mini|Phaedra mit einer Dienerin, vielleicht die Amme
Phaedra ist eine Tragödie von Lucius Annaeus Seneca nach Euripides.
Übersicht Personen – Personae dramatis In der Reihenfolge des Auftritts:
Hippolytus, Sohn des Theseus und der Amazone Antiopa Phaedra, Gemahlin des Theseus, Stiefmutter des Hippolytus Nutrix, Amme der Phaedra Theseus, König von Athen Nuntius, Bote Chorus kretischer Frauen
Ort der Handlung Der Ort der Handlung liegt vor dem Königspalast von Athen. Nach John G. Fitch könnten das Vorspiel und die 2. Szene des 2. Aktes in der Landschaft vor der Stadt stattfinden. Ein Altar und ein Diana-Standbild sind immer auf der Bühne präsent.
Hintergrund – Ausgangslage In seiner Jugend gehörte Theseus zu den Jugendlichen, die Athen als Tribut an König Minos von Kreta schickte, um ihn dem Minotaurus zu opfern: Mit Hilfe von Minos’ Tochter Ariadne, die sich in ihn verliebt hatte, gelang es Theseus jedoch, den Minotaurus zu töten und aus dem Labyrinth zu entkommen. Sie flohen zwar gemeinsam von Kreta, doch Theseus ließ Ariadne auf der Insel Naxos zurück. Nach seiner Rückkehr bestieg Theseus den Thron von Athen und heiratete die Amazonenkönigin Antiope, mit der er einen Sohn, Hippolytus, hatte. Hippolytus, inzwischen selbst ein junger Mann, verachtete Liebe, Ehe und sesshaftes Leben und widmete sein Leben der Jagd. Später tötete Theseus unter mysteriösen Umständen Antiope und heiratete Phaedra, die Schwester von Ariadne. Sie gebar ihm zwei Söhne. Doch dann wurde Theseus von seinem engen Freund Pirithous überredet, ihn auf einer Expedition zur Entführung von Proserpina, der Königin der Unterwelt, zu begleiten. Er ist nun vier Jahre abwesend. Phaedra, mit Hippolytus allein gelassen, hat sich leidenschaftlich in ihren hübschen Stiefsohn verliebt.
Handlung Die verwendeten Versangaben und Akteinteilungen beruhen auf der Edition von John G. Fitch (2018).
Vorspiel (V. 1–84) mini|Phaedra, Amme und Hippolytus
Hippolytus redet zu seinem Jagdgefolge und erläutert ausführlich die Landschaft und den Plan der anstehenden Jagd. Schließlich wendet er sich an die Göttin der Jagd, Diana, und bittet sie um gutes Gelingen. (V. 1–84)
Akt I (V. 85–355) Phaedra und ihre Amme treten aus dem Palast. Phaedra beklagt sich über ihr Los. Auf Kreta geboren, wurde sie ins ferne Athen, wo sie sich nicht heimisch fühlt, verheiratet. Ihr Ehemann Theseus, ein bekannter Ehebrecher, befindet sich fern der Heimat, auf der Suche nach einer neuen Eroberung im Reich der Schatten. Aber nicht Theseus bekümmert sie, sondern ihre eigene rasende Liebe. Als Mitglied der Minos-Familie erwartet sie kein gutes Ende, da Venus immer noch die Schmach des Mars an ihr rächen wolle. Liebe sei in ihrer Familie immer mit Verbrechen verbunden.(V. 85–128) Die Amme antwortet ihr offen und frei. Sie beschwört sie, die Flammen ihrer frevelhafte Liebe zu ihrem Stiefsohn Hippolytus schon am Anfang auszutreten. Diesen Affekten dürfe sie nicht nachgeben, wenn sie nicht noch mehr Schande auf ihr schon schmachvolles Haus häufen wolle. Was sie wolle, sei ein größeres Verbrechen, als ihre Mutter begangen habe. Monster würden durch das Schicksal getrieben, Sünder aber durch den eigenen Charakter. Selbst wenn Theseus die Unterwelt nicht mehr verlasse, sei es ein Verbrechen, das ihr Großvater Helios sehe. Das schlechte Gewissen würde sie nie verlassen. Einhalten solle sie, gegen die Natur zu handeln.(V. 129–177) Phaedra gesteht der Amme zu, dass sie in allem Recht habe. Aber sie gehe sehenden Auges auf den Abgrund zu, weil sie ihrem Liebeswahn nicht widerstehen könne. Weder Iupiter, noch Mars, noch Hephaistos, noch Apoll seien dem Liebesgott gewachsen.(V. 177–194) Die Amme entgegnet, es sei schon auffällig, dass Amor sein Unwesen allein bei den Mächtigen und Reichen treiben kann, während in den bescheidenen Hütten und mittleren Häusern die keusche Venus regiere. Sie solle ihren zurückkehrenden Ehemann respektieren.(V. 195–221) Phaedra betont den Liebesbann, unter dem sie stehe, und fürchtet nicht die Rückkehr ihres Mannes. Niemand kehre aus der Unterwelt zurück.(V. 222–225) Die Amme entgegnet, Theseus werde einen Weg hinausfinden. Es setzt ein lebhaftes Wechselgespräch ein, in dem die Amme immer wieder darauf beharrt, sich zu beherrschen, und Phaedra auf ihrer Liebe besteht. Sie würde Hippolytus bis ans Ende der Welt folgen. Auf jeden Einwand der Amme antwortet sie mit Gegenargumenten, bis sie schließlich zugibt, dass ihr noch etwas Schamgefühl geblieben sei. Die Liebe müsse unterdrückt werden, das könne nur durch ihren Tod geschehen. Das geht der Amme zu weit und sie ruft sie auf innezuhalten. Sie wolle Phaedra nicht verlieren, der Ruf sei auch nicht alles. Daher wolle sie sehen, was sie bei Hippolytus erreichen könne. (V. 226–273) Chorus: Der Chor singt von der Allmacht der Venus und des Gottes Amor. (V. 274–355)
Akt II (V. 356–823) Der Chor fordert die Amme auf, vom Zustand Phaedras zu erzählen. Kaum bestehe Hoffnung, dass sich Phaedras Zustand ändere. Sie sei verzweifelt, schlafe nicht und weine immerfort. Phaedra weist ihre Dienerinnen an, ihre übliche Kleidung wegzuräumen, sie wolle sich als Amazone wie Hippolytus' Mutter kleiden und auf die Jagd gehen. mini|Hippolytus und Phaedra, LouvreDie Amme erbittet für ihr Gespräch mit Hippolytus den Beistand der Göttin Hekate. Als Hippolytus die Amme sieht, beginnen sie ein Gespräch. Die Amme versucht, Hippolytus zu einem ausgelasseneren Leben zu bewegen und endlich Venus zu huldigen (V. 435–482). Hippolytus erklärt seinen Standpunkt (V. 483–564). Allein ein Leben in der Natur biete Freiheit von Sklavendiensten für die Mächtigen und Freiheit von Luxus. Die ersten Menschen, den Göttern nah, kannten keine Gier nach Gold, keine Grenzen auf den Feldern, keine Soldaten und Waffen. Diese paradiesischen Zustände werden durch Gier, Zorn, Lüsternheit, Herrschsucht und Gewalt zerbrochen. Daraus folgten erste Kriege und Waffen. Allein die Frau sei die Verführerin zum Bösen (V. 559). Die Amme lehnt diese Generalisierung ab, er aber besteht darauf, nach dem Tod seiner Mutter, alle Frauen hassen zu sollen (V. 578 f.). Da naht Phaedra, sie fällt hin und Hippolytus fängt sie auf (V. 588). mini|Hippolytus flieht nach Phaedras LiebesgeständnisPhaedra hält sich zuerst zurück, da sie um das Ungeheuerliche ihrer Wünsche weiß (637–638). Erste Andeutungen versteht Hippolytus nicht (639 f.). Schließlich bekennt sie sich offen zu ihren Gefühlen für Hippolytus (647–672). Hippolytus ist entsetzt, fragt sich, warum Götter dies zuließen (687–690). Phaedra erklärt, sie habe keine Kontrolle mehr über ihre Gefühle. Hippolytus fragt sich kurz, ob er sie töten solle. Phaedra stimmt dem zu. Hippolytus weicht davor zurück, da das Verbrechen auf ihn zurückfiele (713–719). Das Geschehen beobachtend, zeigt die Amme Geistesgegenwart und entwickelt den Plan, Phaedra als Opfer zu inszenieren und Hippolytus zum Täter zu machen (725–736). Der Chorus thematisiert das eilige Verschwinden des Hippolytus und die naturgegebene Vergänglichkeit der Schönheit. (V. 737–823)
Akt III (V. 824–988) Der Chorus wendet sich schließlich der rasenden Phaedra zu, die als Opfer Glaubwürdigkeit gewinnen wolle. Doch da kehrt Theseus zurück. Theseus klagt noch über seinen Aufenthalt in der Unterwelt und vernimmt dabei das Stöhnen Phaedras. Die Amme verweist kryptisch auf ein schwerwiegendes geheimnisvolles Ereignis, das Phaedra den Tod erstreben lässt. Zusammen betreten sie den Palast. Theseus sieht im Palast seine Frau mit einem Schwert in der Hand und bittet sie, die Waffe wegzulegen. Er fragt nach dem Grund ihrer Verzweiflung. Aufgefordert zu erklären, was sie bedrängt, verweigert Phaedra zuerst eine Antwort. Als Theseus damit droht, die Amme in Ketten zu werfen und zu einer Aussage zu zwingen, beschuldigt sie Hippolytus einer Vergewaltigung. Theseus bekundet, ihn bis ans Ende der Welt verfolgen zu wollen. Sein Vater Neptun solle ihm helfen, Hippolytus zu töten (945–958). Der Chorus wendet sich an die große Mutter der Götter, an die Natur. Das Weltall sei bestens organisiert, nur bei den Menschen versage sie völlig. Fortuna bevorzuge die Schlechteren (960–988).
Akt IV (V. 989–1153) mini|Der Tod des Hippolytus von Peter Paul Rubens
Ein Bote berichtet Theseus ausführlich von Hippolytus' Abschied von Athen und von seinem gewalttätigen Tod durch ein dem Meer entsprungenes Ungetüm, das in einer Sturzflut auf das Land zuhielt: ein wilder, riesiger Stier. Hippolytus habe sich als einziger tapfer und mutig gegen das Meeresungeheuer gestellt (V. 1036–1068). Doch das Ungeheuer war unbesiegbar und richtete ein Blutbad an. (V. 991–1114). Theseus, tränenüberströmt, ist zerrissen, durch tiefe Trauer erschüttert, andererseits wegen seines angeblichen Verbrechens gegenüber Phaedra zufrieden mit seinem Untergang. Der Chorus besingt die Wechselfälle des Lebens. Fortuna kümmere sich nicht um die unbedeutenden Menschen in Hütten, allein die höheren Sphären müssen ihre Schläge gewertigen. Auch um Königsburgen herum donnere es, bestehe Gefahr. Doch Athene könne zufrieden sein, da Theseus dem Styx entkommen sei und mit dem Herrscher der Unterwelt keine Schulden bestünden. (V. 1123–1153)
Akt V (V. 1154–1280) Die klagende Phaedra, mit gezücktem Schwert in der Hand, wird von Theseus nach dem Grund für ihr Toben gefragt. Sie wünscht sich alles Unglück dieser Welt. Sie konfrontiert Theseus mit den Folgen seines Tuns. Er habe sein Haus zugrunde gerichtet. Als sie Hippolytus' Gebeine sieht, fragt nach ihrer Verantwortung. Sie kündigt ihre Buße, ihren Selbstmord mit dem Schwert an. Sie schneidet sich als Opfer Haar ab und bereitet ihren eigenen Tod vor. Folgen wolle sie Hippolytus in die Unterwelt, zwar waren sie nicht durch ihre Herzen vereint, aber im Tod würden sie zusammen sein. Im Tod wolle sie ihren Frieden finden. Schließlich verkündet sie Theseus die ungeheuerliche Wahrheit und bekennt ihre Schuld, Theseus mit all den schrecklichen Folgen belogen zu haben. Sie rammt sich den Dolch in die Brust und nennt ihr Blut ein Totenopfer für den unschuldigen Hippolytus. Sterbend fordert sie Theseus auf, sich auch in die Unterwelt mit dem Acheron zu flüchten. (V. 1154–1200) Theseus beklagt sein Los und bittet als Strafe für gottloses Verhalten seinem Sohn gegenüber einen strengen Tod für seine Verbrechen an den Gestirnen (Ariadne), Schatten und Meeren (Wunsch an Poseidon). Sei er zurückgekehrt, um den doppelten Tod seines Sohnes und seiner Ehefrau zu erleben? Was für eine Strafe soll ihn erwarten? Der Weg zu den Schatten soll ihm geöffnet werden, seinem Sohne wolle er folgen. (V. 1201–1243) Der Chorus erinnert Theseus daran, seinem Sohn die gebührenden Totenehren zu erweisen und ihn zu bestatten. (V. 1244–1246) Theseus lässt, was von Hippolytus noch übrig ist, zusammentragen und aufbahren. Seine Schuld bekennend, will er sich auf den Leichnam werfen und ihn liebkosen. (V.1248–1256) Das schreckliche Schicksal wird angerufen. Dann wird von einem Teil des Gefolges der Scheiterhaufen vorbereitet. Der andere Teil soll weiter die sterblichen Überreste suchen. Mit Blick auf die tote Phaedra wünscht er, dass ihr die Erde nicht leicht werde. (V. 1275–1280)
Literarische Vorlagen und Einflüsse Es kommen drei Vorlagen infrage. Euripides hat davon zwei geschrieben: Hippolytos kalyptomenos (deutsch: Der verhüllte Hippolytos) und Hippolytos stephanephoros (deutsch: Der bekränzte Hippolytos), Sophokles hat eine Phaidra veröffentlicht. Die moderne Forschung entscheidet sich wie Eckard Lefèvre, fußend auf den Untersuchungen von Wolf-Hartmut Friedrich und Clemens Zintzen, für den verlorenen Hippolytos kalyptomenos des Euripides als Senecas Hauptquelle.