mini|Lisa Niederreiter Lisa Niederreiter (geboren 1962 in München) ist eine deutsche Kunsttherapeutin, Künstlerin und Hochschullehrerin. Sie beschäftigte sich intensiv mit Exponaten der Sammlung Prinzhorn, sowohl als Künstlerin und Kunsttherapeutin als auch als Kunsthistorikerin.

Leben mini|Bleimütze aus der Werkgruppe „Postwar“

Kunsttherapeutin Niederreiter studierte von 1981 bis 1986 Sonder- und Kunstpädagogik in München und schloss mit dem Magister ab. Von 1984 bis 1988 ergänzte sie ihre Ausbildung um ein Kunsttherapie-Studium. Während dieser Zeit beschäftigte sie sich mit dem Thema Experimentalfilm und drehte schließlich mit Petra Grimm den Film „Insel der Glückseligkeit“. Ab 1988 führte sie Projektarbeit mit psychiatrieerfahrenen Frauen durch. Daran schloss sie ab 1989 ein Promotionsstudium an der Ludwig-Maximilians-Universität München an und wurde 1993 zum Dr. phil. promoviert. Zwischen 1989 und 1996 arbeitete sie als Kunsttherapeutin im klinischen Bereich; sie baute Ateliers in zwei Kliniken für Menschen auf mit HIV und AIDS. Auch erwarb sie eine eingeschränkte Heilerlaubnis für Psychotherapie.

Hochschullehrerin mini|Antwortkleid zu Agnes Richter mini|Antwortjacke zu Agnes Richter mini|Bunkerstaubkleid aus der Werkgruppe „Bunkerstücke“ Von 1996 bis 2006 war Niederreiter Dozentin für Ästhetik und Kommunikation an der Hochschule Darmstadt. Von 2006 bis 2008 hatte sie eine Gastdozentur für Bildende Kunst, Kunsttherapie und Kunstgeschichte an der Hochschule für Kunsttherapie Nürtingen. 2008 wechselte sie wieder an die Hochschule Darmstadt zurück, wo sie kurze Zeit später zur Professorin im Fachbereich Soziale Arbeit ernannt wurde. Niederreiter lehrt zu den Themen Grundlagen und Methoden der pädagogischen Kunsttherapie, Kinderzeichnung, Kunst und Psychiatrie, Kunst und soziale Prozesse, Selbstreflexion und Identitätsarbeit über künstlerische Medien, Kunst und Projektarbeit. Sie forscht zu den Themen Kunst und Psyche, Zeitgenössische Bildende Kunst, Outsider Art und Ästhetische Forschung.

Künstlerin Lisa Niederreiters künstlerisches Schaffen spiegelt ihre Auseinandersetzung mit Psychoanalyse und Feminismus, mit Erinnern und Infragestellen wider. Entsprechend schuf sie 1997 das „Mumienprojekt“, in dem sie die langjährige therapeutische Arbeit mit AIDS-Kranken verarbeitete. 1999 entstand der „Postwar“-Zyklus, in dem sie der Kindheit der Nachkriegszeit zwischen Verdrängung und Gewalt nachspürte. Typisch dafür ist die „Bleimütze“, die Niederreiter im Stil einer Nachkriegs-Babymütze aus Vorhangband nähte, das Bleikügelchen enthielt. Schließlich folgt die Serie „Groma subkutan“, in der sie sich mit dem Gelände der Frankfurter Großmarkthalle auseinandersetzte, wo sie von 2000 bis 2006 ihr Atelier hatte. Damals waren noch die Gleise sichtbar, von denen die Transporte von Juden in Vernichtungslager abgingen. Es folgten die Zyklen „Organe der Heimat“ und „Bridgeheads/Brückenköpfe“.

Niederreiter beschäftigte sich 2002 erstmals mit dem Jäckchen von Agnes Richter und fotografierte es in vielen Detailsichten. So konnte ihre Mutter die gestickten Sütterlin-Texte in allen Einzelheiten entziffern. Neu entdeckt wurde dabei das Wort „schwarzseiden“. Nach der Forschungsarbeit nähte Niederreiter die Detailfotos so zusammen, dass die Texte auf dem Jäckchen lesbar blieben. In einem zweiten Schritt erstellte sie ein dunkelblaues seidenes „Antwortkleid“ und bestickte es mit eigenen Texten. Niederreiter trug das Kleid während des Bestickens der Rockpartien, sodass die Schrift auf dem Kopf steht. Die Texte stellen einen Dialog mit Agnes Richter dar und setzen sich mit deren Psychiatrieerfahrung auseinander. Nach dreimonatiger Stickarbeit und Auseinandersetzung mit dem Schicksal Agnes Richters wird deren Krankenakte gefunden. Auch dieses Ereignis floss in die letzten gestickten Texte auf dem Oberteil des Seidenkleids ein. Zur Finissage der Ausstellung „Irre ist weiblich“ im September 2004 trug Niederreiter das fertige Kleid. 2008 entsteht schließlich ein Cape, auf dessen Innenseite Niederreiter Texte von Richter vergrößert nachstickte. Grundlage für das Cape war ein geerbter Persianermantel. Das Cape sollte Schutz und Wertigkeit auf der einen Seite und unbequeme Einengung auf der anderen Seite ausdrücken.

Ausstellungen Niederreiter präsentierte ihre künstlerischen Arbeiten in Kunstausstellungen im In- und Ausland.

Einzelausstellungen 1989: Sonderbar, Werkstätten- und Kulturhaus (WUK), Wien 1998: X-Ray-Project, Galerie im Bilderhaus, Frankfurt am Main 2000: Hirn weiblich, Atelierhaus B71, Offenbach am Main 2002: Organe der Heimat, Galerie Ariadne, Wien 2002: X-Rays, Denkbar, Frankfurt am Main 2003: Postwar, Galerie ML 44, Frankfurt am Main 2004: Transite, Osnabrück 2004: Antwortkleid und Postwar, DU-AG, München 2006: Antwortkleid für Agnes Richter, Museum Dr. Guislain, Gent 2009: Schwarzseiden: Lisa Niederreiter, Antwortkleid und Cape für Agnes Richter, Sammlung Prinzhorn, Heidelberg 2011: Bunkerstücke, Lange Nacht der Museen im Kulturbunker Frankfurt, Frankfurt am Main 2012: Bäume aus Gewicht gemacht, Frankfurter Autoren Theater (FAT), Frankfurt am Main 2015: Favoriten der Schublade, Klosterpresse Frankfurt, Frankfurt am Main 2016: Iconic Tank, FAT – Atelier Frankfurt, Frankfurt am Main 2017: Mending Worlds – Remendando Mundos, Artist in Residence, Pinea Linea de Costa, Cádiz, Spanien

Gruppenausstellungen 1991: Positive Kunst, Hygienemuseum, Dresden 1995: Engel über Engel, Galerie im Rathaus, München 1996: Diözesanmuseen Regensburg und Neuburg an der Donau 2000: Frankfurter Edition, Graphische Sammlung im Städel Museum, Frankfurt am Main 2001: Toleranz/Akzeptanz und Fe/Male, Galerie Ariadne, Wien 2003: HautNahOst, Kunsthappening israelischer, palästinensischer und in Deutschland lebender Künstler, Frankfurt am Main 2004: Roter Faden, Kunstverein Ebersberg 2004: Grenzen, Gender in Kunst und Wissenschaft, HEAG-Halle, Darmstadt 2005: Spuren und Zeichen, Kunstfoyer der Bayerischen Versicherungskammer München 2005: Unort, Frankfurt am Main 2006: Wellenlängen, Kunsthaus Kannen, Münster 2006: Irre ist weiblich, Museum Dr. Guislain, Gent 2007: Forum 2007, Burg Vischering, Lüdinghausen 2007: ave maria, Franz-Hitze-Haus, Münster 2009: Text – Wahn – Sinn, Sammlung Prinzhorn, Heidelberg 2011: Inklusiv, Galerie Schuster Berlin 2011: Gestrickt geklebt geknotet – Textil und Art Brut, Kunsthaus Kannen, Münster 2013: Loss of control II, Musée Félicien Rops, Namur, Belgien 2014: Glanz im Auge der Mutter, FAT – Atelier Frankfurt, Frankfurt am Main 2014: Nackt, Galerie Söffing, Frankfurt 2014: Variety Show, Gallus Theater, Frankfurt am Main 2015: Schatten des Ostends, Lange Nacht der Museen in Frankfurt am Main 2018: Narrenturm, Museum Zündorfer Wehrturm, Köln 2020: mit Petra Schott: Der Seelen wunderliches Bergwerk, Ausstellungsraum Eulengasse, Frankfurt am Main 2021: Kleidersache, Deutscher Werkbund, Frankfurt am Main 2021: Unsterbliche Ideen für ewiges Leben, Schader-Stiftung, Darmstadt

Veröffentlichungen (Auswahl) Niederreiter schrieb zahlreiche Artikel, im Folgenden sind die Bücher ihrer Autorschaft oder ihrer Beteiligung aufgelistet:

Bücher

Artikel

Literatur

Andreas Beyer, Bénédicte Savoy, Wolf Tegethoff (Hrsg.): Lisa Niederreiter. In: Allgemeines Künstlerlexikon. K. G. Saur, Berlin / New York 2021.

Weblinks Lisa Niederreiter. Art and Research Database, basis-wien.at

Einzelnachweise

Kategorie:Bildender Künstler (Deutschland) Kategorie:Kunsttherapeut Kategorie:Hochschullehrer (Hochschule Darmstadt) Kategorie:Deutscher Kategorie:Geboren 1962 Kategorie:Frau