mini|hochkant|Burcu Dogramaci am Käte Hamburger Kolleg global dis:connect, 2022
Burcu Dogramaci (* 1971 in Ankara) ist eine deutsche Kunsthistorikerin. An der Ludwig-Maximilians-Universität in München hat sie seit 2009 eine Professur mit Schwerpunkt auf der Kunst des 20. Jahrhunderts und der Gegenwart inne. Dogramaci wurde im Jahr 2000 mit einer Arbeit über die Mode- und Pressegraphik der Weimarer Republik promoviert und schloss 2007/2008 ihr Habilitationsprojekt Kulturtransfer und nationale Identität. Deutschsprachige Architekten, Stadtplaner und Bildhauer in der Türkei nach 1927 ab. Schwerpunkte ihrer kulturwissenschaftlichen und interdisziplinären Forschung und Lehre bilden die Themen Exil und Migration, wobei sie sich den Konzepten und Ästhetiken von Kunstproduktion im Exil, transkultureller Vernetzung sowie nichtlinearen und anachronistischen Historiografien widmet. Daneben beschäftigt sie sich mit den Themen Architektur und Stadt, Skulptur der Moderne und Nachkriegszeit, Mode, Fotografie und Fotobuch sowie Live Art.
Leben und Wirken
Herkunft und akademische Ausbildung Burcu Dogramaci wurde 1971 in Ankara geboren und kam als Kind nach Deutschland. Sie studierte an der Universität Hamburg Kunstgeschichte und Germanistik. Im Jahr 2000 wurde Dogramaci mit einer von Martin Warnke betreuten Arbeit über die jüdische Modegraphikerin Lieselotte Friedlaender und deren Wirken in der Pressegraphik der Weimarer Republik promoviert. Die Dissertation entstand im Zusammenhang mit der zusammen mit Helmuth F. Braun und Christine Waidenschlager konzipierten Ausstellung Lieselotte Friedländer 1898-1973. Schicksal einer Berliner Modegraphikerin, die von November 1998 bis Januar 1999 gemeinsam von Jüdischen Museum Berlin und der Modeabteilung des Stadtmuseums Berlin im Ephraim-Palais veranstaltet wurde. Dogramaci steuerte auch einen ausführlichen biographischen Text und ein Interview mit der Adoptivtochter Ciliane Dahlen-Friedlaender zum Ausstellungskatalog bei.Burcu Dogramaci: Das bewegte Leben einer Berliner Modezeichnerin. Lieselotte Friendländer 1898-1973.; Burcu Dogramaci, „Sie hatte nachher das Gefühl, sie hätte umsonst gelebt.“ Interview mit Ciliane Dahlen-Friedlaender im Mai 1997 In: W. Michael Blumenthal, Jüdisches Museum Berlin (Hrsg.): Lieselotte Friedlaender 1898-1973. Schicksal einer Berliner Modegraphikerin, Berlin 1998, S. 13–89. Im Jahr 2005 erhielt sie von der Stadt Hamburg das Stipendium des Aby-M.-Warburg-Preises.Neuberufen. Prof. Dr. Burcu Dogramaci. Fakultät für Geschichts- und Kunstwissenschaften, in: Münchner Uni Magazin. Zeitschrift der Ludwig-Maximilians-Universität München, Nr. 3 (2009), S. 28.
Habilitation Angeregt von ihrem Mentor Martin Warnke, der ihr riet, ihre Zweisprachigkeit für ihre Forschung zu nutzen, wandte sich Dogramaci der Thematik des Kulturtransfers und nationaler Identität am Beispiel der Arbeit deutschsprachiger Architekten und Bildhauer in der Türkei zu.Martina Scherf: Wenn Flucht Kunstgeschichte macht. Metropolen als neue Heimat: Burcu Dogramaci forscht an der LMU über Kunst und Migration. In: Süddeutsche Zeitung, 10. Oktober 2017, abgerufen am 17. Januar 2025. Für die Arbeit Kulturtransfer und nationale Identität. Deutschsprachige Architekten, Stadtplaner und Bildhauer in der Türkei nach 1927 erhielt sie in den Jahren 2003 bis 2006 ein Stipendium der Deutschen Forschungsgemeinschaft. Die daraus resultierende Publikation wurde 2008 mit dem Kurt-Hartwig-Siemers-Wissenschaftspreis der Hamburgischen Wissenschaftlichen Stiftung ausgezeichnet.
mini|Der deutsche Architekt Paul Bonatz war einer der sechs Juroren, die 1942 über die Gestaltung des Anıtkabir, des Mausoleums für Mustafa Kemal Atatürk in Ankara, entschieden.
In ihrer Studie betrachtet Dogramaci das Exil und die Auslandstätigkeit aus Deutschland, Österreich und der Schweiz in die Türkei unter der Regierung Atatürks emigrierter künstlerischer und technischer Eliten. Dabei untersucht sie nicht die architekturhistorischen Auswirkungen, sondern behandelt vor allem die Prozesse der Kulturvermittlung. Neben der Entwurfstätigkeit und realisierten Bauprojekten widmet sich Dogramaci deshalb auch der Lehre, Jurytätigkeiten und dem publizistischen Engagement der Akteure. Zudem ergänzt sie das Feld der Architektur um Stadtplanung, Plastik sowie Kunstgeschichte und betont dabei das Zusammenwirken zwischen den deutschsprachigen Emigranten und den türkischen Akteuren. Dogramaci folgt in ihrer Studie nicht dem Œuvre und Biografien der einzelnen Protagonisten, sondern stattdessen den strukturellen Bedingungen der kulturellen Vermittlung, den Etappen dieses Austausches und den unterschiedlichen Arbeitsfeldern, in denen dieser stattfand. Dogramaci leitet mit der Vorgeschichte der Ausbildung türkischer Architekten an Hochschulen in Deutschland, Österreich und der Schweiz ein, da beispielsweise Sedad Hakkı Eldem und Seyfi Arkan, die bei Hans Poelzig in Berlin studiert hatten, in der Folge selbst als kulturelle Vermittler in der Türkei wirkten und Ansprechpartner für die deutschsprachigen Emigranten wurden. Anschließend behandelt sie die mit den Aufträgen für Ernst Egli und Clemens Holzmeister 1927 einsetzende Tätigkeit für den türkischen Staat, die Mitwirkung am Aufbau der Architektenausbildung sowie der Professionalisierung des Städtebaus. Bei letzterem betont sie unter anderem die zehn Jahre andauernde Tätigkeit des ehemaligen Altonaer Bausenators Gustav Oelsner. Dogramaci behandelt zudem den Dialog zwischen deutschen und türkischen Architekten, etwa am Beispiel der Zusammenarbeit Paul Bonatz’ mit seinen Kollegen Sedad Hakkı Eldem und Emin Onat. Die Betrachtung der Felder der Architektur und Stadtplanung ergänzt Dogramaci durch Kapitel zur Denkmalplastik, für die Rudolf Belling bedeutend war, und Kunstgeschichte am Beispiel des von Ernst Diez 1943 an der Universität Istanbul gegründeten kunstgeschichtlichen Seminars, das aufgrund der übernational und vergleichend angelegten Praxis von Diez jedoch weniger den Erwartungen an eine national ausgerichtete Kunsthistoriographie entsprach.
Die Monographie wurde im Fach überwiegend positiv aufgenommen. Georg Wagner-Kyora betonte in seiner Rezension für die historische Fachzeitschrift Archiv für Sozialgeschichte, dass Dogramaci „[…] mit ihrem Grundlagenwerk eine Lücke in der bisherigen Forschung zum Exil, zur türkischen Moderne und zur Biografiegeschichte deutschsprachiger sowie auch jener zu den türkischen Techniker-Eliten, die unter ihrem Einfluss professionalisiert wurden, […]“ schließe. Damit handele es sich um einen „Meilenstein der transnationalen Beziehungsgeschichte zwischen Deutschland und der Türkei“.Georg Wagner-Kyora: Rezension von: Burcu Dogramaci: ‚Kulturtransfer und nationale Identität. Deutschsprachige Architekten, Stadtplaner und Bildhauer in der Türkei nach 1927‘, Gebr. Mann Verlag, Berlin 2008, in: Archiv für Sozialgeschichte, Vol. 55 (2015). Online. Für Jörg Stabenow, der die Publikation für sehepunkte rezensierte, entfaltet die Autorin „[…] ein facettenreiches Panorama des Kulturtransfers, in dem Kommunikationsprozesse ebenso großes Gewicht haben wie architektonische und künstlerische Phänomene.“ Sie habe den Horizont der Forschung mit ihrer differenzierten Betrachtung des Phänomens der kulturellen Transmission erweitert und mit ihrer Arbeit „eine beeindruckende Brückenkompetenz“ bewiesen.Jörg Stabenow: Rezension von: Burcu Dogramaci: ‚Kulturtransfer und nationale Identität. Deutschsprachige Architekten, Stadtplaner und Bildhauer in der Türkei nach 1927‘. Berlin: Gebr. Mann Verlag 2008, in: sehepunkte 11 (2011), Nr. 2, 15. Februar 2011. Online. Als Kritikpunkte führte Stabenow an, dass die politische Charakterisierung der jungen türkischen Republik zwar zu Recht, jedoch einseitig auf die Modernisierungsleistungen des Staates fokussiert sei, weshalb dessen autoritäre Tendenzen nicht ausreichend gewürdigt würden. Zudem bleibe die Bewertung der architektonischen Positionen als „modern“ unscharf. Diese seien zwar in der Türkei als modern rezipiert worden, jedoch bildete die Gruppe der Emigranten und Exilanten unter Abwesenheit von Vertretern der Avantgarde ein Stilspektrum von modern bis konservativ ab. Für eine ausführlichere Würdigung dieses Aspektes verwies er auf Bernd Nicolais Publikation Moderne und Exil. Deutschsprachige Architekten in der Türkei 1925–1955 aus dem Jahr 1998.
2003 und 2004 war Dogramaci Teilnehmerin des Mentoring-Programms der Universität der Künste Berlin, wo sie von Renate Berger betreut wurde. Sie war dabei die einzige Kunsthistorikerin in einer Gruppe von Künstlerinnen.Burcu Dogramaci, in: Sigrid Haase (Hrsg.): Musen Mythen Mentoring, Universität der Künste, Berlin 2011, S. 57–60. Aufgrund ihrer Rolle als Mutter gestaltete sich Dogramacis Qualifikationsphase schwierig. So wäre der Weg über eine Juniorprofessur oder eine wissenschaftliche Mitarbeiterstelle, in deren Rahmen das zweite Buch verfasst würde, nur schwer umzusetzen gewesen. Das Forschungsstipendium der DFG bot ihr hingegen den nötigen Freiraum, ihre Familie mit der Arbeit an ihrer Habilitationsschrift zu vereinbaren. Aus dieser Erfahrung heraus trat sie mit dem Vorschlag, ein gesondertes Stipendienprogramm für Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen mit Kindern aufzulegen, an das Bundesministerium für Bildung und Forschung heran, das die Initiative jedoch ablehnte mit Verweis, dass sich die Frauen in der Deutschen Forschungsgemeinschaft gegen einen „Sonderweg für Frauen“ ausgesprochen hätten.Burcu Dogramaci, in: Sigrid Haase (Hrsg.): Musen Mythen Mentoring, Universität der Künste, Berlin 2011, S. 57–60, hier: 58 und 59.
Dogramaci nahm Lehraufträge an der Universität Hamburg, der Technischen Universität Hamburg-Harburg und der Jacobs University Bremen wahr. Daneben arbeitete sie für verschiedene Medien als freie Kunstkritikerin.
Professorin an der Ludwig-Maximilians-Universität in München Zum Sommersemester 2009 berief die Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) Dogramaci auf die Professur für Kunstgeschichte mit Schwerpunkt auf der Kunst des 20. Jahrhunderts und der Gegenwart. Sie selbst sah ihre Berufung als Teil einer Neuaufstellung des Instituts, das zuvor bereits mit Professuren für islamische und jüdische Kunstgeschichte sowie Filmgeschichte begonnen hatte, sein Profil zu verändern. Im Jahr 2016 gab sie gegenüber der Weltkunst an, dass das kunsthistorische Institut der LMU, das lange Zeit als konservativ galt, nach einem erfolgten Generationswechsel nun als progressiv einzuschätzen sei.Lisa Seitz: Die Erfinderische. Burcu Dogramaci, in: Weltkunst Spezial 02. München (2016), S. 53. In den Jahren 2010 und 2011 war Dogramaci geschäftsführende Direktorin des kunstwissenschaftlichen Instituts, das sie auch 2013/14 leitete. 2011 und 2012 war sie zudem Senior Research Fellow am Center for Advanced Studies der LMU München. Im Jahr 2016 erhielt sie dann einen ERC Consolidator Grant des Europäischen Forschungsrates, welcher vielversprechende junge Wissenschaftlerinnen beim Aufbau einer eigenen Forschungsgruppe unterstützt. Dogramaci erhielt 2014 den Preis für gute Lehre des Bayerischen Staatsministeriums für Unterricht und Kultus.Burcu Dogramaci. (Profil) In: Kunsthistorisches Institut der LMU, abgerufen am 29. Januar 2023.