In der über 100-jährigen Geschichte der Tour de France verging kaum ein Jahr, in dem ihr Verlauf nicht die Grenzen Frankreichs überschritt. Die Auslandsetappen der Tour de France sind unten aufgeführt. Die Liste ist auf dem aktuellen Stand nach der Tour de France 2026.

Hintergründe

Das Verhältnis der Tour de France zum Ausland lässt sich in drei Phasen gliedern, die in engem Zusammenhang mit der Organisation der Tour im Rahmen der technischen Möglichkeiten sowie im politischen Kontext zu sehen sind.

Anfangsjahre: Tour entlang der Grenzen

mini|Typischer Verlauf der Tour vor dem Ersten Weltkrieg (1911). Auf der Etappe von Belfort nach Chamonix wird Genf passiert. In den Jahren vor dem Zweiten Weltkrieg wurden im Ausland nur wenige grenznahe Orte besucht. Dafür gab es mehrere Gründe: Die Tour de France war getreu ihres Namens als Rundfahrt mit Start und Ziel in Paris konzipiert, deren Parcours die Grenzen des „Hexagons“ nachzeichnete und von Jahr zu Jahr nur wenig Änderung erfuhr. Sie war nicht nur Sportereignis, sondern nationales Symbol und gewann schnell staatliche Unterstützung: ein ministerielles Rundschreiben von 1912 wies etwa die Bürgermeister an, die Tour in jeder Hinsicht zu unterstützen, wobei die Stärkung des Nationalbewusstseins zugunsten der Armee und des Landes hervorgehoben wurde. Auszug aus Viollet (2007) Es gab einen kontinuierlichen Streckenverlauf: jede Etappe begann, wo die vorige geendet hatte, schon aus logistischen Gründen.Einzige Ausnahme vor 1950 war die 2. Etappe 1906. Der Abschnitt Lille–Douai wurde neutralisiert, weil er bei Nacht zu schwierig zu fahren sei. Von 1911 bis 1929 hatten alle Ausgaben der Tour Gesamtdistanzen von über 5000 Kilometern. Die meisten Etappen waren über 300 Kilometer lang und wurden mitten in der Nacht gestartet. Eine noch längere Tour über die Grenzen Frankreichs hinaus hätte auch sportlich den Rahmen überspannt. Besonderes Interesse zeigte die Tour-Leitung an einer Einbindung von Elsass-Lothringen. So wurde auf der zweiten Etappe 1906 mit Metz erstmals ein ausländischer Ort passiert, der von 1907 bis 1910 auch erster Etappenort außerhalb Frankreichs wurde. Ab 1907 durchquerte die Tour regelmäßig Genf und ab 1920 Monaco. Genf war in dieser Zeit achtmal Etappenort, Monaco einmal 1939.

Nachkriegszeit: Europäisierung der Tour

mini|Kontinuierlicher Verlauf mit Start in Brest, mehreren Passagen durchs nahe Ausland sowie durchs Landesinnere (1952). Nach dem Krieg wurde die Organisation der Tour unter neue Leitung gestellt. Zum Wiederbeginn 1947 schrieb Tour-Direktor Jacques Goddet, die Tour vermittle eine Botschaft des Friedens und der Brüderlichkeit.Le vélo, un objet de réflexion historique. In Youcef Alanbagi et al., Tout-en-un STAPS - Licence STAPS, Éditions Ellipses, 2021 (ISBN 2-340-02960-0); Kapitel 2, Seite 231 Diese Einstellung spiegelte sich in einem geänderten Tour-Verlauf wider, der verstärkt das Ausland aufsuchte. Bereits 1947 wurden mit Brüssel und Luxemburg erstmals ausländische Hauptstädte zu Etappenorten, und 1949 fand mit Aosta–Lausanne eine erste Etappe komplett außerhalb Frankreichs statt. Zunächst wurden französischsprachige Regionen sowie das unter französischer Kontrolle stehende Saarland bevorzugt.

Eine neue Phase wurde 1951 eingeleitet. Der Tourstart war von nun an jedes Jahr in einer anderen Stadt.Zuvor war 1926 einmalig die Tour außerhalb von Paris gestartet worden, und zwar in Évian-les-Bains. Dies ermöglichte einen variablen Streckenverlauf, der die Regionen im französischen Landesinneren und das Ausland stärker einbezog. Weitere Anstöße kamen durch die Konkurrenz neuer, internationaler Radrennen wie der Friedensfahrt im Osten Europas und der Tour d’Europe im Westen. Die Tour de France startete 1954 mit Amsterdam erstmals im Ausland, zugleich ein erster Schritt über die direkten Nachbarländer Frankreichs hinaus.

Die Inhaber der Tour und des Giro d’Italia kauften in der Folge die Rechte an der kommerziell nicht erfolgreichen Tour d’Europe auf, die Tour nahm gar kurzzeitig den Namen Tour de France et d’Europe an. Auszug aus Viollet (2007) Wenngleich eine weitergehende Europäisierung der Tour unterblieb, hebt diese immer wieder Aspekte europäischer Einigung hervor: 1974 wurde mit einem Abstecher über den Ärmelkanal der im Jahr zuvor erfolgte EG-Beitritt des Vereinigten Königreichs gefeiert; im Jahr des Maastricht-Vertrags standen 1992 Etappenorte in sechs EG-Partnerländern Frankreichs auf dem Programm. 2017 wurde der Besuch Deutschlands, Belgiens und Luxemburgs mit dem 50-jährigen Bestehen des EG-Fusionsvertrags begründet und mit der Grenzüberquerung bei Schengen die Bewegungsfreiheit innerhalb Europas bekräftigt.Präsentation der luxemburgischen Regierung, S. 18

Ab 1970: Zerrissener Tourverlauf

mini|Parcours mit zahlreichen Unterbrechungen; Start in Großbritannien, Abstecher nach Belgien und Spanien (2014). Eine weitere Phase trat Anfang der 1970er Jahre ein. Zuvor war der Ankunftsort einer Etappe in der Regel auch Startort der nächsten gewesen; Ausnahmen waren rar und auf kurze Transfers beschränkt. Dies änderte sich spätestens 1971, als die Fahrer erstmals das Flugzeug benutzten, von Marseille nach Albi. Die Gründe waren auch hier vielfältig: Die Mannschaften hatten zunehmend bessere finanzielle und logistische Möglichkeiten, die Transfers der Fahrer zu organisieren. Mit der Benutzung des Flugzeugs, des Hochgeschwindigkeitszugs TGV (1980er Jahre) oder des Eurotunnels (1994) demonstrierte die Tour ihre eigene Modernität sowie die des Landes. Um die Tour bei zunehmender Live-Berichterstattung interessant zu halten, sollten sportlich uninteressante Abschnitte übergangen werden.Bouchard, S. 298 Durch die Aufspaltung von Start- und Zielorten ließen sich die Einnahmen der Tour maximieren, da die Etappenorte bereit waren, für die mit der Tour verbundene Publizität zu bezahlen; pro Jahr gibt es bis zu 300 Bewerbungen potenzieller Etappenorte. Für das Ausland ergaben sich durch den flexibleren Parcours neue Möglichkeiten. Neben den schon erwähnten Ausflügen über den Ärmelkanal (1974 und 1994) konnten Tourstarts nun weit entfernt stattfinden, um anschließend einen größeren Transfer nach Frankreich zu machen. In diesem Zusammenhang sind die Starts in West-Berlin (1987), Dublin (1998), London (2007), Leeds (2014) und Kopenhagen (2022) zu sehen. Nicht zuletzt feiert die Tour auf diese Weise ihre eigene Geschichte, etwa mit dem Start in Brüssel 2019 zum 50-jährigen Jubiläum des siegreichen Tour-Debüts von Eddy Merckx oder mit dem Start in Florenz 2024, 100 Jahre nach dem ersten italienischen Tour-Sieg durch Ottavio Bottecchia.

Erweiterungen nach Übersee stehen bislang der immense logistische Aufwand sowie Bedenken bezüglich der Nachhaltigkeit entgegen. Bewerbungen aus Katar oder Tokio zur 100. Tour-Austragung 2013 wurden abschlägig beschieden, die Tour besuchte stattdessen erstmals Korsika. In einer Publikation der Tour von 2013 wurde über zukünftige Starts in Nordafrika spekuliert,Bouchard, S. 402ff auch Pläne über Nordamerika zirkulierten immer wieder. 2023 kündigte der Radsport-Weltverband UCI an, derartige Vorhaben zukünftig aus Gründen der Nachhaltigkeit zu unterbinden. Konkret geplant ist der Start 2027 in Edinburgh.

Statistiken

mini|Die Tour 1992 machte Etappe in sechs EU-Partnerländern. Bis einschließlich der Austragung 2026 hat die Tour 13 Länder außerhalb Frankreichs besucht, und zwar seine acht Nachbarländer, dazu Irland, Großbritannien, die Niederlande, Dänemark und San Marino. Am häufigsten waren Belgien und die Schweiz Gastgeber der Tour, jeweils über 50 Mal. Der Auftakt der Tour fand bislang 27 Mal im Ausland statt, und zwar in allen Ländern außer Andorra und San Marino.

Die meisten Länder bei einer Tour (sechs außer Frankreich) wurden 1948, 1964 und 1992 besucht. Nur 1992 hatten alle diese Länder auch einen Etappenort; es handelte sich um Partnerländer Frankreichs im Vertrag von Maastricht, der in jenem Jahr unterzeichnet worden war.

Von bisher 113 Austragungen der Tour fanden nur neun ohne Auslandsbeteiligung statt. 1903–1905: In den drei Anfangsjahren stieß die Tour noch nicht zu den Grenzen Frankreichs vor. 1972: infolge einer Begrenzung der Tour-Gesamtlänge durch die UCI 1983 und 1986 2013: 100. Austragung mit Start in Korsika 2020: kein Auslandsbesuch infolge der Corona-Pandemie 2025: „hundertprozentig französische Tour“ nach drei Auslandsstarts in Folge Insgesamt gab es bei allen bisherigen Ausgaben 2425 Etappen, inklusive Prologen und Halbetappen. Von diesen verliefen 105 Etappen ganz und 286 Etappen teilweise im Ausland.

Die 8. Etappe der Tour de France 1970 überquerte die meisten Landesgrenzen (vier) und besuchte die meisten verschiedenen Länder (ebenfalls vier). Sie verlief vom belgischen Ciney durch Luxemburg in den deutschen Ort Perl, von dort nach Frankreich, um im deutschen Felsberg zu enden. Ebenfalls vier Landesgrenzen bei nur drei verschiedenen Ländern waren es auf der 6. Etappe der Tour de France 1967 von Jambes nach Metz.

Die häufigsten Etappenorte im Ausland waren Brüssel und Lüttich (je 11 Mal) sowie Genf (10 Mal). Die Aufenthalte in den mit Brüssel verwachsenen und zur Region Brüssel-Hauptstadt gehörenden Vororten Forest, Sint-Pieters-Woluwe und Molenbeek sind hierbei nicht eingerechnet. Brüssel, Lüttich und Luxemburg sind die einzigen Orte außerhalb Frankreichs, die zweimal den Grand Départ veranstaltet haben. Genf wurde zudem über 20 Mal ohne Etappenhalt durchquert (siehe unten) und dürfte die am häufigsten vom Tourverlauf berührte Stadt außerhalb Frankreichs sein.

Liste der Auslandsetappen

mini|Grand Départ 2019 in Brüssel Die untenstehende Liste führt diejenigen Tour-Etappen auf, die sich ganz oder teilweise außerhalb Frankreichs abspielten. Sie ist nach Ländern gegliedert; Etappen, an denen mehrere Länder außerhalb Frankreichs beteiligt waren, sind daher mehrfach aufgeführt.

Auf eine detaillierte Darstellung des Etappenverlaufs wurde verzichtet, dieser ist besser in den Artikeln zu den einzelnen Tour-Ausgaben bzw. in den einschlägigen Quellen ersichtlich. Die Spalte Bemerkungen enthält insbesondere folgende Angaben: Spezielle Austragungsformen: Prolog, Einzelzeitfahren oder Mannschaftszeitfahren So eine Etappe den Auftakt zur Tour bildete, ist dies mit Grand Départ vermerkt (siehe auch Grand Départ im Ausland). Bei identischem Start- und Zielort ist angegeben, ob und wie weit die Etappe über diesen Ort hinaus ging. Bei mehrfachen Grenzüberschreitungen sind die markantesten Orte in den durchquerten Ländern angegeben.

Im Abschnitt über ein gegebenes Land A kennzeichnet die Hintergrundfarbe einer Zeile folgende Eigenschaften: Etappenziel in Land A nach Start in einem anderen Land. Etappenstart in Land A, Ziel in einem anderen Land. Die gesamte Etappe war in Land A. Start und Ziel, aber nicht die gesamte Etappe waren in Land A. Teile der Etappe, aber weder Start noch Ziel waren in Land A.

Andorra

mini|Fahrer in den andorranischen Bergen auf der 15. Etappe 2021. Einzige Straßenverbindung zwischen Andorra und Frankreich ist der Port d’Envalira, der demzufolge bei jedem Besuch Andorras mindestens einmal befahren wurde. Die Straße über den Pass wurde Anfang der 1930er Jahre gebaut. Doch erst als sich in den 1960er Jahren der Tourismus in Andorra zu entwickeln begann, gab es genügend Hotelkapazitäten, um eine Tourankunft logistisch zu ermöglichen.

Bedeutung für den deutschen Radsport hatte die Bergankunft in Arcalís auf der Tour 1997, bei der Jan Ullrich auf dem Weg zum Toursieg das Gelbe Trikot übernahm.

Jahr Etappe Start Ziel Bemerkung 1964 13 14 1968 13 über 1974 15 über 1993 15 16 über 1997 10 11 2009 7 8 2016 9 10 2021 15 16

Belgien

mini|Die Menenpoort in Ypern, hier bei der Tour 2014, ist auch Wahrzeichen von Gent–Wevelgem.