlin, 8. Juni 1868. In: Communal-Blatt der Haupt- und Residenz-Stadt Berlin, Sittenfeld, Nr. 21, Ausgabe, Berlin 23. Mai 1869 S. 319. das alte Steuergebäude in der Prenzlauerstraße 1 versteigerte die Stadt im April 1871 meistbietend an einen Abbruchunternehmer.Hermann Blankenstein: Bekanntmachung. In: Bau-Anzeiger, 6. April 1871, S. 2. Das alte Wachtgebäude am Friedhof blieb zwanzig weitere Jahre erhalten, es gehörte ab 1866 zur Josty-Brauerei und war später ein Gasthaus bekannt unter dem Namen „Sargdeckel“.Ernst Friedel: Aufnahme alter Berliner Ansichten. In: Verwaltungs-Bericht des Magistrats zu Berlin, 1887/1888, No. VI.: Bericht über das Märkische Provinzial-Museum, S. 9.
Geschichte: Straßen und Häuser am Tor Nach dem Abriss des Tores bildeten die Prenzlauer Straße und ihre Verlängerung, die spätere Prenzlauer Allee, eine Kreuzung mit einem Verbindungsweg zum Schönhauser Tor, der heutigen Torstraße. 1890 folgte von Osten die Jostystraße und 1907 von Südwesten die Weydingerstraße, die beide zum Prenzlauer Tor durchgebrochen wurden. Ende der 1960er Jahre zerstörte ein Flächenabriss die historische Struktur: Die Jostystraße wurde überbaut durch die große Mollstraße, die Prenzlauer Straße durch die neue Karl-Liebknecht-Straße.
Prenzlauer Straße / Karl-Liebknecht-Straße Die älteste Straße am Tor war die Prenzlauer Straße, dort befand sich ab 1661 eine Meierei der Familie von Goetzen. Ab 1692 wurde die Straße zunehmend bebaut und 1740 unter König Friedrich Wilhelm I. neu gepflastert,Friedrich Nicolai: Beschreibung der Königlichen Residenzstädte Berlin und Potsdam. Nicolai, Berlin 1779, S. 24, 26. um 1800 gab es bereits mehr als ein Dutzend Wirtshäuser, darunter auch eine größere Speiseanstalt von Gastwirt Kuntz in der Prenzlauer Straße 1–3 direkt am Prenzlauer Tor. Dieses Gebäude wurde 1855 von der Berliner Cholera-Epidemie besonders stark ergriffen: Fünfzehn Menschen starben allein in diesem Eckhaus, in dem damals etwa dreihundertfünfzig Menschen in 64 Wohnungen lebten.Annalen des Charité-Krankenhauses. Siebenter Jahrgang, 2. Heft. Enslin, Berlin 1856, S. 66f.
Anfang der 1880er Jahre wurde das Haus abgerissen und ein Neubau errichtet, der zur Vergrößerung der Lothringerstraße um drei Meter zurückgesetzt wurde.Vorlagen für die Stadtverordnetenversammlung der Stadt Berlin, Magistrat von Berlin, No. 80 (661–672), 24. November 1883, S. 613. Das sechsgeschossige Wohn- und GeschäftshausBerlin, Prenzlauer Straße vom Tor gesehen. Ansichtskarte 1908, Lutz Mauersberger, Berlin-Mitte-Archiv; abgerufen am 26. Juli 2026. Prenzlauer Straße 1 im Bild rechts. war über mehr als fünfzig Jahre bis 1938 Sitz der Destillation und Obstweinkelterei von Paul Georg Andree. Während der Berliner Märzkämpfe wurde das Gebäude beschädigt:
Im Zweiten Weltkrieg wurde das Gebäude schwerer beschädigt, der Dachstuhl war im Mai 1944 ausgebrannt,Abraham Pisarek: Kaufhaus Jonas: Blick auf Berlin vom Dach des Gebäudes. Fotografie, undatiert (vermutlich 1945/1946). Deutsche Fotothek, Aufn.-Nr.: df_pk_0000222_015, Sächsische Landesbibliothek. (Blick vom Dach des ehemaligen Kaufhaus’ Jonass & Co. nach Südost in die Jostystraße, unten rechts das Eckhaus Prenzlauer Straße 1) nach dem Krieg waren im Haus ein Restaurant und bis 1959 eine Bekleidungsfirma ansässig. das Gebäude stand fast mittig auf der heutigen Kreuzung, die Ecke befand sich nahe dem Schnittpunkt der Straßenbahngleise.Herbert Hensky: Sitz des Zentralkomitees (ZK) der SED. Fotografie, 28. Mai 1946, bpk-Fotoarchiv, Inventarnummer: Hy 0054b/0073-2.R (Blick von der Ecke Prenzlauerstraße 1 auf das ehemalige Kaufhaus Jonaß & Co.).