mini|Straßenfront zur Karpfangerstraße – mit 25 m ungewöhnlich schmal Die Lutherkirche war ein Kirchengebäude in Hamburg-Neustadt, das als Filialkirche ohne eigene Pfarrgemeinde zur evangelisch-lutherischen Hauptkirche Sankt Michaelis gehörte. Die Kirche in der Karpfangerstraße wurde 1905/06 zusammen mit dem angrenzenden Haus der Deutschen Seemannsmission im Wolfgangsweg erbaut. Die Entwürfe für beide Gebäude stammten von Hugo Groothoff, der die Kirche im neugotischen Stil als Zentralbau auf sehr begrenztem Raum ausführte. Bei Luftangriffen im Zweiten Weltkrieg wurde die Kirche zerstört, das Kirchengrundstück in der Nachkriegszeit mit einem Altersheim für Seefahrer bebaut. Nur wenige Ausstattungsgegenstände der Kirche haben überdauert: Die Luther-Statue befindet sich heute bei St. Nikolai in Moorfleet, das Adlerpult in St. Michaelis.
Geschichte Bau und Nutzung 1883 wurde in den protestantischen Gemeinden Deutschlands das 400. Jubiläum der Geburt von Martin Luther mit einem Lutherjahr feierlich begangen. In Hamburg veranstaltete die Landeskirche aus diesem Anlass eine Sammlung, deren Erlös der Errichtung einer innerstädtischen Lutherkirche dienen sollte. So kam ein Fonds von 100.000 Mark zusammen,Adressbuch Hamburg 1943, Band Ia, Allgemeiner Teil, S. 12. je nach Umrechnung der historischen Kaufkraft zwischen 800.000 und 2 Mio. Euro (Preise von 2022). Nach längeren Verhandlungen übergab die Landeskirche diese Geldsumme an die Gemeinde St. Michaelis, die sich verpflichtete den Betrag aus eigenen Mitteln zu verdoppeln, um damit eine Lutherkirche im eigenen Pfarrbezirk zu bauen.
Zum Ende des 19. Jahrhunderts war ein eigenes Haus für die Hamburger Seemannsmission ebenso vonnöten wie eine weitere Kirche im Pfarrsprengel St. Michaelis. 1903 führten Verhandlungen mit dem Hamburger Senat und der Bürgerschaft zu einer kombinierten Lösung für einen Bauplatz: Der Verein für Seemannsmission und der Kirchenvorstand von St. Michaelis erwarben je ein Grundstück zu einem Quadratmeterpreis von 100 Mark. Dies war das erste Mal in der Geschichte Hamburgs, dass die Kirche für den Erwerb eines städtischen Grundstücks zahlen musste. Die beiden Grundstücke waren an der Rückseite miteinander verbunden. Das Grundstück für St. Michaelis lag nördlich an der Karpfangerstraße 9, das Grundstück für die Seemannsmission südlich am Wolfgangsweg 12.
Die Kirche sollte neben der Entlastung des südlichen Pfarrbezirks von St. Michaelis auch den kirchlichen Zwecken der Seemannsmission dienen. Ebenso war der Seemannspastor anfänglich eine Pastorenstelle von St. Michaelis.Wilhelm Thun: Werden und Wachsen der Deutschen Evangelischen Seemannsmission. Bremen/Hamburg 1959, S. 58–61 (online). Eine große Rolle bei dieser Lösung nahm Pastor Karl Reimers (1872–1934) ein, der von 1900 bis 1906 Seemannspastor in Hamburg war und um 1903 zusätzlich die vierte Pastorenstelle in der Gemeinde St. Michaelis übernahm. Als Herausgeber des Hamburgischen Kirchenblatts war er auch publizistisch einflussreich.
mini|Haus der Seemannsmission im Wolfgangsweg
Im August 1904 nahm die Gemeinde St. Michaelis den vom Architekten Hugo Groothoff eingereichten Bauplan an. Die schwierige Aufgabe – Bau einer Kirche mit 800 Sitzplätzen auf sehr beschränktem Raum – war nach Meinung des Kirchenvorstands glücklich und künstlerisch gelöst.Hamburgische Angelegenheiten – Der Kirchenvorstand von St. Michaelis. In: Hamburgisches Kirchenblatt, , Band 1, Nr. 23 (4. September 1904), S. 192. Im Juli 1905 wurde Richtfest gefeiert.Kurze Mitteilungen. In: Hamburgisches Kirchenblatt, , Band 2, Nr. 29 (16. Juli 1905), S. 242. Am 13. März 1906 wurde die Kirche im Beisein der Senatoren Gottfried Holthusen und Werner von Melle feierlich eingeweiht. Auch das Haus der Deutschen Seemannsmission am Wolfgangsweg wurde von Groothoff entworfen und zeitgleich gebaut.
Der Bau der Kirche samt Innenausstattung kostete 280.000 Mark, davon 60.000 Mark für das Grundstück. Neben der in Hamburg erstmals ausgeführten Bauart einer Kirche im Anschluss an Nebenhäuser und in der Flucht der Straße war die Belichtung des Baus eine besondere Herausforderung für den Architekten Groothoff. Die Bauarbeiten wurden von der Firma Bernstorff ausgeführt, die Orgel baute Paul Rother. Die Orgel war eine anonyme Privatstiftung, daneben stiftete Georg Behrmann die Kanzel, Familie Godeffroy die drei Glocken der Kirche und der Bankier Max von Schinckel die Luther-Statue.Hamburgische Angelegenheiten – Die Einweihung der Lutherkirche. In: Hamburgisches Kirchenblatt, , Band 3, Nr. 11 (11. März 1906), S. 91.
Die Gemeinde St. Michaelis stellte einen Pastor für die Seemannsmission. Auch die Lutherkirche wurde der Seemannsmission als Stätte für Gottesdienste zur Verfügung gestellt. Der Verein für Seemannsmission stellte das weitere Personal für den Seemannspastor.Gebete für die Familien. In: Hamburger Abendblatt, 7. Mai 1994. Im Juli 1906 brannte St. Michaelis aus. Bis zur Wiederherstellung des „Michels“ 1912 war die Lutherkirche das einzige Kirchengebäude der Gemeinde.
Pastoren Pastoren der Lutherkirche waren zugleich auch Pastoren an St. Michaelis. Dort wurden Pastoren mit dem „besonderen Auftrag für die Lutherkirche in der Karpfangerstraße“ berufen, die man somit zu den Pastoren der Lutherkirche im engeren Sinne zählen kann. Ebenso gilt das für die Seemannspastoren der Anfangszeit der Lutherkirche bis zur organisatorischen Trennung von Seemannsmission und St. Michaelis im Jahr 1917.Wilhelm Jensen: Die hamburgische Kirche und ihre Geistlichen seit der Reformation. Teil 1. Augustin, Hamburg 1958, S. 235–240 (herausgegeben im Auftrag des Landeskirchenrats, Abschnitte „Die Seemannsmission“/„Die Seemannspastoren“). Zu den Pastoren der Lutherkirche zählten somit: 1906–1913: Karl Reimers (1872–1934), war schon ab 1900 Seemannspastor in Hamburg 1906–1923: Heinrich Ditlevsen (1879–1938), war von 1900 bis 1923 Seemannspastor in Hamburg, 1917 wechselte seine Stelle als Seemannspastor in die direkte Verantwortung der Landeskirche, er blieb parallel dennoch weiter Pfarrer an St. Michaelis 1906–1930: Henry Schwieger (1865–1943), Pastor an St. Michaelis (V. Pastorenstelle) bis zu seinem Ruhestand 1930Friedrich Hammer, Herwarth von Schade: Die Hamburger Pastorinnen und Pastoren seit der Reformation. Teil 2 (Gemeindeverzeichnis), Hamburg 1995, S. 25. 1922–1934: Hugo Sauerland (1877–1941), Inhaber der vierten Pfarrstelle an St. MichaelisWilhelm Jensen: Die hamburgische Kirche und ihre Geistlichen seit der Reformation, Teil 1. Augustin, Hamburg 1958, S. 174–177 (herausgegeben im Auftrag des Landeskirchenrats, Abschnitt „Die Geistlichen an St. Michaelis“). 1935–1943: Karl Bode (1910–1960), auch nach der Zerstörung der Lutherkirche bis zu seinem Tod Pastor an St. MichaelisNachruf für Pastor Karl Bode. In: Gesetze, Verordnungen und Mitteilungen der Evangelisch~lutherischen Kirche im Hamburgischen Staate. Jahrgang 1960, Nr. 5 (10. Oktober 1960), 37–38 (online).
Zerstörung und Verbleib von Ausstattung mini|hochkant|Statue von der Lutherkirche, seit 1966 in Moorfleet Bei den Bombenangriffen der Royal Air Force im Zuge der „Operation Gomorrha“ geriet nach Berichten von Pastor Lothar Schwieger in der Nacht auf den 27. Juli 1943 der Kirchturm der Lutherkirche in Brand, konnte aber vom Pastor der Seemannsmission zusammen mit einigen Seeleuten gelöscht werden. Dadurch wurde verhindert, dass der Innenraum der Kirche Feuer fing, selbst Gemälde hingen noch an ihrem Ort.Michael Schwieger: Handel, Krieg und Gottesglauben : Dokumente und Informationen aus 6 Generationen der Hamburgischen Familie Schwieger. Hollnseth 2012, S. 256–257 (online). Das benachbarte Haus der Seemannsmission am Wolfgangsweg brannte hingegen bis auf die Fassadenmauern aus.Seemannsmission baut auf. In: Hamburger Abendblatt, 16. August 1950, S. 9 („Schiffahrtseite“) (Digitalisat). Nach Bericht eines Augenzeugen waren „alle Straßen südlich der Lutherkirche ein Flammenmeer“.Renate Hauschild-Thiessen (Hrsg.): Die Hamburger Katastrophe vom Sommer 1943 in Augenzeugenberichten. Verein für Hamburgische Geschichte, Hamburg 1993, ISBN 978-3-923356-51-5, S. 23.
Am 11. März 1945 griff die Eighth Air Force der USAF mit 469 B-17-Bombern Hamburg an. Ziel waren die Ölraffinerien in Hamburg-Wilhelmsburg und die Großwerften am Südufer der Norderelbe, gegenüber von Hamburg-Neustadt. Der Tagesangriff fand bei geschlossener Wolkendecke statt, gezielt wurde mittels H2X-Radar.Jack McKillop: United States Army Air Forces in World War II: Combat Chronology of World War II. U.S. Federal Depository Library Program Electronic Collection (FDLP/EC) Archive, 11 March 1945, Mission 881 (online). Bei diesem Angriff wurde die Lutherkirche „total vernichtet“, auch St. Michaelis erlitt am 11. März 1945 schwere Schäden.Friedrich Hammer, Herwarth von Schade: Die Hamburger Pastorinnen und Pastoren seit der Reformation. Teil 2 (Gemeindeverzeichnis), Hamburg 1995, S. 24. Im Standardwerk Kriegsschicksale Deutscher Architektur wird die Lutherkirche als „völlig zerstört“ klassifiziert.Hartwig Beseler, Niels Gutschow: Kriegsschicksale Deutscher Architektur. Band 1 („Nord“). Wachholtz, Neumünster 1988, ISBN 978-3-529-02685-0, S. 51. 1947 wurde die Kirche als Predigtstätte der Gemeinde St. Michaelis entwidmet.Wilhelm Jensen: Die hamburgische Kirche und ihre Geistlichen seit der Reformation. Teil 1. Augustin, Hamburg 1958, S. 177 (herausgegeben im Auftrag des Landeskirchenrats).
Ein Adlerpult aus der Lutherkirche schenkte der Kirchenvorstand von St. Michaelis 1966 dem Sohn von Henry Schwieger. Henry Schwieger (1865–1943) war Pastor an St. Michaelis gewesen und hatte in der Lutherkirche gepredigt. Sein Sohn Lothar Schwieger (1905–1994) war Pastor an St. Nikolai in Hamburg-Moorfleet. Nachdem dessen Erben das Pult an St. Michaelis zurückgegeben hatten, wurde das Adlerpult 2018 nach einer Restaurierung wieder in den liturgischen Dienst im Michel genommen. Das Adlerpult aus der Lutherkirche ist aus Eichenholz geschnitzt und gedrechselt.Alexander Röder: Das Adlerpult aus der Lutherkirche in der Karpfangerstraße. In: St. Michaelis Magazin, , Gemeindebrief Nr. 1, Dezember 2018 bis Februar 2019, S. 5 (online).
Über dem mittleren Portal der Kirche an der Karpfangerstraße stand eine überlebensgroße Luther-Statue von Harro Magnussen. Die Bronzefigur ist 2,20 m groß und wurde in der Bildgießerei Martin & Piltzing hergestellt. Die Statue zeigt Luther in der Tracht eines Augustinermönchs, in einer Hand einen Hammer und in der anderen Hand seine 95 Thesen. Die Tür der Schlosskirche, an die Luther seine Thesen genagelt haben soll, bildete den Hintergrund der Luther-Statue.Hamburgische Angelegenheiten – Die Einweihung der Lutherkirche. In: Hamburgisches Kirchenblatt, , Band 2, Nr. 49 (3. Dezember 1905), S. 401. Seit 1966 ist die Luther-Statue vor dem Pfarrhaus der Kirche St. Nikolai in Hamburg-Moorfleet aufgestellt.Wiebke Schwirten: St.-Nikolai-Kirche wahrt viele historische Schätze. In: Hamburger Abendblatt, 28. Dezember 2017 (siehe auch bei ).
Die Unterlagen zu Planung, Bau und der kirchlichen Nutzung der Lutherkirche werden im Archiv von St. Michaelis aufbewahrt.Ev.-Luth. Kirchenkreis Hamburg-Ost (Hrsg.): Findbuch zur Hauptkirche St. Michaelis (= Veröffentlichungen des Archiv des Kirchenkreises Hamburg-Ost Band 40). Teil 1, Teil 2. Archiv des Kirchenkreises Hamburg-Ost, Hamburg 2005 (Bearbeiterin Sabine Reyeros-Petsch). Der 2015 veröffentlichte Teil 3 verzeichnet keine Archivalien zu Lutherkirche.
Nachnutzung des Grundstücks 1950 wurde das Haus der Seemannsmission am Wolfgangsweg wieder aufgebaut. Gleichzeitig wurde der Plan gefasst, auf dem Grundstück der ausgebrannten Lutherkirche ein neues Altersheim für 70 bis 80 Seeleute zu bauen, das als Ersatz für das 1943 zerstörte Armen- und Altersheim am Steinhöft (Schaartor 15) dienen könnte. Durch Zusammenlegen der Grundstücke und des Betriebs sollten auch die laufenden Kosten reduziert werden.