Roxana (voller Originaltitel: Roxana, the fortunate mistress, or, A history of the life and vast variety of fortunes of Mademoiselle de Beleau, afterwards called the Countess de Wintselsheim in Germany, being the person known by the name of the Lady Roxana in the time of Charles II, ) ist ein von Daniel Defoe verfasster und 1724 erschienener Roman. Basierend auf der zweiten englischen Ausgabe erschien 1736 die erste deutsche Übersetzung.Norbert Miller: Entstehungsgeschichte und Quellen der Romane. In: Daniel Defoe: Moll Flanders, Colonel Jacques, Roxana, John Sheppard, Jonathan Wild (= Romane. Band 2.) Hanser, München 1968. S. 889. Kurzbeschreibung Der Roman schildert Aufstieg und Fall einer verlassenen Ehefrau, die sich zunächst prostituiert, später eine erfolgreiche Geschäftsfrau wird und, während sie verschiedene Identitäten annimmt (unter anderem die der Lady Roxana), zu enormem Reichtum kommt, den sie am Schluss und nach einem mutmaßlichen Mord wieder verloren hat.

Inhaltsangabe Roxanas Herkunft und erste Ehe Im Vorfeld des Edikts von Fontainebleau fliehen 1683 die protestantischen Eltern der zum Zeitpunkt der Flucht 10-jährigen Ich-Erzählerin aus Frankreich.Daniel Defoe: Moll Flanders, Colonel Jacques, Roxana, John Sheppard, Jonathan Wild (= Romane. Band 2.) Hanser, München 1968. S. 525. Mit einer Mitgift von 2000 Pfund heiratet die 15-jährige Ich-Erzählerin, die später als Roxana berühmt wird, einen Brauers-Sohn.Defoe, Moll Flanders, Colonel Jacques, Roxana, John Sheppard, Jonathan Wild, S. 526. „Nachdem ich etwa vier Jahre verheiratet war, starb mein Vater“, der mit ihrer Gatten-Wahl derart unzufrieden war, dass er die Erbschaft der Ich-Erzählerin treuhänderisch „in die Hand meines älteren Bruders legte. Dieser stürzte sich zu voreilig in abenteuerliche Geschäfte, machte Bankrott und verlor nicht nur, was er besaß, sondern auch, was er für mich in seiner Obhut hatte […]. Zwei Jahre nach dem Tod meines Vater starb der Vater meines Mannes“.Defoe, Moll Flanders, Colonel Jacques, Roxana, John Sheppard, Jonathan Wild, S. 528. Unfähig, die Brauerei erfolgreich weiterzuführen, verkauft der Brauers-Sohn das Geschäft und lebt anschließend üppiger als angemessen. „Es dauerte nicht länger als drei Jahre, bis alles verfügbare Geld […] ausgegeben war“ und der Brauers-Sohn das Weite sucht,Defoe, Moll Flanders, Colonel Jacques, Roxana, John Sheppard, Jonathan Wild, S. 530–531. während die Ich-Erzählerin nach acht Jahren Ehe mit fünf Kindern zurückbleibt.Defoe, Moll Flanders, Colonel Jacques, Roxana, John Sheppard, Jonathan Wild, S. 529. Amy, die Dienerin der Ich-Erzählerin, bringt nach einigen Monaten materieller Not die Ich-Erzählerin auf die Idee,Defoe, Moll Flanders, Colonel Jacques, Roxana, John Sheppard, Jonathan Wild, S. 534. sich der Sorgepflicht zu entziehen und auf Umwegen die fünf Kinder als Sozialwaisen in staatliche Obhut kommen zu lassen. „Mein persönliches Elend […] verhärtete meine Gefühle gegen mein eigen Fleisch und Blut, und als ich mir überlegte, daß sie unweigerlich verhungern müßten, wenn ich sie weiterhin bei mir behielte, begann ich, mich mit dem Gedanken an eine Trennung von ihnen […] zu versöhnen“.Defoe, Moll Flanders, Colonel Jacques, Roxana, John Sheppard, Jonathan Wild, S. 536. Kurz nachdem die Ich-Erzählerin ihren Nachwuchs illegal abgestoßen hat, ist von Elend jedoch keine Rede mehr: Ihr von seiner Frau getrennt lebender Vermieter gesteht ihr seine Liebe.Defoe, Moll Flanders, Colonel Jacques, Roxana, John Sheppard, Jonathan Wild, S. 549. Er ist der Meinung, dass „er eine Frau nehmen darf, da seine erste Gattin ihre Ehre preisgegeben hat und von ihm getrennt lebt“.Defoe, Moll Flanders, Colonel Jacques, Roxana, John Sheppard, Jonathan Wild, S. 552. Roxanas als Geliebte des Juwelenhändlers Der Vermieter, von Hause aus Juwelenhändler, sichert das Konkubinat der Ich-Erzählerin (Roxana) mit einer Schuldanerkenntnis von 7000 Pfund (im Fall der Trennung) beziehungsweise einer Erbschaft von 500 Pfund (im Fall des Juwelenhändler-Todes) vertraglich ab.Defoe, Moll Flanders, Colonel Jacques, Roxana, John Sheppard, Jonathan Wild, S. 556. Von seiner „Güte überwältigt und von der Furcht besessen […], wieder ins Elend zurückzusinken, falls er mich verließe“, geht die Ich-Erzählerin auf das Ansinnen ein; ein moralischer Dammbruch: „Nachdem mein Innerstes auf diese Weise eine brüchige Stelle erhalten hatte und ich so weit gekommen war, gegen mein eigenes Gewissen zu handeln, war ich für jede schlechte Tat reif, und das Gewissen hörte auf, sich zu melden, da es merkte, daß es nicht gehört wurde.“Defoe, Moll Flanders, Colonel Jacques, Roxana, John Sheppard, Jonathan Wild, S. 558. Nachdem der Juwelenhändler mit Einverständnis der Ich-Erzählerin eine gleichzeitige Liebschaft mit der Dienerin Amy eingeht, wird der Juwelenhändler erst durch Amy zum Kindsvater,Defoe, Moll Flanders, Colonel Jacques, Roxana, John Sheppard, Jonathan Wild, S. 561. im dritten Jahr des Konkubinats auch durch die Ich-Erzählerin.Defoe, Moll Flanders, Colonel Jacques, Roxana, John Sheppard, Jonathan Wild, S. 562. Beide Kinder werden anderweitig in Obhut gegeben, der Juwelenhändler und die Ich-Erzählerin reisen gen Paris, während Amy als Hausverwalterin in England zurückbleibt.Defoe, Moll Flanders, Colonel Jacques, Roxana, John Sheppard, Jonathan Wild, S. 563. Eines Tages jedoch will der Juwelenhändler nach Versailles, um einem dort lebenden deutschen Prinzen seine Aufwartung zu machen; auf dieser Reise fällt der Juwelenhändler einem Raubmord zum Opfer.Defoe, Moll Flanders, Colonel Jacques, Roxana, John Sheppard, Jonathan Wild, S. 564–565. In seiner Wohnung lässt er Juwelen zurück, die eventuell an den deutschen Prinzen zu verkaufen gewesen wären, sowie Bargeld und Wechsel im Wert von fast 10000 Pfund.Defoe, Moll Flanders, Colonel Jacques, Roxana, John Sheppard, Jonathan Wild, S. 567. Die Ich-Erzählerin befiehlt der noch in England weilenden Amy per Brief, „da ich nicht wußte, wie seine Verwandten oder die Freunde seiner Frau im gegenwärtigen Fall handeln würden, […] alles Silber, alles Leinen und die übrigen Wertsachen beiseite zu schaffen“. Gerüchte, dass der Juwelenhändler die eventuell an den deutschen Prinzen zu verkaufenden Juwelen bei dem Raubmord bei sich gehabt hätte, stellt die Ich-Erzählerin nicht richtig.Defoe, Moll Flanders, Colonel Jacques, Roxana, John Sheppard, Jonathan Wild, S. 568. Der Prinz bedauert den Raubmord, versichert, er habe dem Juwelenhändler „nicht befohlen, sich mit den Edelsteinen nach Versailles zu begeben“, so dass ihn keine Schuld treffe; dennoch übergibt er der Ich-Erzählerin eine finanzielle Entschädigung von 100 Louis d’or und gewährt ihr eine jährliche Pension von 2000 Livres.Defoe, Moll Flanders, Colonel Jacques, Roxana, John Sheppard, Jonathan Wild, S. 570–571.

Roxana als Mätresse des deutschen Exil-Prinzen Nachdem der Kontakt zum Prinzen hergestellt ist, macht jener die Ich-Erzählerin (Roxana) zu seiner Geliebten, während sein Kammerdiener der Geliebte von Amy wird.Defoe, Moll Flanders, Colonel Jacques, Roxana, John Sheppard, Jonathan Wild, S. 573. Die Ich-Erzählerin verlangt von dem Prinzen nichts „auf eine habgierige Weise, als sei ich darauf erpicht, ihn auszunehmen, sondern ich lenkte ihn so geschickt, daß er gewöhnlich meinen Bitten zuvorkam.“Defoe, Moll Flanders, Colonel Jacques, Roxana, John Sheppard, Jonathan Wild, S. 576. Nach „fast anderthalb Jahren“ wird die Ich-Erzählerin vom Prinzen schwanger und bringt das Kind in einem Dorf vier Meilen von Paris entfernt zu Welt;Defoe, Moll Flanders, Colonel Jacques, Roxana, John Sheppard, Jonathan Wild, S. 584–585. das Kind wird an eine Amme abgegeben und die Ich-Erzählerin kehrt nach Paris zurück.Defoe, Moll Flanders, Colonel Jacques, Roxana, John Sheppard, Jonathan Wild, S. 591. Der Prinz nimmt die Ich-Erzählerin mit auf eine geheime diplomatische Mission, die er im Auftrag des französischen Königs nach Italien unternimmt; Amy wird abermals Hausverwalterin der Ich-Erzählerin.Defoe, Moll Flanders, Colonel Jacques, Roxana, John Sheppard, Jonathan Wild, S. 603–605. Während des zweijährigen Italien-Aufenthalts kauft der Prinz der Ich-Erzählerin eine türkische Sklavin: Von ihr lernt die Ich-Erzählerin „die türkische Sprache, ihre Art, sich zu kleiden und zu tanzen, sowie auch einige türkische oder vielmehr maurische Lieder“; außerdem erhält die Ich-Erzählerin auf diese Weise ein orientalisches Kleid.Defoe, Moll Flanders, Colonel Jacques, Roxana, John Sheppard, Jonathan Wild, S. 606–607. Innerhalb von elf Monaten nach der Rückkehr aus Italien folgt ein drittes Kind.Defoe, Moll Flanders, Colonel Jacques, Roxana, John Sheppard, Jonathan Wild, S. 610. Nach über acht Jahren als Mätresse ändert sich das Verhältnis zum Prinzen durch den Tod der Ehefrau des Prinzen: Sie verpflichtet ihn auf dem Sterbebett, an der nächsten adligen Ehefrau gerechter als an ihr zu handeln, nämlich ihr die eheliche Treue zu wahren: „Diese Worte der Prinzessin […] sowie deren unmittelbar darauffolgender Tod machten einen so tiefen Eindruck auf ihn, daß er Abscheu vor seinem bisherigen Leben empfand, melancholisch wurde und sich zurückzog“ sowie der Ich-Erzählerin eröffnet, „er könne mich nicht mehr wiedersehen.“Defoe, Moll Flanders, Colonel Jacques, Roxana, John Sheppard, Jonathan Wild, S. 612–613. Während der Prinz die Ich-Erzählerin finanziell noch besser stellt, zieht er sich nach auf seine lothringischen Güter zurück: „Jetzt war ich frei, in jeden Teil der Welt zu gehen und mein Geld selbst zu verwalten“, wobei ein Teil des Vermögens erst zu Geld gemacht werden muss,Defoe, Moll Flanders, Colonel Jacques, Roxana, John Sheppard, Jonathan Wild, S. 614. beispielsweise der angebliche einstige Raubmord-Verlust des Juwelenhändlers, den die Ich-Erzählerin in ihrem Besitz hat. Die erwünschte Umwandlung soll über einen holländischen Kaufmann erfolgen, „der überall im Ruf eines vermögenden, ehrlichen Mannes stand“ und die vermeintlichen Raub-Juwelen einem ihm bekannten holländischen Juden verkaufen will. „Als der Jude die Edelsteine erblickte, begann er sogleich, in holländischer oder portugiesischer Sprache auf den Kaufmann einzuschnattern, und schon bald konnte ich erkennen, daß beide sehr erstaunt waren.“Defoe, Moll Flanders, Colonel Jacques, Roxana, John Sheppard, Jonathan Wild, S. 615. Während der Jude die vermeintlich an einem Raubmord beteiligte Ich-Erzählerin der Obrigkeit ausliefern will, stellt sich der holländische Kaufmann scheinbar auf die Seite des Juden, tatsächlich aber hilft er der Ich-Erzählerin, ihr Vermögen nach Rotterdam in Sicherheit zu bringen.Defoe, Moll Flanders, Colonel Jacques, Roxana, John Sheppard, Jonathan Wild, S. 621. Dieses bedrohliche Ereignis markiert den Eintritt der Ich-Erzählerin in die Geschäftswelt und setzt ihre Verwandlung von einer „Lady of Pleasure“ in eine Geschäftsfrau in Gang.„This conversion of jewels to money marks the heroine's entrance into the marketplace and sets in motion her transformation from the privately kept Lady of Pleasure to a full-blown Woman of Business“. – Laura J. Rosenthal: Whore, turk, and jew. Defoe’s Roxana. In: Laura J. Rosenthal: Infamous Commerce. Prostitution in Eighteenth-Century British Literature and Culture. Cornell University Press, Ithaca NY 2015. ISBN 978-0-8014-5435-6. S. 70–96. Hier S. 70. Gleichzeitig ist die düstere Atmosphäre jenes Ereignisses die Umsetzung von etwas, auf das der Text schon zuvor anspielt: „So tief können wir uns in die Sünde verstricken, daß uns das Gewissen nichts mehr anhaben kann, und wenn dieser Wachposten erst einmal eingeschlummert ist, dann schläft er bald fest und wacht nicht wieder auf, solange die Welle des Vergnügens anhält oder bis irgend etwas Düsteres, Schreckliches uns wieder zur Besinnung bringt.“Defoe, Moll Flanders, Colonel Jacques, Roxana, John Sheppard, Jonathan Wild, S. 579. Roxana als Geschäftsfrau in Rotterdam