(englisch für „Die Beschmutzung von Old Glory“) ist eine Schwarzweißfotografie des US-amerikanischen Fotografen Stanley Forman. Sie zeigt einen weißen Jugendlichen, der mit einer US-Flagge – auch Old Glory genannt – einen schwarzen Mann attackiert. Das Foto entstand am 5. April 1976 in Boston während einer Demonstration. Diese war Teil des jahrelangen Kampfs von Teilen der weißen Bostoner Bevölkerung gegen das sogenannte Busing, bei dem durch den Bustransport von Schülern Ungleichgewichte bei der ethnischen Zusammensetzung der Schülerschaft einzelner Schulen bekämpft werden sollten.
Einen Tag nach ihrer Entstehung erschien die Fotografie in vielen US-Zeitungen, unter anderem im Boston Herald American, bei dem Forman angestellt war. Sie rief zahlreiche Reaktionen aus Politik und Bevölkerung hervor und ging in das kollektive Gedächtnis der Stadt ein. Forman erhielt 1977 für das Foto den Pulitzer-Preis in der Kategorie Spot News Photography.
Entstehungshintergrund Bostoner Busing-Krise 1954 hatte der Oberste Gerichtshof der Vereinigten Staaten in seiner Entscheidung Brown v. Board of Education die in erster Linie in den Südstaaten vorherrschende rechtliche Rassentrennung in öffentlichen Schulen für verfassungswidrig erklärt. In den nördlichen Bundesstaaten waren Regelungen und Gesetze zur Rassentrennung schon in den 1940er und 1950er Jahren aufgehoben worden. Dennoch nahm die faktische Trennung in schwarze und weiße Schulen in diesen Staaten zu und war Anfang der 1970er Jahre mit der Situation in den Südstaaten vergleichbar. Dies war vor allem auf die räumliche Trennung der Wohnsitze von Weißen und Schwarzen zurückzuführen.Louis P. Masur: The Soiling of Old Glory. 2008, S. 28–29.
1965 erließ der Bundesstaat Massachusetts den Racial Imbalance Act, der die faktische Rassentrennung an öffentlichen Schulen illegal machte. Es war das erste Gesetz seiner Art in den USA und definierte eine Schule als „ethnisch unausgeglichen“ (racial imbalanced), wenn der Anteil von nicht-weißen Schülern 50 Prozent übersteigt. Falls das zuständige Schulkomitee keine Maßnahmen gegen dieses Ungleichgewicht ergriff, drohte das Gesetz mit der Streichung der finanziellen Hilfen des Bundesstaats für die Schulen.Louis P. Masur: The Soiling of Old Glory. 2008, S. 34.
Das Bostoner Schulkomitee, zuständig für die öffentlichen Schulen der Hauptstadt des Bundesstaates, bekämpfte das Gesetz in den folgenden Jahren und setzte die geforderte Desegregation der Schulen nicht um. Zwischen 1965 und 1971 stieg die Anzahl der als „ethnisch unausgeglichen“ geltenden Schulen in Boston sogar an. Im März 1972 reichte die schwarze Bürgerrechtsorganisation NAACP deshalb eine Klage gegen das Schulkomitee ein. Zwei Jahre später entschied der Richter W. Arthur Garrity Jr. im als Morgan v. Hennigan bezeichneten Fall, dass im Bostoner Schulsystem verfassungswidrig eine Rassentrennung aufrechterhalten werde. Als Gegenmaßnahme ordnete er das sogenannte Busing von etwa 17.000 Schülern an. Dabei sollten mit Schulbussen weiße Schüler zu Schulen mit mehrheitlich schwarzen Schülern und schwarze Schüler zu Schulen mit mehrheitlich weißen Schülern gefahren werden. Besonders kontrovers war dabei die Entscheidung, die Schüler zwischen South Boston und Roxbury auszutauschen, die zu den ärmsten Stadtteilen Bostons gehörten. Während die Einwohner von Roxbury mehrheitlich schwarz waren, wurde South Boston vor allem von irischstämmigen Weißen bewohnt und war eine Hochburg der Busing-Gegner.Louis P. Masur: The Soiling of Old Glory. 2008, S. 38–41.
Die Maßnahmen sollten mit Beginn des neuen Schuljahres im September 1974 umgesetzt werden. Es kam jedoch zu großen Protesten. Am ersten Schultag nahmen in der South Boston Highschool weniger als 10 Prozent der Schüler an dem Unterricht teil, in der Roxbury Highschool fehlten fast alle weißen Schüler. Die Proteste hielten an, vermehrt kam es zu Gewalt zwischen Schwarzen und Weißen an Schulen, aber auch außerhalb davon. Dies hatte Auswirkung auf die stark schwankenden Teilnehmerzahlen der Schüler.Louis P. Masur: The Soiling of Old Glory. 2008, S. 44–48. Trotz der Proteste wurden im September 1975 gemäß dem von Richter Garrity verfügten Plan die Busing-Maßnahmen auf den Stadtteil Charlestown ausgeweitet, der eine ähnliche Bevölkerungszusammensetzung wie South Boston hatte.Louis P. Masur: The Soiling of Old Glory. 2008, S. 52.
Unzufrieden mit der Umsetzung seiner Verfügungen entzog Garrity im Dezember 1975 dem Bostoner Schulkomitee die Autorität über die South Boston Highschool und stellte die Schule unter die Zwangsverwaltung des Gerichts. Der Schulleiter wurde auf seine Anordnung versetzt und durch einen Lehrer aus Minnesota ersetzt, der am 1. April 1976 seine Arbeit aufnahm.Louis P. Masur: The Soiling of Old Glory. 2008, S. 52–53. Am folgenden Tag, einem Freitag, wurden in der South Boston Highschool und der Charlestown Highschool Flugblätter verteilt, die zu einer Demonstration gegen die Maßnahmen am folgenden Montag, dem 5. April, auf der Bostoner City Hall Plaza aufriefen.Louis P. Masur: The Soiling of Old Glory. 2008, S. 1.
Demonstration am 5. April 1976 mini|One Washington Mall gegenüber des Bostoner Rathauses im Jahr 2011. Hier wurde Landsmark angegriffen. Die Mall ist im Hintergrund der unbeschnittenen Aufnahme zu sehen. Zur Demonstration erschienen etwa 200 weiße Schüler. Einer von ihnen war der 17-jährige Joseph Rakes aus South Boston, der die US-Flagge seiner Familie dabei hatte. Die Schüler betraten das Rathaus, wo einige von ihnen der Vorsitzenden des Stadtrats Louise Day Hicks eine Liste mit ihren Forderungen überreichten. Hicks war selbst eine führende Gegnerin der Busing-Maßnahmen in Boston und lud die Demonstranten in den Ratssaal ein, wo sie gemeinsam den Pledge of Allegiance gegenüber der Nation und der Flagge der USA aufsagten. Nachdem die Gruppe das Rathaus wieder verlassen hatte, trafen sie auf dem Platz vor dem Rathaus auf zwei schwarze Männer, darunter Ted Landsmark, einen Juristen des Bauunternehmer-Verbandes, der auf dem Weg zu einer Diskussion im Rathaus über die Beschäftigung von Schwarzen bei Bauarbeiten war.Louis P. Masur: The Soiling of Old Glory. 2008, S. 1–4. Einige der Demonstranten gingen auf die beiden Männer los. Während der eine fliehen konnte, wurde Landsmark zu Boden gestoßen, geschlagen und getreten. Jim Kelly, Organisator der Demonstration und einer der Erwachsenen, die die Schüler begleiteten, rannte zum Ort des Angriffs und half Landsmark auf die Beine. In diesem Moment schwang Joseph Rakes seine Flagge in Richtung Landsmark, verfehlte ihn aber. Kelly und anderen Erwachsenen gelang es danach, den Angriff zu beenden. Der gesamte Vorfall dauerte etwa 15 bis 20 Sekunden. Landsmarks Nase war gebrochen und seine Brille zerstört worden.Louis P. Masur: The Soiling of Old Glory. 2008, S. 17–18.
Der beim Boston Herald American beschäftigte Fotoreporter Stanley Forman hatte erst bei Schichtbeginn von der Anti-Busing-Demonstration erfahren. Da solche Demonstrationen zur Routine geworden waren, hatte er sich nicht besonders beeilt, zur City Hall Plaza zu kommen. Deshalb erreichte er sie erst, als die Jugendlichen das Rathaus bereits wieder verließen. Daher war er in unmittelbarer Nähe des Angriffs auf Landsmark, während andere anwesende Fotografen sich hinter der Menschenmenge befanden. Er fotografierte den Angriff mit einer Nikon-Kamera, die mit einem Motorantrieb ausgestattet war und auf die er ein Weitwinkelobjektiv mit einer Brennweite von 20 Millimeter geschraubt hatte. Als Belichtungszeit hatte er 1/125 Sekunden eingestellt. Kurz vor Rakes’ Flaggen-Angriff auf Landsmark blockierte der Motorantrieb der Kamera, wodurch mehrere Fotos doppelt belichtet wurden. Forman schaltete deswegen auf manuellen Betrieb um. Damit gelang ihm die Aufnahme des Angriffs mit der Flagge. Insgesamt machte Forman mit dieser Kamera siebzehn Aufnahmen von der Demonstration, sechs weitere entstanden mit einer anderen Nikon-Kamera ohne Motorantrieb und einem 35-Millimeter-Objektiv.Louis P. Masur: The Soiling of Old Glory. 2008, S. 9, 17, 59, 75, 78–79.
Beschreibung
Die unbeschnittene Variante von The Soiling of Old Glory zeigt den Angriff auf Landsmark im Vordergrund links, während rechts Menschen zu sehen sind, die auf den Angriff blicken. Bekannt wurde aber vor allem die Version, die rechts, oben und unten stark beschnitten wurde und so auf den Angriff fokussiert ist. Diese Version zeigt den Angriff mit der Flagge im Vordergrund, im Hintergrund sind mehrere Jugendliche zu sehen, von denen die meisten auf den Angriff blicken. Das Foto ist links und rechts von hohen Gebäuden begrenzt. Sie erzeugen gemeinsam mit dem Kopfsteinpflaster des Bodens vertikale Linien, die dem Foto Tiefe verleihen. Während der Vordergrund im Schatten liegt, wird der Hintergrund von der Sonne beschienen. Am Ende des Weges zwischen den beiden Gebäuden ist das Old State House zu sehen, das älteste noch stehende öffentliche Gebäude von Boston.Louis P. Masur: The Soiling of Old Glory. 2008, S. 59–63.
Auf dem Foto befindet sich Rakes links und richtet die Stange seiner Flagge nach rechts. Er hat einen Ausfallschritt gemacht und scheint Landsmark wie mit einer Lanze aufspießen zu wollen. Dieser steht rechts leicht zusammengesunken auf seinem rechten Bein, das linke hat er nach hinten angewinkelt. Hinter ihm steht ein Mann, der ihn festzuhalten scheint. Es sieht so aus, als wolle er sicherstellen, dass der Angreifer Landsmark mit seiner Flagge auch trifft. Den ersten Eindruck, den das Foto bezüglich Rakes’ Angriff und dem Mann hinter Landsmark macht, ist jedoch falsch. Auf einem Foto, das unmittelbar vor The Soiling of Old Glory entstand, ist erkennbar, dass Rakes nicht mit der Flaggenstange auf Landsmark einstechen wollte, sondern die Flagge in Richtung seines Opfers schwang. Bei dem Mann hinter Landsmark handelt es sich um Jim Kelly. Statt ihn festzuhalten, hilft er dem gerade noch auf allen vieren Kriechenden auf.Louis P. Masur: The Soiling of Old Glory. 2008, S. 87–88.
Veröffentlichung und Reaktionen Stanley Forman kehrte nach dem Vorfall in die Redaktion des Boston Herald American zurück, um die entstandenen Fotos zu entwickeln. Statt dies von Hand zu tun, nutzte er eine automatische Entwicklermaschine, die zwar sehr viel schneller war, bei der aber das Risiko bestand, dass die Negative zerstört werden.Louis P. Masur: The Soiling of Old Glory. 2008, S. 54–55.
Trotz Bedenken in der Redaktion, dass das Foto zu ethnischen Spannungen oder Unruhen führen könnte, entschied Chefredakteur Sam Bornstein, es auf der ersten Seite der kommenden Ausgabe zu bringen. Die Schlagzeile betraf den Tod des Unternehmers Howard Hughes. Darunter erschien in der Mitte der ersten Seite unter der Überschrift („Jugendliche verprügeln schwarzen Juristen vor dem Rathaus“). Das Foto wurde oben, unten und rechts stark beschnitten, sodass der Fokus auf den Jugendlichen mit der Flagge und Landsmark gelegt wurde. Unterhalb des Fotos war eine weitere Aufnahme Formans von dem Ereignis abgebildet, die Landsmark zeigt, wie er am Boden liegend von einem Jugendlichen getreten wird. Es ist eines der Fotos, die Forman nach dem Defekt des Motorantriebs aufnahm. Der doppelt belichtete Teil war abgeschnitten worden.Louis P. Masur: The Soiling of Old Glory. 2008, S. 55, 58, 79.
Das Foto erschien am 6. April auch in vielen anderen US-Zeitungen. Es war beispielsweise auf der Titelseite der Washington Post, der Chicago Tribune, des San Francisco Chronicle und des Hartford Courant abgebildet, in der New York Times erschien es im Innenteil. Auch in der Nachrichtensendung ABC Evening News wurde es während eines Berichts über den Angriff auf Landsmark gezeigt. Daneben erschien es in internationalen Zeitungen, unter anderem in England, Deutschland und Ägypten.Louis P. Masur: The Soiling of Old Glory. 2008, S. 121.