Helmut Goldschmidt (* 16. Oktober 1918 in Magdeburg; † 6. August 2005 in Köln) war ein deutscher Architekt und Überlebender des Holocaust. Er erlangte insbesondere Bekanntheit als Erbauer von Synagogen in Deutschland. mini|Foto im amtlichen Lichtbildausweis der Stadt Köln, ca. 1938

Leben mini|Die Große Kölner Synagoge in der Roonstraße gegenüber dem Rathenauplatz (Köln) (2007) Helmut Goldschmidt war der Sohn des jüdischen Kaufmanns Moritz Goldschmidt und der aus einer nichtjüdischen Familie stammenden Maria Goldschmidt. Ab 1925 besuchte er die jüdische Volksschule in der Lützowstraße und ab 1929 das Realgymnasium in Köln-Lindenthal, das er 1935 mit dem Einjährigen verlassen musste, weil Juden nicht mehr zum Abitur zugelassen waren. Im selben Jahr begann er eine rund zweijährige Lehre im Architekturbüro des jüdischen Architekten Hans Krebs in Berlin. Bis zum August 1938 besuchte er „illegal“ unter dem Namen seines „arischen“ Großvaters (der eigentlich Salomon Gusick hieß, aber die Familie hatte sich nach der Großmutter, eine geb. Goldschmidt umbenannt) Architektur-Vorlesungen unter anderem bei Peter Behrens. Nebenbei nahm er Privatunterricht bei Paul Zucker, der eine eher konservative Architekturrichtung vertrat, und dem jüdischen Architekten und Statiker Robert Hauer, der den Ideen des Bauhauses zugeneigt war. Zeitweise wohnte er bei Otto Grotewohl einem alten Freund der Familie, der ihm eine Nebentätigkeit im Büro des Architekten Hugo Constantin Bartels vermittelte.

Die Reichspogromnacht im November 1938 erlebte er in Köln, wo er im Agrippinahaus (Arch.: Georg Falck) ein Volontariat im Architekturbüro von Max August Breuer absolvierte, der einst Mitarbeiter und Bauleiter des jüdischen, nach England emigrierten Architekten Robert Stern gewesen war. Wegen der Unmöglichkeit, als Jude überhaupt eine Anstellung zu bekommen, wurde Helmut Goldschmidt 1939 von seinen Eltern in die Gegend von Berlin auf Hachschara geschickt. Er kam auf das „arisierte“, ursprünglich Simon Schocken gehörende, von Martin Gerson geleitete Gut Winkel bei Spreenhagen in Brandenburg. Er verließ nach der Mitarbeit an Silobauwerken dieses 1941, wegen der Aussichtslosigkeit auf eine Auswanderung nach Palästina, und kehrte zu seinen Eltern nach Köln zurück.

Der musikbegeisterte Helmut Goldschmidt beschäftigte sich nun als Pianist und Komponist hauptsächlich mit Jazz und Swing und trat mit Freunden in Lokalen auf. Am 1. Dezember 1942 wurde er von der Kölner Gestapo verhaftet und zunächst im berüchtigten EL-DE-Haus und später auch im Klingelpütz verhört. Im März 1943 erfolgte die Deportation mit Gefängnisaufenthalten in Städten wie Kassel, Dresden, Leipzig, Chemnitz und Breslau nach Auschwitz.Anmerkung: Auf der Fahrt warf Goldschmidt eine frankierte Flechsig-Kunstkarte Nr. 856 aus dem Zug, adressiert an seine Mutter Maria in Köln-Klettenberg, Siebengebirgsallee 99: „Meine lieben Eltern, bin gerade auf der Fahrt nach Auschwitz, ich glaube nicht, dass wir uns nochmals sehen ...“ (Die Postkarte befindet sich im Archiv des Kölner NS-Dokumentationszentrums und half den Eltern ihren Sohn nach Kriegsende ausfindig zu machen und nach Hirten bei Mayen zu holen). Dort wurde er im Block 10 in eine Abteilung für sogenannte Abgangsquarantänen verlegt und im Juli 1943 in das KZ Buchenwald „überstellt“. Nach der Zeit in Auschwitz empfand Goldschmidt diese Verlagerung als die Rettung seines Lebens. Wie er in einem Interview mit Barbara Becker-Jákli schilderte war Buchenwald „gemessen an Auschwitz … ein Sanatorium“.Anmerkung: Goldschmidt wurde im besagten Zeitraum (Abtransport von Köln im März 1943, Ankunft nach sehr langer Fahrt von „insgesamt drei Wochen“) offenbar nur kurzfristig im Block 10 untergebracht. Seine Verlegung nach Buchenwald erfolgte im Juli 1943 (Hagspiel S.: 622/623), vermutlich wegen der Räumung und Umnutzung bis Ende des Jahres 1943 mit medizinischem Gerät. Denn „im April 1943 wurde Block 10 Prof. Dr. Carl Clauberg zur Verfügung gestellt“ Als „Architekt“ war er an Planungen für die Gewehr- und Geschützfabrik der Wilhelm-Gustloff-Werke und der Eisenbahnlinie Weimar-Buchenwald beteiligt. Bedeutsam erwies sich die Entscheidung des jazzbegeisterten Jiří Žák, der für die Außentransporte zuständig war, ihn als Musiker des Lagerorchesters nicht zur Arbeit in die Außenlager oder gar in andere Konzentrationslager zu schicken. Als Buchenwald am 11. April 1945 befreit wurde, spielte das Lagerorchester ein Befreiungskonzert mit überwiegend von Helmut Goldschmidt geschriebenen Jazz-Arrangements, worauf ihn die US-Amerikaner baten, die musikalischen Truppenveranstaltungen im Staatstheater Weimar zu übernehmen. Von dort holten ihn seine Eltern nach Hirten bei Mayen.Goldschmidt war ein KZ-Haftling der durch sein Können als Pianist und durch glückhafte Fügungen überlebte. Sein Schicksal ähnelt damit dem des polnischen Pianisten und Komponisten Władysław Szpilman dessen Überleben im Film Der Pianist behandelt wird.

Goldschmidt, der mit Vorträgen über die Konzentrationslager die Säle füllte, bot der Mayener Bürgermeister Schwindenhammer noch 1945 an, auf der Genovevaburg oberhalb der zu 90 % zerstörten Stadt Mayen ein Architekturbüro einzurichten. Der berufliche Durchbruch erfolgte, als Mayen zur französischen Besatzungszone kam, mit einem Kommandanten, der als Buchenwalder Häftling zu den Bewunderern der Musik Helmut Goldschmidts im Konzentrationslager gezählt hatte. Dadurch war Goldschmidt maßgeblich am Wiederaufbau der Stadt beteiligt. Er beschäftigte zwei Jahre später in seinem völlig überlasteten Büro für rund ein halbes Jahr als Praktikant, den im Dorf Kaisersesch bei Mayen geborene Oswald Mathias Ungers, der anschließend an der Technischen Hochschule Karlsruhe Architektur studierte.

Wirken mini|Kapelle „Mariä Himmelfahrt“ in Rothenbach (Kelberg) Eine seiner ersten Aufträge war ein „Kapellenneubau, zu dem zwei Entwürfe beim Bischöflichen Generalvikariat des Bistums Trier eingereicht wurden, zu dem auch Ungers einen Entwurf zeichnete“.Helmut Goldschmidt während des Gesprächs mit Wolfram Hagspiel und Ruth Mader am 2. September 1998. In: Der Bau dieser katholischen „Maria Himmelfahrt-Kapelle“ in Rothenbach (Kelberg) war der Nachfolgerbau der alten baufälligen St. Stanilauskapelle, die zwischen 1946 und 1950 an einem neuen Standort errichtet wurde.

Ende des Jahres 1946 eröffnete er mit dem Architekten und Bauunternehmer Willi Veiler ein Zweigbüro im sog. „Ringhaus“ (Hohenzollernring 22-24). Anlass waren die Sicherungsarbeiten an der Synagoge in der Roonstraße. Erst als im Jahre 1948 in Köln der große Auftrag zum Wiederaufbau des ehemaligen „Israelitisches Asyls“ und der Bau der dortigen Synagoge anstanden, verlagerte er seinen Haupt-Büro- und -Wohnsitz nach Köln, behielt aber bis zum Jahr 1950 sein Mayener Büro bei. 1950 heiratete er und gründete eine Familie.

Mit seinem zunehmend florierenden Büro – Goldschmidt war 1951 mittlerweile Mitglied des Kölner BDA, Adresse Hansaring 11 und dann Hansaring 123 – zog er danach mehrmals um. Zu den bis zu den 10 Mitarbeitern zählten auch seine beiden ehemaligen Mayerner Mitarbeiter Werner Steffens und Oswald Mathias Ungers, die nach dem Studium an der TH Karlsruhe zu Beginn des Jahres 1951 wieder Kontakt zu ihrem „alten Lehrmeister“ aufgenommen hatten, u. a. weil sie in den immer noch sehr schlechten wirtschaftlichen Zeiten sonst keine Chance gehabt hätten, so schnell selbständig arbeiten zu können. Goldschmidt bot beiden sofort eine gleichberechtigte Partnerschaft an, die geschäftliche Basis blieb jedoch allein in seinen Händen. Das Büro Goldschmidt-Steffens-UngersFoto:Büro- und Geschäftshaus Brüderstraße 19, Köln. Architektenː H. Goldschmidt, W. Steffens und O. M. Ungers (1951/52) existierte in der Form weniger als ein Jahr, weil Werner Steffens auf Grund erheblicher Differenzen mit Oswald Mathias Ungers seine Mitarbeit und Partnerschaft aufgekündigt hatte. Fortan lautete der Firmenname Goldschmidt + Ungers.Baubeschreibung:Bauakte der Stadt Köln mit Briefpapier des Architekturbüros (1954) Mitarbeiter in diesen Jahren und teilweise auch nach dem Ausscheiden von Ungers waren u. a. Otto Bosbach und die beiden Egon-Eiermann-Schüler Günther Frank und Rolf Hahn. Aus dieser Zeit stammen insgesamt 22 mit Ungers gemeinsam realisierte Ein- und Mehrfamilienhäuser, Wohn- und Geschäftshäuser. Die Auftraggeber waren jüdische und nichtjüdische Bauherren sowie die Familie Goldschmidt selbst (Moritz und Louis Goldschmidt) und ab 1952 in zunehmendem Maße vor allem die eigens für das jeweilige Projekt von Helmut Goldschmidt gegründeten Wohnungsbaugesellschaften. Der gesamte Text des Abschnitts wurde bis zu dieser Quellenangabe dem Werk von Wolfram Hagspiel entnommen und in gekürzter Form wiedergegeben.

Die bekanntesten Bauten aus der Partnerschaft mit Ungers, die am 1. Januar 1955 endete, sind die Kleiderfabrik Jobi an der Aachener Straße mit dem Mehrfamilienhaus in der Hültzstrasse (Planung und Realisierung 1951–1953), beide in Köln-Braunsfeld und das Mehrfamilienhaus Louis Goldschmidt mit Gaststätte „Moulin Rouge“Abbildung des Originals in: "Oswald Mathias Ungers: Architektur 1951-1990", Werkmonographie, DVA, Stuttgart 1991, Seite 240, Nr. 5 an der Maastrichter Straße in KölnFoto:Ehemaliges Mehrfamilienhaus (Fassade geändert) mit Gaststätte "Moulin Rouge". Architektː Helmut Goldschmidt mit Werner Steffens und O.M. Ungers (1950/51), dessen Rasterfassade völlig verändert wurde.Anmerkung von Hagspiel auf Seite 625 des "Lexikon der Kölner Architekten": „Wie wohl in allen Architekturbüros ist es vor allem bei Goldschmidt + Ungers höchst schwierig, das Maß der Beteiligung des Einzelnen am Entwurf auszumachen...Es verwundert heute sehr, wenn in der zahlreichen Ungers-Literatur der Name Helmut Goldschmidt vergeblich zu suchen ist, geradezu bewusst totgeschwiegen zu sein scheint. Der darüber sehr verbitterte Helmut Goldschmidt sah den Grund hierfür darin, dass er Oswald Mathias Ungers wider dessen Vorstellungen in die Selbstständigkeit gedrängt hatte, als dieser für das Büro Goldschmidt + Ungers den Auftrag zum Bau des Oberhausener Instituts zur Erlangung der Hochschulreife herangezogen hatte“.

mini|Geschäftshaus „Frank und Lehmann“, Seitenflügel, Kattenbug 18-24 Das Bauschaffen von Goldschmidt in Köln begann noch vor den Sicherungsarbeiten an der Synagoge und dem Gemeindzentrum in der Roonstrasse bereits 1934/35 mit Umbauten für die Zentrale der „Progress Textilbetriebe GmbH“, Köln, Kattenbug 18-24 (Seitentrakt des Geschäftshauses „Frank und Lehmann“ von Peter Behrens) und für zwei Villen in der Pferdmengesstrasse Nummer 16 für Jenny Joseph (1935) und Nummer 5 (1937/38) für Albert Maier im Stadtteil Köln-Marienburg, (alle mit H. Hans Krebs). Neben den Wohn-, Büro- und Geschäftshäusern und Bauten wie dem Dr.-Ernst-Schwering-Seniorenzentrum in Köln-Sülz übernahm Goldschmidt auch die Bauleitung für Siedlungen und Sozialwohnungen und war als Baunternehmer der „Goldschmidt-Wohnungbau K.G.“ tätig. Von 1950 bis 1976 realisierte er so in Köln 66 Bauten und außerhalb von Köln 28, meistens Eigenheimsiedlungen, hauptsächlich in Nordrhein-Westfalen. Seine letzten Projekte waren eine Siedlung der Bayer AG in Dormagen-Hackenbroich (1972–1976) und ein Bürohochhaus in Mannheim (1973/1974).

Überregionale Bekanntheit erlangte der Autodidakt Helmut Goldschmidt als Architekt mehrerer Synagogen und jüdischer Gemeindezentren. Unter seiner Regie entstanden die jüdischen Gemeindezentren in Koblenz (1950), Dortmund (1956) und Bonn (1959).

Auf Initiative von Konrad Adenauer rekonstruierte Helmut Goldschmidt von 1957 bis 1959 die im Krieg zerstörte Große Kölner Synagoge in der Roonstraße, die Papst Benedikt XVI. im August 2005 besuchte. Später errichtet Goldschmidt weitere Synagogen und jüdische Gemeindezentren in Münster (1961), Wuppertal (1962) und Mönchengladbach (1967).

mini|Synagoge und Gemeindezentrum, Tempelstraße 2–4, Bonn. Helmut Goldschmidt (1958/1959)