Die Magdalenenkirche, vor der Reformation St. Maria Magdalena, war eine im 13. und 14. Jahrhundert erbaute gotische Pfarrkirche in der Unterneustadt von Kassel. Das auch „Unterneustädter Kirche“ genannte Bauwerk stand auf dem heutigen Holzmarkt und bildete das städtebauliche Zentrum der 1283 gegründeten und 1378 nach Kassel eingegliederten Neustadt auf der südlichen Seite der Fulda. Bis 1526/27 unterstand die Kirchengemeinde dem Kloster Ahnaberg. Das Gebäude musste 1795 einer neuen Straßenführung zur Erschließung der im Jahr zuvor errichteten neuen Fuldabrücke weichen.

Lage

Das Kirchengebäude befand sich auf dem (Unter-)Neustädter Kirchplatz, dem heutigen Holzmarkt. Um nicht von der idealen Ostung eines Kirchengebäudes abweichen zu müssen, stand das Gebäude diagonal auf der Freifläche. Der Kirchplatz selbst besaß eine Rautenform, um die Diagonalstellung im Straßenraster, welches der Fließrichtung der Fulda folgt, abzumildern.Christian Presche: Kassel im Mittelalter. Zur Stadtentwicklung bis 1367 (= Kasseler Beiträge zur Geschichte und Landeskunde. Band 2). 2 Teilbände, Kassel University Press, Kassel 2014, ISBN 978-3-86219-618-0, S. 451–456 und 640–641 sowie Abb. 77–80. Über der Stelle des ehemaligen Kirchenschiffes verläuft heute die vielspurige und stark befahrene Leipziger Straße. Östlich des ehemaligen Chors mündet die Waisenhausstraße in diese Einfallstraße.

Geschichte mini|Die Magdalenenkirche im Jahr 1655 auf Matthäus Merians Stadtplan unter der Nummer 20 Die erste urkundliche Erwähnung des Kirchspiels datiert aus dem Jahr 1317, in dem „Kaplan Hermann“ als Zeuge bei einem Verkauf eines Hofes an das Kloster Ahnaberg genannt wurde.Johannes Schultze: Klöster, Stifter und Hospitäler der Stadt Kassel und Kloster Weißenstein. Regesten und Urkunden (= Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Hessen und Waldeck. Band 9,2). N. G. Elwert, Marburg 1913, DOI:10.17192/eb2018.0005, S. 33, Regest 83. 1342 wurde das Gebäude erstmals explizit erwähnt, als bei einem Hochwasser der Fulda die Fluten bis zum Hauptaltar stiegen.Johann Philipp Kuchenbecker: Analecta Hassiaca: darinnen allerhand zur hessischen Historie, Iurisprudentz und Litteratur behörige Urkunden, Abhandlungen und Nachrichten mitgetheilet werden. Band 1, Philipp Casimir Müller, Marburg 1728, DOI:10.17192/eb2010.0242, S. 5 . Am 15. Januar 1358 besiegelte der Bürgermeister Hans Rodewich der damals noch eigenständigen Neustadt ein Vermächtnis an die Kirche in der Neustadt, womit das Gebäude erstmals in einer offiziellen Urkunde genannt wurde.Johannes Schultze: Klöster, Stifter und Hospitäler der Stadt Kassel und Kloster Weißenstein. Regesten und Urkunden (= Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Hessen und Waldeck. Band 9,2). N. G. Elwert, Marburg 1913, DOI:10.17192/eb2018.0005, S. 88, Regest 219. Johannes und Mechtild Rudewici stifteten im Dezember 1374 Teile ihrer Einkünfte für eine Vikarie an einem der Heiligen Katharina gewidmeten Altar. Der Vikar war fortan verpflichtet, wöchentlich vier Messen an diesem Altar zu halten und an Sonn- und Feiertagen bei der heiligen Messe als Ministrant zu dienen.Johannes Schultze: Klöster, Stifter und Hospitäler der Stadt Kassel und Kloster Weißenstein. Regesten und Urkunden (= Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Hessen und Waldeck. Band 9,2). N. G. Elwert, Marburg 1913, DOI:10.17192/eb2018.0005, S. 115, Regest 281.

Landgraf Herrmann II. von Hessen, der bereits im Sternerkrieg ein konfrontatives Herrschaftsbewusstsein an den Tag gelegt hatte, bestritt 1393 dem Kloster Ahnaberg das Patronatsrecht über die Pfarrkirchen der Stadt Kassel. Papst Bonifatius IX. beauftragte daraufhin den Abt des Northeimer Klosters mit der Untersuchung der Forderungen des Landgrafen.Johannes Schultze: Klöster, Stifter und Hospitäler der Stadt Kassel und Kloster Weißenstein. Regesten und Urkunden (= Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Hessen und Waldeck. Band 9,2). N. G. Elwert, Marburg 1913, DOI:10.17192/eb2018.0005, S. 128, Regest 315. Eine Einigung zugunsten des Augustinerklosters Ahnaberg kam 1395 zustande, bei der sich der Landgraf verpflichtete, das Kloster und seine Kirchen gegen die ebenfalls in Kassel ansässigen Karmeliter zu beschützen.Johannes Schultze: Klöster, Stifter und Hospitäler der Stadt Kassel und Kloster Weißenstein. Regesten und Urkunden (= Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Hessen und Waldeck. Band 9,2). N. G. Elwert, Marburg 1913, DOI:10.17192/eb2018.0005, S. 129, Regest 318. Im Jahr 1418 stiftete ein mutmaßlich aus der Kasseler Region stammender Kanoniker des Stiftes St. Peter vor den Mauern bei Mainz einen Marienaltar mit dazugehörender Vikarie.Johannes Schultze: Klöster, Stifter und Hospitäler der Stadt Kassel und Kloster Weißenstein. Regesten und Urkunden (= Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Hessen und Waldeck. Band 9,2). N. G. Elwert, Marburg 1913, DOI:10.17192/eb2018.0005, S. 140, Regest 352. Im selben Jahr stimmte die Priorin des Klosters Ahnaberg dem Wunsch weiterer Familienangehöriger derselben Familie zu, eine weitere Vikarie am Katharinenaltar zu gründen.Johannes Schultze: Klöster, Stifter und Hospitäler der Stadt Kassel und Kloster Weißenstein. Regesten und Urkunden (= Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Hessen und Waldeck. Band 9,2). N. G. Elwert, Marburg 1913, DOI:10.17192/eb2018.0005, S. 142, Regest 355.

Reformation Als Zeichen der ansteigenden Spannung innerhalb der Kirche, aber auch zwischen geistlicher und weltlicher Macht, kann die letzte überlieferte vorreformatorische Urkunde aus dem Jahr 1519 angesehen werden: Am 28. April einigte man sich darauf, dass künftig alle schriftlichen Unterlagen und wirtschaftlichen Pfründe der Gemeinde in der Sakristei in einer Truhe mit drei einzelnen Schlössern verwahrt werden mussten, so dass keine einzelne Partei alleine Zugang erhalten konnte.Johannes Schultze: Klöster, Stifter und Hospitäler der Stadt Kassel und Kloster Weißenstein. Regesten und Urkunden (= Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Hessen und Waldeck. Band 9,2). N. G. Elwert, Marburg 1913, DOI:10.17192/eb2018.0005, S. 211, Regest 544. Einer der in der Urkunde erwähnten Vikare war Johann Kirchhain (auch Johannes Erhardi genannt), der bis zu seinem Tod 1572 Pfarrer der Gemeinde blieb.Oskar Hütteroth: Die althessischen Pfarrer der Reformationszeit (= Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Hessen. Band 22). Elwert, Marburg 1953, DOI:10.17192/eb2017.0137, S. 75 (als Johannes Erhardi).

Im Vorfeld der in Hessen rasch voranschreitenden Reformation las Kirchhain 1521 im Jahr des Wormser Ediktes das erste Mal die Messe in deutscher Sprache und spendete die Eucharistie in beiderlei Gestalt.Hugo Brunner: Geschichte der St. Cyriakus-Kirche in der Altstadt Kassel. (Zugleich ein Beitrag zur älteren Geschichte der Stadt.) In: Zeitschrift des Vereins für Hessische Geschichte und Landeskunde. Band 43, 1909, S. 50–70 (online).Johann Philipp Kuchenbecker: Analecta Hassiaca: darinnen allerhand zur hessischen Historie, Iurisprudentz und Litteratur behörige Urkunden, Abhandlungen und Nachrichten mitgetheilet werden. Band 1, Philipp Casimir Müller, Marburg 1728, DOI:10.17192/eb2010.0242, S. 31 . Philipp Melanchthon soll mehrmals Gast im Pfarrhaus gewesen sein und Kirchhains Tochter in der Kirche getauft haben.Oskar Hütteroth: Die althessischen Pfarrer der Reformationszeit (= Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Hessen. Band 22). Elwert, Marburg 1953, DOI:10.17192/eb2017.0137, S. 76.Ella Gonnermann: Ein altes Kasseler Pfarrhaus. In: Hessenland. Band 26, 1912, S. 204 f. (Digitalisat). Die 1540 geschlossene Zweitehe von Landgraf Philipp verurteilte Kirchhain von der Kanzel der Magdalenenkirche herab scharf.

Nach dem Tod Kirchhains wurde 1573 Reinhard Hefentreger, ein Bruder des Reformators Johann Hefentreger, neuer Pfarrer der Kirchengemeinde. Noch bevor Landgraf Moritz 1605 den Calvinismus in Hessen-Kassel einführte, teilte Hefentreger, der Sohn eines Bäckers aus Fritzlar, statt Hostien Brot beim Abendmahl aus.Oskar Hütteroth: Die althessischen Pfarrer der Reformationszeit (= Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Hessen. Band 22). Elwert, Marburg 1953, DOI:10.17192/eb2017.0137, S. 128 (als Reichard Hefenträger).

In der Sakristei befand sich eine Bibliothek, von der man dank des Hochwassers im Jahr 1682 durch den damaligen Pfarrer Friedrich Lucae unterrichtet ist.

Bei der durch Lucae genannten Bibliothek könnte es sich um die Sammlung des ehemals in Kassel wirkenden, aber in Ungnade gefallenen und 1570 verstorbenen Reformators Theodor Fabricius handeln.

1615 gestattete Landgraf Moritz der aus Exulanten bestehenden französisch-niederländischen Gemeinde die Nutzung der Magdalenenkirche als Stätte ihrer Predigten. Bei dem ersten Gottesdienst nahm Landgräfin Juliane teil.Christoph von Rommel: Geschichte von Hessen. Band 6, Friedrich Perthes, Marburg 1837, , S. 658 (Digitalisat). Erst 1710 bekam die reformierte Gemeinde mit der Karlskirche ein eigenes Gotteshaus. Von ihrer ersten Erwähnung 1659 bis zur Fertigstellung der Garnisonkirche im Jahr 1770 nutzte die Garnisongemeinde ebenfalls die Kirche in der Unterneustadt. Auch die Freiheiter Gemeinde nutzte die Magdalenenkirche während des Siebenjährigen Krieges, als die Martinskirche von den französischen Truppen beschlagnahmt worden war.Ferdinand Carspecken: Fünfhundert Jahre Kasseler Orgeln. Ein Beitrag zur Kultur- und Kunstgeschichte der Stadt Kassel. Bärenreiter, Kassel/Basel 1968, , S. 72–75.

Abbruch mini|Wimpberg der Kirche, verbaut in der Fassade der Kasseler Löwenburg, Aufnahme 2022 Als die im frühen 16. Jahrhundert errichtete Brücke über die Fulda in den 1790er Jahren immer baufälliger wurde, entschloss man sich zu einem Neubau einige Meter flussabwärts. Um auch die Verkehrsströme in der verwinkelten Altstadt und der Unterneustadt besser lenken zu können, wurden für die neuen Straßenführungen bereits ab 1788 zahlreiche Häuser auf beiden Seiten des Ufers abgerissen. Die neue Wilhelmsbrücke wurde 1794 eingeweiht. Bis 1795 wurde die Magdalenenkirche abgebrochen, um den Verkehr ohne Umwege fließen lassen zu können.Alois Holtmeyer: Die Bau- und Kunstdenkmäler im Regierungsbezirk Cassel. Band 6: Kreis Cassel-Stadt. Textband, Erster Teil, Selbstverlag der Landesverwaltung, Marburg 1923, , S. 200–201 (Digitalisat). Landgraf Wilhelm IX. versprach der Kirchengemeinde einen Neubau, die Fertigstellung der neuen Unterneustädter Kirche erfolgte 1808.

Teile der Bauplastik der Kirche wurden als Spolien in der zur selben Zeit im Bau befindlichen Löwenburg verwendet.Ein früher Entwurf der Fassade (Museumslandschaft Hessen Kassel: Inv. Nr. GS 5689) von 1794/95 der Burgkapelle zeigt weitaus mehr Werksteine, die hypothetisch mit der Magdalenenkirche in Verbindung gebracht werden könnten. Insbesondere an der Fassade der Burgkapelle wurden Wimperge und Kreuzblumen zweitverwendet.Heinrich von Dehn-Rotfelser: Die Baudenkmäler im Regierungsbezirk Cassel. Döll und Schäffer, Kassel 1870, , S. 313 (Digitalisat). Die Steine des Mauerwerks wurden für den Bauunterhalt des neuen Kastells benutzt.Alois Holtmeyer: Die Bau- und Kunstdenkmäler im Regierungsbezirk Cassel. Band 6: Kreis Cassel-Stadt. Textband, Erster Teil, Selbstverlag der Landesverwaltung, Marburg 1923, , S. 200 (Digitalisat). Seit 1993 erinnert eine Gedenktafel am ehemaligen Standort an die Kirche, ebenso ist auf dem Gehsteig ein Teil des Grundrisses im Straßenbelag ablesbar.

Architektur Außenbeschreibung mini|Blick auf die im Abbruch befindliche Kirche. Mutmaßlich zeigt die Handzeichnung die Sakristei neben dem bereits niedergelegtem Chor. Gezeichnet von Johann Martin von Rohden