Freie Sachsen ist eine als Landespartei organisierte Gruppierung von Rechtsextremisten, Rechtspopulisten, Neonazis sowie Funktionären der rechtsextremen und neonazistischen Kleinpartei Die Heimat (ehemals NPD), die am 26. Februar 2021 in Schwarzenberg gegründet wurde. Sie entfaltet trotz geringer Ressourcen durch den gezielten Einsatz sozialer Medien und die Organisation von Protestaktionen im öffentlichen Raum eine große Wirkung als „Mobilisierungsmaschine“ auch über das rechtsextreme Spektrum hinaus. Die Partei ist nur in Sachsen aktiv.
Die Aktivitäten der Freien Sachsen zielen darauf ab, die Tätigkeit der Regierung ins Lächerliche zu ziehen. Sollte eine fundamentale Änderung der Politik nicht möglich sein, wird ein „Säxit“ (Kofferwort aus ,sächsisch‘ und ,Exit‘, ähnlich Brexit), also der Austritt des Freistaates Sachsen aus dem politischen Gefüge der Bundesrepublik Deutschland, beabsichtigt.
Die Partei greift Themen mit Empörungspotenzial auf wie die Anti-Corona-Proteste, den Ukrainekrieg, Inflation oder Klimapolitik. In diesem Zusammenhang kursieren bei den Freien Sachsen auch viele Verschwörungstheorien. Die Partei fordert außerdem, dass „das sächsische Königshaus in die Gestaltung der Zukunft einbezogen werden muss“.
Die Partei lehnt die freiheitliche demokratische Grundordnung ab und will sie überwinden. Sie wurde im Juni 2021 vom Landesamt für Verfassungsschutz als rechtsextreme Gruppierung mit verfassungsfeindlichen Bestrebungen eingestuft und seitdem in Sachsen beobachtet. Seit Anfang 2022 wird sie bundesweit beobachtet, da sie vom Bundesamt für Verfassungsschutz ebenfalls als Verdachtsfall für verfassungsfeindliche Bestrebungen eingestuft wurde.
Führungspersonen Personell ist die Partei der Freien Sachsen insbesondere auf zwei Politiker fixiert: Die Gründungsmitglieder Martin Kohlmann und Stefan Hartung bilden weiterhin den Führungskern. Daneben haben sich zusätzlich Robert Andres als Schatzmeister sowie Andreas Hofmann alias DJ Happy Vibes als 2. Stellvertreter im weiteren Kreis etabliert. Mit Max Schreiber und Michael Brück sind weitere langjährige Neonazi-Kader häufig insbesondere auf Demonstrationen sichtbar.
Parteivorsitzender Kohlmann, Mitglied des Chemnitzer Stadtrats, ist seit Jahren im rechten Parteienspektrum aktiv: Nach DSU, Republikanern und der Bürgerbewegung Pro Chemnitz folgen nun die Freien Sachsen. Zudem war er in die ausländerfeindlichen Proteste 2018 in Chemnitz verstrickt und vertrat neben der rechtsterroristischen Gruppe Freital zudem nach eigener Schätzung etwa 500 „Spaziergänger“ in Bußgeldverfahren in seinem Beruf als Rechtsanwalt.
Stefan Hartung hält derweil den Posten als Stellvertreter und ist im Stadtrat Aue-Bad Schlema sowie im Kreisrat Erzgebirgskreis aktiv. Jahrelang Kreisratsvorsitzender der NPD im Erzgebirge, ist Hartung ein Beispiel für das Handhaben von Doppelmitgliedschaften. So erfolgte seine Aufstellung als Landratskandidat im Erzgebirge 2022 für die Freien Sachsen. Zusätzlich ist er als Organisator der Lichtelläufe, Vorläufer zur späteren Pegida-Welle, und des rechtsextremen Heimatvereins „Freigeist“ in Aktion getreten.
Mitgliederprofil
Die Freien Sachsen bilden mit einem Mitgliederpotential von etwa 1000 Personen die größte rechtsextreme Vereinigung in Sachsen. Die Unterstützer und Mitglieder setzen sich dabei zwar aus einem recht weiten Feld zusammen, in dessen Zentrum jedoch ein klarer extremistischer Kern steht, der vor allem aus Mitgliedern aus dem Raum Chemnitz und dem Erzgebirgskreis besteht, wobei allerdings auch zunehmend überregionale Verbindungen relevant werden. Daneben findet sich ein Zulauf von nicht-extremistischen Teilen der Bevölkerung, speziell über die digitalen Kanäle, denen die radikale Richtung der Freien Sachsen zum Teil nicht klar ist.
Der Rechtsextremismusforscher Johannes Kiess bezeichnet die Freien Sachsen in diesem Zusammenhang als Kaderpartei mit wenigen Mitgliedern, der es darum gehe, „für Demonstrationen und Protestaktionen zu mobilisieren und zu vernetzen“. Thematische Weitläufigkeit ist dabei explizit willkommen, zumindest solange ein Grundbekenntnis zu einem von Berlin und Brüssel unabhängigen Sachsen gegeben ist. Die Freien Sachsen verstehen sich als Dachorganisation einer breiten extrem rechten Bewegung und betreiben aktive Vernetzung zu vermeintlichen Konkurrenzorganisationen wie der Heimat (ehemals NPD), dem III. Weg oder den Freien Wählern sowie der Querdenker-Bewegung. Erste Sympathisanten haben die Freien Sachsen auch bei Pegida Dresden oder der AfD gewonnen.
Andere Parteien des rechten und rechtsextremen Spektrums gehen hierbei unterschiedlich mit der Konkurrenz um. Aufgrund des eigenen schwachen Abschneidens in der letzten Zeit erscheint es für die Heimat oft attraktiv, sich bei den im Auftrieb befindlichen Freien Sachsen einzubringen. Unter anderem mit Peter Schreiber und Stefan Hartung sind Heimat-Funktionäre sogar maßgeblich bei den Freien Sachsen aktiv. Die Heimat lässt selbst ebenfalls Doppelmitgliedschaften zu. Die AfD dagegen tritt als klassische Mitgliederpartei auf und kämpft mit ihrer Selbstdefinition in Abgrenzung zu extremen Gruppierungen. Ein Antrag, die Freien Sachsen auf die Unvereinbarkeitsliste der AfD zu setzen, wurde jedoch bislang vom Vorstand des Landesverbandes abgelehnt; handle es sich doch lediglich um einen „Scheinriesen“. Neben dem Wahlwettbewerb wird jedoch auch die Konkurrenz auf der Straße immer mehr zum Konfliktpunkt im Ringen um politische Unterstützung.
So sind die Freien Sachsen zum relevantesten Mobilisierungs-Akteur in der sächsischen rechtsextremen Szene aufgestiegen und zeigen dabei klar populistische Züge. Nach Einschätzung von Kiess ist der Fokus bewusst nicht auf einen Alleinvertretungsanspruch und den Ausbau der Mitgliederzahl, sondern auf den Anschluss an das bürgerlich-konservative Milieu gerichtet. Die Freien Sachsen treten insofern häufiger als Mediator und Vernetzer auf und versuchen nicht-extremistische Bevölkerungsteile für ihre Ansichten zu gewinnen, anstatt eine eigene Dogmatik zentral-organisiert durchzusetzen. Das umgekehrte Vorgehen habe man als Fehler in der Vergangenheit bei anderen Gruppierungen im nationalen Lager ausfindig machen können.
Der Mitgründer des ehemaligen rechtsextremistischen Medienprojekts Junge Revolution, Sanny Kujath, ist Mitglied der Partei. 2024 veröffentlichte Recherchen legen nahe, dass der mehrfach in Verfassungsschutzberichten genannte Kujath mit dem ehemaligen Anführer der Nordadler-Gruppe und Neonazi Wladislav Sirbu die Strategie verfolge, durch das Engagement in der Partei parlamentarischen Einfluss zur Vertreibung politischer Gegner aus dem Raum Zwickau zu erlangen.
Inhaltliche Ausrichtung Vor allem der Telegram-Kanal der Freien Sachsen mit 150.000 Teilnehmern im September 2022 fungiert als Anlaufstelle und Ventil für die „unangefochtene Anti-Corona-Mobilisierungsmaschine“. Hierbei greifen gegenseitige Bestätigung und Eskalationsspiralen ineinander und tragen zu einer stetigen Radikalisierung der Follower bei. Bekannte Phänomene wie Filterblasen und Echokammern sind in diesem Kontext typisch, und die Freien Sachsen unterstützen die oft emotional aufgeladene Eskalation durch eigene Posts, um Unterstützung und Reichweite zu generieren. Die selektive oder offene Desinformation schafft so den Nährboden für Widerstands- oder Gewaltphantasien, die bis zum Systemumsturz reichen. Dabei beachtet man bei öffentlichen Kommentaren juristische Grenzen, korrigiert aber extreme Positionen nicht, sondern befeuert sie zum Teil sogar. Die Demokratiefeindlichkeit der Freien Sachsen zeigt sich auch in der verbalen Unterstützung für den belarussischen Diktator Aljaksandr Lukaschenka, über dessen Corona-Politik die Partei schrieb, dass es „ohne Lockdown ganz wunderbar“ gehe, und die Frage stellte: „Wenn ein ‚Diktator‘ seinem Volk die Freiheit bewahrt, während uns die ‚Demokraten‘ einsperren – wozu brauchen wir dann solche ‚Demokraten‘?“, S. 37. Im durch den russischen Überfall auf die Ukraine ausgelösten Ukrainekrieg vertritt die Partei ganz klar die Position des russischen Präsidenten Putin.Ben Knight: Ukraine-Krieg spaltet Rechtsextreme. www.dw.com, 3. April 2022.
Im November 2023 reiste eine Delegation aus dem Umfeld der Freien Sachsen nach Russland, welche in der Duma von der Abgeordneten und ehemaligen Agentin Maria Butina betreut wurde. Teil dieser Delegation war auch Alena Dirksen, Wirtin eines Restaurants in Mittweida, welche im Oktober 2022 Aufsehen erlangte, weil sie in einem TikTok-Video Putin darum gebeten hatte, im Zusammenhang mit einer proukrainischen Kundgebung in Dresden die Stadt zu bombardieren.Johannes Kiess und Gideon Wetzel: So entwickelt sich die Telegramszene in Sachsen. www.belltower.news, 31. Juli 2024.Mittweida: Wirtin macht Insolvenz öffentlich - Insolvenzverwalter bedroht. www.saechsische.de, 28. Juni 2023.Russische Agentin empfängt "Vertreter der Freien Sachsen" in Moskau. www.freiepresse.de, 14. November 2023.
Die Unterstützung für rechtsextreme Ansichten wird dabei sowohl auf Demonstrationen als auch in Chatverläufen klar. Beispielsweise finden sich entsprechende Sprechchöre und Symbole sowie Gewaltbereitschaft gegenüber Polizei und Presse bei Veranstaltungen wieder. Auch die Mitglieder der Gruppe „Dresden-Offline-Vernetzung“, die mit Blick auf ein geplantes Attentat auf den sächsischen CDU-Ministerpräsidenten Michael Kretschmer verhaftet wurden, sollen sich teilweise hier radikalisiert haben. Kohlmann kommentierte die Intentionen wiederum als lediglich taktisch unklug, nicht aber prinzipiell verwerflich, ein offenes Eingeständnis der vertretenen Demokratiefeindlichkeit. Auch der Fackelmarsch vor dem Haus der sächsischen Gesundheitsministerin Petra Köpping wurde als legitimer „Bürgerprotest“ dargestellt.
Das Vorstandsmitglied der Partei Robert Andres beendete ein Interview mit der neonazistischen Zeitschrift N.S. Heute mit den Worten „Glück auf und ein donnerndes Heil Kohlmann!“, womit er Bezug auf den Nationalsozialismus nahm., S. 36
Der Erfolg der Partei bei nicht-extremistischen Bürgern ist dabei nicht zwingend spezifisch sächsischen Umständen geschuldet. Demonstrationen gegen Corona-Maßnahmen etwa gab es auch in anderen Teilen Deutschlands. Hans Vorländer thematisiert daher in diesem Zusammenhang auch ein sächsisches Wahrnehmungsproblem, basierend beispielsweise auf der Prominenz von Pegida. Auch Politikverdrossenheit, Establishment-Vorbehalte oder Unzufriedenheit mit Parteien sind überregionale Entwicklungen. Protestformen in Sachsen oder die Suche nach Halt in Verschwörungstheorien sind somit nicht per se einzigartig oder hervorstechend, sondern Teil einer allgemeinen Entwicklung in Deutschland.
Andererseits tragen aber auch spezifische Bedingungen zum Erfolg von Gruppen wie den Freien Sachsen bei. Neue Proteste können auf etablierte, verankerte Strukturen und Personen aufbauen, weshalb Vorländer sogar von einem politischen Unternehmertum im Freistaat spricht. Dazu kommt, dass der Zustimmungswert mit der Politik in Ostdeutschland verhältnismäßig niedriger ausfällt, etwa in Bezug auf die sächsische Landesregierung, und die Zusammensetzung der nachfolgenden Demonstrationen stattdessen überwiegend dem rechten Spektrum zuzuordnen ist. Auch Zukunftsängste sind stärker ausgeprägt als Resultat von vermehrten Krisen. Der Erfolg der Freien Sachsen baut auf vielen dieser Gründe auf und bindet die sächsische Identität mit ein, indem Nachkommen Augusts des Starken oder die erfolgreichen Proteste zu DDR-Zeiten, die sogenannten Montagsdemos, thematisiert werden.
Ab Herbst 2022 mobilisierten die Freien Sachsen wegen der Energiekrise auf sogenannten Montagsdemos gegen die Regierung.