Die Nordwestdeutsche Morgen-Zeitung (NMZ) war im Kaiserreich eine deutsche Tageszeitung für das Großherzogtum Oldenburg mit Schwerpunkt im Raum Oldenburg und Ostfriesland. Unter diesem Titel erschien sie von 1905 bis 1913. Ihre Vorläufer gehen auf das Jahr 1814 zurück. Gegründet wurde die Zeitung 1891 als General-Anzeiger für Oldenburg, Ostfriesland und Wilhelmshaven und wurde 1905 umbenannt. Sie war zunächst nominell parteilos, orientierte sich aber an der bürgerlichen liberalen Mitte. In den Jahren bis zum Ersten Weltkrieg schwenkte sie zunehmend nach rechts und bezeichnete sich als national. Redaktion, Verlag und Druckerei des General-Anzeigers befanden sich in Oldenburg in der Ritterstraße 2–6 (Verlag Gerhard Stalling), nach dem Eigentümerwechsel 1905 bis zur Schließung 1913 in Bahnhofsnähe in der Kaiserstraße 10.

Verbreitung Das Blatt hatte seinen Schwerpunkt im nördlichen Großherzogtum Oldenburg in der Stadt Oldenburg und den angrenzenden ländlichen Gebieten. Ein zweiter Regionalschwerpunkt war das historisch und kulturell andersartige Ostfriesland, für das ab September 1905 die Nebenausgabe Morgenzeitung für Wilhelmshaven und das Amt Rüstringen in Wilhelmshaven, einer nicht zum Großherzogtum, sondern zu Preußen gehörenden Enklave, erschien. Allerdings wurde die Nebenausgabe 1906 vorübergehend eingestellt und erschien erst 1911 bis 1913 wieder. Per Post konnte die Zeitung auch im Süden des Landes bezogen werden, wo kleinere Lokalzeitungen vorherrschten.

Inhalt und Gestaltung alternativtext=Titelseite Nordwestdeutsche Morgen-Zeitung 1911-01-09|mini|Titelseite der Nordwestdeutschen Morgen-Zeitung (Hauptausgabe Oldenburg) Nr. 9 vom Montag, 9. Januar 1911 Die Nordwestdeutsche Morgen-Zeitung war um 1910 eine typische Regionalzeitung mit bürgerlichem Charakter, gemäßigter politischer Haltung, relativ viel Regional- und Lokalnachrichten und einem Anzeigenteil, der bis zu einem Viertel des Umfangs ausmachte. Sie erschien morgens an sieben Tagen der Woche, meist mit acht vierspaltig gesetzten Seiten. An Tagen mit Beilagen oder bei erhöhtem Anzeigenaufkommen waren es 12 oder 16 Seiten.

Eine typische Ausgabe begann auf der ersten Seite mit internationalen und nationalen politischen Kurznachrichten und einem oder zwei politischen Leitartikeln als Meinungsbeiträgen, teilweise auch mit einem Feuilleton-Beitrag am Seitenfuß („unterm Strich“). Darauf folgten Nachrichten „Aus dem Großherzogtum Oldenburg“, Wirtschafts- und Handelsteil mit einer Börsenübersicht, dann Sport und Vermischtes; Anzeigen wurde vorwiegend im hinteren Teil platziert. Das Konzept wiederholte sich bei umfangreicheren Ausgaben im ersten, seltener im zweiten „Beiblatt“. Dann folgte eine zwei- oder vierseitige Beilage.

mini|Titelköpfe der Zeitungsbeilagen Der Sonntag, Frauen-Rundschau und Der Praktische Landwirt der Nordwestdeutschen Morgen-Zeitung (1905–1913)

Die Zeitung erschien ab 1905 mit zwei Beilagen. Zum Wochenende wurde sie mit der Familien- und Kulturbeilage Der Sonntag. Zur Unterhaltung und Belehrung – Literarische Beilage ausgeliefert. Die Beilage erschien bis 1913.ZDB-Nr. 2134592-2 Die zweite Beilage hieß Der praktische Landwirt – Zentral-Organ für die Interessen der oldenburgischen und ostfriesischen Landwirtschaft. Verantwortlicher Redakteur und Herausgeber war der Direktor der oldenburgischen Landwirtschaftlichen Winterschule in Oldenburg, welche von der Landwirtschaftskammer Oldenburg getragen wurde und politisch vom Interessenverband Bund der Landwirte beeinflusst wurde. Die Beilage erschien bis 1913.ZDB-Nr. 2134597-1 Ab April 1909 kam donnerstags alle zwei Wochen die Nordwestdeutsche Frauen-Rundschau – Halbmonatsschrift für alle Gebiete des Frauenlebens hinzu. Nachdem sie wöchentlich erschien, hieß der Untertitel Wochenschrift für alle Gebiete des Frauenlebens. Die Beilage wurde von der Ehefrau des Herausgebers, Wally Grothe, als Redakteurin betreut. Sie erschien bis 1913.ZDB-Nr. 2134602-1

Mitarbeiter Zu den Redakteuren gehörten u. a. (ungefähre Zeitangaben, Fundstellen) Max Zwickert, 1895; Hans Biermann, 1902; Paul Claus, 1902; Franz Wilhelm Grothe, 1902–1911; Gustav Schmidt, 1905–1906; Peter Schwuchow, 1905–1906; Hermann Jatzke, 1905; Heinrich Greter, 1905; Richard Mamroth, 1908; R. Schiering, 1907; Arthur Ploch, 1906–1910; Walther Wulff, 1910–1911; Richard May, 1910–1911; Alois Nießner; R. Widmann, 1912

Geschichte Die Nordwestdeutsche Morgen-Zeitung erschien bis zu ihrer Einstellung 1913 mit den Untertiteln General-Anzeiger für Oldenburg, Ostfriesland, Wilhelmshaven sowie Oldenburger Zeitung. Dies gibt bereits Hinweise auf die Titelhistorie. Direkte Vorläuferin war der 1891 gegründete General-Anzeiger für Oldenburg und Ostfriesland, der 1905 nach Eigentümerwechsel umbenannt wurde. Die Oldenburger Zeitung war bereits 1893 eingestellt worden, aber die Titelrechte wurden im Kopf mitgeführt, nicht zuletzt, um mit Bezug auf ihre Vorläufer die Jahrgänge ab 1814 zählen zu können. Die NMZ behauptete entsprechend, die älteste Zeitung der Region zu sein. Das wurde ihr allerdings in einem durch einen Rechtsstreit mit der Konkurrenzzeitung Nachrichten für Stadt und Land ausgelösten Urteil des Landgerichts Oldenburg vom 19. März 1907 und des Oberlandesgerichts Oldenburg vom 6. Juli 1907 auf Grund des Gesetzes gegen den unlauteren Wettbewerb untersagt; sie habe kein Recht, sich die früheren Jahrgänge der Oldenburger Zeitung oder des General-Anzeigers anzurechnen.Nachrichten für Stadt und Land (1912, 21. Dezember). Die älteste stadtoldenburgische Tageszeitung. Nachrichten für Stadt und Land 46. Jg., Nr. 350 Nach heutiger Praxis wäre ein solcher historischer Bezug durch Titelfolge, Verlagsübernahmen u. a. allerdings akzeptabel.

Verlage Gerhard Stalling und Hermann Streich (1814–1905) Der Verlag Gerhard Stalling war von 1789 bis 1983 eines der wichtigsten Verlags-, Buchdruck- und Papierunternehmen in Oldenburg. Aus seiner Druckerei erschienen bereits 1813–1815 die ersten Zeitungen; Auftraggeber und Herausgeber war die Großherzogliche Öffentliche Bibliothek. Als offiziöse, halb regierungsamtliche Zeitung unter enger Staatsaufsicht wurde bei Stalling ab 1814 die Oldenburgische Zeitung zwei bis drei Mal die Woche gedruckt. Daraus wurde nach kurzer Unterbrechung 1848 die Oldenburger Zeitung – Landes-Zeitung für die Interessen des Großherzogtums. Sie entwickelte sich mit schrittweiser Steigerung der Erscheinungsweise zur Tageszeitung. Laut der Unternehmenschronik von Franz Bucholtz (1889) ging die staatlich kontrollierte Zeitung erst 1843 in den Verlag der Firma Stalling über. Allerdings hatte Stalling wenig Interesse an der journalistischen Arbeit, so beschränkte sich Stalling auf die technische Herstellung des Blatts und vergab die Redaktion nach außen.Bucholtz, Franz. (1889). Aus dem Oldenburger Lande. Bilder und Skizzen von F. Bucholtz. Eine Festgabe zum 23. Oktober 1889, dem tage der vor 100 Jahren in Oldenburg erfolgten Gründung der Gerhard Stalling’schen Verlagsbuchhandlung und Buchdruckerei. Oldenburg: Gerhard Stalling, Seite XXIV Google Books

Jahrzehntelang war die Oldenburger Zeitung bei gebildeten und wohlhabenden Kreisen das Ton angebende Blatt, zumal es sich vom Charakter eines offiziösen Blattes löste und sich liberal verortete. Es verpasste aber, sich zu modernisieren, an neue Leser- und Anzeigenmärkte anzupassen und neue Leserkreise zu erschließen. Die Lücke wurde vom konkurrierenden Verlag Scharf ausgenutzt. Er etablierte ab 1866 die Nachrichten für Stadt und Land : Oldenburger Zeitung für Volk und Heimat. Dies wurde jahrzehntelang der Hauptrivale. Nach einem Relaunch 1891 näherten sich die Nachrichten dem am breiteren Publikum orientierten Zeitungstyp General-Anzeiger, der in ganz Deutschland populär wurde. Das setzte die Oldenburger Zeitung unter Zugzwang. Deren externer Chefredakteur Hermann Streich entschloss sich 1891, neben seiner Hauptaufgabe eine Zeitung des General-Anzeiger-Typs zu gründen. Im Juni 1891 erschien die Probenummer seiner Zeitung General-Anzeiger für Oldenburg, Ostfriesland und Wilhelmshaven – Unparteiische Zeitung für Jedermann. Ab 2. Juli 1891 erschien sie regulär dreimal die Woche. Sie wurde bei Stalling gedruckt. Schon zwei Jahre später, 1893, übernahm Stalling Streichs Verlag, stellte die Oldenburger Zeitung als selbstständigen Titel zum 30. März 1893 ein, vereinigte die Titel, überführte die OZ-Mitarbeiter in den General-Anzeiger und steigerte die Erscheinungsfrequenz ab Dezember 1893 auf sechs Ausgaben pro Woche.Barton, Walter (1958). Bibliographie der oldenburgischen Presse. Teil I. Die Zeitungen. Oldenburger Jahrbuch Bd. 57. Oldenburg: Landesbibliothek, S. 41–80 https://digital.lb-oldenburg.de/ihd/periodical/pageview/157613

Unternehmenshistoriker Eugen Roth erläuterte in einer Stalling-Firmenchronik (1939), Streich „bemühte sich, im General-Anzeiger – es war die Zeit, da eine Generalanzeigerwelle durch ganz Deutschland ging – ein billiges, illustriertes Blatt neuer Richtung zu schaffen“. Streich sei aber gescheitert, da der örtliche Pressemarkt zu eng besetzt war. „Er drang nicht durch; nach zwei Jahren verkaufte er ihn an Stalling, seinen Drucker. Zwei Zeitungen nebeneinander, die übrigen Blätter gar nicht berücksichtigt, konnten nicht bestehen. Stalling ließ die Oldenburgische Zeitung [falscher Titel, gemeint: Oldenburger Zeitung] eingehen und warf seine ganze Kraft auf den General-Anzeiger, der von 1893 an täglich erschien.“Roth, Eugen (1939). 150 Jahre Verlag Gerhard Stalling, 1789-1939. Oldenburg: Stalling, S. 83 f.

Stalling sah sich nicht vorrangig als regionaler Zeitungsverlag, sondern als national tätiger Buchverlag. Nach einem Generationswechsel entschieden sich die Eigentümer, den General-Anzeiger zu verkaufen. Er wurde 1905 an ein neugegründetes Unternehmen verkauft, die Nordwestdeutsche Zeitungsverlag GmbH.

Nordwestdeutscher Zeitungsverlag (1905–1911) Ab 7. September 1905 erschien die Zeitung im neuen Verlag mit neuem Titel Nordwestdeutsche Morgen-Zeitung, und zwar nicht nur sechs Mal, sondern sieben Mal pro Woche, und nun morgens statt mittags, was den Titelwechsel erklärt. Allerdings war die Zustellung als Morgenzeitung nur in der Stadt praktikabel; deswegen wurde neben der Stadtausgabe jeweils am Abend zuvor eine Teilauflage für das Land gedruckt, die per Eisenbahn versandt wurde und entsprechend weniger aktuell war.Nachrichten für Stadt und Land (1907, 4. Mai). Neuer Abonnent. Nachrichten für Stadt und Land 41. Jg., Nr. 121 https://digital.lb-oldenburg.de/lbolrz/periodical/pageview/1788009 Das Gründungsteam, das aus dem General-Anzeiger kam, bestand aus dem Kaufmann G. Schmidt (Geschäftsführer, Verlagsdirektor), Chefredakteur Peter Schwuchow, Hermann Jatzke (Handelsredakteur) und Heinrich Greter (Lokales).Börsenblatt für den deutschen Buchhandel (1905, 11. September). Nordwestdeutscher Zeitungsverlag. Börsenblatt, 72. Jg. Nr. 211, S. 7930 https://www.deutsche-digitale-bibliothek.de/newspaper/item/H2FK7Z2RT33AFQVNGXNCI3DC66GCJRTR?issuepage=12