Lili Hutterstrasser-Scheidl, geborene Hutterstrasser (* 7. Oktober 1882 in Wien; † 22. April 1942 ebenda) war eine österreichische Komponistin, die unter dem Pseudonym „Lio Hans“ bekannt wurde. Ihre Oper Maria von Magdala wurde am 22. Dezember 1919 an der Wiener Volksoper aufgeführt und galt lange als das einzige in Österreich öffentlich aufgeführte musikalische Bühnenwerk einer Komponistin im 20. Jahrhundert.

Leben und Schaffen Lili Hutterstrasser wuchs in einem großbürgerlichen Umfeld auf. 1909 heiratete sie den Generalstabsarzt Hans Scheidl. 1912 kam ihre Tochter Amelia Christiane und 1917 ihre zweite Tochter Eleonore auf die Welt.

Ihr Wohnhaus im Wiener Cottageviertel wurde zu einem Treffpunkt der Wiener Theater- und Musikszene. Ab 1905 wurden ihre meist im spätromantischen Stil komponierten Werke unter dem Pseudonym Lio Hans u. a. im Bösendorfer-Saal und im Ehrbar-Saal aufgeführt. Der zeitgenössische Kritiker Max Springer hielt es für nachvollziehbar, dass die Komponistin angesichts von Vorurteilen gegen Frauen ein männliches Pseudonym gewählt habe. Die Musiksoziologin Ursula Simek vermutet, Hutterstrasser-Scheidl habe aufgrund ihres Pseudonyms zu Lebzeiten den Überraschungseffekt ihrer Erscheinung am Konzertende erzielen können, wie es in manchen Kritiken erwähnt wird.

Der neue Direktor der Wiener Volksoper, Felix von Weingartner, auch ein Freund der Familie Scheidl, setzte sich für die Uraufführung ihrer Oper Maria von Magdala ein und übernahm auch die musikalische Leitung. Anlässlich der Uraufführung schrieb Der neue Tag:Freilich – es handelt sich hier um den Versuch einer Dame als dramatische Komponistin. Daß also das Erstlingswerk noch mit vielen Mängeln behaftet ist, das darf weiter nicht Wunder nehmen.Im Interessanten Blatt hieß es:Die Musik von Lio Hans bekundet eine seltene Beherrschung des Handwerksmäßigen in der Komposition. In der Erfindung des musikalischen Gedankens ist manchmal ein Mangel an Originalität zu finden, doch sind einzelne Stellen von Wucht und Farbe, und verraten, daß da eine ungewöhnliche musikalische Begabung ihrer Vollendung entgegenreift.Die Kritiken waren insgesamt eher zurückhaltend bis vernichtend. Auch das Libretto von Richard Blatka wurde kritisiert.

Nach 1919 nahm die Häufigkeit ihrer Aufführungen ab. Anfang der 1930er-Jahre hatte das Ehepaar finanzielle Probleme und sah sich 1932 gezwungen, ihre Villa zu verkaufen. 1938 trat Hutterstrasser-Scheidl in die NSDAP ein und widmete die Hymne für gemischten Chor mit Klavierbegleitung Wiener Frauendank Adolf Hitler. 1942 starb sie weitgehend unbeachtet von der Öffentlichkeit, im Völkischen Beobachter erschien ein kurzer Nachruf.

Ihr Nachlass befindet sich in der Wienbibliothek im Rathaus und in der Österreichischen Nationalbibliothek.

1991 bewertete Ursula Simek in der Österreichischen Musikzeitschrift das Schaffen Scheidl-Hutterstrassers so:Obwohl ihre spätromantisch expressionistische Klangsprache niemals die Grenzen der Tonalität überschreitet, zeichnen sich ihre Werke durch eine – zeitbezogene – große Modernität aus. Die Verbindung stilistischer Einflüsse von Mahler, Strauss etc. sowie der führenden italienischen Komponisten mit geschickt eingesetzten rhythmischen Elementen ermöglichte ihr eine interessante und stark persönliche musikalische Handschrift.

Werke (Auswahl) Lieder (für Klavier und Stimme) Der Zigeuner, um 1905 Fromm, Text: Gustav Falke, um 1905 Todeslust, Text: Joseph von Eichendorff, um 1905 Stilles Glück, Text: Hugo Salus, um 1907 Helle Nacht, Text: Richard Dehmel nach Paul Verlaine, um 1907 Vorfrühling, Text: Carl Pichler, um 1908 Unruhige Stunde, Text: Hans Bethge, um 1908 Heimwehlied, Text: Hans Bethge, um 1908 Lied in der Nacht, Text: Otto Julius Bierbaum, um 1908 Haltlos, Text: Ada Christen, um 1908 Sehnsucht, Text: Anna Ritter, 1909 Nur ich und Du. Duett für Sopran und Bariton. Text: O. Siebenlist. 1909 Blätterfall, Text: Heinrich Leuthold, 1909 Märzensturm, Text: Anna Ritter, 1909 Einsamkeit, Text: Anna Ritter, um 1911 In verschwiegener Nacht, Text: Anna Ritter, um 1911 Verzweiflung, Text: Anna Ritter, um 1911 Schlimme Zeichen, Text: Anna Ritter, 1912 Sturmlied, Text: Anna Ritter, 1912 Sturmnacht, Text: Anna Ritter, 1912 Lied des buckligen Spielmanns, Text: Margarethe von Schuch-Mankiewicz, ca. 1912 Du wirst der Erste sein, 1922 Geständnis einer Tänzerin, um 1923 Freudlose Liebe, Text: Anna Ritter, um 1924 Und hab' so große Sehnsucht doch, Text: Anna Ritter, um 1924 Die Haft, Text: Leo Grünstein, um 1930 Marsch, um 1934 Im Frühling, Text: F. Weber, 1934 Bitte, Text: Hermann Hesse, vor 1936 Lied an Deutschland, Text: Franz Karl Ginzkey, 1940 Sage von der Ewigkeit, Text: Franz Karl Ginzkey, 1940 Undatierbar: Der weiße Schwan Wiegenlied Letzte Liebe, Text: O. Eberhardt Dir zu Füßen, Text: K. Renner An der Tür, Text: Theresa Gröhe Hexenlied, Text: Dora von Stockert-Meynert Der Geiger zu Gmünd, Text: Justinus Kerner

Musiktheater Maria von Magdala. Oper in drei Akten. Libretto: Richard Batka. 1914 Die Stickerin von Treviso. Oper in drei Aufzügen. Libretto: Heinrich Regel. Zwischen 1915 und 1925 Legende vom Brunnen der brennenden Herzen. Oper. Ein Cyklus von 6 Bildern. Libretto: Beatrice Dovsky. 1919 Die Tänzerin von Schemacha. Libretto: Heinrich Regel. Um 1920 Die sieben Todsünden oder das zweite Ich. Pantomime. Libretto: Heinrich Regel. 1925 Santa Borgia. Mimische Phantasie. Libretto: Rose Silberer. um 1931

Chor- und Orchesterwerke Die Bambusflöte. Lied für eine Singstimme und Orchester. Zwischen 1910 und 1912 Violoncello-Konzert, 1911 Träumerei. Für Violoncello und Orchester, vor 1914 Die Hexe. Dichtung für Bariton und großes Orchester. Text: Heinrich Glücksmann. Um 1914 Am heiligen See. Lied für eine Singstimme und Orchester. Text: Ohotsuno Ozi. 1924 Frauenhymne. Für gemischten Chor und Klavier/Orchester. Text: Else Ehrlich. 1928 Marsch. Chor für Männerstimmen (und Klavier). Text: F. Weber. Um 1934 Wiener Frauendank. Hymne für gemischten Chor mit Klavierbegleitung. Text: Marie Hoheisel. Adolf Hitler gewidmet. Um 1938 Undatierbar: Trio. Für Orchester Scherzo. Für Orchester Tanz der Geisha. Für Orchester Totgebet. Lied für eine Singstimme und Orchester. Text: Richard Specht.

Sonstiges Theuredanks Brautfahrt. Melodram für eine Sprechstimme und Klavier. Text: Richard Specht. 1922

Einzelnachweise

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