Der neue Ahasver ist ein 1882 veröffentlichter Roman von Fritz Mauthner. Er wurde zunächst in Auszügen von November 1881 bis zum Februar 1882 im Berliner Tageblatt abgedruckt und handelt im Wesentlichen vom Aufkommen des Radau-Antisemitismus in den Jahren nach der Entstehung des Deutschen Kaiserreichs 1871. Gleichzeitig thematisiert der Roman die Stellung der Juden in der deutschen Gesellschaft des ausgehenden 19. Jahrhunderts.

Aufbau des Werkes Der Roman gliedert sich in zwei Teile, die inhaltlich aufeinander aufbauen und an eine Vorrede an Theodor Mommsen anschließen.

Auf den ersten Seiten des ‚Ersten Teils‘ wird eingangs die Figur des Ewigen Juden Ahasverus dargestellt, der dem germanischen Gott Wuotan begegnet. Ahasver und Wuotan leben – als Personifikationen von Judentum und späterem Christentum – zunächst in friedlicher Koexistenz, bis der alte Germanenkult wieder aufflammt und Wuotan sich von Ahasver abwendet. Im Zuge der Erklärung der Menschenrechte begibt sich Ahasver letztlich zu ewiger Ruhe, wird jedoch als Neuer Ahasver wiedergeboren. Der Einstieg endet mit einem Verweis auf das zukünftige Schicksal des Protagonisten des Romans – Heinrich Wolff.

Der ‚Erste Teil‘ selbst endet nach 10 Kapiteln und thematisiert die ersten Jahre des Protagonisten Heinrich Wolff vor dem Hintergrund des Sieges Deutschlands über Frankreich im Deutsch-Französischen Krieg. Der gesamte Roman hat einen heterodiegetischen Erzähler (nach Genette), der die Geschichte von WolffPetra Ernst: Schtetl, Stadt, Staat. Raum und Identität in deutschsprachig-jüdischer Erzählliteratur des 19. und frühen 20. Jahrhunderts, Wien, Köln und Weimar 2017: Böhlau, S. 211. erzählt sowie auch die Perspektiven verschiedener Nebenfiguren einnimmt. Im Verlauf einer erzählten Zeit von ca. 15 JahrenAlfred Bodenheimer: Wandernde Schatten. Ahasver, Moses und die Authentizität der jüdischen Moderne, Göttingen 2002: Wallstein Verlag, S. 67. begleitet die Erzählinstanz Heinrich Wolff und zahlreiche Nebenfiguren zunächst durch die Gründerzeit des neugegründeten Deutschen Kaiserreichs.

Der ‚Zweite Teil' stellt in wesentlichen Zügen den Aufstieg des Antisemitismus in den Jahren nach Gründerkrach und Großer Depression vor dem Hintergrund der Entwicklung des Protagonisten dar. Der persönliche und gesellschaftliche Aufstieg Heinrichs sowie sein Fall werden in besonderem Maße mit der Entstehung des Radau- und Parteienantisemitismus im Sinne eines Adolf Stoecker verquickt. Der Roman endet schließlich mit dem Tod des Protagonisten, der sich von einem Individuum zu einer Ahasver-Identität gewandelt hat.

Handlung ‚Erster Teil‘

Kapitel 1–5 Der junge promovierte Arzt Heinrich Wolff erreicht mit der Eisenbahn seine Geburtsstadt Prag. Er beschließt, seinen Großvater in der Stadt zu besuchen und durchquert die geschäftige Zaikerlgasse, die von einem vorbeilaufenden Passanten abfällig als Teil der „Judenstadt“Fritz Mauthner: Der neue Ahasver, Hamburg 2011: tredition Verlag, S. 17. betitelt wird. Selbst vom geschäftigen Treiben der überwiegend jüdischen Händler abgestoßen, erreicht er schließlich das Haus seines Großvaters. Beide geraten in ein persönliches Gespräch über die religiöse Orientierung und die Identität Heinrichs. Nachdem Prag erfolgreich von den deutschen Truppen erobert wurde, trifft Heinrich bald darauf auf seine Jugendfreundin Tina Kolliner. Zu dem Husaren Viktor von Laskow entwickelt sich eine innige Freundschaft. Nachdem in Prag die Cholera ausgebrochen ist, arbeitet Heinrich vorübergehend als Arzt im Hospital der Stadt.

Nach dem Ablegen seiner letzten Prüfungen in Leipzig und einer einjährigen Auslandsreise in Afrika kehrt Heinrich noch einmal nach Prag zurück, wo er vom Tod seines Großvaters und der Heirat Tinas erfährt. Während der Deutsch-Französische Krieg tobt, arbeitet Heinrich als Lazarettarzt und trifft dort erneut auf Viktor von Laskow, nachdem beide im Krieg verwundet werden. Im Hause der Familie von Auenheim werden beide bis zur vollständigen Gesundheit gepflegt und machen Bekanntschaft mit dem alten Patriarchen und Familienoberhaupt Herbert von der Egge, dessen Enkel Kurt von der Egge und dem Großneffen Bruno. Kurz bevor Viktor und Heinrich wieder vollständig genesen sind, wird der Sieg Deutschlands über Frankreich verkündet.

Während der Siegesfeier, die aufgrund des Sieges Deutschlands über Frankreich stattfindet, zeigen sich Viktor wie auch Heinrich als überzeugte Anhänger der deutsch-nationalen Bestrebungen. Nach der Trennung der Gesellschaft bezieht Heinrich eine Wohnung mitten in Berlin und beginnt seinen Arbeitsalltag als praktizierender Arzt. Mehrere Male besucht Heinrich Familie Auenheim, wird jedoch das Gefühl nicht los, dort nicht hinzugehören.Fritz Mauthner: Der neue Ahasver, Hamburg 2011: tredition Verlag, S. 58. Während eines Treffens mit dem jüdischen Sanitätsrat Friedmann kommt es zu einer langen Diskussion über das Wesen des Judentums.Fritz Mauthner: Der neue Ahasver, Hamburg 2011: tredition Verlag, S. 59–60. Tina Kolliner – inzwischen verheiratet mit dem jüdischen Bankier Julius Feigelbaum – besucht Heinrich ebenfalls in seiner Praxis und berichtet ihm von dem Versuch, ihrem bisherigen Leben zu entkommen.

Tina Feigelbaum emanzipiert sich schließlich von ihrer Herkunft und geht ganz in ihrem neuen Leben, das auf Reichtum und gesellschaftliche Stellung abzielt, auf. Sie ist mit ihrem Mann in die Tiergartenstraße in Berlin gezogen und empfängt dort wiederholt Mitglieder der Oberschicht der Stadt. Als „Zauberweib“Fritz Mauthner: Der neue Ahasver, Hamburg 2011: tredition Verlag, S. 76. hilft sie, trotz eigenen Interesses, dem alten Isaak Feigelbaum bei der Verheiratung seiner kränklichen Tochter Emma mit Kurt von der Egge. Es folgt der erste Auftritt des Antisemiten Dr. Stropp.

Auf dem Gut Eggewitz, dem Stammsitz des Patriarchen Herbert von der Egge, kommt es zu einem Streit zwischen Kurt und seinem Großvater. Die Abneigung beider gegeneinander wird deutlich und Kurt macht keinen Hehl daraus, in die Heirat mit Emma Feigelbaum nur aus Geld- und Habgier eingewilligt zu haben. Emma wird durch den evangelischen Geistlichen Dr. Braumann in die Lehren des Christentums eingeführt und konvertiert schließlich zum Christentum. Heinrichs Besuche im Haus der Familie Auenheim werden häufiger und er bemerkt, dass er sich in die ältere Tochter des Hauses, Clemence, verliebt hat. Es kommt zu einem ersten Aufeinandertreffen der beiden während der Hochzeitsfeier von Emma und zu ausführlichen Gesprächen. Der antisemitische Publizist Stropp wirkt auf der Feier isoliert, lernt jedoch zufälligerweise den Bankier Bumke kennen, der seine Ansichten gegenüber den Juden in vollem Umfang teilt.Fritz Mauthner: Der neue Ahasver, Hamburg 2011: tredition Verlag, S. 102–103.

Kapitel 6–10 Emmas Leben mit Kurt stellt sich als höchst schwierig heraus. Wiederkehrende Krankheitsphasen zwingen sie schließlich zu einer Kur in Italien, was von der Familie Auenheim, Heinrich und ihrem Vater Isaak Feigelbaum mit Sorge gesehen wird. Heinrich gesteht sich unterdessen seine Liebe für Clemence ein. Er bekommt jedoch durch die Situation zwischen Emma und Kurt vor Augen geführt, wie unheilvoll eine Verbindung zwischen Juden und Christen ausgehen kann. Zum ersten Mal wird Heinrich seine jüdische Herkunft wieder deutlich vor Augen geführt:

„Heinrich ballte die rechte Hand zur Faust, da ihm dieser Gedanke plötzlich wie der boshafte Streich eines Feindes vor der Seele stand. Er war ein Jude! Wenn es ein Makel war, so mußte er wohl untilgbar sein; denn jetzt, nach vielen Jahren, in denen ihm die Erinnerung völlig fremd geworden war, jetzt packte ihn wieder der alte Zorn gegen das Schicksal, das ihn nicht werden ließ wie die Millionen um ihn her, das ihn zu einer Ausnahmestellung zwingen wollte.“Fritz Mauthner: Der neue Ahasver, Hamburg 2011: tredition Verlag, S. 115.

Eines Tages stattet Victor Heinrich einen Besuch ab und erzählt ihm von schwerwiegenden finanziellen Problemen. Auf Anraten des Freundes ist Victor fortan häufiger Gast bei den Auenheims. Frau von Auenheim, die im Laufe der Zeit mehr und mehr durch ein nicht näher bezeichnetes Herzleiden gezeichnet ist, bricht eines Morgens zusammen. Während sie von Heinrich behandelt wird, gibt sie ihr Einverständnis für die Verbindung mit Clemence. Wenig später stirbt Frau von Auenheim überraschend.

Während Clemence und ihre Schwester Eva um den Verlust ihrer Mutter trauern, macht Heinrich die Bekanntschaft des jüdischen Schneiders Oswald Fränkel und seiner Frau Doretta. Beide bewohnen eine kleine Wohnung in der Klosterstraße, in einem überwiegend von Juden bevölkerten Stadtabschnitt Berlins. Die Gegend erinnert Heinrich stark an die Zaikerlgasse, in der einst sein Großvater zu Hause war. Von der besonderen Atmosphäre der Umgebung überwältigt, erscheint vor seinem geistigen Auge plötzlich der leibhaftige Ahasver:

„Heinrichs Gesicht verfinsterte sich. Wieder stand die Gestalt des ewigen Juden vor ihm, wieder starrten ihn die großen müden rätselvollen Augen an. Spielte ein Kobold mit seinem Leben, daß es ihn immer wieder mitten in diese enge Welt trieb?“Fritz Mauthner: Der neue Ahasver, Hamburg 2011: tredition Verlag, S. 134.

Mit Samuel Schöpps macht Heinrich in der Klosterstraße die Bekanntschaft mit einem weiteren Juden. Schöpps stellt sich im Gespräch nach außen als sehr glaubensfromm dar, macht gegenüber Heinrich jedoch auch deutlich, dass er sein Judentum in erster Linie zu seinem Vorteil nutzt. Letztlich erreicht Heinrich die Wohnung Oswald Fränkels, überbringt die Nachricht vom Tod Frau von Auenheims und lernt die kleine Familie näher kennen.

Auf seiner Rückkehr von der Klosterstraße trifft Heinrich auf Dr. Stropp, der aus seinem antisemitischen Gedankengut keinen Hehl macht. Angespornt durch seine eigene Überheblichkeit und Arroganz beschließt Stropp letztlich, sich dem Aufbau eines neuen, großen Deutschland zu verschreiben und den Antisemitismus salonfähig zu machen.Fritz Mauthner: Der neue Ahasver, Hamburg 2011: tredition Verlag, S. 150–152. Hierfür plant er die Veröffentlichung einer antisemitischen Zeitung. Zu seinem Erstaunen findet er in Samuel Schöpps einen Verbündeten, da dieser – wie sich zeigt – selbst massive Vorurteile gegen das assimilierte Judentum der Stadt hegt.Fritz Mauthner: Der neue Ahasver, Hamburg 2011: tredition Verlag, S. 154.

Getrieben von seinen Phantastereien erreicht der Antisemit Stropp die Wohnung der Familie Fränkel und bedrängt Doretta Fränkel massiv, sich von ihrem jüdischen Mann zu distanzieren. Letztlich wird er des Hauses verwiesen. Heinrich und Clemence treffen sich in der Wohnung Oswald Fränkels wieder und es kommt zur Aussprache über den Tod Frau von Auenheims. Dabei bringt es Heinrich schließlich über sich, Clemence seine Liebe zu gestehen und beide beschließen ihre Verlobung noch in der Wohnung der Familie Fränkel.

Handlung ‚Zweiter Teil‘

Kapitel 11–15 Heinrich ist zunächst frohen Mutes, die gemeinsame Verbindung mit Clemence bald öffentlich machen zu können. Er gerät jedoch wieder in Zweifel, als er im Hause der Familie Auenheim von den latenten Vorurteilen Herrn von Auenheims gegenüber Juden erfährt. In einem langen Gespräch mit Victor über diesen Umstand erklärt dieser sich bereit, im Namen Heinrichs bei Herbert von der Egge vorstellig zu werden, um für ihn zu sprechen. Heinrich will zunächst ablehnen. Als er jedoch von Victors finanzieller Notlage erfährt, lässt Heinrich seinen Freund schließlich doch zuerst auf Gut Eggerwitz vorsprechen. Dort erfährt der Leser zunächst viel über den Charakter und die Geschichte des Gutes Eggerwitz und über den Patriarchen selbst. Obwohl Victors eigenes Werben um die Hand von Clemence Schwester Eva abgelehnt wird, gibt Herbert von der Egge seine Zustimmung zur Heirat zwischen Clemence und Heinrich.