Fränkische Dialektliteratur umfasst jegliche Literatur, die in einem der ostfränkischen Dialekte geschrieben ist. Dazu gehören Werke von Autoren aus Heilbronn-Franken und Tauberfranken in Baden-Württemberg, den bayerischen Regierungsbezirken Mittel-, Unter- und Oberfranken sowie aus Südthüringen bis in den Übergangsbereich des sächsischen Vogtlands. Eine fränkische Dialektliteratur existiert erst seit dem 18. Jahrhundert und hatte lange Zeit einen Schwerpunkt auf dem um Nürnberg gesprochenem Oberostfränkisch und den um Würzburg verbreiteten unterostfränkischen Mundarten.
Die Mundartliteratur begann nach einer ersten Hochphase im ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhundert in Form, Stil und Themen zu erstarren. Teilweise wurden einzelne Werke in der Folge von der Ideologie der Nationalsozialisten beeinflusst. Erst in den 1960er Jahren gelang es der Mundartdichtung an die früheren Erfolge anzuknüpfen. Mit einer Orientierung an die sogenannte Wiener Gruppe wurden Themen aus der zeitgenössischen Politik und dem Alltag der „kleinen Leute“ in die Dichtung mit aufgenommen. Nach einer weiteren Hochphase bis in die 1990er Jahre befindet sich die fränkische Dialektliteratur heute wieder in einer Krise.
Abgrenzung Die Mundartliteratur Frankens wird über die Grenzen des Dialektraumes nach außen abgesteckt. Das Ostfränkische hat einen Übergangscharakter zwischen Mittel- und Oberdeutsch. Die Mundartdichter Hohenlohes, dessen Dialekt teilweise bereits zu den Rheinfränkischen Sprachgruppen gezählt wird, schlagen sich über Selbstbeschreibungen zumeist dem fränkischen Dialektgebiet zu. Die Grenzen gegenüber dem Bairischen im Süden, Schwäbischen im Südwesten, Hessischen bzw. Rheinfränkischen im Nordwesten sowie Thüringischen und Sächsischen im Norden und Nordosten sind strenger, wenn es auch hier in der Literatur immer wieder Übergangsformen gibt. Maßgeblich für den Mundartdichter ist die im jeweiligen Nah- und Erfahrungsraum gesprochene Sprache.
Im Inneren existiert ebenfalls keine klare Abgrenzung der verschiedenen Untergruppen des Fränkischen. Es werden lediglich die beiden Großlandschaften des Ostunterfränkischen im Nordwesten um Würzburg und des Ostoberfränkischen um Nürnberg schärfer voneinander geschieden. Teilweise unterscheidet sich bereits die in einem Dorf gesprochene Sprache von der des Nachbardorfes. Diese starke Binnengliederung des Dialekts führte auch dazu, dass es in Franken keine überragenden Mundartdichter gab (wie beispielsweise im Bairischen Ludwig Thoma oder Klaus Groth im Niederdeutschen), mit denen sich alle Teile identifizieren konnten.Richard Zürrlein: Literatur im provinziellen Umfeld. In: Peter Kolb, Ernst Günter Krenig (Hrsg.): Unterfränkische Geschichte. Band 5/2: Von der Eingliederung in das Königreich Bayern bis zum beginnenden 21. Jahrhundert. Echter-Verlag, Würzburg 2002, ISBN 3-429-02374-2. S. 446.
Geschichte Vorgänger und Pioniere Bereits im 15. und 16. Jahrhundert kursierten vor allem in Nürnberg Texte mit starken volkssprachigen Einschlägen. Sie wurden von mehreren Handwerksmeisters verfasst, darunter Hans Rosenplüt und Hans Folz. Hans Sachs und seine Vorgänger waren allerdings keine echten Mundartliteraten. Sie schrieben eigentlich im Hochdeutsch ihrer Zeit, allerdings flossen manchmal gezielt mundartliche Ausdrucksweisen in den Texte ein. Die direkten Vorgänger der fränkischen Dialektliteratur sind bereits im 17. und 18. Jahrhundert auszumachen. Es handelte sich um die Gebrauchsliteratur der Nürnberger Bürgerschaft, die in der Reichsstadt kursierte. Im Absolutismus schrieben die Untertanen in den jeweiligen fränkischen Territorien daneben Huldigungsadressen an die Herrschaft. Viele von diesen sind ebenfalls in der damals weitverbreiteten Mundart gehalten. mini|Strophe aus dem von Johann Konrad Grübel verfassten Musikstück „An Schlosser hot an G'sellen g'hot“ Als Stammvater der echten fränkischen Mundartdichtung wurde immer wieder Johann Konrad Grübel ausgemacht. Er war in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts Flaschnermeister und Gassenhauptmann in Nürnberg. Die von ihm verfassten Gedichte waren stark von der späten Aufklärung geprägt. Sie übten Kritik an den politischen Verhältnissen in der Stadt, die vom drohenden finanziellen Bankrott und von großer Armut geprägt waren. Grübels Gedichte sind zumeist in Knittelversen in der achtzeiligen Chevy-Chase-Strophe geschrieben. Johann Wolfgang von Goethe urteilte positiv über Grübels Werk, bezeichnete die Dichtungen aber als altmodisch oder unzeitgemäß. Grübel wurde in der Rezeption häufig mit dem Pionier der alemannischen Mundartdichtung, Johann Peter Hebel, verglichen.Eberhard Wagner: Das fränkische Dialektbuch. Mit einem Beitrag von Reinhard Rascher. C. H. Beck, München 1987, ISBN 3-406-31800-2. S. 178.
Grübel folgten in Nürnberg mehrere Dichter nach, die sich sogar zu einer Art Grübel-Schule zusammenschlossen. Mit einiger zeitlicher Verzögerung betätigten sich in anderen fränkischen Regionen Männer als Mundartdichter. Dabei war auch hier Grübel Vorbild: Die frühen Mundartdichter Frankens rekrutierten sich, wie er, aus dem städtisch-kleinbürgerlichen Milieu und entstammten damit nicht dem Bauernstand, der die Mehrheit der Mundartsprecher bildete. Die politisch-zeitkritischen Einlassungen gerieten jedoch immer öfter in den Hintergrund. Stattdessen entstanden Gedichte und Kurzprosa mit schwankhaft-beschaulichem Charakter.
Besondere Bedeutung als Grübel-Nachfolger hatte der Schauspieler am Nürnberger Stadttheater, Johann Wolfgang Weikert. Weikert veröffentlichte mehrere Gedichtbände, ab 1842 erschienen auch kurze dramatische Werke. Bereits 1816 veröffentlichte Karl Meck „Lustspiele und Gedichte in Nürnberger Mundart“, 1817 folgte ein zweiter Band. Ebenfalls aus Nürnberg stammte Johann Gottlieb, der weitere als „Szenen“ bezeichnete Theaterstücke in Mundart herausbrachte. Er etablierte den Nürnberger „Meister Meier“ als Verkörperung des typischen Bewohners der Stadt.
Andere Regionen Frankens brachten zu Beginn des 19. Jahrhunderts ebenfalls Mundartdichter hervor. Im Coburger Land taten sich um 1850 die beiden Autoren Friedrich Hofmann und Ferdinand Röhrig hervor. Röhrig arbeitete für das Coburger Tageblatt und gehört zu den wenigen politisch engagierten Mundartdichter Frankens. Er gilt als Vorkämpfer der 1848er und stellte in seinen Werken den einzelnen Arbeiter einer ausbeutenden Struktur gegenüber. Hofmann berichtete aus dem thüringischen Exil über seine Geburtsstadt. Erster Schweinfurter Dialektdichter war der Schuster Konrad Rimrod, der dem Handwerk entstammte.Richard Zürrlein: Literatur im provinziellen Umfeld. In: Peter Kolb, Ernst Günter Krenig (Hrsg.): Unterfränkische Geschichte. Band 5/2: Von der Eingliederung in das Königreich Bayern bis zum beginnenden 21. Jahrhundert. Echter-Verlag, Würzburg 2002, ISBN 3-429-02374-2. S. 447.
Das ehemals würzburgische Kernland Unterfrankens entwickelte erst spät eine eigene mundartliche Ausdrucksform. Als Pioniere gelten hier der früh verstorbene Dettelbacher Joseph Kram und der Lehrer Alois Josef Ruckert aus Buchbrunn bei Kitzingen. Noch später traten Mundartdichter in den Randgebieten der fränkischen Dialekte auf. In Hohenlohe-Franken trat Wilhelm Schrader mit Jagdgeschichten hervor. Später entstand auch ein Roman, in den er historische Urkunden aus der ehemaligen Reichsstadt Schwäbisch Hall einwob.Eberhard Wagner: Das fränkische Dialektbuch. Mit einem Beitrag von Reinhard Rascher. C. H. Beck, München 1987, ISBN 3-406-31800-2. S. 188 f. Im Hennebergischen blühte in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts dagegen die anonyme Dialektdichtung.Josef Dünninger: Digitalisat Frankenland Nr. 183 (1957), abgerufen am 17. Januar 2023.
Von Nürnberg nach Würzburg Bereits in der Folge der Deutschen Revolution von 1848 und 1849 verlor Nürnberg seine herausgehobene Stellung in der fränkischen Mundartdichtung. Endgültig erlebte die literarische Produktion in der Stadt nach der Reichseinigung 1871 einen Traditionsbruch. Obwohl weitere Gedichte und Stücke in ostfränkischer Mundart entstanden, konnten die Dichter der Stadt nicht mehr an die Qualität der Anfangszeit anknüpfen. Eine Ausnahme bildete das Œuvre von Johann Greulein, der auch unter dem Pseudonym Jakob Heinrich Gedichtsammlungen veröffentlichte.
Die Gewichte verlagerten sich in der folgenden Zeit in die Gebiete des alten Hochstifts Würzburg im heutigen Unterfranken. Hier wirkte ab dem beginnenden 20. Jahrhundert Nikolaus Fey, der heute als „Klassiker der fränkischen Mundartdichtung“ bezeichnet wird.Richard Zürrlein: Literatur im provinziellen Umfeld. In: Peter Kolb, Ernst Günter Krenig (Hrsg.): Unterfränkische Geschichte. Band 5/2: Von der Eingliederung in das Königreich Bayern bis zum beginnenden 21. Jahrhundert. Echter-Verlag, Würzburg 2002, ISBN 3-429-02374-2. S. 449. Bereits früh thematisierte er in seinen Werken ein fränkisches Heimatbewusstsein und fiel bald auch in den völkischen Jargon der Nationalsozialisten. Fey erhielt als erster Mainfranke im Jahr 1937 den Friedrich-Rückert-Preis, war bereits 1936 als Vertreter der fränkischen Bauern, Winzer und Holzarbeiter auf der Hochzeit des Gauleiters von Mainfranken, Otto Hellmuth, aufgetreten.
Weitere Mundartdichter standen der NS-Ideologie ebenfalls nahe. So veröffentlichte Ernst Luther aus Gnodstadt mehrere Gedichte, die die Idee eines „Deutschtums“ aufgriffen. Die Bewohner der ehemaligen Territorien Frankens, die seit der Mediatisierung zu Beginn des 19. Jahrhunderts zu einem Teil Bayerns geworden war, sehnten sich nach einer vermeintlichen „glorreichen“ Vergangenheit zurück und hofften an diese durch die NS-Machthaber anknüpfen zu können. Diese völkische Ideologie wurde nicht selten mit einer Zivilisationsfeindlichkeit verbunden. So traten die unterfränkischen Mundartdichter der 1920er und 1930er Jahre, wie der Kitzinger Hanns Rupp, der „Unrast des heutigen Lebens“ entgegen.
In der Großstadt Nürnberg war diese Kritik in abgeschwächter Form ebenfalls Dauerthema der Lyrik. Daneben konnte sich in anderen Teilen Frankens auch weiterhin eine heitere Mundartdichtung halten. Insbesondere Oberfranken mit den Dichtern Hans Glenk und Friedrich Einsiedel ist hier zu nennen. In Hohenlohe blieb der Einfluss Wilhelm Schraders noch lange spürbar. Hier verfolgten die Werke selten politische Ziele, sondern dienten zuallererst zur Unterhaltung des Publikums.Eberhard Wagner: Das fränkische Dialektbuch. Mit einem Beitrag von Reinhard Rascher. C. H. Beck, München 1987, ISBN 3-406-31800-2. S. 192. Die konservative und reaktionäre Tradition der fränkischen Mundartdichtung überlebte den Zweiten Weltkrieg, weil auch ihre führenden Akteure weitgehend unreflektiert an ihre alten Erfolge anknüpfen konnten. In der Nachkriegszeit wurden die religiös-konfessionellen Schwerpunkte innerhalb der Dichtung vermehrt betont.
Die „mittlere Generation“ Erst in den 1960er Jahren gelang ein tragfähiger Neuanfang. Dabei orientierte sich die neue Generation fränkischer Mundartdichter allerdings nicht an den örtlichen Vorgängern, sondern blickten auf die sogenannte „Wiener Gruppe“. In der österreichischen Hauptstadt hatten sich Kunstschaffende zusammengeschlossen, um neue Formen auszuprobieren.Klaus Gasseleder: Heimat Speech. Abgesänge an Heimat, Identität, Regionalismus und Dialektdichtung. Wildleser-Verlag, Erlangen 2018, ISBN 978-3-923-61175-1. S. 79. Der (bairisch-österreichische) Dialekt gelangte über Eugen Gomringer, Gerhard Rühm, Friedrich Achleitner und vor allem Hans Carl Artmann als weitere künstlerische Ausdrucksform in den Blick der Gruppe.