mini|330px|Die Aliden (grün) innerhalb des quraischitischen Clans der Banū Hashim mit den Abbasiden (rötlich) Die Aliden () sind die Nachkommen von ʿAlī ibn Abī Tālib, einem Cousin und Schwiegersohn des Religionsstifters Mohammed. Einige von ihnen werden bei den Schiiten als Imame verehrt. Allerdings hatten und haben nicht alle Aliden eine schiitische Ausrichtung. Einige haben sich auch als Gelehrte in sunnitischen Rechtsschulen betätigt.Bernheimer: The 'Alids: The First Family of Islam. 2013, S. 2. Die Aliden unternahmen während der Umayyaden- und der frühen Abbasidenzeit mehrere Aufstände. Die hasanidischen und husainidischen Aliden bilden als Nachkommen des Propheten eine Art religiösen Erbadel in den muslimischen Gesellschaften. Auch verschiedene islamische Dynastien nahmen bzw. nehmen für sich eine alidische Abkunft in Anspruch.
Die Aliden sind nicht mit den Alawiten oder Aleviten, zwei modernen religiösen Sondergemeinschaften Vorderasiens, zu verwechseln, die auf Arabisch ebenfalls als ʿAlawīyūn bezeichnet werden. Ihr Name bezieht sich zwar gleichfalls auf ʿAlī ibn Abī Tālib, doch werden diese Gemeinschaften nicht durch eine genealogische Abkunft von ihm begründet.
Die „Aliden“ und andere Abstammungsgruppen mini|Das Verhältnis der Aliden zu anderen genealogischen Gruppen nach Abū Nasr al-Buchārī Der Genealoge Abū Nasr al-Buchārī erklärte im 10. Jahrhundert das Verhältnis der verschiedenen genealogischen Gruppenbezeichnungen in der folgenden Weise:
Die Aliden sind also eine Gruppe innerhalb der sogenannten Tālibiden (Ṭālibīyūn), der Nachkommen von ʿAlīs Vater Abū Tālib ibn ʿAbd al-Muttalib. Zu den Tālibiden gehören neben den Aliden auch die Nachkommen von ʿAlīs Brüdern ʿAqīl und Dschaʿfar. Da Abū Tālib ein Enkel von Hāschim ibn ʿAbd Manāf war, gehörten die Aliden wie die Abbasiden, mit denen sie im 8. und 9. Jahrhundert um die Macht rivalisierten, zu den Banū Hāschim oder Hāschimiden. Die Banū Hāschim waren wiederum ein Clan der Quraisch, und die Quraisch ein Stamm innerhalb der Araber.
Eine Untergruppe der Aliden stellen diejenigen Nachkommen dar, die aus seiner Ehe mit Mohammeds Tochter Fatima hervorgegangen sind. Sie werden in den arabischen Quellen im Gegensatz zu den anderen Aliden als Fātimiden (Fāṭimīyūn) bezeichnet und haben insofern eine Vorzugsstellung, weil sie nicht nur Nachkommen ʿAlīs, sondern auch Nachkommen Mohammeds sind. Auch die Herrscher der gleichnamigen Dynastie nahmen in Anspruch, zu dieser Gruppe zu gehören. Die Nachkommen Alis und Fatimas werden wiederum nach den Namen ihrer beiden Söhne in Hasaniden (nach al-Hasan ibn ʿAlī) und Husainiden (nach al-Husain ibn ʿAlī, nicht zu verwechseln mit der gleichnamigen, aber nicht-alidischen Regionaldynastie Tunesiens) unterteilt.
ʿAlīs Frauen und ihre Kinder ʿAlī hatte 14 Söhne und mindestens 17 Töchter.Huart: “ʿAliden”. 1913, S. 312a. Nachfolgend eine Aufstellung seiner Kinder, geordnet nach ihren Müttern (Sklavinnen sind mit einem * gekennzeichnet): Mutter Stamm/Clan Söhne Töchter Kommentar Fatima bint Muhammad Banū HāschimIbn Ḥazm: Ǧamharat ansāb al-ʿArab. S. 37 f. al-Hasan, al-Husain, al-Muhsin Zainab, die Ältere, Umm Kulthūm, die Ältere Al-Muhsin, dessen Name auch manchmal als al-Muhassin angegeben wird, starb schon kurz nach seiner Geburt. Zainab heiratete ʿAbdallāh, den Sohn ihres Onkels Dschaʿfar ibn Abī Tālib, und hatte mit ihm eine Tochter, die al-Haddschādsch ibn Yūsuf heiratete. Umm Kulthūm heiratete zunächst den Kalifen ʿUmar ibn al-Chattāb und gebar ihm einen Sohn namens Zaid und eine Tochter namens Ruqaiya und ehelichte anschließend nacheinander drei Söhne ihres Onkels Dschaʿfar, ohne aber mit ihnen Kinder zu haben. Chaula bint Dschaʿfar* Banū HanīfaIbn Ḥazm: Ǧamharat ansāb al-ʿArab. S. 37. Muhammad ibn al-Hanafīya Muhammad ibn al-Hanafīya wurde auch Muhammad der ältere genannt. as-Sahbā' bint Rabīʿa* Taghlib ʿUmarLewis: ʿAlids. 1960, S. 400b. Ruqaiya as-Sahbā', die auch Umm Habīb genannt wurde, war eine Sklavin, die von Chālid ibn al-Walīd bei ʿAin at-Tamr erbeutet worden war. Umm al-Banīn Fātima bint Hizām Banū Kilāb al-ʿAbbās ibn ʿAlī, ʿAbdallāh, ʿUthmān, Dschaʿfar ِAlle diese vier Söhne fielen in der Schlacht von KerbelaIbn ad-Dawādārī: Kanz ad-durar wa-ǧāmiʿ al-ġurar. al-Bābī al-Ḥalabī, Kairo 1982. Band VI, S. 9. Digitalisat Asmā' bint ʿUmais ChathʿamIbn Ḥazm: Ǧamharat ansāb al-ʿArab. S. 38. Yahyā, ʿAun Lailā bint Masʿūd Tamīm ʿUbaidallāh, Abū Bakr ʿAbd ar-Rahmān ʿUbaidallāh wurde getötet, als er im Heer von Musʿab ibn az-Zubair gegen al-Muchtār ibn Abī ʿUbaid kämpfte, Abū Bakr fiel in der Schlacht von Kerbela. Umāma bint Abī l-ʿĀs ʿAbd Schams Muhammad, der jüngere Umāma war eine Tochter von Zainab bint Muhammad. Umm Saʿīd bint ʿUrwa Thaqīf Umm al-Hasan, Ramla Nur fünf von ʿAlīs Söhnen hinterließen Nachkommen, nämlich al-Hasan, al-Husain, Muhammad ibn al-Hanafīya, ʿUmar und ʿAbbās. Muhammad ibn al-Hanafīya hatte einen Sohn namens Abū Hāschim. Die Nachkommen von al-Hasan, die Hasaniden, waren überaus zahlreich, weil er sehr viele Ehen einging. Die Nachkommen al-Husains, die Husainiden, haben deshalb eine besonders große Bedeutung, weil ihr die Imame der Zwölfer-Schia entstammen.
Geschichte Die Aliden während der Umayyadenzeit Aliden spielten eine wichtige politische Rolle während der Umayyadenzeit. So unternahm ʿAlīs Sohn al-Husain 680 einen Aufstand gegen den umaiyadischen Kalifen Yazid I. Fünf Jahre später erhob sich al-Muchtār ibn Abī ʿUbaid im Namen von ʿAlīs Sohn Muhammad ibn al-Hanafīya. Dieser wurde zum Mahdī ausgerufen, dem messianischen Erlöser-Imam, ein Konzept, das bei den Mawālī großen Anklang fand.Daftary: Alids. 2008. Der umaiyadische Kalif ʿUmar ibn ʿAbd al-ʿAzīz (reg. 717–720) bemühte sich um ein besseres Verhältnis zu den fatimidischen Aliden und ließ durch seinen Statthalter in Medina 10.000 Dinar unter ihnen verteilen.al-Masʿūdī: Murūǧ aḏ-ḏahab wa-maʿādin al-ǧauhar. Texte et traduction par Barbier de Meynard et Pavet de Courteille. 9 Bde. Paris 1861–1877. Bd. V, S. 421 Digitalisat
Zusammen mit den Abbasiden, die wie sie zu den Banū Hāschim gehörten, beteiligten sich verschiedene Aliden ab den 720er Jahren an der „hāschimitischen Daʿwa“ (daʿwa Hāšimiyya), einer Untergrundbewegung, die im Namen des „desjenigen aus dem Hause Mohammeds, der Zustimmung findet“ (ar-riḍā min āl Muḥammad) auf den Sturz der Umayyaden hinarbeitete. Nachdem die Aufstände des Husainiden Zaid ibn Ali im Jahre 740 und seines Sohnes Yahya 743 niedergeschlagen worden waren, schmiedete 744 der Hasanide ʿAbdallāh ibn Hasan, der zu dieser Zeit das Oberhaupt der Aliden war, Pläne zur Übernahme der Herrschaft im islamischen Reich. Schließlich brachte die daʿwa Hāšimiyya nach dem Aufstand von Abu Muslim 749 aber doch die Abbasiden an die Macht.Für weitere Informationen zur Umsturzbewegung, die die Abbasiden an die Macht brachte siehe das Buch von Saleh Said Agha: The Revolution which toppled the Umayyads. Neither Arab nor Abbasid. Brill, Leiden 2005.
Die beiden husainidischen Aliden Muhammad al-Bāqir (gest. 732) und sein Sohn Dschaʿfar, die von den Imamiten als Imame verehrt werden, verfolgten hingegen in dieser Zeit eine quietistische Politik gegenüber den herrschenden Kalifen. Sie blieben im Hedschas und beteiligten sich an keinerlei aufständischen Aktivitäten.
Alidische Aufstände unter den Abbasiden Nach dem abbasidischen Herrschaftsantritt war das Verhältnis zwischen Aliden und Abbasiden zunächst relativ entspannt. ʿAbdallāh machte dem ersten abbasidischen Kalifen Abū l-ʿAbbās as-Saffāh seine Aufwartung und erkannte seine Herrschaft an.K. V. Zetterstéen: ʿAbdallāh ibn al-Ḥasan. In: Encyclopaedia of Islam. Second Edition. Band I, S. 45b.
Während des Kalifats von al-Mansūr sammelten jedoch zwei Söhne ʿAbdallāhs, Muhammad an-Nafs az-Zakīya und Ibrāhīm, Anhänger um sich und machten den Abbasiden die Herrschaft streitig. 762 unternahmen sie einen großangelegten Aufstand in Medina und Basra,Muḥammad ibn ʿAbd Allāh an-Nafs az-Zakiyya und Ibrāhīm ibn ʿAbd Allāh In: Encyclopaedia of Islam. Second Edition. Band VIII, S. 388–389 und Band III, S. 983–985. bei dem sie von ʿĪsā, einem Sohn Zaid ibn ʿAlīs, und dessen Anhängerschaft, den Zaiditen, unterstützt wurden.Zu ʿĪsā ibn Zaid und seinen Anhängern Abū l-Faraǧ al-Isfahānī: Maqātil aṭ-Ṭālibiyyīn. Ed. as-Sayyid Ahmad Saqar. Beirut 1987, S. 342–361. In einem Brief an al-Mansūr hielt Muhammad den Abbasiden vor, dass sie ihre Herrschaft den Aliden zu verdanken hätten: „Nur durch uns konntet ihr den Anspruch auf diese Macht erheben, mit unserer Partei (šīʿa) seid ihr ausgezogen, um sie zu erlangen, und unseretwegen habt ihr sie erhalten.“Der Brief wird bei at-Tabarī: Kitāb aḫbār ar-rusul wa-'l-mulūk. Ed. De Goeje. Brill, Leiden, 1879/80. Series III, S. 209 Digitalisat (hier Zeile 15-17). Italienische Übersetzung bei Gabrieli 7. Der Aufstand der beiden wurde allerdings schon ein Jahr später niedergeschlagen. Es gab auch Aliden, die die Abbasiden unterstützten. Ein Beispiel ist al-Hasans Enkelsohn al-Hasan ibn Zaid (gest. 784), den al-Mansūr als Statthalter von Medina einsetzte. Abū Nasr al-Buchārī präsentiert ihn als den ersten Aliden, der sich in Schwarz, der Farbe der Abbasiden, kleidete.al-Buḫārī: Sirr al-silsila al-ʿAlawīya. 1962, S. 21.
Im Jahre 786, unter dem kurzen Kalifat al-Hādīs, unternahm ein weiterer Alide mit dem Namen al-Husain ibn ʿAlī einen Aufstand in Medina, der allerdings mit einem Debakel endete: er wurde in Fachch bei Medina von abbasidischen Truppen besiegt.Laura Veccia Vaglieri: Ḥusain ibn ʿAlī, Ṣāḥib Fakhkh. In: The Encyclopaedia of Islam. New Edition. Band III, S. 615b–617b. Unter dem Kalifat Hārūn ar-Raschīds gelang es einem dritten Sohn ʿAbdallāhs, Idrīs, in den westlichen Maghreb auszuweichen und dort 789 mit Unterstützung einheimischer Berberstämme einen hasanidischen Staat zu begründen. Seine Nachkommen, die Idrisiden, herrschten bis zum Anfang des 10. Jahrhunderts über weite Gebiete des heutigen Marokko.