mini|Plakat der Ausstellung Gruppe Eva Mamlok im Friedrichshain-Kreuzberg Museum (2024) Fotos zeigen v. l. n. r. Eva Mamlok, Marianne Joachim und Inge Berner
Eva Mamlok (geboren am 6. Mai 1918 in Berlin-Kreuzberg; gestorben am 23. Dezember 1944 im KZ Stutthof) war eine deutsche Antifaschistin und jüdische Widerstandskämpferin gegen den Nationalsozialismus.
Leben Herkunft Eva kam als zweite Tochter des Weingroßhändlers Albert Mamlok (1878–1936)Mamlok & Söhne Wein und Spirituosen AG. In: Datenbank Jüdische Gewerbebetriebe in Berlin 1930–1945; hu-berlin.de und seiner Frau Martha, geborene Peiser (1884–1942), in einer jüdischen Familie zur Welt. Ihre ältere Schwester Hildegard wurde am 20. November 1912 zuhause geboren, die Familie wohnte zu dieser Zeit in der Kesselstraße 34 in Berlin-Mitte. Ab ca. 1916 wohnten sie in der Neuenburger Straße 3 in Berlin-Kreuzberg, Eva wurde in der Nähe in der Privatklinik von Dr. Wolff und Dr. Schlesinger in der Königgrätzer Straße 46a geboren.Ansichtskarte Berlin, Privatklinik Königgrätzerstrasse 46a, Dr. Wolff u. Dr. Schlesinger. ansichtskartenversand.com In der Neuenburger Straße 3 befand sich das Pfarrhaus der böhmisch-lutherischen Bethlehemsgemeinde, die sich mit der böhmisch-reformierten Bethlehemsgemeinde die Bethlehemskirche in Berlin-Mitte teilte.Ansichtskarte Neuenburger Straße 3. berlin.museum-digital.de
Widerstand und Haft als Jugendliche mini|Das Kaufhaus von Hermann Tietz nach der Arisierung als Kaufhaus Hertie ca. 1938 in der Belle-Alliance-Straße 1–3, Berlin-Kreuzberg
Eva Mamlok war vermutlich noch keine vierzehn Jahre alt, als sie in der Nähe ihrer Wohnung auf das Dach des Kaufhauses Hermann Tietz am Belle-Alliance-Platz in Berlin-Kreuzberg kletterte und darauf die Parole „Nieder mit Hitler!“ schrieb. Sie wurde verhaftet, aber wieder freigelassen, da sie wegen ihres Alters noch nicht strafmündig war. Diese Aktion ist nicht durch Polizeiberichte oder Zeitungsartikel belegt, sondern nur durch mündliche Überlieferung. Aktenkundig wurde sie erst, als sie am Buß- und Bettag, dem 21. November 1934, zusammen mit dem Neuköllner Sozialisten Edgar Würgau (1914–1963) Blumen oder einen Kranz auf die Gräber von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht am Friedhof der Sozialisten auf dem Zentralfriedhof Friedrichsfelde niederlegte.
An dieser Aktion der verbotenen KPD waren mehrere Personen beteiligt, sie wurde am darauffolgenden Totensonntag wiederholt. Beide wurden verhaftet, Eva befand sich daraufhin seit dem 23. November 1934 in „Schutzhaft“. Bereits am 27. November 1934 wurde ihre Überführung in das niedersächsische Frauenkonzentrationslager Moringen befürwortet. Edgar Würgau wurde in den KZ Lichtenburg und Esterwegen interniert.Entschädigungsakte Edgar Würgau, LABO Berlin, Reg. Nr. 20549, Lebenslauf, Bl. M11-14. Die am 11. Dezember 1934 erfolgte Begründung der Schutzhaft „bis auf weiteres“ bescheinigte Eva aufgrund dieser Aktion, dass „sie staatsfeindlich eingestellt“ sei. Am 20. Dezember 1934 wurde sie in das KZ Moringen überführt, wo sie bis zum 8. Mai 1935 inhaftiert war.DocID: 3126400 (EVA MAMLOK) Frauenschutzhaftlager Moringen Akte betr. Schutzhäftling Eva Mamlok. Arolsen Archives. Nachkriegsaussagen des überlebenden Edgar Würgau in seiner Entschädigungsakte weisen drauf hin, dass die beiden Verbindungen zur Boysen-Harnack-Gruppe hatten, später bekannt als Rote Kapelle.Entschädigungsakte Würgau, Lebenslauf, Bl. M14 verso: „[…] Illegale Arbeit [in Kreuzberg] […] Herstellung von Flugblättern und deren Verteilung [,] Parolenmalen[,] Zusammenkünfte. Diese Gruppe ging später in die Boysen-Harnack Gruppe auf. Am 21.XI.1934 wurde ich mit meiner damaligen jüdischen Jugendgenossin Eva Mamlok damals wohnhaft S.O.36 Neuenburgerstr beauftragt Blumen an den Gräbern der sozialistischen Vorkämpfer Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht […] niederzulegen.“
Nach ihrer Entlassung aus dem KZ setzte sie die illegale Arbeit fort und kämpfte weiter. Sie war höchstwahrscheinlich der Kopf einer antifaschistischen jüdischen Frauengruppe, die Flugblätter druckte und verteilte sowie um 1940/41 am Zwangsarbeitsplatz von den Nazis verbotene Literatur zirkulieren ließ.
Erinnerungen an Eva von Pieter Siemsen 1935 traf sie über einen gemeinsamen Bekannten Pieter Siemsen (1914–2004), den Sohn von August Siemsen, der SPD-Reichstagsabgeordneter war und bereits 1933 nach der Machtergreifung durch die Nazis über die Schweiz nach Argentinien emigriert war. Sie war siebzehn Jahre alt, er zwanzig. Siemsen war 1934 aus der Schweiz nach Deutschland abgeschoben worden und musste Reichsarbeits- und Militärdienst leisten.
Er schrieb später in seiner Autobiographie, Eva sei nicht aus der Arbeiterbewegung gekommen und habe keinen politischen Hintergrund gehabt: „Aber sie war aus vollem Herzen gegen die Nazis und wurde mit der Zeit auch politisch bewusst.“Pieter Siemsen: Der Lebensanfänger. Erinnerungen eines anderen Deutschen – Stationen eines politischen Lebens: Weimarer Republik – Nazi-Deutschland – Argentinien – DDR – BRD. trafo verlag, 2000, ISBN 3-89626-286-6, 247 S. Laut eigener Aussage bei ihrer Verhaftung 1934 war Eva Mamlok jedoch Mitglied in der Sozialistischen Arbeiterjugend (SAJ), die im Juni 1933 zerschlagen wurde, und vermutlich seitdem im illegalen Widerstand aktiv.
Siemsen gehörte zu einer losen antifaschistischen Gruppe, die sich gelegentlich traf, um über Politik zu diskutieren. Er beschreibt eine prägnante Szene mit Eva folgendermaßen:
Die beiden hatten sich verliebt und gingen häufig in Neumeiers Milchbar in der Nähe des Bahnhofs Zoo. Weil dort bekanntermaßen Leute ein- und ausgingen, „die mit den Nazis nichts am Hut hatten“, wurde das Lokal vermutlich von der Gestapo überwacht. Pieter Siemsen dazu: „Da war einer, der uns die ganze Zeit unverschämt anglotzte. Ich wollte ihn zur Rede stellen und fragen, warum er uns so anstarrte. Ich war sehr impulsiv, manchmal auch leichtsinnig. Eva sagte, ich solle Ruhe geben. Es war eine gefährliche Situation, sie war Jüdin, ich trug Uniform. Wir konnten uns keinen Aufruhr leisten. Aber ich wollte aufspringen und auf den Mann zugehen. Da haute sie mir plötzlich eine runter. In diesem Moment wurde mir klar, in welcher Gefahr wir uns befanden. Sie ging raus, ich hinterher, und wir rannten zusammen weg.“
Pieter Siemsen konnte im Herbst 1937 nach Argentinien auswandern. Zuvor kauften sich Siemsen und Mamlok bei Woolworth „Eheringe für 90 Pfennig das Paar“. Nach Siemsens Erinnerung schrieben sie sich nach seinem Weggang noch zahlreiche Briefe.Pieter Siemsen: Der Lebensanfänger. Erinnerungen eines anderen Deutschen – Stationen eines politischen Lebens: Weimarer Republik – Nazi-Deutschland – Argentinien – DDR – BRD. trafo verlag, 2000, ISBN 3-89626-286-6, S. 28. Durch Siemsen ist auch das einzige Foto von Mamlok überliefert, das er vermutlich vor der Abreise von ihr erhielt und in seiner Autobiografie abdruckte,Pieter Siemsen: Der Lebensanfänger. Erinnerungen eines anderen Deutschen – Stationen eines politischen Lebens: Weimarer Republik – Nazi-Deutschland – Argentinien – DDR – BRD. trafo verlag, 2000, ISBN 3-89626-286-6, S. 235. sowie das einzige erhaltene Selbstzeugnis in Form ihres Abschiedsbriefes an ihn.Abschiedsbrief von Eva Mamlok, Berlin, an Pieter Siemsen, Argentinien, 13.12.1937; gelesen von Matthias Heyl, youtube.com
Tod des Vaters, Ende der Weinhandlung, Geburt der Tochter Tana Die Mamlok & Söhne Wein und Spirituosen AG in der Markgrafenstraße 84 in Kreuzberg hatten Evas Vater Albert Mamlok und sein Bruder Julius 1923 in Berlin gegründet. Die Firma erlosch 1932. Die Gründe für ihren wirtschaftlichen Niedergang sind nicht bekannt.
Am 10. November 1936 starb Albert Mamlok im Alter von 58 Jahren im Jüdischen Krankenhaus Berlin; er wurde auf dem Jüdischen Friedhof Berlin-Weißensee bestattet. Sein Bruder Julius Mamlok war bereits am 19. März 1933 in Zehlendorf gestorben.
Evas Mutter Martha Mamlok betrieb von 1932 bis Ende 1938 in der Neuenburger Straße 3 in einem Ladengeschäft im Souterrain die „Wein- und Spirituosenhandlung Martha Mamlok“.Weinhandlung Martha Mamlok. In: Datenbank Jüdische Gewerbebetriebe in Berlin 1930–1945; hu-berlin.de Nach den Novemberpogromen 1938 wurde Juden durch die Verordnung zur Ausschaltung der Juden aus dem deutschen Wirtschaftsleben vom 12. November 1938 der Betrieb von Einzelhandelsverkaufsstellen mit Wirkung zum Jahresende 1938 untersagt. Ob das Geschäft bei den Novemberpogromen geplündert wurde, ist nicht bekannt, aber sehr wahrscheinlich; die wirtschaftliche Existenz der Familie wurde dadurch zerstört.
Eva lebte im Mai 1939 mit ihrer Mutter, ihrer Schwester Hildegard und ihrer Tante Rosa Peiser zusammen in einer 3-Zimmer-Wohnung in der Neuenburger Straße 3.Hildegard Mamlok. mappingthelives.orgRosa Peiser. mappingthelives.org
Am 3. September 1939 brachte Eva im Jüdischen Krankenhaus Berlin ihre uneheliche Tochter Tana zur Welt. Seit August 1938 waren für jüdische Kinder nur noch wenige Vornamen gestattet, darunter Tana.Zweite Verordnung zur Durchführung des Gesetzes über die Änderung von Familiennamen und Vornamen vom 17. August 1938 Der Vater des Kindes ist unbekannt; der anderthalb Jahre zuvor emigrierte Pieter Siemsen kann es nicht gewesen sein. Nach der Erinnerung ihrer späteren Arbeitskollegin Inge Gerson war der Vater des Kindes selbst nicht jüdisch, doch um ihn vor dem „Rassenschande“-Paragraphen der Nürnberger Gesetze zu schützen, habe Eva stets angegeben, der Vater sei ein ausgewanderter Jude.Inge Berner: The Death Sentence. In: Gertrude Schneider (Hrsg.): The Unfinished Road. Jewish Survivors of Latvia Look Back. Bloomsbury, 1991, S. 88. In Tanas Geburtseintrag beim Standesamt Berlin-Wedding wird Evas Beruf mit „Hausangestellte“ angegeben.
Zwangsarbeit in Berlin Eva Mamlok musste Zwangsarbeit in der Fabrik der F. Butzke Schrauben-Industrie und Fassondreherei GmbH in der Brandenburgstraße 72–75 (heute Lobeckstraße 76) in Kreuzberg leisten. Hier lernte sie im April 1941 Inge Gerson kennen, die sich Evas Gruppe anschloss. Berner, nach 1945 die einzige Überlebende der Gruppe, legte direkt nach Kriegsende und später in den USA immer wieder Zeugnis von deren Aktivitäten ab. Sie erinnerte sich an Eva Mamlok als sehr lebenslustige Person. An der Drehmaschine in der Fabrik sang sie die längst verbotene Dreigroschenoper: „She was very beautiful, full of fun, and always singing.“
Erneute Verhaftung 1941 und Deportation nach Riga 1942 Ende September 1941 wurden Eva Mamlok, Inge Gerson und Inge Levinson, eine weitere Zwangsarbeiterin bei der F. Butzke Schraubenindustrie und Dreherei GmbH, verhaftet. Ein missgünstiger Vorarbeiter hatte die am Arbeitsplatz verliehenen verbotenen Bücher der Gestapo gemeldet, und eins enthielt leichtsinnigerweise Inges Exlibris. Kurz zuvor hatte sich ein Kontaktmann ihrer Widerstandsgruppe das Leben genommen und vermutlich belastendes Material hinterlassen, das die Gestapo fand. Es handelte sich dabei sehr wahrscheinlich um Heinz Allenstein (1914–1941), der sich am 28. September 1941 das Leben nahm und zusammen mit seiner Frau Annelise Allenstein (1910–1985; geb. Cassel; überlebte als Elisabeth Gorn) nur zwei Häuser weiter in der Neuenburger Straße 1 zur Untermiete wohnte.Heinz Chaim Allenstein. mappingthelives.orgAnneliese Cassel. exil-archiv.uni-hamburg.de; überlebte nach Angaben des Schauspielers Bernhard Minetti unter dem Decknamen Elisabeth Gorn. Theaterdatenbank im P. Walter Jacob Archiv, Universität Hamburg.
Die drei Frauen wurden in das Polizeigefängnis am Alexanderplatz gebracht. Wegen „Zersetzung der Wehrkraft des deutschen Volkes“ wurden sie nach Erinnerung von Inge Berner zum Tode verurteilt, das Urteil jedoch später in lebenslange KZ-Haft umgewandelt. Laut Berner gelang dies durch Bestechung und die Intervention ihres nichtjüdischen Onkels.