mini|Gremmler beim Fotografieren der Borgwardwerke 1938
Karl Theodor Gremmler (* 4. Januar 1909 in Hannover; † 11. Juni 1941 in Heydebreck O.S.) war ein vor allem in Bremen und Berlin tätiger deutscher Fotograf.
Leben und Werk Herkunft Paul Berthold Karl Theodor Gremmler wurde als Sohn des Kaufmanns Karl Friedrich August Gremmler und dessen Ehefrau Elisa Marie Anna Gremmler, geb. Lankau in Hannover geboren. Er besuchte das Kaiser-Wilhelm-Gymnasium in Hannover und absolvierte nach Abschluss der Schule möglicherweise eine Ausbildung als Reklame-Kaufmann, allerdings ist über Jugendzeit und Ausbildung Gremmlers bislang nichts bekannt.
mini|Karl Theodor und seine Frau Elisabeth Gremmler 1938
Seitens des Kunsthandels wurde werbewirksam vermutet, dass der spätere Fotograf seine künstlerische Prägung bereits in Hannover erfahren habe. Er sei regelmäßiger Gast im legendären Salon der Käte Steinitz gewesen, in dem Kurt Schwitters, El Lissitzky, Mary Wigman, László Moholy-Nagy, Theodor Lessing und viele andere verkehrten, und habe dort Freundschaft mit Albert Renger-Patzsch geschlossen und auch Hein Gorny, seinen späteren Atelierpartner, kennengelernt.Bassange Photoauktionen GbR: Photography Auction 114, 4. Dezember 2019, Los 4201, Auktionskatalog, S. 144. Abgesehen von einer überlieferten, undatierten späteren Widmung an Käte Steinitz sind Kontakte in Künstlerkreise zu dieser Zeit bislang jedoch nicht belegbar. Wesentlichen Einfluss auf Gremmlers fotografische Entwicklung dürfte neben seiner Tätigkeit als Reklame-Kaufmann seine Ehefrau Elisabeth „Peschka“ Gremmler geb. Fischer (* 10. September 1905; † um 1974 in Rickenbach) gehabt haben, die er am 23. Juli 1932 in Bremen geheiratet hatte. Als Webmeisterin in der von Eberhard Ernst Osthaus gegründeten Handweberei Hohenhagen in den Räumen den Hohenhofs war sie mit dem Werkbund-Gedanken sicher bestens vertraut.
Anfänge in Bremen und erste Erfolge Nachweisbar ist, dass Gremmler – nach Information des Sohnes als Autodidakt – am 24. Oktober 1932 in Bremen ein Fotografengewerbe angemeldet hat. Dort betrieb er bis zum Juni 1935 ein Atelier in der Martinistraße 3/4. Anschließend zog er bis September 1937 in die Herderstraße 92. Danach befand sich sein Atelier bis Januar 1939 in der Elsasser Straße 68.
Ein genauerer Blick auf die ersten, wohl ab Herbst 1932 entstandenen Negative zeigt, dass sich Gremmler zu Beginn seiner fotografischen Tätigkeit beinahe systematisch an der Formensprache des Neuen Sehens und der Neuen Sachlichkeit abgearbeitet hat, die ihm aus der Werbebranche vertraut gewesen sein dürften, wohl ebenso die Gestaltungsprinzipien des Bauhauses. Seine frühesten Aufnahmen lassen vielfältige motivische wie stilistische Anlehnungen etwa an Albert Renger-Patzsch, Aenne Biermann, Ilse Bing oder auch an Hein Gorny deutlich erkennen. Eine seiner frühesten Fotografien, Negativ Nr. 17, aufgenommen am Arbeitsplatz der Ehefrau in der Handweberei Hohenhagen, erschien mit dem Bildtitel „Schiffchen im offenen Fach“ schon im März 1933, kurz nach der Geburt des Sohnes Tomas (* 26. Februar 1933 in Bremen; † 30. März 2020 in Uffing am Staffelsee), als Titelbild der Werkbund-Zeitschrift „Die Form: Zeitschrift für gestaltende Arbeit“.
Tätigkeit für das Nordsee-Magazin Wenig später, im Juni 1933, konnte Gremmler eine erste Aufnahme im Nordsee Magazin platzieren, der Kundenzeitschrift der Nordsee Deutsche Hochseefischerei. Bereits im Folgemonat erschien eine seiner Fotografien, ein Stillleben mit Fischen, auf dem Cover der Zeitschrift, die er fortan regelmäßig mit Bildmaterial belieferte. Abgedruckt wurden nicht nur seine die Ästhetik der Moderne fortschreibenden Aufnahmen, sondern auch Fotomontagen als wesentliches Stilmittel des Neuen Sehens, die im ersten Jahr der NS-Diktatur noch als probates Werbe- und Agitationsinstrument einsetzbar waren, bevor sie wegen allzu großer Nähe zur Exilpropaganda, insbesondere zu den Arbeiten John Heartfields für die Arbeiter-Illustrierte-Zeitung, nicht mehr erwünscht waren.
Der recht schnelle Erfolg Gremmlers darf als typisch für die Umbruchsituation nach der Machtergreifung betrachtet werden. Nach der Arisierung der Branche durch das Schriftleitergesetz und der Emigration führender Köpfe bestand eine hohe Nachfrage nach jungen Bildjournalisten. Das Nordsee Magazin bot Gremmler Raum auch für Experimente und künstlerisch ambitionierte Fotografien, war aber vor allem der Devise „Esst mehr Fisch!“ verpflichtet. Die Erhöhung des Fischkonsums war zentrales Anliegen der Firma und ihrer Firmenzeitschrift und zugleich ernährungswirtschaftliches Staatsziel. Insofern waren Gremmlers Aufnahmen unmittelbar in die Propagandamaschinerie eingebunden, stehen jedoch gleichzeitig in der Tradition avantgardistischer Bildsprache.
Das an Bauhaus und Werkbund orientierte Selbstverständnis des Fotografen demonstrieren unter anderem auch seine in Futura gesetzten Briefköpfe, die in Typografie und Layout an Publikationen des Verlag Hermann Reckendorf erinnern, der nicht nur bis 1932 „Die Form“ herausgab, sondern auch Werner Graeffs epochales „Es kommt der neue Fotograf!“ (1929) oder Paul Renners „Mechanisierte Grafik. Schrift, Typo, Foto, Film, Farbe“ (1930).
Während der Fotograf diese Linie konsequent weiterverfolgte, veränderte sich das Layout des Nordsee Magazins, das ab 1935 in Fraktur gesetzt wurde und sich von einer Kundenzeitschrift zum NS-Organ für Verbrauchslenkung mit dem Ziel wirtschaftlicher Autarkie wandelte. Die Nordsee AG, nun zu 49 % im Aktienbesitz der niederländisch-britischen Unilever, war nur noch Anzeigenkunde. Die von Wilhelm Roloff eingeführte moderne Werbesprache blieb – in Grundzügen – jedoch erhalten, ebenso die Ausrichtung auf zu steigernden Fischverzehr. Das interessengeleitete Nordsee Magazin eröffnete Gremmler nicht nur ein Schaufenster für seine Fotografien mit sehr hoher Reichweite (Auflage bis 252.000 Exemplare 1937), vor allem war es die Basis für seine langjährige Zusammenarbeit mit dem Verleger Hans A. Keune sowie mit der Fischindustrie.
Künstlerischer Durchbruch Nach weniger als zwei Jahren Fotopraxis werden Gremmlers Fotografien jedoch nicht nur von der Werbeindustrie und von deutschen Zeitschriftenlesern rezipiert, sondern auch international wahrgenommen. So waren einige seiner Aufnahmen bereits 1934 in der renommierten Ausstellung XXIXe Salon international d’art photographique zu sehen, die in Paris von der Société française de photographie et de cinématographie ausgerichtet worden ist. Im Folgejahr erschienen gleich drei dieser Aufnahmen im jährlichen Sonderheft Photographie der von Charles Peignot gegründeten französischen Kunstzeitschrift Arts et Métiers Graphiques (AMG), also in einem der wichtigsten Schaufenster der internationalen Foto-Avantgarde – neben Fotografien von Margaret Bourke-White, Marianne Breslauer, Hein Gorny, Florence Henri, Ewald Hoinkis, Horst P. Horst und zahlreichen anderen – in einer „Foto-Jahreszeitung mit großen Absichten der Kunst- und Berufsfotografie, fortgesetzt in jährlich vorgelegten Arbeiten der Besten“.
Arbeitswelt und Frauenarbeit Ein weiteres publizistisch erfolgreiches Thema Gremmlers waren Fotografien aus der Arbeitswelt, insbesondere von berufstätigen Frauen in unterschiedlichsten Berufen. Ob diese Aufnahmen im Auftrag der Deutschen Arbeitsfront bzw. des Deutschen Frauenwerks entstanden sind, oder ob Gremmler damit die Aufmerksamkeit der Massenorganisationen gewonnen hatte, bedarf noch der Klärung. Acht seiner Fotografien erschienen im November 1935 unter dem Titel „Das Gesicht der berufstätigen Frau“ in der NS-Frauen-Warte, nachdem sie zuvor in größerer Auswahl in Form hinterleuchteter Großdiapositive in der Düsseldorfer Ausstellung „Frau und Volk“ gezeigt worden waren. Im Folgejahr erschienen die Fotos zudem als opulenter Bildband mit dem Titel „Tagewerk und Feierabend der schaffenden deutschen Frau“. Das Buch erschien viersprachig und ist als Facette der Auslands-Propaganda im Olympiajahr zu verstehen. Auch dieser Propaganda-Band bot Gremmler Raum für eine moderat-moderne Bildsprache: Blicke von oben, diagonale Reihung, Aus- und Anschnitte, Untersichten. Die Publikation zeigt, wie kompositionelle Grundmuster der Ende der 1920er Jahre entwickelten Moderne in Symbolketten und Bedeutungsmuster des NS-Staates eingepasst wurden. Die Anknüpfung an Elemente des Neuen Sehens diente, so Rolf Sachsse, der Herausstellung von Modernität und Weltläufigkeit des NS-Staates.
Für den Fotografen beförderte diese Publikation seine Aufnahme in die auf künstlerische Fotografie ausgerichtete, 1933 gleichgeschaltete Gesellschaft Deutscher Lichtbildner und seinen Bekanntheitsgrad: so wurde eine Aufnahme aus „Tagewerk und Feierabend der schaffenden deutschen Frau“ in „Das Deutsche Lichtbild – Jahresschau 1937“ aufgenommen. Während sich die Fotografien aus der Arbeitswelt durch eine eher zurückgenommen-moderne Bildsprache auszeichnen, bewegte sich Gremmler bei Marketing und multimedialer Verwendung seiner Bilder auf der Höhe der Zeit: Ausstellung, Zeitschrift, Bildband.
Werbung und Fotokunst mini|Lochmaschine für Schutzbleche, Wanderer-Werke Das wichtigste Standbein des Fotografen blieb jedoch seine Tätigkeit für die Industrie. Er übernahm Werbeaufträge für zahlreiche Firmen (AEG – Bahlsen – Blaupunkt – Borgward – Kaffee Hag – Telefunken – Wanderer-Werke – u. v. m.) und etablierte sich als „Ein Meister der Werbephotographie“, so im Juli 1937 der Titel eines Portfolios in der Zeitschrift „Gebrauchsgraphik“.
Im gleichen Jahr wurde sein Schaffen in einer rund 200 Arbeiten umfassenden Einzelausstellung im Oldenburgischen Landesmuseum gewürdigt, die im Anschluss im Museum Folkwang gezeigt worden ist. Die Aufnahmen wurden in der Presse als „Meisterleistungen“ rezipiert „im Hinblick auf Komposition der Bilder und vor allem auf ihre technische Durchbildung“.Carl Ulrich: Photoausstellung im Landesmuseum, in: Oldenburger Staatszeitung, 15. Mai 1937 Der Oldenburger Direktor Walter Müller-Wulckow war einer der ersten Museumsleiter, der Fotografie als Kunstform wahrnahm und 1929 Werke von Aenne Biermann und Albert Renger-Patzsch ausstellte, außerdem Karl Blossfeldt – und später Karl Theodor Gremmler. Bereits vor der Oldenburger Retrospektive hatte eine mehrjährige Zusammenarbeit Gremmlers mit Müller-Wulckow bzw. dem Landesmuseum begonnen. Gremmler erhielt unter anderem den Auftrag, für den „Führer durch das Kunsthandwerk und die heimatlichen Altertümer an Hand der Neuerwerbungen“ (1938) Sach- und Objektaufnahmen anzufertigen.
mini|Fischverkäufer (Aufnahme von der Weihnachts-Silvesterfahrt) Mit seiner Aufnahme in die GDL, seiner Präsenz in „Das Deutsche Lichtbild“, seiner positiven Rezeption in der Fachpresse sowie mit der musealen Personalausstellung ging offensichtlich auch ein beträchtlicher finanzieller Erfolg einher. Etliche Negative zeigen Gremmler mit seiner Familie als stolzen Besitzer eines Borgward Hansa 1100 Cabriolets, zudem leistete er sich Schiffsreisen: Vom 20. Dezember 1938 bis zum 6. Januar 1939 nahm er mit seiner Frau an der „Weihnachts-Silvesterfahrt“ des Norddeutschen Lloyd mit der Steuben teil (Bremerhaven–Lissabon–Nordafrika–Madeira–Kanarische Inseln–Bremerhaven).
Umzug nach Berlin mini|Translag Waschhalle in Berlin-Kreuzberg (1938) Nach diesen beruflichen Erfolgen verlegte Gremmler seinen Standort im Januar 1939 nach Berlin und damit in das Zentrum der deutschen Presselandschaft. Ende 1938 hatte er das Atelier von Hein Gorny am Kurfürstendamm 35 gekauft, das dieser 1935 seinerseits von Lotte Jacobi übernommen hatte, die als Jüdin nach New York emigrieren musste. Die von Gorny ursprünglich geplante Emigration in die USA scheiterte jedoch, so dass Karl Theodor Gremmler und Hein Gorny das Berliner Atelier ab etwa Februar 1939 zunächst als „Fotografie Gremmler-Gorny. Atelier für moderne Fotografie“ gemeinsam betrieben. Ab circa 1940 firmieren beide Fotografen weiterhin unter gleicher Adresse, jedoch als separate Studios.