mini|Casa Lleó Morera am Passeig de Gràcia 35 (1905) Die Casa Lleó Morera ist ein Gebäude im Stil des Modernisme am Passeig de Gràcia 35 in Barcelona, entworfen vom Architekten Lluís Domènech i Montaner. Den Auftrag dazu erteilte die Besitzerin Francesca Morera i Ortiz 1902 zur Umgestaltung des vorherigen Casa Rocamora, das im Jahr 1864 erbaut worden war. Nach ihrem Tod im Jahr 1904 setzte ihr Sohn, Albert Lleó i Morera, die Arbeiten fort und gab dem Gebäude seinen Namen. Die Arbeiten wurden am 10. März 1905 abgeschlossen.
Es ist eines der drei Gebäude, errichtet von den großen Architekten des Modernisme – Gaudí, Puig i Cadafalch, Domènech i Montaner –, die zusammen mit der Casa Batlló und der Casa Amatller den berühmten Komplex Mansana de la Discòrdia (= Block der Zwietracht) bilden. Von diesen dreien ist die Casa Lleó i Morera das einzige. welches 1906 den Jahrespreis der Stadt Barcelona für das künstlerisch wertvollste, im Vorjahr fertiggestellte Gebäude erhielt.
Kontext Wirtschaftliche Entwicklung und Bürgertum Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war Spanien in sozialer und wirtschaftlicher Hinsicht geprägt vom Verlust der Kolonien im Jahr 1898, der einen kurzfristigen Rückschlag vor allem für die katalanische Wirtschaft darstellte. Der Verlust Kubas führte zu einem Rückstrom des auf der Insel investierten katalanischen Kapitals und ermöglichte Investitionen im Heimatland. Der wichtigste ausländische Markt wurden die USA mit einem Marktanteil von 72 %. Die Krise von 1908 bis 1912 war auf die übermäßige Abhängigkeit vom Ausland zurückzuführen, da Baumwolle, Maschinen und Energieträger jetzt importiert werden mussten. Die Erholung erfolgte hauptsächlich aufgrund von drei Faktoren:
Der Elektrifizierung der Fabriken, insbesondere dank der Gründung großer Wasserkraftunternehmen wie Traction Light and Power, die es ermöglichte, Industriebetriebe entfernt von Häfen und Flüssen anzusiedeln. Der Förderung neuer industrieller Sektoren wie Chemie, Metallurgie und Automobilbau, die dem Textilsektor Bedeutung innerhalb der katalanischen Industrie zu entziehen begannen, obwohl er weiterhin ihr Maßstab war. Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs, der es ermöglichte, dass Europa mit einem Anteil von 70 % zum wichtigsten Exportmarkt wurde.
mini|392x392px|Albert Lleó Morera im Jahre 1891 im Kostüm eines Soldaten des 14. Jahrhunderts anlässlich eines Künstlerballs im Círcol artístic a la Llotja Die Textilindustrie profitierte auch durch die protektionistischen Praktiken Frankreichs, die die Produktion von Chintzstoffen nach Katalonien brachte, eines Produkts, das Kunden von den französischen Seidenwebern in Lyon ablenkte und eine hohe Nachfrage genoss. In diesem Zusammenhang stärkte die Monarchie die Reihen der Aristokratie durch die Schaffung neuer Adelstitel, die aus der Bourgeoisie entsprangen, die durch reiche Industrielle und die Rückkehrer aus den Hauptstädten der Kolonien anwuchs. In Barcelona, der ersten spanischen Stadt, in der die Auswirkungen der industriellen Revolution, angeführt durch die Textilfabriken, zu spüren waren, wurden Titel wie der des Grafen von Godó (1916, Zeitungsverleger) oder des Baron de Quadras (1900, Textilunternehmer) geschaffen.
Die Familie Lleó Morera Die Verbindung der Familie mit dem Gebäude begann mit Francesca Morera i Ortiz (* 9. März 1853 in Barcelona; † 10. Dezember 1904 ebenda), Tochter des Überseekaufmanns Joan Morera i Busó aus Sant Feliu de Guixols und seiner Frau Baldomera Ortiz i Figueroa aus Humacao auf der Insel Puerto Rico. Francescas Großvater Antoni Morera i Auger hatte sich zusammen mit seinen drei Brüdern dem Südamerikahandel gewidmet. Da er selbst keine Kinder hinterließ, vermachte er sein Vermögen seiner Nichte, der Tochter seines Bruders Joan. Francesca heiratete Albert Lleó i Dubosch aus Barcelona und am 29. Oktober 1874 wurde deren Sohn Albert geboren. Die Ehe wurde am 22. Dezember 1881 gerichtlich geschieden und Albert verblieb bei seiner Mutter. Er heiratete am 29. Oktober 1898 Olinta de Puiguriguer i Palmarola (* 1879; † 13. Juli 1963) mit der er zwei Kinder hatte, Francesca und Albert. Er starb in Barcelona am 22. Dezember 1929.
Beruflich verschrieb sich Albert Lleó i Morera der Tiermedizin und schloss sein Studium als Tierarzt in Madrid am 15. Februar 1900 ab. Seine Promotion erfolgte am 31. Juli 1902. Er vertiefte seine Studien im gleichen Jahr am Institut Pasteur in Paris und wurde 1903 Chef des Mikrobiologischen Labors am Hospital de Nens Pobres in Barcelona. Im Laufe seiner Karriere wurde er ehrenamtlicher Assistent der Abteilungen Histologie und Histochemie sowie Pathologische Anatomie der Medizinischen Fakultät von Barcelona, Leiter des bakteriologischen Labors und Professor der katalanischen Akademie für medizinische Wissenschaft sowie Ehrenmitglied der städtischen medizinischen Akademie. Von 1913 an war er Direktor des Labors für Analytische Chemie, Histologie und Bakteriologie des Hospital de Sant Pau. Neben seiner beruflichen Tätigkeit entwickelte er ein wissenschaftliches Interesse am Bau von Explosionsmotoren, für die er eine Reihe von Patenten u. a. für einen Flugzeugmotor erhielt.
Mansana de la Discòrdia (Block der Zwietracht) links|mini|Casa Lleó Morera mit den heute nicht mehr vorhandenen Originalskulpturen von Eusebi Arnau am Souterrain (Postkarte von 1903) Der Passeig de Gràcia sollte ein entscheidender Faktor bei der Umsetzung des Eixample-Projekts des Stadtplaners Ildefons Cerdà i Sunyer sein. So wurde in den Jahren 1860-1890 rund um die Promenade ein Wohngebiet mit geringer Dichte definiert, das sich größtenteils aus Einfamilienhäusern, großen Herrenhäusern mit Gärten und Palazzi, wie dem Palau Samà, dem Palau Robert, dem Palazzo der Grafen von Marianao oder dem der Familie Marcet bestand. In den 1890er Jahren erlangte dieser Stadtteil allmählich eine höhere kommerzielle Bedeutung, die die Bourgeoisie anzog und dazu führte, dass die einzeln stehenden Häuser durch höhere Mehrfamilienhäuser ersetzt wurden.
Antoni Gaudí hatte bereits bei der Dekoration zweier Geschäfte am Passeig de Gràcia mitgewirkt: der Apotheke Gibert und der Bar Torino, die heute beide verschwunden sind. Zwischen 1900 und 1914 konsolidierte sich die Straße als wichtigstes bürgerliches Wohnzentrum. Der 1902 eingeweihte Haltepunkt an der Kreuzung mit der Carrer d’Aragó bot den mit dem Zug anreisenden Passagieren eine zentralere Haltestelle als die an der Estació de França. Im Jahr 1904 besuchte, zeitgleich mit der Fertigstellung der Casa Batlló, König Alfons XIII. Barcelona. Die Monarchische Jugend mit deren Präsident Josep Maria Milà i Camps entschied, dass die beste Art, ihn zu empfangen, ein Spaziergang unter wohlhabenden Familien sei. Als Alfons XIII. den Passeig de Gràcia sah, war er geblendet und sagte bei einem späteren Besuch: „Madrid ist sehr schön, aber Barcelona übertrifft es in zwei Dingen: dem Tibidabo und dem Passeig de Gràcia“Originalzitat: "Madrid es muy bella, pero Barcelona la supera en dos cosas: el Tibidabo y el paseo de Cracia.".
1905/06 wurde die Straße erneuert, endlich Kopfsteinpflaster auf der Promenade verlegt, die Straßenbahnen in die Nebenstraßen verlegt und die bekannten Straßenlaternen von Pere Falqués installiert. Josep Puig i Cadafalch hatte bereits 1900 die Casa Amatller gebaut und im selben Block schloss nun Lluís Domènech i Montaner die Umgestaltung der Casa Lleó Morera an der Ecke zur Carrer Consell de Cent ab. Damit gewann die Casa Lleó Morera 1906 den jährlichen Wettbewerb für künstlerische Gebäude. Und während diese Architekten und ihre Werke bei ihren Kunden eine Anziehungskraft und ein Gefühl der Unterscheidung erzeugten, wurde der Straßenblock von der satirischen Presse kritisiert. Die populäre Anziehungskraft dieses sog. „Blocks der Zwietracht“ bildete die Rivalität zwischen den Architekten und insbesondere ihren Fassaden ab. mini|400x400px|„Block der Zwietracht“ mit von links Casa Lleó Morera, Casa Mulleras, Casa Bonet, Casa Amatller und Casa Batlló Die Fehde zwischen den berühmtesten Architekten der Zeit zog viele andere Angehörige der Bourgeoisie an, die auch ein Haus am modischen Passeig de Gràcia haben wollten. 1906 ließ die Familie Malagrida, die mit Argentinien Handel trieb, ein Kuppelgebäude mit der Hausnummer 27 errichten, ein Werk des Baumeisters Joaquim Codina i Matalí. Enric Ferran Sagnier i Villavecchia baute das Haus der Familie Mulleras rechts neben der Casa Lleó Morera, während die Witwe Marfà an der Ecke zur Carrer de Valencia 1905 das Gebäude in mittelalterlichem Stil vollendete, das sie bei Manuel Comas in Auftrag gegeben hatte.
Dieser starke Impuls der Barceloneser Bourgeoisie war der Schlüssel zur Entwicklung und Ausbreitung der Bewegung des Modernisme, die als Jugendstil in Europa um 1905 bereits endete, während sie in Katalonien ein weiteres Jahrzehnt andauern sollte. Auf der anderen Seite hatte die Bewegung im Rest Spaniens aufgrund der schwierigen wirtschaftlichen Bedingungen nach dem Verlust der Kolonien praktisch keine Auswirkungen.
Die Madrider Zeitschrift Nuevo Mundo beschrieb am 14. Februar 1907 die Arbeit der katalanischen modernistischen Architekten: „Obwohl sie bisher weder eine Perfektion oder zumindest eine gerechte Aussöhnung dessen, was schön, harmonisch und nützlich ist, erreicht haben, noch eine klare und präzise Vision einer eigenständigen Kunst darstellen, sind sie Vorboten der reichlichen Fähigkeiten, um dieses glorreiche Ziel zu erreichen, wobei Gaudí als der malerischste und wagemutigste dem schon am nächsten angesehen werden kann.“Originalzitat: „No llegando todavía a la perfección o por lo menos a la conciliación justa de lo bello, lo armónico y lo útil, ni constituyendo todavía sus obras la visión clara y precisa de una arte propio, es anuncio de abundantes aptitudes para llegar a esa meta gloriosa de la cual puede considerarse como más cercano al pintoresco y audaz Gaudí.“ Als Antwort darauf schrieb die Ilustració Catalana am 10. März 1907: „Selbst die Spanier beginnen, sich der Realität anzunehmen und sich mit den Werken von Domènech, Puig i Cadafalch, Sagnier, Gaudí und so vieler anderer zu befassen und sie zu kommentieren.“
Der Architekt
Lluís Domènech i Montaner (* 21. Dezember 1850 in Barcelona; † 27. Dezember 1923 ebenda) war Architekt, Buchillustrator, Historiker, Humanist und katalanischer Politiker, er entwarf Schrifttypen und Bucheinbände. Er war einer der Hauptvertreter des katalanischen Modernisme. Als Architekt entwickelte er die europäischen Vorstellungen von Architektur mit einer innovativen Sprache weiter. Seine Architektur basierte auf einem neuen Konzept, das alle Kunsthandwerke integrierte. Als Dozent bildete er Schüler wie Antoni Gaudí, Josep Puig i Cadafalch, Manuel Raspall, Antoni de Falguera und Josep Maria Jujol aus. Er war Abgeordneter im spanischen Parlament in komplizierten Zeiten, die dem Desaster von 1898 folgten und der Kandidatur der katalanischen Lliga Regionalista bei den Parlamentswahlen 1901. In seinen letzten Jahren verbrachte er viel Zeit mit heraldischen Studien in Masia Rocosa, einem alten Bauernhof des 17. Jahrhunderts in Canet de Mar, das der Familie Montaner gehört und heute ein Gutteil der Gipsmodelle für die Skulpturen und Muster des Glasmalereien der Casa Lleó Morera erhalten sind.
Geschichte mini|Casa Lleó Morera vor der Umgestaltung (Postkarte von 1902)
Das originale Gebäude Am 15. Juli 1864 erhielten Joan Mumbrú i Bordas und seine Verlobte Lluïsa Sagristà i Figueras die Baugenehmigung für ein Eckhaus mit Souterrain, Hochparterre und drei Stockwerken, das vom Baumeister Joaquim Sitjas gebaut wurde. Das Casa Rocamora genannte Haus wurde an die drei Kinder des Paares, Josep, Antònia und Joan vererbt, die es am 1. August 1894 für 285.000 Peseten an Antonio Morera i Busó verkauften. Dieser wiederum vererbte es seiner Nichte Francesca Morera i Ortiz.
Die Umgestaltung