Deutsches Ju-Jutsu ist ein modernes, offenes Selbstverteidigungssystem sowie eine Kampfkunst und ein Wettkampfsport mit unterschiedlichen Disziplinen.

Jū-Jutsu (japanisch ) als (übersetzt) „sanfte Kunst“ oder „sanfte Technik“ basiert hauptsächlich auf Selbstverteidigungstechniken. Jede Verteidigungstechnik ist gegen mehrere Angriffsarten (vergleiche Angriffsstufen) anwendbar. In Kombinationen können die Techniken sinnvoll verbunden und in der freien Verteidigung gegen freie Angriffe als echte Selbstverteidigung angewendet werden. Bei dieser Methode wird bereits mit einer kleinen Auswahl von Verteidigungstechniken von Anfang an ein größtmöglicher Nutzeffekt durch variable Anwendung erzielt. Bestehende Konzepte werden kontinuierlich erweitert und optimiert, ohne sich an die Einschränkungen bestimmter Stile oder Philosophien zu halten (vergleiche Jeet Kune Do). Deshalb ist Ju-Jutsu auch eine Selbstverteidigungsart, die für jedermann geeignet ist, egal ob klein oder groß, jung oder alt. Jeder kann sich im Ju-Jutsu auf für ihn geeignete Techniken spezialisieren. Die Ju-Jutsu-Praktizierenden werden als Ju-Jutsuka bezeichnet.

Der Sport wird durch den Dachverband Deutscher Ju-Jutsu-Verband (DJJV) im Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) organisiert. Dieser entwickelt das Regelsystem und die Prüfungsvorschriften weiter, regelt die Verleihung von Gürtelgraden und übernimmt die Organisation von Wettkämpfen. Darüber hinaus gibt es noch Sportverbände, welche Ju-Jutsu praktizieren. Diese sind jedoch nicht im Deutschen Olympischen Sportbund organisiert und haben ihre eigenen Ordnungen, Satzungen und Prüfungsordnungen. Der bekannteste Verband ist das Deutsche Dan Kollegium.

mini|Ju-Jutsuka im traditionellen Keikogi beim Üben

Geschichte Ursprünge Die Wurzeln des modernen Ju-Jutsu sind Aikidō und Judo (die aus traditionellen Kampfkünsten wie Daitō-ryū Aiki-jūjutsu, Kitō-ryū und Tenjin Shinyō-ryū entstanden sind und ihrerseits viele Jiu-Jitsu-Elemente enthalten) sowie Karate. Aus jeder dieser Kampfkünste wurden die für das System Ju-Jutsu besten Techniken genommen. Die Techniken wurden auf die Bedürfnisse des Ju-Jutsu abgestimmt und werden deshalb nicht zwingend genau so ausgeführt wie in der Original-Budōsportart, der sie entstammen. Aikidō: Hebel- und Wurftechniken Judo: Fall-, Wurf-, Hebel- und Bodentechniken Karate: Atemi-Techniken (Schläge und Tritte)

Durch die Reformierung im Jahr 2000 sind über die drei oben genannten Kampfstile hinaus Techniken aus Kampfsportarten wie Kick- bzw. Thaiboxen und Ringen sowie Techniken aus den chinesischen und philippinischen Kampfkünsten aufgenommen worden. Die Messer- und Stockabwehr wurde dabei zum Großteil den philippinischen Kampfkünsten entnommen. Es werden aus jedem Kampfsport und jeder Kampfkunst die effektivsten Techniken zur Selbstverteidigung verwendet, auf den Ju-Jutsuka zugeschnitten und mit anderen Techniken verschiedenster Kampfsport- und Kampfkunstarten kombiniert.

Entstehung 1967 wurden Franz-Josef Gresch, Werner Heim, Otto Brief, Richard Unterburger,ESV München: In: ju-jutsu-esv.de, Ju-Jutsu-Abteilung des ESV-MünchensBJV: Klaus Münstermann und weitere Dan-Träger vom Deutschen Dan-Kollegium damit beauftragt, Techniken aus Jiu Jitsu, Judo, Karate, Aikidō und anderen Kampfsportarten zu einem neuen Selbstverteidigungssystem zusammenzustellen. Auftraggeber war das Bundesinnenministerium, das für Polizei, Zoll, Justiz und Streitkräfte ein effektives, stiloffenes und stilübergreifendes System der waffenlosen Selbstverteidigung suchte. So wurden aus den erwähnten Kampfkunststilen diejenigen Techniken zusammengefasst, die für die tägliche Praxis dieser Berufsgruppen am besten erschienen. Da die „sanften“ Techniken gegenüber Tritten und Schlägen überwogen, wurde es „Sanfte Kunst“ genannt, Ju-Jutsu. Die erste vollständige Fassung des neuen Regelsystems wurde am 22. April 1969 veröffentlicht.

1990 wurde der eigenständige Dachverband „Deutscher Ju-Jutsu-Verband“ gegründet, welcher unabhängig vom Deutschen Judo-Bund und dem Deutschen Dan-Kollegium ist. Die Bundesgruppe Ju-Jutsu im Deutschen Dan-Kollegium hat sich im Jahr 1992 aufgelöst. Im Jahr 2000 setzte der DJJV eine neue Prüfungsordnung in Kraft. Unter der Leitung von Bernd Hillebrand, 7. Dan und damaliger Technischer Direktor im DJJV, hat eine Arbeitsgruppe das Programm grundsätzlich überarbeitet. Aspekte des methodischen Aufbaus, Verbesserung des Zweikampfverhaltens und eine deutlich breitensportlichere Ausrichtung standen dabei im Vordergrund.

Entwicklung Wegen seines offenen Konzepts fand Ju-Jutsu schnell Anhänger unter den Bediensteten der Sicherheitsbehörden (Polizei, Justiz, Bundespolizei, Zoll), die es als waffenlose Selbstverteidigung in ihrer Behörde kennengelernt hatten. Diese trugen es aus den Behörden in Sportvereine, und bald entstanden unterschiedlichste Dachverbände, in denen Ju-Jutsu betrieben wurde. Um organisiert Sport in Form von Wettkämpfen zu betreiben und um einheitliche und vergleichbare Graduierungsstandards zu haben, erließen diese Verbände für ihre Bereiche gültige Prüfungs- und Wettkampfordnungen. Seitdem ist Ju-Jutsu kein gänzlich offenes System mehr. Auch wenn diese Prüfungsordnungen den Umfang der Techniken nicht beschnitten, sondern lediglich festlegten, welche Techniken mindestens für eine Graduierung erbracht werden müssen, entstand für Viele, auch viele Ju-Jutsuka, der Eindruck, dass es sich nur bei diesen Techniken um die „amtlichen“ Techniken handele. Verschiedenste Prüfungs- und Wettkampfvorschriften waren bundesweit verbreitet.

Prinzip und Technik Ju-Jutsu besteht aus folgenden Elementen: Bewegungslehre Falltechniken (Fallschule) Abwehrtechniken Bodenkampf Atemitechniken (verschiedene Stoß-, Schlag- und Tritttechniken sowie Blocktechniken, Knie und Ellenbogen mit inbegriffen) Wurftechnik Hebeltechniken Würgetechniken Sicherungstechniken, Festlegetechniken Nothilfe-Techniken Waffenabwehr, gezielte Entwaffnung von Gegnern Transporttechniken Nervendruckpunkttechniken

Ju bedeutet nachgeben oder ausweichen, wörtlich „sanft“ und Jutsu „Kunst“ oder „Kunstgriff“. Ju-Jutsu ist also die Kunst, durch Nachgeben oder Ausweichen mit der Kraft des Angreifers zu siegen. Falls erforderlich, kann ein Angriff jedoch auch in direkter Form mit „Atemi-Techniken“ (Stoß-, Schlag-, Tritt- oder Blocktechniken) abgewehrt werden. Alle Angriffe werden in harter oder weicher Form nach dem Prinzip der Verhältnismäßigkeit genutzt. Die freie Übersetzung von Ju erfolgt somit besser mit „flexibel“, Ju-Jutsu ist die Kunst, flexibel und vielseitig auf einen Angriff zu reagieren.

Durch beständiges Üben werden die Bewegungsabläufe erlernt und automatisiert. In Trainingskämpfen – Randori – kann der Einsatz der Techniken in realitätsnahen Situationen geübt und erprobt werden.

Gürtelgrade Der Gürtelgrad zeigt den Fortschritt einer Person im Ju-Jutsu an. Zu unterscheiden in Schüler- (Kyū-) und Meister- (Dan-)Grade. Erworben wird der Gürtel durch Bestehen einer Prüfung oder durch Verleihung. Dan-Grade oberhalb des 5. Dan können nur noch verliehen werden. Träger des 6. Dan oder höher werden auch als Großmeister bezeichnet.

Schülergrade Mit Kyū werden die Schülergrade bezeichnet. Prüfungen bis zum 3. Kyū werden im Verein durchgeführt. Die Prüfungen zum 1. und 2. Kyū werden in manchen Bundesländern auch noch im Verein, in anderen jedoch auf Bezirks- bzw. Landesebene durchgeführt. Grundsätzlich wird bei einer Prüfung zum 1. oder 2. Kyū ein zweiter, vereinsfremder Prüfer hinzugezogen.

Kyū Grad 6. Kyū 5. Kyū 4. Kyū 3. Kyū 2. Kyū 1. Kyū Gürtelbild 60px|Weißer Gürtel 60px|Gelber Gürtel 60px|Oranger Gürtel 60px|Grüner Gürtel 60px|Blauer Gürtel 60px|Brauner Gürtel Gürtelfarbe weiß gelb orange grün blau braun Vorbereitungszeit (Anfänger) 6 Monate 6 Monate 6 Monate 6 Monate 12 Monate

Schülergrade unter 14 Jahren Für Kinder wurde, um sie zu motivieren und zum nächsten Vollgurt hinzuführen, eine Kinderprüfungsordnung erstellt. Bei Kindern werden die Grade wie folgt aufgeteilt:

6. Kyū 6.1 Kyū 6.2 Kyū 5. Kyū 5.1 Kyū 5.2 Kyū 4. Kyū 4.1 Kyū 3. Kyū 3.1 Kyū 2. Kyū 2.1 Kyū 1. Kyū Gürtelfarbe weiß weiß mitgelbemAufnäher weiß- gelb gelb mitorangemAufnäher gelb- orange orange-grün grün- blau blau- braun gelb orange grün blau braun Mindestalter frei 7 Jahre 8 Jahre 9 Jahre 10 Jahre 11 Jahre 11 Jahre 12 Jahre 13 Jahre 13 Jahre 14 Jahre 14 Jahre 16 Jahre

Meistergrade Den Kyū, den Schülern, folgen die Dan-Grade für den „Meister“. Für den 1. Dan ist ein Mindestalter von 18 Jahren vorgeschrieben. Der 1. Dan muss per Prüfung erlangt werden, alle anderen Graduierungen können auch vergeben werden. Die letzte Graduierung, die per Prüfung erlangt werden kann, ist der 5. Dan. Alle weiteren Grade werden verliehen.

1. Dan 2. Dan 3. Dan 4. Dan 5. Dan 6. Dan 7. Dan 8. Dan 9. Dan 10. Dan Gürtelbild 60px|Schwarzer Gürtel 60px|Schwarzer Gürtel 60px|Schwarzer Gürtel 60px|Schwarzer Gürtel 60px|Schwarzer Gürtel 60px|Rot-weißer Gürtel 60px|Rot-weißer Gürtel 60px|Rot-weißer Gürtel 60px|Roter Gürtel 60px|Roter Gürtel Gürtelfarbe schwarz schwarz schwarz schwarz schwarz rot- rot- rot- rot rot weiß weiß weiß Vorbereitungszeit 1 Jahr 2 Jahre 3 Jahre 4 Jahre 5 Jahre 6 Jahre 6 Jahre 6 Jahre 6 Jahre 6 Jahre

Am Gürtelende können Streifen zur Unterscheidung der Dan-Grade getragen werden. Es ist auch möglich, Rot-Schwarz oder weiterhin den schwarzen Gurt anstatt Rot-Weiß zu tragen. Die Prüfungsprogramme sind in Vorschriften festgelegt, die auch online zugänglich sind.

Wettkampfsysteme Im Ju-Jutsu finden verschiedene Wettkämpfe statt, welche von unterschiedlichen Gruppen und Verbänden ausgerichtet werden. Die Wettkampfsysteme sind: Duo-System Fighting-System Ne-Waza (BJJ) Show Allkampf / Combat

Das Fighting-System und das Duo-System unterscheiden sich in erster Linie darin, dass beim Fighting jeder für sich („Mann gegen Mann“ mit frei wählbaren Techniken und Taktiken) kämpft. Beim Duo präsentiert ein 2er Team gemeinsam vorgegebene Selbstverteidigungskombinationen, die (vergleichbar dem Eiskunstlauf) von fünf Kampfrichtern mit einem bis zehn Punkten (Ausführung, Schnelligkeit, Realitätsnähe, Vielfalt, Ausdruck) bewertet werden. Beide Wettkampfformen werden auf einer Mattenfläche von 12 × 12 Metern ausgetragen. Beim Fighting sind ein Haupt- oder Mattenkampfrichter (HK) und zwei Seitenkampfrichter (SK) sowie ein Tischkampfrichter im Einsatz. Beim Duo gibt es einen Haupt- oder Mattenkampfrichter und das Kampfgericht, bestehend aus fünf lizenzierten Kampfrichtern.

Ju-Jutsu Fighting Kampfverlauf und allgemeine Regelungen Die Kampfzeit eines Kampfes beträgt 1 × 3 Minuten, in den jüngeren Altersklassen 1 × 2 Minuten. Bis ins Jahr 2000 waren es noch 2 × 2 Minuten mit einer Minute Kampfpause. Es wird gemäß der internationalen Vorgaben mit rotem oder blauem Gürtel gekämpft. Das Tragen einer Schutzausrüstung, bestehend aus Schienbein- und Spannschützer, Handschützer ist Pflicht, bei der Jugend sind ebenfalls der Zahnschutz und bei Jungen ein Tiefschutz Pflicht. Schienbein- und Spannschützer sowie Handschützer müssen in der Gürtelfarbe getragen werden. Erstaufgerufener bei einem Kampf trägt rot, Zweitaufgerufener blau.

Die drei Teile Der Ju-Jutsu-Fighting-Wettkampf besteht aus drei Teilen.

Im ersten Teil versuchen die Kämpfer, durch Schläge und Tritte (Atemitechniken) zu punkten. Dabei dürfen nur runde, das heißt seitlich ankommende Tritte und Schläge verwendet werden, welche den Kopf nur leicht berühren dürfen (Leichtkontakt). Bei Atemitechniken zum Kopf wird auf eine kontrollierte Ausführung geachtet. Zum ersten Teil gehören auch Atemitechniken zum Körper, welche ebenfalls kontrolliert ausgeführt werden müssen, jedoch mit etwas stärkerem Kontakt erlaubt sind (Halbkontakt). Hier sind gerade Techniken erlaubt.