Yua, Buli yuik (Plural yuisa) oder wiik (Plural wiisa), Dagbani wía (Plural wihé) oder yúwá (Plural yù hé), auch hua, wua, weii, ist eine kleine gedackte Kerbflöte aus Holz mit zwei oder drei Grifflöchern, die im Norden von Ghana allgemein solistisch von Hirten und Jägern zum Musizieren und als Signalpfeife verwendet wird. Mit der yuaDie Schreibweise yua wird für den Flötentyp generell verwendet, auch wenn sie vermutlich in keiner Sprache im Norden Ghanas und für keine Variante dieser Flöte die korrekte Aussprache wiedergibt. können einfache Sprachnachrichten übermittelt werden. Builsa und Kassena spielen die yua auch in Flötenensembles zusammen mit Trommeln bei Totenfeiern und anderen rituellen Anlässen. mini|Ein Musiker mit einer Holzflöte yua im Dorf Funsi, Wa East District im Nordwesten von Ghana
Herkunft und Verbreitung mini|hochkant|Elfenbeinpfeife der Pende in der Provinz Kwilu im Südwesten der Demokratischen Republik Kongo. Königliches Museum für Zentral-Afrika in Tervuren, vor 1939 Flöten gehören zu den ältesten überlieferten Musikinstrumenten und sind in Afrika vor allem als längs geblasene Kerbflöten und Kernspaltflöten weit verbreitet. Die frühesten Blasinstrumente, zunächst wohl Eintonflöten ohne Grifflöcher, bestanden aus Säugetier- und Vogelknochen sowie aus Pflanzenröhren und anderen leicht vergänglichen Materialien. Archäologische Funde werden häufig spekulativ als Knochenflöten gedeutet und erweisen sich, wie das „sehr wahrscheinliche Fragment einer Längsflöte oder Mehrtonpfeife“,Charles McBurney: The Haua Fteah (Cyrenaica) and the Stone Age of the South-East Mediterranean. Cambridge University Press, Cambridge 1967, S. 90 das der Archäologe Charles McBurney in Haua Fteah, einer bis ins Mittelpaläolithikum datierten Fundstätte in Libyen ausgrub (älteste Schicht 47.000 BP), bei späteren Untersuchungen nicht als Artefakte, sondern als natürlich entstanden.Colin Campbell Moyer: The Organisation of Lithic Technology in the Middle and Early Upper Palaeolithic Industries at the Haua Fteah, Libya. (Dissertation) Corpus Christi College, Cambridge 2003, S. 38 Abgesehen von manchmal problematischen Zuschreibungen wurden zu den frühesten Kulturen gehörende Knochenflöten in ganz Afrika entdeckt. Unter den archäologischen Flötenfunden in Subsahara-Afrika waren jedoch, wie Erich Moritz von Hornbostel (1933) erklärt, keine Kernspaltflöten. Diese sind erst aus späterer islamischer Zeit in Nordafrika bekannt (vgl. schabbaba), woraus von Hornbostel schließt, dass sie nicht der schwarzafrikanischen Kultur zugehören.Erich Moritz von Hornbostel: The Ethnology of African Sound-Instruments (Continued). In: Africa: Journal of the International African Institute, Band 6, Nr. 3, Juli 1933, S. 277–311, hier S. 278, 280 Die im Zentrum und Süden Ghanas gespielte Bambusflöte atenteben erhielt erst Mitte des 20. Jahrhunderts ihre heutige Form mit Kernspalt.Gavin Webb: Atenteben. In: Grove Music Online, 3. September 2014
In die historische Zeit gelangten westafrikanische Flöten erstmals durch den Reisebericht (Periplus) von Hanno dem Seefahrer, der von Karthago aus mit einer großen Schiffsflotte um Westafrika herum die Guineaküste erreicht haben will. Der archaischen griechischen Sprache des in einer Abschrift aus dem 9. Jahrhundert überlieferten Textes zufolge könnte die Reise im 5. Jahrhundert v. Chr. unternommen worden sein. Nachdem die Seefahrer über den Hespérū Kéras („Horn des Westens“, ungefähr beim heutigen Ghana) benannten Küstenabschnitt hinausgekommen waren und möglicherweise das Nigerdelta im heutigen Nigeria erreicht hatten, stießen sie auf „...eine weitere Insel, bei der wir an Land gingen; wir sahen jedoch bei Tag nichts außer Wald, nachts aber zahlreiche Feuerbrände, und hörten den Klang von Flöten, das Gedröhne von Zimbeln und Trommeln sowie tausendfältiges Geschrei.“ Damit ist der vielschichtige Gesamtklang bis heute typischer Ensembles erwähnt. Die Jarawa-Sprecher in Nigeria spielen beispielsweise zwölf Bambuskerbflöten mit vier Fingerlöchern, eine Sanduhrtrommel, zwei Zylindertrommeln und eine Gefäßrassel zusammen.Peter Fryer: Our earliest glimpse of West African music. In: Race and Class, Band 45, Nr. 1, 2003, S. 105–110, hier S. 106f
Querflöten sind selten und kommen in ganz Afrika nur vereinzelt in solchen Regionen vor, in denen sie von Längsflöten umgeben sind. Ihr unteres Ende ist meistens offen. Nach ihrem Verwendungszweck mit der yua verbunden ist die aus Schilfrohr oder Bambus gefertigte Querflöte ibirongwe mit vier Grifflöchern, die von Rinderhirten der Kuria am Ostufer des Viktoriasee (Grenzregion von Kenia und Tansania) gespielt wird. Manche Flöten in Südafrika entstanden wahrscheinlich unter dem Einfluss europäischer Flöten und Pfeifen.Percival R. Kirby: The Musical Instruments of the Native Races of South Africa. (1934) 2. Auflage. Witwatersrand University Press, Johannesburg 1965, S. 130f Eine regional begrenzte einfache Querflöte war die nur von Zulu-Jungen in Südafrika verwendete igemfe mit zwei bis vier Grifflöchern. Zu den in Westafrika bekannten Querflöten gehören eine Flöte mit vier Grifflöchern der Sanan in Mali und Burkina Faso und eine kürzere Flöte mit zwei Grifflöchern der Bambara in Mali. Vier Grifflöcher haben die lontore der Bissa in Burkina Faso und die ähnliche tami fle der Mandinka in Guinea.Roger Blench: The worldwide distribution of the transverse flute. (Draft) 15. Oktober 2009, S. 13
Eine mittellange Längsflöte der Hirten Ruandas ist die umwirongi mit zwei bis vier Grifflöchern, die aus einem Pflanzenstängel, Bambus oder Holz hergestellt werden kann. Typisch für Hirtenflöten ist eine magische Bedeutung, die ihr die Hirten beim einsamen Spiel auf der Weide oder nachts in geselliger Runde beimessen. Hirtenflöten dienen außerdem dazu, in einer Art Sprache Mitteilungen zu machen, die von den Zuhörern verstanden werden. Beides gilt ebenso für manche Hirtenflöten außerhalb Afrikas (vgl. kaval). Bei der umwirongi soll der Flötenklang Diebe und Raubtiere abwehren, die um die Herde herumschleichen, sowie die Tiere vor Krankheiten schützen, die ihnen übelwollende Zauberer zufügen könnten.Jos Gansemans, Barbara Schmidt-Wrenger: Zentralafrika. (Hrsg. Werner Bachmann: Musikgeschichte in Bildern. Band 1: Musikethnologie, Lieferung 9) Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1986, S. 152 Eine magische Bedeutung wurde früher auch gewissen Gefäßflöten wie der lushiba im Kongo zugesprochen.Jos Gansemans, K. A. Gourlay, Ferdinand J. de Hen: Lushiba. In: Grove Music Online, 22. September 2015 Afrikanische Geister sollen sich häufig durch bestimmte Blasinstrumente, zu denen Flöten, Pfeifen und Hörner gehören, bemerkbar machen.
mini|hochkant|Unten offene Holzflöte oja mit zwei gegenüberliegenden Grifflöchern der Igbo im Süden Nigerias Zur materiellen Kultur mancher Ethnien gehörende Musikinstrumente sind häufig Übernahmen benachbarter Ethnien und wurden häufig durch Wanderungsbewegungen verbreitet. So brachten etwa die von Mali nach Osten gewanderten Fulbe Formen der islamischen Kultur ins Kameruner Grasland, wo sie mutmaßlich gegen Ende des 19. Jahrhunderts von den Mandara (auch Wandala) die dreiteilige Längsflöte ciidal übernahmen. Dieser in der gesamten Umgebung des Tschadsees verbreitete Flötentyp ist bei den Kanuri als chilachila bekannt.Veit Erlmann: Notes on Musical Instruments among the Fulani of Diamare (North Cameroon). In: African Music, Band 6, Nr. 3, 1983, S. 16–41, hier S. 27 Das Ensemble der Mandara besteht aus ein oder zwei ciidal, einem Sänger, einem Chor aus bis zu fünf Personen und als Perkussionsinstrument einer Kalebassenhalbschale oder eine Kalebassenrassel.Veit Erlmann: Model, Variation and Performance. Ful'be Praise-Song in Northern Cameroon. In: Yearbook for Traditional Music, Band 17, 1985, S. 88–112, hier S. 96 Das Zusammenspiel von Flöten und Kalebassen, die als Perkussionsinstrumente geschlagen, geschabt oder geschüttelt werden, ist eine alte Tradition der Fulbe in der gesamten Sahelzone.Gerhard Kubik: Westafrika. Band 1: Musikethnologie. Lieferung 11. (Werner Bachmann (Hrsg.): Musikgeschichte in Bildern.) Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1989, S. 90 Die Flöten der Hirten (Längsflöten aus Holz, Bambus oder Sorghumhirsestängeln) sind bei den Fulbe die am weitesten verbreiteten Blasinstrumente.D. W. Arnott: FulBe music. 3. Domestic and other secular musical traditions. In: Grove Music Online, 2001
In Nordghana sind Flöten beliebter als in der südlichen Landeshälfte, wo sie nur vereinzelt in Ensembles vorkommen.Franz Kröger, 2001, S. 710 Die yua ist im gesamten Norden verbreitet, aber nur die Builsa und Kassena spielen sie in Ensembles. Andere Blasinstrumente der Kassena sind eine Kerbflöte, die quer geblasene Elfenbeintrompete nabona, von der sechs oder sieben in einem Ensemble gebraucht werden, und das Spielzeuginstrument kaaku. Ein ähnliches Instrumentarium besitzen die Aschanti weiter südlich in Ghana. Zu ihrer höfischen Musik gehören die Kerbflöte odurugya, ein Ensemble aus fünf bis sieben Elfenbeintrompeten ntahera und die Stegharfe seperewa. Die Parallelen reichen im Westen bis zu den Kpelle in Liberia, die unter den Blasinstrumenten eine Flöte boo und eine quer geblasene Naturtrompete túru aus Holz, Elfenbein oder Tierhorn kennen. Ihre Musikinstrumente teilen die Kpelle ähnlich wie die Builsa in „geblasen“ (fée) und „geschlagen“ (ygále) ein.Jacqueline Cogdell DjeDje: West Africa: An Introduction. In: Ruth M. Stone (Hrsg.): The Garland Handbook of African Music. 2. Auflage. Routledge, New York 2008, S. 192
Ein islamischer Kultureinfluss ist lediglich bei den Festen und Gebräuchen der Mamprusi, Dagomba, Kusasi, Frafra und anderen Ethnien im Nordosten Ghanas erkennbar, aber abgesehen von den in dieser Region gespielten einsaitigen Fideln (wie goge und imzad) weniger in der Musik. Von Hirten solistisch gespielte Längsflöten gehören auch zu den arabisch beeinflussten Kulturen nördlich der Sahara: die gasba (im arabischen Dialekt) mit vier Grifflöchern im Maghreb, die bei den Tuareg tazammart genannt wird. Sie wird nur von Männern geblasen.Edda Brandes: The Role of the Female Ethnomusicologist in the Field: Experiences in Traditional Algerian Communities. In: The World of Music, Band 33, Nr. 2 (Women in Music and Music Research) 1991, S. 35–49, hier S. 45
Die Builsa nennen Flöten allgemein aufgrund von regionalen Dialektunterschieden entweder yuik (Plural yuisa) oder wiik (Plural wiisa). Für bestimmte Flötenvarianten haben sie eigene Bezeichnungen. Die Signalpfeifen der Dagomba heißen in ihrer Sprache Dagbani im Westen der Northern Region wía (Plural wihé) und im Osten yúwá (Plural yù hé).Brigitta Benzing, 1969, S. 39 Bei den Kassena heißt die hölzerne Kerbflöte mit drei Grifflöchern hua.James T. Koetting: The Effects of Urbanization: The Music of the Kasena People of Ghana. In: The World of Music, Band 17, Nr. 4, 1975, S. 23–31, hier S. 26
Der yua-Flötentyp kommt mit anderen Namen auch außerhalb Nordghanas vor. Bei den Fon in Benin heißt die kurze Holzflöte kpeté oder koué. Die Fon verwendeten sie unter anderem zusammen mit Trommeln bei Begräbniszeremonien und magischen Praktiken.Gabriel Kiti: Rites funéraires des Goun (Dahomey). In: Anthropos, Band 32, Heft 3–4, Mai–August 1937, S. 419–434, hier S. 423, 433 Bei Beerdigungen, Hochzeiten und anderen Anlässen spielen die Fon in der Zeremonialmusik tchinkoumé (tchinkounmè) neben Wassertrommeln aus Kalebassenhalbschalem auch Flöte. Die Ewe in der Volta Region im Südosten Ghanas nennen diese Holzflöte ekpe (edze).Gavin Webb: Wia. In: Laurence Libin (Hrsg.): The Grove Dictionary of Musical Instruments. Band 5, Oxford University Press, Oxford/New York 2014
Bauform mini|hochkant|Schlanke Form einer Holzflöte yua aus dem Dorf Funsi, Wa East District im Nordwesten von Ghana. Die Anblasöffnung ist unten. Mit einer am schlanken Ende durchgeschlauften Schnur wird die Flöte um den Hals gehängt.