Die niederländisch-portugiesischen Beziehungen umfassen das bilaterale Verhältnis der Niederlande und Portugal. Die Länder unterhalten mindestens seit 1641 direkte diplomatische Beziehungen.Übersicht über die niederländisch-portugiesischen Beziehungen auf der Website des Diplomatischen Instituts des portugiesischen Außenministeriums, abgerufen am 13. Januar 2023
Die Beziehungen waren historisch häufig angespannt, heute dagegen gelten sie als sehr gut und unbelastet. Wichtige offizielle Verbindungsglieder zwischen beiden Ländern ist die gemeinsame Mitgliedschaft in EU, Eurozone und Schengen-Raum, aber auch in der NATO, deren Gründungsmitglieder beide sind, und in weiteren multilateralen Organisationen wie dem Europarat, der OSZE und der OECD, u. a. Ihre wirtschaftlichen Beziehungen und die gegenseitigen Diasporas, aber auch historische Bezüge und der gegenseitige Kulturaustausch prägen ihr Verhältnis.
Im Jahr 2021 waren insgesamt 11.013 niederländische Staatsbürger in Portugal gemeldet, verteilt in allen Verwaltungszonen des Landes, davon mit 3.613 die meisten im Distrikt Lissabon.Liste Ausländischer Bürger in Portugal (nach Distrikten) bei der portugiesischen Ausländerbehörde Serviço de Estrangeiros e Fronteiras, abgerufen am 13. Januar 2023 Im Jahr 2022 waren 28.002 Staatsbürger Portugals in den Niederlanden registriert, darunter bekannte Persönlichkeiten wie Paula Patricio (* 1958 in Lissabon), die verschiedene Sendungen im niederländischen Fernsehen moderierte, oder Catarina Vieira (* 1996 auf den Azoren), die seit 2022 Mitglied des Europäischen Parlaments für die niederländische Partei GroenLinks ist.Webseite zur niederländisch-portugiesischen Migration (Tabelle A.2) beim portugiesischen wissenschaftlichen Observatório da Emigração, abgerufen am 13. Januar 2023 Auf die Einwanderung von jüdischen Sephardim und Marranen aus Portugal gehen zudem eine Reihe historischer niederländischer Persönlichkeiten zurück, etwa der bedeutende Philosoph Baruch de Spinoza (1632–1677).
Der niederländische Ort Poortugaal in der Gemeinde Albrandswaard führt seinen Namen und sein Wappen auf Portugal zurück.
Geschichte Bis zum 18. Jahrhundert mini|Gravur aus dem 17. Jh im niederländischen Königlichen Museum für Zentral-Afrika: während ihres Aufstiegs zur Kolonialmacht gerieten die Niederlande häufig mit der ersten globalen Kolonialmacht Portugal in Konflikt. mini|Niederlage der Portugiesen vor Ambon (Bild von 1645): vor allem in Ostasien blieben die niederländisch-portugiesischen Beziehungen lange angespannt. Während der Reconquista gegen die seit 711 hier herrschenden Araber waren auch Kreuzfahrer aus den heutigen Niederlanden unter den Rittern, die bei der Entstehung des unabhängigen christlichen Königreichs Portugal mithalfen, insbesondere bei der Belagerung von Lissabon 1147.
Schon vorher, vor allem aber mit dem zunehmenden Handel Portugals im 15. Jahrhundert, exportierte das Land auch in die heutigen Niederlande, insbesondere Wein und Früchte, von wo sie zu einem beträchtlichen Teil profitabel weitergehandelt wurden. In der Gegenrichtung kamen nun zunehmend kulturelle und gesellschaftliche Impulse aus den Niederlanden nach Portugal, zu nennen etwa der Einfluss Altniederländischer Künstler auf die aufblühende Malerei in Portugal.A. H. de Oliveira Marques: Geschichte Portugals und des portugiesischen Weltreichs, Alfred Kröner Verlag 2001, S. 109, 117. Auch ließen sich portugiesische Adlige und erste Kaufleute in den Niederlanden nieder. Der portugiesische Prinz Manuel von Portugal oder seine Tochter Maria Belgia etwa lebten hier. Wie viele andere waren sie in religiöse Konfliktsituationen verstrickt, zwischen der katholischen Tradition ihrer Heimat und hier neu kennengelernten protestantischen Glaubensrichtungen, und auch der jüdische Glauben der vor ersten Verfolgungen in Portugal hierher geflohenen Kaufleute ist zu nennen.
Die Wege der beiden Nationen begannen sich danach konfliktreich zu kreuzen, als nach der Entstehung des Portugiesischen Weltreichs das nunmehr ebenfalls aufstrebende Niederländische Kolonialreich sich um das bisher exklusive Wissen der Portugiesen bemühte und insbesondere über holländische Kartographen wie Jan Huygen van Linschoten in portugiesischen Diensten langsam selbst genug Kenntnisse erlangten, um sich in den profitablen Überseehandel einzumischen. So ging die Niederländische Ostindien-Kompanie ab 1602 wirkungsvoll im heutigen Indonesien gegen die Portugiesen vor, die gerade durch ihre Personalunion mit Spanien (Iberische Union) geschwächt waren. In der Folge stiegen sie zur immer ernsteren Konkurrenz auf, und beide Länder gerieten zunehmend in Konflikte, in Afrika (Angola, Maputo-Bucht, Goldküste, São Tomé u. a.) und in Brasilien (Herrschaft Johann Moritz von Nassau-Siegens), vor allem dann aber in Asien (Seegefecht bei Dschask 1620, Belagerung Colombos 1655/66). Zu nennen insbesondere der Niederländisch-Portugiesische Krieg (1624–1661), der einerseits zum Verlust weiter Teile der portugiesischen Besitzungen in Asien an die Niederlande, andererseits aber zur Behauptung der portugiesischen Präsenz in Südamerika und Westafrika mit der Abwehr der niederländischen Ambitionen in Brasilien führte.
Neben den militärischen Erfolgen war der Zuzug der Sepharden ein weiterer entscheidender Faktor für den Aufstieg der Niederlande zu einer bedeutenden Handelsmacht. Diese aus Portugal geflohenen jüdischen Familien waren dort meist im internationalen Handel tätig gewesen und brachten nun ihre Kenntnisse, ihre Handelsverbindungen und ihre Vermögen in die niederländischen Städte mit, in denen sie sich nun auch niederließen, insbesondere in Amsterdam. Die 1675 eingeweihte Portugiesische Synagoge Amsterdams zeugt von dieser Hochphase, deren Spuren bis in die heutige Zeit reichen und die bei allen wirtschaftlich-politischen Konflikten auch für Annäherungen zwischen Portugal und den Niederlanden sorgten. Insbesondere die gemeinsame Gegnerschaft zu Spanien sorgte dabei für eine bessere Beziehung. So erneuerte Portugal im Zuge seiner außenpolitischen Bemühungen während des Restaurationskriegs (Wiederherstellung seiner Unabhängigkeit nach der Iberischen Union) seine diplomatischen Beziehungen auch zu den Niederlanden. Tristão de Mendonça Furtado akkreditierte sich im Februar 1641 als erster portugiesischer Vertreter bei der Republik der Vereinigten Niederlande, die sich ihrerseits im Achtzigjährigen Krieg der Spanier erwehren musste.Website zu den niederländisch-portugiesischen Beziehungen beim portugiesischen Außenministerium, abgerufen am 28. Juli 2024 Und im Spanischen Erbfolgekrieg (1701–1714) traten portugiesische Schiffe auf Seiten Englands und der Niederlande gegen französisch-spanische Verbände an, etwa die Nossa Senhora da Assunção, die 1705 an der Seeschlacht bei Marbella teilnahm.
Es gab auch zahlreiche andere Momente der niederländisch-portugiesischen Annäherungen, etwa wenn der Hochadel beider Länder sich verheiratete (beispielsweise Manuel von Portugal Ende des 16. Jahrhunderts), oder wenn niederländische Handelsfamilien sich in Portugal niederließen, darunter die Mitte des 19. Jahrhunderts nach Portugal gekommene, heute als Portweinproduzent bekannte Familie Niepoort.Familiengeschichte der Niepoorts in Portugal, Unternehmenswebsite, abgerufen am 24. Juli 2024
Ab dem 19. Jahrhundert mini|Proteste in den Niederlanden gegen politische Gefangene in Portugal, Oktober 1972. mini|hochkant|Portugals Außenminister João Cravinho (rechts) empfängt seinen niederländischen Amtskollegen Wopke Hoekstra (links) am 22. November 2022: die guten Beziehungen beider Länder zeigen sich auch in den regelmäßigen Staatsbesuchen auf allen Ebenen. Im Verlauf des Niedergangs des portugiesischen Kolonialreichs seit dem 18. Jahrhundert nahmen ihre Differenzen weiter ab. Lediglich auf der Insel Timor im Osten Niederländisch-Indiens, deren Osthälfte weiterhin portugiesisch blieb, hielten die Spannungen an. Zwar konnten sie ihre territorialen Unstimmigkeiten im Vertrag von Lissabon 1859 beilegen, doch normalisierten sich hier ihre Beziehungen auch nach kleineren Anpassungen ihres Abkommens im Jahr 1902A. H. de Oliveira Marques: Geschichte Portugals und des portugiesischen Weltreichs, Alfred Kröner Verlag 2001, S. 487. nicht vollständig. So warben die Niederländer etwa nach dem Ende der portugiesischen Monarchie (Ausrufung der Republik in Portugal 1910, Anerkennung durch die Niederlande am 12. September 1911) unter den verunsicherten Osttimoresen für ihre Königin Wilhelmina als das verlässlichere Oberhaupt der Niederlande und als die bessere Schutzmacht, und im Ersten Weltkrieg kam es zu Drohgebärden der Niederländer gegen die portugiesischen Sicherheitskräfte in Osttimor. Die aufkommende Unabhängigkeitsbewegung in Niederländisch-Indien sorgte dann für eine ruhigere Phase zwischen West- und Osttimor.
Im Verlauf des Zweiten Weltkriegs blieb Portugal zwar neutral, Portugiesisch-Timor wurde dennoch 1941 durch niederländische und australische Kräfte eingenommen, um einer japanischen Invasion zuvorzukommen. Das Salazar-Regime protestierte dagegen. Mit der Schlacht um Timor ab 1942 eroberte Japan auch Osttimor und es folgte ein blutiger Guerillakrieg. Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges betrieben die Niederlande zusammen mit Australien erfolglos die Verhinderung der Rückkehr Osttimors unter portugiesische Hoheit.
1949 wurde Indonesien unabhängig, womit auch die Meinungsverschiedenheiten zwischen beiden Ländern in Timor ausliefen. Einzig die niederländische offizielle, vor allem aber zivilgesellschaftliche Ablehnung des Estado-Novo-Regimes und Unterstützung der Unabhängigkeitsbewegungen in den portugiesischen Gebieten in Afrika blieben nun als Unstimmigkeiten in den offiziellen niederländisch-portugiesischen Beziehungen bestehen, insbesondere nach Ausbruch der portugiesischen Kolonialkriege ab 1961.
Nach der Nelkenrevolution in Portugal 1974 und dem folgenden Ende der Diktatur änderte sich das Verhältnis zwischen den Niederlanden und dem zur Demokratie zurückgekehrten Portugal grundlegend, vor allem nachdem sich 1975 die bürgerlichen Kräfte in der Revolution durchgesetzt hatten und Portugal sich nun eindeutig der westeuropäischen Integration verschrieb. Die im Laufe der 1960er eingesetzte Auswanderung von Portugiesen in die Niederlande verstärkte sich in den 1970er Jahren, und die politischen Beziehungen, aber auch der kulturelle Austausch intensivierten sich nun. Als eines von vielen Zeichen der guten Beziehungen übernahm die Botschaft der Niederlande vertretungsweise Aufgaben für Portugal im 1975 von Indonesien gegen den Protest Portugals annektierten Osttimor und stellte politischen Flüchtlingen portugiesische Pässe aus, etwa dem späteren osttimoresischen Botschafter João Câmara.
Seit dem Beitritt Portugals zur EWG (heute EU) 1986 näherten sich beide Staaten weiter an. So nahmen ihre Wirtschaftsbeziehungen seither stark zu, ebenso die wechselseitige Migration, ihr gegenseitiger Fremdenverkehr und der zivilgesellschaftliche Austausch in Bereichen wie Kultur, Wissenschaft, Umweltschutz, Energie, Jugendorganisationen und Sport. Zuletzt war das gemeinsame Interesse an der Weiterentwicklung Erneuerbarer Energien Gegenstand gemeinsamer Beratungen, insbesondere ihr Memorandum of Understanding zu Kooperationen im Bereich Grüner Wasserstoff 2020.Memorandum of understanding between Portugal and the Netherlands concerning green hydrogen, Mitteilung des niederländischen Außenministeriums vom 23. September 2020 (englisch), abgerufen am 28. Juli 2024
Diplomatie mini|hochkant|Die Botschaft der Niederlande in Lissabon. Die Niederlande unterhalten eine Botschaft in der portugiesischen Hauptstadt Lissabon. Dazu bestehen drei niederländische Honorarkonsulate in Albufeira (an der Algarve), in Funchal (auf Madeira) und in Ponta Delgada (auf den Azoren).