mini|hochkant=1.3|Das Palais Creutz um 1890, daneben der Schinkelbau und das Duplikat des Palais; Messbild

Das Palais Creutz (auch: Palais Kreutz) war ein barockes Stadtpalais in Berlin. Das von 1713 bis 1715 durch Martin Heinrich Böhme erbaute Palais lag im Alt-Berliner Stadtkern auf dem Grundstück Klosterstraße 36 an der Ecke der Siebergasse schräg gegenüber dem Komplex des Grauen Klosters. Es war im 18. Jahrhundert Sitz zweier historischer Persönlichkeiten und im 19. und 20. Jahrhundert ein bedeutender Ort der Lehre und Forschung sowie ein Museum. Im Zweiten Weltkrieg erlitt es schwerste Schäden und wurde 1949 abgerissen.

Vorgeschichte Als letzte Straße innerhalb der mittelalterlichen Berliner Stadtmauer unterstand die Klosterstraße der Gewalt des Kurfürsten von Brandenburg. Hier lag sein „Hohes Haus“ genanntes Berliner Quartier. Die meisten Grundstücke der Straße waren Burggüter.Siehe dazu Alberg Gut: Das Berliner Wohnhaus des 17. und 18. Jahrhunderts. Verlag für Bauwesen, S. 266.; die Eigenschaft, die mit der Freiheit von allen Abgaben an die Stadt Berlin verbunden war, endete erst mit dem Jahr 1865, siehe dazu Benedikt Goebel: Der Umbau Alt-Berlins zum modernen Stadtzentrum. Planungs-, Bau- und Besitzgeschichte des historischen Berliner Stadtkerns im 19. und 20. Jahrhundert. Braun, Berlin 2003, ISBN 978-3-935455-31-2, S. 35. Seit 1487 gehörte auch das spätere Grundstück Nr. 36 dazu. Unter den vom Markgrafen damit Belehnten befanden sich Angehörige der Familien Wins und Waldow sowie Leonhard Thurneisser. Später fiel es an den Kurfürsten zurück. Zu Beginn des 18. Jahrhunderts diente das Gebäude, ein Fachwerkhaus, als Kornspeicher sowie der Berliner Kadettenschule als „Fechthaus“, bis es 1712 abbrannte. König Friedrich Wilhelm I. schenkte das Ruinengrundstück kurz nach seiner Thronbesteigung im Jahr 1713 seinem Geheimen Staatsrat und Günstling Bogislaw von Creutz, für den er in seinem Regierungssystem das Amt des Generalkontrolleurs der Finanzen geschaffen hatte.

Das Palais im 18. Jahrhundert mini|hochkant|Haupttreppe mit Tür zum Festsaal im Palais Creutz, um 1910

Creutz, der seinen großen Reichtum dem König verdankte, aber zur Miete in Berlin wohnte, begriff die Schenkung zutreffend als Aufforderung, auf dem Grundstück durch den Bau eines eigenen Palais einen vorbildhaften Beitrag zur Verschönerung Berlins zu leisten. Creutz hatte zu beachten, dass Friedrich Wilhelm I. das Berliner Hofleben vom Schloss in die Häuser des Adels verlegt hatte. Dort versammelte sich um ihn die Hofgesellschaft von November bis Juni zwei- bis dreimal wöchentlich reihum bei einem ihrer Angehörigen in „Assemblées“. Der Hausherr hatte die Gesellschaft zu unterhalten und zu bewirten.Melanie Mertens: Berliner Barockpaläste. Die Entstehung eines Bautyps in der Zeit der ersten preußischen Könige. Gebrüder Mann, Berlin 2003, ISBN 978-3-7861-2366-8, S. 360 f. Creutz beauftragte mit der Errichtung seines Palais Martin Böhme, einen Schüler Andreas Schlüters und Jean de Bodts. Böhme orientierte sich angesichts der neuen Anforderungen für ein Berliner Stadtpalais als Fest- und Repräsentationsstätte am Bautyp des Pariser Hôtel particuliers.zu Böhmes Sachaffen siehe Melanie Mertens: Berliner Barockpaläste. Die Entstehung eines Bautyps in der Zeit der ersten preußischen Könige. Gebrüder Mann, Berlin 2003, ISBN 978-3-7861-2366-8, S. 166 f.

Baubeschreibung Nach niederländischen Vorbildern des 17. Jahrhunderts entwarf Böhme ein in die Straßenfront der Klosterstraße integriertes Stadtpalais ähnlich dem Trippenhuis oder dem Grachtenhaus. Das auf einer quadratischen Fläche von 35 m × 35 m erbaute dreiflügelige Gebäude mit je elf Achsen hatte ein Unter-, Ober- und Mezzaningeschoss und trug ein Walmdach mit großen Lukarnen über der dritten und neunten Achse. Aus der Hauptfassade trat ein flaches, dreiachsiges Mittelrisalit mit einer Freitreppe zum Portal hervor, gekrönt von einem stützenfreien Fronton. An dem nach hinten durch eine Galerie zu einem Garten geschlossenen Hof lagen an der schmalen Siebergasse die Wageneinfahrt und weiter hinten Stallungen.

Der Baubeginn fiel in das letzte Jahr Schlüters in Berlin, doch ließ sich ein Anteil Schlüters an Böhmes Bau nicht erkennen, eher „Züge eines Schulwerks“.Heinz Ladendorf: Der Bildhauer und Baumeister Andreas Schlüter. Beiträge zu seiner Biographie und zur Berliner Kunstgeschichte seiner Zeit. Deutscher Verein für Kunstwissenschaft, Berlin 1935, S. 103. Die Fassadengestaltung zeigte starke Anklänge an Schlüters Gartenfassade des Berliner Schlosses: Über dem rundbogigen Portal in der Mittelachse wiederholte sich das von Schlüter beim Gartenportal des Schlosses verwendete Serliana-Motiv. Auch Einzelheiten der Gestaltung des Mittelfensters, wie der Balkon, die heraustretende, mit Säulen versehene kassettierte Fensterlaibung und die aufgesetzten Frauenfiguren entsprachen diesem Vorbild. Die Fensterverdachungen stimmten mit denen des Untergeschosses der Schlossfassade am Schlossplatz überein.

Im Inneren lag hinter der Eingangshalle das Treppenhaus. Die Treppe war freitragend und hatte ein kunstvoll geschnitztes Geländer. Zentrum des Obergeschosses war der Festsaal über der Eingangshalle. Seine Stuckdekorationen und die Deckenmalereien galten als die anspruchsvollsten in Berlin, nur übertroffen von Schlüters Paradezimmern des Berliner Schlosses, deren Motiven sie entsprachen. Auch die acht weiteren Repräsentationsräume waren entsprechend gestaltet. Damit stand das Palais am Beginn der Ausrichtung des Berliner Stadtpalais-Baus auf französische Vorbilder.

Nutzung und Bewohner Im Jahr 1716 konnte Creutz sein Palais beziehen. Das in der Kronprinzenzeit begründete enge Verhältnis des Königs zu Creutz schlug sich in Aufsehen erregender Weise nieder, als am 17. Februar 1732 im Palais zur Heirat der Tochter mit Hans Christoph Friedrich von Hacke der vollständige preußische Hof mitsamt illustrer Gäste erschien, darunter der spätere Kaiser Franz I. Als Creutz 1733 starb, erbte sein Schwiegersohn, wie er ein Vertrauter des Königs, das Palais. Es diente ihm, der auch unter Friedrich dem Großen einflussreiche Funktionen innehatte, über zwanzig Jahre als Wohn- und Amtssitz. Hacke stieg u. a. zum Stadtkommandanten von Berlin auf, bis heute lebendig als Namensstifter des Touristenmagnets Hackescher Markt. Nach seinem Tod im Jahr 1754 blieb das Palais im Eigentum der Familie Hacke.

Öffentliches Gebäude im 19. und 20. Jahrhundert

Gewerbeinstitut mini|Die Klosterstraße; ganz rechts Schinkels Erweiterungsbau des Gewerbeinstituts, links daneben das aufgestockte Palais Creutz; Gemälde von Eduard Gaertner (1830)Nach der Erläuterung von Birgit Verwiebe (Staatliche Museen zu Berlin): Die Klosterstraße hat Gaertner sich und Franz Krüger (zu Pferd) in der Straßenmitte dargestellt, rechts vor dem Gewerbeinstitut Beuth und Schinkel, links, vor dem Lagerhaus unter anderem Christian Daniel Rauch und möglicherweise Karl Wilhelm Wach (mit Zeichenmappe), die beide dort Ateliers hatten.

Um 1800 war das von allen städtischen Abgaben freie Burggut in Staatsbesitz gelangt. König Friedrich Wilhelm III. wies es 1820 dem neu zu gründenden Berliner Gewerbeinstitut zu. Von Peter Beuth im Sinne der preußischen Reformen nach dem Vorbild der Bergakademie Berlin und der Berliner Bauakademie initiiert, bildete die Einrichtung gewerbliche Unternehmer und Fachkräfte für die öffentliche Verwaltung aus. Für die neue Nutzung wurde der Dreiecksgiebel entfernt, um das Mezzaningeschoss durchgehend zum Vollgeschoss zu erhöhen, und das Walmdach durch ein flaches Giebeldach mit einem leeren Giebelfeld zur Siebergasse ersetzt. Als 1827 das Nachbargrundstück Klosterstraße 35 an das Gewerbeinstitut gekommen war, fügte 1829 Karl Friedrich Schinkel dort an das Palais einen Neubau an, dessen drei Stockwerke auf gusseisernen Säulen ruhten und mit denen des Palais Creutz auf gleicher Höhe verbunden waren. Durch große Fenster und schmucklose Pilaster erhielt der Erweiterungsbau eine schlichte, rasterartige Fassade.Schinkel und die Gewerbeförderung. In: Der Tagesspiegel, 6. September 2012. Der Erwerb der Grundstücke Klosterstraße 32–34 und der Sieberstraße 1/2 nach 1855 ermöglichte in den Jahren 1861–1865 weitere Ergänzungsbauten. Auf den freigeräumten Grundstücken an der Klosterstraße schloss man dem Schinkelbau eine um zwei Fensterachsen verschmälerte Kopie des Palais Creutz an, um der dreiteiligen Straßenfront des Institutsgebäudes bei Bewahrung des Palais ein erkennbares Gesicht zu geben. Im vergrößerten hinteren Grundstücksbereich kamen Unterrichts-, Labor- und Werkstattbauten hinzu.Benedikt Goebel: Der Umbau Alt-Berlins zum modernen Stadtzentrum. Planungs-, Bau- und Besitzgeschichte des historischen Berliner Stadtkerns im 19. und 20. Jahrhundert. Braun, Berlin 2003, ISBN 978-3-935455-31-2, S. 24 f. Die Institution hieß ab 1866 Königliche Gewerbeakademie. Aus ihrer Zusammenlegung mit der Bauakademie entstand 1879 die Königlich Technische Hochschule zu Berlin. Als 1884 ihr Neubau in Charlottenburg fertiggestellt war, verließ sie den erweiterten Komplex des Palais Creutz. Fortan benutzten ihn Berliner Kataster- und Finanzämter. Im ersten Stock residierte der Präsident des Landesfinanzamtes in einer 15-Zimmer-Wohnung, die sich bis in die repräsentativen Räume des Palais Creutz erstreckte.Einzelheiten zur Nutzungsgeschichte des Komplexes Klosterstraße 32–36 bei Benedikt Goebel: Der Umbau Alt-Berlins zum modernen Stadtzentrum. Planungs-, Bau- und Besitzgeschichte des historischen Berliner Stadtkerns im 19. und 20. Jahrhundert. Braun, Berlin 2003, ISBN 978-3-935455-31-2, in der Topographietabelle ab S. 445.

Mechanisch-Technische Versuchsanstalt Im Jahr 1871 entstand nach einem Erlass des preußischen Ministeriums für Handel und Gewerbe im Komplex des Palais Creutz die Mechanisch-Technische Versuchsanstalt (MTV), der historische Vorgänger der heutigen Bundesanstalt für Materialforschung und -prüfung (BAM). Die MTV begann im Keller der Berliner Gewerbeakademie mit ersten Festigkeitsversuchen für Eisen und Stahl, bis ihr ein ebenerdiger Fachwerkbau auf dem Hof des Palais zur Verfügung stand. Nachdem Adolf Martens 1884 ihre Leitung übernommen hatte, konnte die MTV in einen für sie errichteten Neubau auf dem Gelände der Technischen Hochschule Berlin in Charlottenburg umziehen.BAM erleben Die BAM – 1871 bis heute. Darstellung im Internetauftritt der BAM.

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