Die Fenster der Sainte-Chapelle, der ehemaligen Palastkapelle des Schlosses von Vincennes, gehören zu den bedeutendsten Fensterzyklen der Renaissance in Frankreich. Die Sainte-Chapelle (Heilige Kapelle) in Vincennes, einer im Osten von Paris gelegenen Stadt im Département Val-de-Marne in der französischen Region Île-de-France, wurde nach dem Vorbild der Sainte-Chapelle in Paris errichtet und sollte wie diese der Aufbewahrung von Passionsreliquien dienen. Im Chor der Kapelle, deren Bau im späten 14. Jahrhundert im Stil der Flamboyant-Gotik begonnen und in der Mitte des 16. Jahrhunderts vollendet wurde, sind Bleiglasfenster aus der Renaissance erhalten. Im Jahr 1945 wurden die Chorfenster, auf denen Visionen aus der Offenbarung des Johannes dargestellt sind, als Monuments historiques in die Liste der denkmalgeschützten Objekte (Base Palissy) in Frankreich aufgenommen. mini|350px|Fenster der Apokalypse im Chor Geschichte Die großen Bleiglasfenster im Chor wurden 1551 von Philibert de l’Orme (um 1510–1570), dem Baumeister, unter dem die Kapelle im Jahr 1548 fertiggestellt wurde, bei dem Glasmaler Nicolas Beaurain in Auftrag gegeben und 1555/56 eingebaut. Die frühere Zuschreibung der Fenster an Jean Cousin wird heute nicht mehr aufrechterhalten.Laurent Vissière: Les verrières de la Sainte-Chapelle de Vincennes : une apocalypse politique. In: Bulletin monumental. Band 156/II (1998), S. 154: „Depuis le XVIIIe siècle on a généreusement attribué la réalisation de l’Apocalypse de Vincennes à Jean Cousin (...) Cette attribution fantaisiste se trouve à l’origine chez Saugrain ...“ In der im Jahr 2013 erschienenen Monographie zu Jean Cousin père et fils (Jean Cousin Vater und Sohn) wird die Schlosskapelle von Vincennes nicht erwähnt.Cécile Scailliérez: Jean Cousin père et fils : une famille de peintres au XVIe siècle. Musée du Louvre, Somogy édition d′art, Paris 2013, ISBN 978-2-35031-455-6
Die Namen der Maler, die die Kartons für die Fenster geschaffen haben, sind nicht überliefert. Als mögliche Urheber der Entwürfe für die fünf mittleren, zweibahnigen Chorfenster werden Luca Penni (um 1500–1556) und Claude Baldouin vermutet, für die beiden, wenige Jahre später ausgeführten äußeren, vierbahnigen Fenster wird Nicolò dell’Abbate (um 1510–1571) in Erwägung gezogen.Michel Hérold, Véronique David (Hrsg.): Vitrail Ve–XXIe siècle. Swan éditeur, Éditions du Patrimoine, Centre des Monuments Nationaux, Paris 2014, ISBN 978-2-7577-0343-4, S. 214. Im Erklärungstext (Fiche de visite) zur Besichtigung des Schlosses werden die Kartons Philibert de l’Orme zugeschrieben.Château de Vincennes. Centre des Monuments Nationaux
In den Jahren 1556 bis 1563 schuf Nicolas Beaurain die wohl als vorläufig geplante Verglasung der Fenster im Kirchenschiff mit farblosem Glas. Einige Fenster des 16. Jahrhunderts wurden im 18. Jahrhundert ausgebaut und durch farblose Fenster ersetzt.
Im Zuge der Revolution erfolgte im Jahr 1796 eine Umnutzung der ehemaligen königlichen Schlösser, das Arsenal wurde in das Schloss von Vincennes verlegt und die Sainte-Chapelle als Munitionsdepot zweckentfremdet. Noch im gleichen Jahr gelang es Alexandre Lenoir, neben anderen Kunstgegenständen einen Teil der Bleiglasfenster der Sainte-Chapelle für das von ihm gegründete Musée des Monuments français, einem Vorläufer des heutigen Museums Cité de l’architecture et du patrimoine in Paris, zu retten. Einige noch in der Kapelle verbliebene Fenster wurden bei der Explosion des Munitionsdepots im Jahr 1819 zerstört. Um 1820 setzte der Glasmaler Jean Weis im Chor der Sainte-Chapelle wieder die im Museum von Alexandre Lenoir aufbewahrten Bleiglasfenster ein, wobei er sie auch durch Scheiben anderer Herkunft vervollständigte. Da Alexandre Lenoir keine Aufzeichnungen darüber angefertigt hatte, ist die ursprüngliche Anordnung der Fenster nicht gesichert. Eine weitere Restaurierung und Ergänzung der Fenster erfolgte in den Jahren 1872 bis 1877 durch den Glasmaler Eugène-Stanislas Oudinot (1827–1889), nachdem die Fenster bei der Explosion einer nahe gelegenen Pulverfabrik beschädigt worden waren. Vor den beiden Weltkriegen wurden die Fenster ausgebaut und 1949 von der Glasmalereiwerkstatt Louzier et Gimonet restauriert und 1952 wieder eingebaut. Im Jahr 1958 setzte die Glasmalerei Lorin in Chartres im Langhaus, in der Westrosette und in zwei Fenstern der Empore neue Scheiben ein. Fünf der hohen Langhausfenster wurden beim Sturm im Jahr 1999 zerstört, ein sechstes stark beschädigt.
Bildprogramm mini|350px|Photomontage der Chorfenster Die ungewöhnlich großen Darstellungen der Chorfenster beziehen sich auf die Offenbarung des Johannes, eine apokalyptische Schrift innerhalb des Neuen Testamentes. Von den 22 Kapiteln dieses letzten Buches des Neuen Testamentes werden zwölf Visionen aus sieben Kapiteln geschildert, das Öffnen des fünften, sechsten und siebten Siegels des Buchs mit den sieben Siegeln und sechs Visionen beim Blasen der sieben Posaunen. Nicht alle Visionen der Apokalypse werden dargestellt, vermutlich, so die Einschätzung von Kunsthistorikern, weil ein Teil der Fenster nicht mehr erhalten ist. Im Zentrum des Bildprogramms stehen die Schreckensbilder von den Plagen und Unheil in diesen Visionen, die mit der Reformation in Zusammenhang gebracht werden. Die französischen Könige Franz I. (1494–1547) und Heinrich II. (1519–1559), die rois très chrétiens (allerchristlichsten Könige), sollten dabei als Retter und Beschützer angesehen und die Bekämpfung des protestantischen Glaubens sollte mit diesen Darstellungen gerechtfertigt werden.Michel Hérold, Véronique David (Hrsg.): Vitrail. Vème–XXIe Siècle. Swan éditeur, Éditions du Patrimoine, Centre des Monuments Nationaux, Paris 2014, ISBN 978-2-7577-0343-4, S. 237.
Die Fenster 0 bis 4 bestehen aus je zwei Lanzetten. Auf zwei Ebenen werden Szenen der Apokalypse geschildert, die von Architekturelementen in Grisaille-Technik umrahmt werden. In den unteren Feldern sind Wappen und Trophäen dargestellt. Sie sind mit dem Salamander von Franz I. und seiner Devise NVTRISCO ET EXTINGVO (ich nähre und ich lösche aus), Halbmonden und den Monogrammen von Heinrich II. und seiner Gemahlin Katharina von Medici verziert. Von den ursprünglich fünf Porträts der unteren Felder ist nur noch das Porträt von Heinrich II. vor Ort erhalten. Das Porträt des Königs Franz I. befindet sich im Musée national de la Renaissance in Écouen, die anderen Porträts, auf denen Anne de Montmorency, der Gouverneur von Vincennes, der Herzog von Guise, François de Lorraine, und sein Bruder, der Kardinal Charles de Lorraine-Guise, dargestellt waren, sind nicht mehr erhalten. Die Personen sind in ähnlicher Weise dargestellt, vor einem Gebetbuch kniend und als Mitglieder des Michaelsordens in die Ordenstracht gekleidet, um den Hals eine mit Muscheln besetzte Kette, an der ein Medaillon mit dem Relief des Erzengels Michael hängt. Die beiden äußeren Fenster 5 und 6 bestehen aus vier Lanzetten und sind kürzer.
Unter allen Szenen sind Inschriften in französischer Sprache, Zitate des Textes der Offenbarung, zu lesen. Die Nummerierung der Fenster folgt dem in Frankreich geltenden System des Corpus Vitrearum Medii Aevi (Internationale Forschungsinstitution zu mittelalterlichen Bleiglasfenstern), nachdem das zentrale Chorfenster als Fenster 0, das linke Chorfenster als Fenster 1, das rechte Chorfenster als Fenster 2 usw. bezeichnet werden.Numérotation des fenêtres et des panneaux. Corpus Vitrearum International
Fenster der Apokalypse Fenster 5: Fünftes Siegel mini|hochkant|Fenster 5: Verteilung der weißen Gewänder Verteilung der weißen Gewänder Die erste Darstellung beginnt mit dem linken seitlichen Chorfenster und einer Vision aus dem sechsten Kapitel der Offenbarung, in dem das Öffnen des fünften Siegels des Buchs mit den sieben Siegeln beschrieben wird. Das Öffnen der ersten vier Siegel ist nicht dargestellt. Auf den vier Lanzetten sieht man Engel, die weiße Gewänder an nackte Personen verteilen. Diese verkörpern die Seelen der Märtyrer, die Vergeltung für ihren Tod verlangen.
„Als das Lamm das fünfte Siegel öffnete, sah ich unter dem Altar die Seelen aller, die hingeschlachtet worden waren wegen des Wortes Gottes und wegen des Zeugnisses, das sie abgelegt hatten. Sie riefen mit lauter Stimme: Wie lange zögerst du noch, Herr, du Heiliger und Wahrhaftiger, Gericht zu halten und unser Blut an den Bewohnern der Erde zu rächen? Da wurde jedem von ihnen ein weißes Gewand gegeben; und ihnen wurde gesagt, sie sollten noch kurze Zeit warten, bis die volle Zahl erreicht sei durch den Tod ihrer Mitknechte und Brüder, die noch sterben müssten wie sie.“ ()
Fenster 3: Sechste Posaune mini|hochkant|links|Fenster 3: Engel überreicht Johannes das kleine Buch mini|hochkant|Fenster 3: Zeugnis der beiden Propheten Auf dem Fenster werden zwei Szenen aus dem zehnten und elften Kapitel dargestellt. In der oberen Szene überreicht ein Engel Johannes, dem Verfasser der Offenbarung, ein aufgeschlagenes Buch mit der Anweisung, es zu verschlingen. In der unteren Szene treten zwei Propheten als Zeugen auf, sie werden von einem drachenartigen Ungeheuer getötet. Die beiden Figuren am unteren Bildrand stellen die heilige Katharina, die Schutzpatronin von Katharina von Medici, und einen bekrönten Herrscher mit Lanze und Zepter dar.
oben: Der Engel überreicht Johannes das kleine Buch „Und ich sah: Ein anderer gewaltiger Engel kam aus dem Himmel herab; er war von einer Wolke umhüllt und der Regenbogen stand über seinem Haupt. Sein Gesicht war wie die Sonne und seine Beine waren wie Feuersäulen. In der Hand hielt er ein kleines, aufgeschlagenes Buch. Er setzte seinen rechten Fuß auf das Meer, den linken auf das Land und rief laut, so wie ein Löwe brüllt. Nachdem er gerufen hatte, erhoben die sieben Donner ihre Stimme. Als die sieben Donner gesprochen hatten, wollte ich es aufschreiben. Da hörte ich eine Stimme vom Himmel her rufen: Halte geheim, was die sieben Donner gesprochen haben; schreib es nicht auf! Und der Engel, den ich auf dem Meer und auf dem Land stehen sah, erhob seine rechte Hand zum Himmel. Er schwor bei dem, der in alle Ewigkeit lebt, der den Himmel geschaffen hat und was darin ist, die Erde und was darauf ist und das Meer und was darin ist: Es wird keine Zeit mehr bleiben, denn in den Tagen, wenn der siebte Engel seine Stimme erhebt und seine Posaune bläst, wird auch das Geheimnis Gottes vollendet sein; so hatte er es seinen Knechten, den Propheten, verkündet. Und die Stimme aus dem Himmel, die ich gehört hatte, sprach noch einmal zu mir: Geh, nimm das Buch, das der Engel, der auf dem Meer und auf dem Land steht, aufgeschlagen in der Hand hält. Und ich ging zu dem Engel und bat ihn, mir das kleine Buch zu geben. Er sagte zu mir: Nimm und iss es! In deinem Magen wird es bitter sein, in deinem Mund aber süß wie Honig. Da nahm ich das kleine Buch aus der Hand des Engels und aß es. In meinem Mund war es süß wie Honig. Als ich es aber gegessen hatte, wurde mein Magen bitter. Und mir wurde gesagt: Du musst noch einmal weissagen über viele Völker und Nationen mit ihren Sprachen und Königen.“ ()
unten: Das Zeugnis der beiden Propheten