mini|Barfüßerkirche Göttingen von Nordwesten, Ausschnitt aus der Stadtansicht von Merian, 1641Das Barfüßerkloster Göttingen (auch Franziskanerkloster Göttingen) war ein im 13. Jahrhundert in Göttingen in Niedersachsen gegründetes Kloster, dessen Gebäude an der Stelle des heutigen Wilhelmsplatzes in den 1820er-Jahren abgerissen wurden.

Geschichte des Ordens in Göttingen mini|Das ehemalige Barfüßerkloster im Ausschnitt des Göttingen-Stadtplans von Georg Daniel Heumann (1747): M = „die Baarfüßer Kirche und jeziges Zeug Hauß“, a = „Stadt=Schule“, b = „Haubt=Wache“, 38 = „die Paarfüßer Straße“, 39 = „die Rothe Straße“. - Norden ist links. Die Brüder des 1210 gegründeten Franziskanerordens, der zu den „Barfüßerorden“ (Discalceaten) gerechnet wird, ließen sich zwischen 1246 und 1268Christian Scholl: Die Barfüßerkirche. In: Christian Scholl, Jens Reiche (Hrsg.): Göttinger Kirchen des Mittelalters. Universitätsverlag Göttingen, Göttingen 2015, ISBN 978-3-86395-192-4, S. 337–356, hier S. 337. in Göttingen nieder, wohl aufgrund einer herzoglichen Stiftung.Eva Schlotheuber: Die Franziskaner in Göttingen. Die Geschichte des Klosters und seiner Bibliothek (= Saxonia Franciscana, Bd. 8). Dietrich-Coelde-Verlag, Werl 1996, ISBN 3-87163-222-8, S. 5 ff.Christian Scholl: Die Barfüßerkirche. In: Christian Scholl, Jens Reiche (Hrsg.): Göttinger Kirchen des Mittelalters. Universitätsverlag Göttingen, Göttingen 2015, ISBN 978-3-86395-192-4, S. 337–356, hier S. 340. Die Urkundenüberlieferung zum Göttinger Barfüßerkloster setzt erst 1308 ein.

Der Konvent gehörte zur Kölnischen Franziskanerprovinz (Colonia), ab 1462 – nach Reformsteitigkeiten mit der StadtDazu ausführlich: Reinhard Vogelsang: Die Kirche vor der Reformation: Ihre Institutionen und ihr Verhältnis zur Bürgerschaft. In: Dietrich Denecke, Helga-Maria Kühn (Hrsg.): Göttingen, Geschichte einer Universitätsstadt. Band 1: Von den Anfängen bis zum Ende des Dreißigjährigren Krieges. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1987, ISBN 3-525-36197-1, S. 465–491, hier S. 484 f. – zur Sächsischen Franziskanerprovinz (Saxonia). Nach weiteren mehrjährigen Auseinandersetzungen mit dem Stadtrat und der Bevölkerung im Zuge der Reformation mussten die Franziskaner 1533 ihr Kloster aufgeben und Göttingen nach rund 270 Jahren verlassen,Eva Schlotheuber: Die Franziskaner in Göttingen. Die Geschichte des Klosters und seiner Bibliothek (= Saxonia Franciscana, Bd. 8). Dietrich-Coelde-Verlag, Werl 1996, ISBN 3-87163-222-8, S. 33 bis 64.Christian Scholl: Die Barfüßerkirche. In: Christian Scholl, Jens Reiche (Hrsg.): Göttinger Kirchen des Mittelalters. Universitätsverlag Göttingen, Göttingen 2015, ISBN 978-3-86395-192-4, S. 336–356, hier S. 354.Eva Schlotheuber: Die Auflösung der Bettelordensklöster in der Reformation. In: Elmar Mittler (Hrsg.): 700 Jahre Pauliner Kirche vom Kloster zur Bibliothek. Wallstein Verlag, Göttingen 1994, ISBN 3-89244-188-X, S. 35–39, 71–74. ein Schicksal, das zugleich auch die Göttinger Dominikaner (Paulinerkloster) traf. Ein 1628 unternommener Versuch zur dauerhaften Rückkehr der Barfüßermönche scheiterte 1632, als Göttingen wieder von protestantischen Truppen eingenommen wurde.Eva Schlotheuber: Die Franziskaner in Göttingen. Die Geschichte des Klosters und seiner Bibliothek (= Saxonia Franciscana, Bd. 8). Dietrich-Coelde-Verlag, Werl 1996, ISBN 3-87163-222-8, S. 83 ff.Karl Heinz Bielefeld: Die Kirche nach der Reformation. In: Dietrich Denecke, Helga-Maria Kühn (Hrsg.): Göttingen, Geschichte einer Universitätsstadt. Band 1: Von den Anfängen bis zum Ende des Dreißigjährigren Krieges. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1987, ISBN 3-525-36197-1, S. 515–529, hier S. 525.Eva Schlotheuber: Die Rückkehr der Mendikanten im Dreißigjähringen Krieg. In: Elmar Mittler (Hrsg.): 700 Jahre Pauliner Kirche vom Kloster zur Bibliothek. Wallstein Verlag, Göttingen 1994, ISBN 3-89244-188-X, S. 40–42, 75–76.Christian Scholl: Die Barfüßerkirche. In: Christian Scholl, Jens Reiche (Hrsg.): Göttinger Kirchen des Mittelalters. Universitätsverlag Göttingen, Göttingen 2015, ISBN 978-3-86395-192-4, S. 336–356, hier S. 354 f.

Lage der Klostergebäude und -kirche Das Barfüßerkloster befand sich einst in der Göttinger Innenstadt in der Nähe der östlichen Stadtmauer, an der Stelle des heutigen Wilhelmsplatzes. Die Kirche lag mit ihrer Nordseite direkt an der heutigen Barfüßerstraße, die seit dem Spätmittelalter entsprechend hieß und bei der offiziellen Straßenbenennung 1864 in der heutigen Form benannt wurde.Gerd Tamke, Rainer Driever: Göttinger Straßennamen (= Veröffentlichung des Stadtarchivs Göttingen, 2). 3. neu überarbeitete, wesentlich erweiterte Auflage, Göttingen 2012. – Digitalisat (PDF, 2,9 MB) auf stadtarchiv.goettingen.de, abgerufen am 16. Oktober 2025 (ohne Seitenzählung, PDF-Seite 50 f.) Näherte man sich auf dieser Straße dem Kloster von der heutigen Jüdenstraße kommend, öffnete sich auf der rechten Seite ein kleiner Vorplatz, der den Blick auf die Westfassade der Kirche freigab. Der sich hinter dieser Fassade in die Länge erstreckende Sakralbau endete mit seinem Kirchenchor etwa dort, wo sich heute die Mittelachse des Aulagebäudes befindet. Dahinter schloss sich der Friedhof an, der bis zur Burgstraße reichte. Südlich der Kirche befanden sich die Klausurbauten und weitere Nebengebäude, die zum Teil direkt an die enge Wohnhausbebauung der heutigen Roten Straße stießen.Christian Scholl: Die Barfüßerkirche. In: Christian Scholl, Jens Reiche (Hrsg.): Göttinger Kirchen des Mittelalters. Universitätsverlag Göttingen, Göttingen 2015, ISBN 978-3-86395-192-4, S. 337–356, S. 342.

Baugeschichte und Beschreibung der Klosterkirche Nach der Klostergründung Mitte des 13. Jahrhunderts müssen rund ein halbes Jahrhundert lang zunächst provisorische Bauten bestanden haben. Doch 1306 dürfte eine Kirche, oder zumindest ein Kirchenchor, weitgehend fertiggestellt gewesen sein, was durch die Bestattung von Bruno, einen früh verstorbenen Sohn Herzog Albrechts II., in der Barfüßerkirche naheliegt.Christian Scholl: Die Barfüßerkirche. In: Christian Scholl, Jens Reiche (Hrsg.): Göttinger Kirchen des Mittelalters. Universitätsverlag Göttingen, Göttingen 2015, ISBN 978-3-86395-192-4, S. 337–356, hier S. 341 f.

Vom Aussehen der Barfüßerkirche gibt es nur ungenaue und indirekte Überlieferungen: Auf den Merian-Stadtansichten von 1641 und 1654 fiel der für Bettelordenskirchen typisch turmlose, aber mit einem Dachreiter versehene, hohe Kirchenbau noch über hundert Jahre nach der Klosterauflösung markant auf. Relativ aussagekräftig zur Architektur sind im Niedersächsischen Landesarchiv Hannover erhaltene Bauaufnahmen der Jahre 1733/1734.Christian Scholl: Die Barfüßerkirche. In: Christian Scholl, Jens Reiche (Hrsg.): Göttinger Kirchen des Mittelalters. Universitätsverlag Göttingen, Göttingen 2015, ISBN 978-3-86395-192-4, S. 336–356, hier S. 342 f, Abb. 246–247. Demnach war die die 1822–1824 abgebrochene Kirche eine Halle, die sich nach Osten in einen Langchor öffnete. Man betrat die Kirche durch das Hauptportal im Westen unter einem großen Maßwerkfenster. Die sieben Joche lange Kirchenhalle war rund 27 m lang, drei weitere Joche und ein 5/8-Schluss bildeten den Betraum der Mönche, der noch einmal rund 20 m lang war.Urs Boeck: Die Barfüßerkirche in Göttingen. In: Cornelia Aman, Babette Hartwieg (Hrsg.): Das Göttinger Barfüßerretabel von 1424. Akten des wissenschaftlichen Kolloquiums, Landesmuseum Hannover, 28.–30. September 2006. Ergebnisband des Restaurierungs- und Forschungsprojektes. (= Niederdeutsche Beiträge zur Kunstgeschichte. NF Bd. 1). Imhof Verlag, Petersberg 2015, ISBN 978-3-86568-740-1, S. 30–40, hier S. 32. Eigentümlich waren die zwischen den eingezogenen Wandpfeilern entstandenen Kapellennischen, die das Langhaus der so gebildeten Wandpfeilerhalle seitlich um jeweils etwa 1,70 m aufweiteten. Die Scheitelhöhe der Kreuzrippengewölbe betrug etwa 16,90 m.Urs Boeck: Die Barfüßerkirche in Göttingen. In: Cornelia Aman, Babette Hartwieg (Hrsg.): Das Göttinger Barfüßerretabel von 1424. Akten des wissenschaftlichen Kolloquiums, Landesmuseum Hannover, 28.–30. September 2006. Ergebnisband des Restaurierungs- und Forschungsprojektes. (= Niederdeutsche Beiträge zur Kunstgeschichte. NF Bd. 1). Imhof Verlag, Petersberg 2015, ISBN 978-3-86568-740-1, S. 30–40, hier S. 33. Die Wandpfeilerhalle wird von dem Bauhistoriker Urs Boeck als zweiter Bauabschnitt der mittelalterlichen Barfüßerkirche gedeutet, der erst nach dem älteren Chor von 1306 entstanden war; er ordnet sie als Besonderheit und „frühes Beispiel in der niederdeutschen Entwicklung der Kirchenbaukunst nach 1400“ ein.Urs Boeck: Die Barfüßerkirche in Göttingen. In: Cornelia Aman, Babette Hartwieg (Hrsg.): Das Göttinger Barfüßerretabel von 1424. Akten des wissenschaftlichen Kolloquiums, Landesmuseum Hannover, 28.–30. September 2006. Ergebnisband des Restaurierungs- und Forschungsprojektes. (= Niederdeutsche Beiträge zur Kunstgeschichte. NF Bd. 1). Imhof Verlag, Petersberg 2015, ISBN 978-3-86568-740-1, S. 30–40, hier S. 39. - Datierung und Deutung Boecks werden kritisch diskutiert von Christian Scholl: Die Barfüßerkirche. In: Christian Scholl, Jens Reiche (Hrsg.): Göttinger Kirchen des Mittelalters. Universitätsverlag Göttingen, Göttingen 2015, ISBN 978-3-86395-192-4 ), S. 336–356, hier S. 347 f.

Ausstattung, Barfüßeraltar mini|Göttinger Barfüßeraltar von 1424, mittlerer Zustand (Landesmuseum Hannover)|300x300px Von der Innenausstattung der Barfüßerkirche ist wenig bekannt.Hinweise zur ehemaligen Kirchenausstattung bei Christian Scholl: Die Barfüßerkirche. In: Christian Scholl, Jens Reiche (Hrsg.): Göttinger Kirchen des Mittelalters. Universitätsverlag Göttingen, Göttingen 2015, ISBN 978-3-86395-192-4, S. 336–356, hier S. 351 ff. Der Lettner war schon 1530 beschädigt (zerstört?) worden, als lutherische Bürger in die Kirche eindrangen; das hölzerne Gestühl der Kirche und der Predigtstuhl wurden nach der Klosterauflösung 1542 durch Ratsbeauftragte entfernt.Eva Schlotheuber: Die Franziskaner in Göttingen. Die Geschichte des Klosters und seiner Bibliothek (= Saxonia Franciscana, Bd. 8). Dietrich-Coelde-Verlag, Werl 1996, ISBN 3-87163-222-8, S. 80.Wolfgang Beckermann, Doris Köther, Eva Schlotheuber: Ein Rundgang durch das Göttinger Franziskanerkloster. In: 700 Jahre Pauliner Kirche vom Kloster zur Bibliothek. Hrsg. Elmar Mittler, Wallstein Verlag, Göttingen 1994, ISBN 3-89244-188-X, S. 26–29, hier S. 26 f.

Überliefert ist die Kenntnis von sieben Grabsteinen des 14. bis 16. Jahrhunderts in der KircheGöttingen, ehem. Franziskanerkirche, auf Deutsche Inschriften Online (inschriften.net): Nr. 13†, Nr. 25†, Nr. 34†, Nr. 39†, Nr. 66†, Nr. 134†, Nr. 138†; jeweils abgerufen am 5. Februar 2023.Blumenbach: Nachricht von den bei Abbruch des ehemaligen Franziskanerklosters zu Göttingen im J. 1820 entdeckten Merckwürdigkeiten. In: Neues Vaterländisches Archiv oder Beiträge zur allseitigen Kenntniß des Königreichs Hannover wie es war und ist, Erster Band, Herold und Wahlstab, Lüneburg 1822, S. 320–338, hier S. 323 ff. sowie von einer „mit Zierrathen versehene Nische“; in ihr befand sich das Grabmal der 1390 verstorbenen Herzogin Elisabeth von Hessen, der Gemahlin von Herzog Ernst I. von Braunschweig-Lüneburg-Göttingen.Eva Schlotheuber: Die Franziskaner in Göttingen. Die Geschichte des Klosters und seiner Bibliothek (= Saxonia Franciscana, Bd. 8). Dietrich-Coelde-Verlag, Werl 1996, ISBN 3-87163-222-8, S. 67.Urs Boeck: Die Barfüßerkirche in Göttingen. In: Cornelia Aman, Babette Hartwieg (Hrsg.): Das Göttinger Barfüßerretabel von 1424. Akten des wissenschaftlichen Kolloquiums, Landesmuseum Hannover, 28.–30. September 2006. Ergebnisband des Restaurierungs- und Forschungsprojektes. (= Niederdeutsche Beiträge zur Kunstgeschichte. NF Bd. 1). Imhof Verlag, Petersberg 2015, ISBN 978-3-86568-740-1, S. 30–40, hier S. 33 und S. 35, Abb. 9 (Kupferstich des Grabmals von Nikolaus Seeländer aus der Zeit zwischen 1716 und 1727).