Der Bahnhof Gießen ist ein Keilbahnhof in der Stadt Gießen. Er bildet mit circa 375 Zügen und 28.000 Reisenden täglichBenjamin Lemper: „An Belastungsgrenze“: Bundespolizei fehlt am Bahnhof Gießen massiv Personal. In: Gießener Anzeiger. 26. Oktober 2017 (), abgerufen am 26. Oktober 2017 einen wichtigen ÖPNV-Knoten Mittelhessens.

Geschichte

Der erste provisorisch eingerichtete Bahnhof in Gießen wurde für die Main-Weser-Bahn 1850 im Bereich Oswaldsgarten errichtet. Dieses Provisorium wurde 1853/54 durch einen neuen, südlicher gelegenen Bahnhof auf dem heutigen Gelände mit einem entsprechenden Empfangsgebäude ersetzt.

Zwischen 1869 und 1871 trieb die Oberhessische Eisenbahn-Gesellschaft die Bahnstrecke Gießen–Fulda und die Bahnstrecke Gießen–Gelnhausen voran. Deren Bahnanlagen lagen dem Empfangsgebäude der Main-Weser-Bahn gegenüber, an der anderen Seite des Bahnhofsvorplatzes. Damit war der Zugang zum Empfangsgebäude lediglich noch über die Liebigstraße (damals noch mit dem Namen Universitätsstraße) möglich. Erst 1893 wurde eine Brückenverbindung zum Alten Wetzlarer Weg sowie die „Mausoleum“ genannte Treppenanlage über die Gleise der Strecken nach Fulda und Gelnhausen errichtet.

Im Zweiten Weltkrieg war der Bahnhof Angriffsziel von Luftangriffen der Alliierten, so am 4. Dezember 1944 im Zusammenhang mit dem Großangriff auf Gießen am 6. Dezember 1944Stahl: Der Luftkrieg. S. 220 f., am 11. Dezember 1944Stahl: Der Luftkrieg. S. 227. und am 17. Februar 1945 (109 Tonnen Sprengbomben). Dabei entstanden schwere Schäden.

Im August 2024 wurde die örtliche Bahnhofsmission geschlossen.Sparmaßnahmen der Diakonie - Bahnhofsmission Gießen schließt, ffh.de, 22. August 2024, abgerufen am 24. August 2024.

Empfangsgebäude Erstes Empfangsgebäude Das erste Empfangsgebäude des Bahnhofs Gießen von 1854 war im Stil des romantischen Klassizismus streng symmetrisch auf einem E‑förmigen Grundriss aus rotem Buntsandstein, abgesetzt mit Putzflächen, errichtet. Das Gebäude war zweigeschossig und 72 Meter lang. Auf dem Mittelpavillon war ein Uhrturm aufgesetzt. Im Obergeschoss waren Büros und fünf Wohnungen untergebracht.Grossart: Die Entwicklung der Eisenbahnhochbauten im Rhein-Main-Gebiet. In: Die Reichsbahn. 16, 1940, S. 200–215, hier S. 203. Im nördlichsten Gebäudeteil befand sich ein Fürstenzimmer.

Zweites Empfangsgebäude mini|Rechts Gebäudeteil von 1853, links die Empfangshalle von 1906 mini|Empfangshalle von 1906

Das heutige Empfangsgebäude wurde von 1904 bis 1911 durch den Herborner Architekten Ludwig Hofmann errichtet. Er bezog das erste Empfangsgebäude der Main-Weser-Bahn in den Neubau ein.Grossart: Die Entwicklung der Eisenbahnhochbauten im Rhein-Main-Gebiet. In: Die Reichsbahn. 16, 1940, S. 200–215, hier S. 209. So wurde es abschnittweise eröffnet: Zunächst das Hauptgebäude mit der Empfangshalle, dann der Verbindungsgang und Gebäudeflügel mit den Einrichtungen für die Strecken nach Fulda und Gießen und noch später der nördliche Gebäudetrakt mit dem Fürstenzimmer.Erich Preuß, Oliver Strüber (Hg): Das große Archiv der deutschen Bahnhöfe. GaraMond, München 1996 ff. [Loseblattsammlung], Gießen, S. 6. Auch die gusseisernen Säulen der Bahnsteigüberdachung stammen noch von der Anlage aus dem Jahr 1854. Das Empfangsgebäude schob sich nun als Keil zwischen die Main-Weser-Bahn und die in östliche Richtung abzweigenden Gleise der Strecken nach Fulda und Gelnhausen. Städtebaulich stellt es den Fluchtpunkt der Sichtachse der Stadterweiterung von 1880 dar. Errichtet wurde es in historisierendem neuromanischen Stil als dreigeschossiges, in rotem Sandstein gehaltenes neuromanisches Bauwerk mit einem markanten Uhrturm auf asymmetrischem Grundriss. Martin Walser schrieb am 12. Mai 1976 während einer Lesereise über den Bahnhof Gießen in sein Tagebuch: „Als die Bahnhöfe gebaut wurden, wusste man offenbar überhaupt nicht, woran man bei einem Bahnhof denken sollte. Meistens geriet man dann in eine Mischung aus Kirche und Burg. Das sieht man in Gießen besonders deutlich. Eine rote Sandstein-Kirche mit Hauptschiff und Turm, der allerdings ein bisschen verrückt hingesetzt wurde, um das Kirchenschiff zu stören.“Auf Durchreise, Gießener Allgemeine, Samstag, 17. April 2010, Nummer 89, S. 72.

Während des Zweiten Weltkrieges wurde das Gebäude beschädigt, der nördliche Flügel zerstörtStahl: Der Luftkrieg, S. 314. und nicht mehr aufgebaut. Im November 1968 wurde die Bahnhofsvorhalle renoviert und das Bahnhofsgebäude auf die Fläche, auf der ehemals der nördliche Flügel stand, erweitert. Anfang der 1970er Jahre wurde die Fassade renoviert.

Das Empfangsgebäude ist ein Kulturdenkmal nach dem Hessischen Denkmalschutzgesetz.denkmalpflege-hessen.de: Eintrag der Sachgesamtheit des Gießener Bahnhofs

In der Bahnhofshalle gibt es eine DB Information, ein Reisezentrum, eine Bahnhofsbuchhandlung sowie Verkaufsstellen für Verpflegung und Reisebedarf. Im Empfangsgebäude sind weiterhin das Bahnhofsmanagement und Zugansage sowie Einrichtungen der DB Services untergebracht.

mini|Wegweiser in Blinden- und Normalschrift am Handlauf einer Treppe (Februar 2015)

Zwischen 2008 und 2010 wurden die Anlagen für den Personenverkehr umgebaut. Der erste Spatenstich dafür fand am 16. Juli 2008 statt. Hauptziel der Arbeiten waren eine neue Fußgängerunterführung und der barrierefreie Zugang zu allen Bahnsteigen. Am 21. Juli 2010 wurde der neue Fußgängertunnel freigegeben. Aufgrund von Restarbeiten wurde die Anlage erst im Herbst 2010 offiziell eingeweiht.Unterführung am Bahnhof ist freigegeben. In: Gießener Allgemeine. ().Gießener Anzeiger:

Bedienung Personenverkehr mini|Gleisanlagen der Main-Weser-Bahn und Empfangsgebäude aus Sicht der Fußgängerüberführung (März 2014) mini|Gießener Bahnhof bei Nacht

Der Gießener Bahnhof verfügt in seinen beiden Bahnhofsteilen über elf Bahnsteiggleise:

Der Main-Weser-Bahnhof westlich des Empfangsgebäudes verfügt über die Richtung Kassel durchgehenden Gleise 1 bis 5. Hier halten an drei Bahnsteigen ICE der Relation Karlsruhe–Frankfurt am Main–Bremen und ab Juli 2026 ein Zugpaar täglich auf dem Weg von Frankfurt am Main über Hamburg nach Westerland (Sylt), Regional-Expresse der RMV-Linien 30 und 98 (Kassel–Treysa–Gießen–Frankfurt, RE 30, RE 98) sowie 99 (Siegen–Dillenburg–Gießen–Frankfurt, Main-Lahn-Sieg-Express, RE 99), die gemeinsam einen Stundentakt Richtung Frankfurt bilden und aus Richtung Kassel bzw. Siegen in Gießen gekoppelt werden (RE 98/99). Ebenso verkehren die Züge des Mittelhessen-Express der Relationen Treysa–Marburg–Gießen (RB 41) und Dillenburg–Wetzlar–Gießen (RB 40), die ab hier ebenfalls gemeinsam nach Frankfurt am Main fahren. Daneben beginnt und endet hier die zweistündliche Linie RB 37 (Frankfurt (Main) Hbf–Gießen mit Halt an allen Unterwegsbahnhöfen zwischen Friedberg und Gießen sowie Halt in Bad Vilbel und Frankfurt West). Der Oberhessische Bahnhof, der östliche Bahnhofsteil, besitzt die Gleise 11 bis 15. Hier verkehren die Züge von Vogelsberg- und Lahn-Kinzig-Bahn (RB 45 und RB 46) sowie in südwestliche Richtung die Züge der Lahntalbahn nach Limburg (RE 24, RE 25 und RB 45) und vereinzelte Züge der Dillstrecke in Richtung Dillenburg (RB 40 und RE 99). Zwischen den beiden Bahnhofsteilen liegt in der Spitze des Keiles mit Gleis 9 das einzige Stumpfgleis des Bahnhofs, das einen Bahnsteig besitzt. Hier beginnen und enden nahezu ausschließlich die Züge der Lahntalbahn Richtung Limburg und Koblenz (RE 24, RE 25 und RB 46).

Zusätzlich verkehren auf der Main-Weser-Bahn außerplanmäßig ICE-Züge weiterer Linien bei Betriebsstörungen auf der Hochgeschwindigkeitsstrecke Kassel-Wilhelmshöhe – Frankfurt am Main, die jedoch nicht in Gießen halten.

Fernverkehr

Im Schienenpersonenfernverkehr wird der Bahnhof im Vierstundentakt der Linie ICE 26 von Karlsruhe (Hbf) nach Bremen (Hbf) bedient, wobei ein Zugpaar von bzw. bis Oldenburg (Oldb) verkehrt. Daneben wird das bisher als Intercity verkehrende Zugpaar nach Sylt hochgestuft und, nach einem Entfall zwischen Mitte Dezember 2025 und Mitte Juli 2026, ab Mitte des Jahres 2026 als ICE zwischen Frankfurt (Main) Hbf und Westerland (Sylt) verkehren; als Zugmaterial kommt hier der seit Ende 2025 in Betrieb befindliche ICE L zum Einsatz. mini|Auf Gleis 2 in den Bahnhof Gießen einfahrender ICE aus Blickrichtung Süden Linie Strecke Taktfrequenz (Oldenburg (Oldb)) –Bremen – Hannover – Göttingen – Kassel-Wilhelmshöhe – Marburg – Gießen – Frankfurt – Darmstadt – Weinheim (Bergstr) – Heidelberg – Bruchsal – Karlsruhe Vierstundentakt Frankfurt – Gießen – Marburg – Kassel-Wilhelmshöhe – Göttingen – Hannover – Lüneburg – Hamburg – Itzehoe – Heide – Husum – Niebüll – Westerland (Sylt) ein Zugpaar täglich

Nahverkehr mini|Regional-Express nach Frankfurt im Bahnhof Gießen

In Gießen halten im Schienenpersonennahverkehr verschiedene Regional-Express-Linien und Regionalbahnen. Es handelt sich um die Verbindungen Frankfurt–Siegen (Main-Sieg-Express, RE 99) und Frankfurt–Kassel (Main-Weser-Express, RE 98). Zudem haben sämtliche Verstärkerzüge der Regionalbahn-Verbindungen mit Friedberg, Marburg und Dillenburg hier ihren Anfangs- bzw. Endpunkt.

Der Bahnhof Gießen ist auch Halt für den Lahntal-Express von/nach Koblenz und den Mittelhessen-Express von/nach Frankfurt am Main, letztgenannter wird hier in Richtung Treysa und Dillenburg geflügelt. Der Gießener Bahnhof wird von den Zügen von/nach Gelnhausen (über Nidda), Fulda (über Grünberg und Alsfeld) sowie Limburg und Koblenz (über Wetzlar und Weilburg) bedient, die in Gießen beginnen oder enden. Die Regionalbahnen Richtung Lahntal und Richtung Fulda werden seit dem 11. Dezember 2011 von der Hessischen Landesbahn (HLB) betrieben.

Linie Strecke Takt Bahnhofsteil Oberhessischer Bahnhof Stumpfgleis Main-Weser-Bahnhof Main-Weser-Bahnhof Main-Weser-Bahnhof Main-Weser-Bahnhof Main-Weser-Bahnhof Oberhessischer Bahnhof Oberhessischer Bahnhof Main-Weser-Bahnhof

RE98/RE99 werden in Gießen zusammengefügt in Richtung Frankfurt sowie getrennt in Richtung Kassel/Siegen. RB40/RB41 werden in Gießen zusammengefügt in Richtung Frankfurt sowie getrennt in Richtung Treysa/Dillenburg.

Güterverkehr mini|Holzverladung im Bahnhof Gießen im Sommer 2024 mini|Holzladegleise im Güterbahnhof Gießen im Sommer 2024 Südwestlich des Personenbahnhofs liegt der Güterbahnhof, der bis Dezember 2006 der zentrale Zugbildungsbahnhof für den mittelhessischen Güterverkehr war. Von hier aus wurden zuletzt noch verschiedene Bahnhöfe der Umgebung (z. B. Frankenberg (Eder), Dillenburg und Nidda) im örtlichen Güterverkehr angefahren. Der Großteil dieser Zugbildungsaufgaben ist inzwischen jedoch in den Güterbahnhof Wetzlar verlagert worden. Der Güterbahnhof wird jedoch unverändert zum Abstellen von Güterzügen sowie zur Holzverladung vom LKW auf die Schiene verwendet.

Stellwerke

Im Dezember 2004 wurde für weite Teile des Bahnhofs Gießen ein elektronisches Stellwerk der Bauart El L90 (entwickelt bei SEL, damals Alcatel, zwischenzeitlich Thales, heute Hitachi) in Betrieb genommen. Das Stellwerk wird gewöhnlich aus der Frankfurter Betriebszentrale ferngesteuert, kann im Bedarfsfall jedoch auch von örtlichen Bedienplätzen aus gesteuert werden.stellwerke.info: Eintrag zum ESTW Gießen.

Zuvor wurde der Bereich des Personen- und Güterbahnhofs von insgesamt neun mechanischen und elektromechanischen Stellwerken überwacht,stellwerke.info: Stellwerksübersicht zum Personen- und Rangierbahnhof Gießen.stellwerke.info: Stellwerksübersicht zum Verschiebebahnhof Gießen-Bergwald. hinzu kam ein Schrankenwärter für den im Bahnhofsbereich liegenden Bahnübergang an der Frankfurter Straße. Von diesen Stellwerken sind lediglich die für den Rangier- und Güterbahnhof wichtigen elektromechanischen Stellwerke Grf, Gvf, Gs und Gl erhalten, während die anderen Stellwerke, vor allem die beiden Fahrdienstleiterstellwerke Gf und Ghb, nach und nach abgerissen wurden.