Das Erdbeben in der Türkei und Syrien am 6. Februar 2023 war ein Erdbeben mit Magnitude 7,8 Mw im Südosten der Türkei und im Norden Syriens. Ein zweites Erdbeben am selben Tag erreichte Magnitude 7,5. Nach der Erdbebenkatastrophe wurden in beiden Ländern insgesamt 62.013 Tote geborgen und mehr als 125.000 Verletzte registriert.
Es ist das Erdbeben mit der höchsten Opferzahl seit dem Erdbeben in Haiti 2010 und übertrifft damit die Anzahl der registrierten Opfer des Tōhoku-Erdbebens 2011 vor der Küste Japans.
Am 19. Februar 2023 wurden in neun der elf betroffenen türkischen Provinzen die Sucharbeiten eingestellt, da man keine Überlebenden mehr finden konnte.
Tektonischer Hintergrund mini|links|Karte der Anatolischen Platte, mit der Ostanatolischen Verwerfung (englisch East Anatolian Fault).
Das Erdbeben ereignete sich in der Umgebung einer Triple Junction, die von der Anatolischen Platte, der Arabischen Platte und der Afrikanischen Platte gebildet wird. Mechanismus und Lage des Erdbebens sind konsistent dazu, dass sich das Erdbeben entweder innerhalb der Ostanatolischen Verwerfung oder innerhalb der Totes-Meer-Transformationszone ereignete. Die Ostanatolische Verwerfung nimmt die westliche Ausdehnung der Türkei in die Ägäische Platte auf, während die Totes-Meer-Transformationszone die nordwärts gerichtete Bewegung der Arabischen Halbinsel relativ zu Afrika und Eurasien aufnimmt.
Die Ostanatolische Verwerfung ist eine 700 km lange linksseitige Transformstörung, die die Grenze zwischen Anatolischer und Arabischer Platte bildet. Die Geschwindigkeit nimmt vom Osten (bei 10 mm pro Jahr) zum Westen hin ab, wo sie zwischen 1 und 4 mm pro Jahr beträgt. Die Verwerfung erzeugte große Erdbeben in den Jahren 1789 (M 7,2), 1795 (M 7,0), 1872 (M 7,2), 1874 (M 7,1), 1875 (M 6,7), 1893 (M 7,1) und 2020 (Mw 6,8). Diese Erdbeben zerrissen verschiedene Segmente der Verwerfung. Dabei haben die seismisch aktiven Segmente Palu und Pütürge im Osten ein Wiederkehrintervall von etwa 150 Jahren für M-6,8–7,0-Erdbeben. Die Segmente Pazarcık und Amanos im Westen haben Wiederkehrzeiten von 237 bis 772 bzw. 414 bis 917 Jahren für M-7,0–7,4-Erdbeben. Andreas Schäfer vom Geophysikalischen Institut am Karlsruher Institut für Technologie gibt an, dass das letzte ähnlich starke Beben in dieser Region im Jahr 1114 stattgefunden habe: „Damit konnten sich über 900 Jahre lang Spannungen an den Plattengrenzen aufbauen, die sich jetzt entladen haben“.Experte: Schlimmstenfalls 67.000 Tote nach Erdbeben, Landtag von Baden-Württemberg, 9. Februar 2023, abgerufen am 19. Januar 2024 Das Erdbeben der Stärke 7,8 am 6. Februar 2023 hat ersten Analysen zufolge den Untergrund auf einer Länge von etwa 400 Kilometern aufgerissen, eine bei Erdbeben an Land selten erreichte Länge.
In 250 Kilometer Umkreis des ersten Epizentrums gab es seit 1970 drei größere Erdbeben. Das stärkste darunter mit Magnitude 6,7 ereignete sich am 24. Januar 2020, rund 30 Kilometer südwestlich der Stadt Elazığ. Bei diesem kamen 41 Menschen ums Leben und mehr als 1600 wurden verletzt. Aufnahmen des Radarsatelliten Sentinel-1 belegen, dass durch die Erdbeben an manchen Stellen Verwerfungen von bis sechs Metern entstanden.
Die Kammer der Ingenieur-Geologen in der Türkei hatte türkische Behörden und das türkische Präsidialamt vor Erdbeben in der Region gewarnt, aber keine Antwort erhalten. Die Kammer äußerte, dass das Erdbeben vom 6. Februar 2023 erwartbar war und die Zerstörung nicht überraschend kam.
Verlauf 6. Februar Das erste Beben ereignete sich in Kahramanmaraş um 04:17 Uhr TRT (01:17 UTC) und verursachte enorme Schäden in der Türkei und in Syrien. Mit einer maximalen Mercalli-Intensität von IX (verwüstend) und einer Magnitude von 7,8 Mw ist es zusammen mit dem Erzincan-Erdbeben von 1939 das stärkste Erdbeben, das die Türkei nach Beginn der Aufzeichnungen getroffen hat. Das Hypozentrum lag nach Angaben der United States Geological Survey schätzungsweise in 17,9 Kilometern Tiefe etwa 9 Kilometer östlich von Sakçagözü. Dem Erdbeben folgten zahlreiche Nachbeben. Um 4:28 Uhr Ortszeit gab es ein Nachbeben in 14,5 Kilometern Tiefe rund 5 Kilometer südlich von Sakçagözü mit der Magnitude 6,7. Um 13:24 Uhr Ortszeit ereignete sich 4 Kilometer östlich von Ekinözü ein weiteres schweres Nachbeben der Magnitude 7,5. Die Erschütterungen waren noch im Irak, Libanon und auf Zypern wahrnehmbar.
Haupt- und Nachbeben von Mw 6,5 oder höherDatumZeit (UTC)MMMITiefeKoordinaten 6. Februar 01:17 7,8 IX 17,9 km 6. Februar 01:28 6,7 IX 14,5 km 6. Februar 10:24 7,5 IX 10,0 km
Haupt- und Nachbeben von Mw 4,0 oder höherDatumZeit (UTC)MMMITiefe6. Februar01:177,8IX17,9 km6. Februar01:265,6VII17,0 km6. Februar01:286,7IX14,5 km6. Februar01:365,6VIII10,0 km6. Februar01:585,1–10,0 km6. Februar02:014,8–10,4 km6. Februar02:035,5VIII10,0 km6. Februar02:174,8–10,0 km6. Februar02:235,2IV11,4 km6. Februar02:544,6V10,0 km6. Februar03:044,7–17,9 km6. Februar03:124,5VI12,6 km6. Februar03:284,4–16,0 km6. Februar03:454,8VI15,4 km6. Februar04:044,3–14,1 km6. Februar04:144,4–16,7 km6. Februar04:164,5V13,2 km6. Februar04:185,0VI14,5 km6. Februar04:394,3–14,9 km6. Februar04:474,4–10,0 km6. Februar05:014,6–20,2 km6. Februar05:364,6–10,6 km6. Februar05:554.5–16,5 km6. Februar06:265,0–10,0 km6. Februar06:544,8–10,0 km6. Februar07:074,6–13,4 km6. Februar08:084,6–13,4 km6. Februar09:014,5–10,0 km6. Februar09:234,6–10,0 km6. Februar09:364,3IV10,0 km6. Februar09:524,8–10,0 km6. Februar10:247,5IX10,0 km6. Februar10:355,8–10,0 km6. Februar10:515,7VII12,3 km6. Februar11:015,0–10,0 km6. Februar11:114,9–18,0 km6. Februar12:026,0VII10,0 km6. Februar12:134,8–10,0 km6. Februar12:344,9–13,0 km6. Februar12:364,7–10,0 km6. Februar13:004,5–10,0 km6. Februar13:075,0–17,1 km6. Februar13:174,9–10,0 km6. Februar13:395,1–10,0 km6. Februar13:445,0–17,3 km6. Februar15:145,3–10,0 km6. Februar15:335,2–8,8 km6. Februar16:264,6–10,0 km6. Februar16:264,8–10,0 km6. Februar16:435,0–10,0 km6. Februar17:264,7–10,0 km6. Februar17:314,5–10,0 km6. Februar18:035,3–10,0 km6. Februar 20:14 4,2 – 10,0 km6. Februar 20:37 5,3 III 10,0 km6. Februar 20:44 4,9 – 10,0 km6. Februar 20:53 5,0 – 10,0 km6. Februar 21:02 4,4 – 4,4 km6. Februar 21:15 4,8 – 6,3 km6. Februar 21:57 5,1 II 9,8 km6. Februar 22:11 4,4 II 15,0 km6. Februar 22:26 4,3 – 14,3 km6. Februar 22:29 4,4 V 7,7 km6. Februar 23:29 4,5 IV 10,0 km7. Februar 01:29 4,1 – 10,0 km7. Februar 01:34 4,4 II 15,6 km7. Februar 02:39 4,2 – 15,8 km7. Februar 02:43 4,4 – 10,0 km7. Februar 02:47 4,8 III 10,0 km7. Februar 02:53 4,3 – 10,0 km7. Februar 03:02 4,4 – 10,0 km7. Februar 03:08 4,6 III 10,0 km7. Februar 03:13 5,5 VII 10,0 km7. Februar 03:37 4,2 – 10,0 km7. Februar 04:16 4,3 – 10,0 km7. Februar 04:42 4,4 – 10,0 km7. Februar 05:26 4,4 II 18,6 km7. Februar 06:40 4,5 – 10,0 km7. Februar 06:48 4,6 – 19,1 km7. Februar 07:11 5,4 VII 6,8 km7. Februar 07:26 4,5 – 16,5 km7. Februar 08:25 4,5 – 10,0 km7. Februar 10:18 5,4 VII 10,0 km7. Februar 10:27 4,6 – 10,0 km7. Februar 10:56 4,4 – 10,0 km7. Februar 12:07 4,4 – 10,0 km7. Februar 13:36 4,4 – 10,0 km7. Februar 15:31 4,6 II 19,5 km7. Februar 15:48 5,0 V 8,3 km7. Februar 17:38 4,2 – 20,5 km7. Februar 18:10 5,3 IV 21,6 km7. Februar 19:13 4,4 – 5,4 km7. Februar 19:54 4,6 – 10,0 km7. Februar 21:21 4,9 III 10,0 km7. Februar 23:13 4,5 IV 10,0 km8. Februar 00:11 4,0 – 17,2 km8. Februar 02:25 4,3 – 10,0 km8. Februar 03:01 4,3 – 10,0 km8. Februar 05:52 4,6 – 10,0 km8. Februar 06:09 4,4 II 10,0 km8. Februar 07:48 4,9 III 10,0 km8. Februar 10:26 4,5 III 10,0 km8. Februar 11:00 4,3 – 10,0 km8. Februar 11:11 5,4 VI 7,5 km8. Februar 11:24 4,6 – 8,7 km8. Februar 14:20 5,1 VI 5,9 km8. Februar 17:57 4,5 I 10,0 km8. Februar 20:12 4,5 II 10,0 km8. Februar 22:36 4,0 – 16,1 km9. Februar 00:32 4,2 – 16,3 km9. Februar 01:38 4,4 – 6,6 km9. Februar 01:44 4,4 – 11,8 km9. Februar 03:24 4,3 – 10,0 km9. Februar 03:52 4,5 – 14,9 km9. Februar 04:34 4,3 – 15,6 km9. Februar 05:37 4,1 – 17,4 km9. Februar 07:18 4,8 II 5,1 km9. Februar 07:42 4,3 – 10,0 km9. Februar 09:46 4,3 III 15,9 km9. Februar 21:46 4,1 – 10,0 km9. Februar 22:06 4,2 – 10,0 km10. Februar 01:51 4,9 – 10,0 km10. Februar 02:03 4,4 – 10,0 km10. Februar 04:50 4,8 II 10,0 km
20. Februar Am 20. Februar ereignete sich in der Region um 17:04 UTC bzw. 20:04 Lokalzeit ein weiteres Erdbeben mit Magnitude 6,4. Drei Minuten später folgte ein Beben der Magnitude 5,8. In der Türkei starben mindestens sechs Menschen. 213 Menschen wurden verletzt in Krankenhäuser gebracht. In der Nähe der syrischen Stadt Aleppo stürzten Häuser ein.
27. Februar Am 27. Februar ereignete sich ein weiteres Erdbeben mit Magnitude 5,5. Mindestens ein Mensch sei getötet worden, mindestens 110 Menschen wurden verletzt.
Folgen mini|Rettungsarbeiten an einem eingestürzten Gebäude in Diyarbakır. mini|Satellitenbasierte Detektion von Gebäude- und Infrastrukturschäden in den Städten Nurdağı, Kahramanmaraş und Türkoğlu. Ein Pixel hat eine Länge von etwa 30 m. mini|Seismische Aktivität, Status der Infrastruktur und EU-Hilfen Stand 13. Februar 09:00 UTC.
Opferzahlen Mindestens 62.013 Todesopfer wurden infolge des Erdbebens gezählt, davon mindestens 53.537 Menschen in der Türkei und 8.476 in Syrien. Die Zahl der Verletzten lag in der Türkei bei mindestens 107.204 und in Syrien bei mehr als 5.685 Menschen.
Im Geophysikalischen Institut am Karlsruher Institut für Technologie wurden unter anderem aus historischen Vergleichen, aktuellen Daten zur Gebäudeinfrastruktur und Bevölkerung sowie der Tageszeit 11.800 bis 67.000 Todesopfer hochgerechnet.
Der Generalsekretär des türkischen Ärztebundes TTB gab eine subjektive Einschätzung ab, wonach sich die Gesamtzahl der Todesopfer in der Türkei auf etwa 60.000 belaufen könnte.
Medienberichten zufolge schätzte der türkische Unternehmens- und Geschäftsverband TürkonfedHomepage (englisch) die Zahl der durch die Erdbeben gestorbenen Menschen in der Türkei auf mehr als 70.000. Die Schätzung stütze sich auf Hochrechnungen, die auf Erfahrungen des Erdbebens von 1999 basieren.
Zu den Opfern gehörten der ghanaische Fußballspieler Christian Atsu und der türkische Handball- und Beachhandballspieler Cemal Kütahya.
Auswirkungen auf die Infrastruktur Tausende Gebäude wurden zerstört, darunter zwei Krankenhäuser in der Türkei, eines in Malatya und eines in Hatay. Die Wasser-, Abwasser- und Energieversorgung der elf betroffenen Provinzen brach teilweise zusammen. Insgesamt ist ein Umkreis von etwa 400 Kilometern betroffen, darunter die Städte Gaziantep, Adana, Antakya, Kahramanmaraş, Malatya, Kilis, Osmaniye, Diyarbakır, Adıyaman und Şanlıurfa in der Türkei sowie Aleppo, Idlib, Homs und Hama in Syrien. Auch wurden Straßen und Wege zerstört, sodass Orte nicht zugänglich wurden. Starke Niederschläge und Kälte erschwerten die Situation. Nach Einschätzung der WHO am Folgetag, waren etwa 23 Millionen Menschen von den Erdbeben mittelbar und unmittelbar betroffen. Die türkische Regierung rief für zehn Städte einen Notstand aus.
Das türkische Ministerium für Umwelt und Städtebau hat bis zum 23. Februar eine Schadensbewertung von etwa 1,25 Mio. Gebäuden in 13 vom Erdbeben betroffenen Provinzen durchgeführt. Es wurde festgestellt, dass 230.000 Gebäude mit insgesamt 520.000 Wohneinheiten eingestürzt sind oder schwer beschädigt wurden und dringend abgerissen werden müssen – viele davon in den von den Erdbeben besonders gebeutelten Provinzen Hatay und Kahramanmaraş gelegen.
Experten schätzen, dass das Beben Schäden in Höhe von umgerechnet circa 84 Milliarden US-Dollar verursacht hat. Das Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen geht von Sachschäden in Höhe von mehr als hundert Milliarden US-Dollar aus. Die Schäden wurden auf 118,8 Milliarden US-Dollar geschätzt, davon 104 Milliarden US-Dollar in der Türkei und 14,8 Milliarden US-Dollar in Syrien. Damit ist es das viertteuerste Erdbeben aller Zeiten.
Auswirkungen auf Kulturgüter