Die Beziehungen zwischen Mexiko und den Vereinigten Staaten (USA) sind von einer komplexen und wechselhaften Geschichte geprägt. Da beide Staaten Nachbarn sind und einige Gebiete der USA einst zum mexikanischen Staat gehört haben, sind die interkulturellen, wirtschaftlichen und interpersonellen Beziehungen zwischen beiden Staaten sehr eng. Dazu kommt, dass knapp ein Zehntel der US-amerikanischen Bevölkerung mexikanischer Abstammung sind (in den US-Bundesstaaten an der Grenze zu Mexiko sogar bis zu einem Drittel). Für beide Länder sind die Beziehungen zum jeweils anderen deshalb von besonderer Bedeutung. Nach dem Abschluss des Freihandelsabkommens NAFTA im Jahre 1994 wurde ein gemeinsamer Wirtschaftsraum geschaffen und die Handels- und Investitionsbeziehungen vertieft. Für Mexiko sind die USA der mit Abstand wichtigste Handelspartner und für die USA war Mexiko 2021 der zweitwichtigste Handelspartner, noch vor der Volksrepublik China oder jedem europäischen Land.

Geschichte Frühe Geschichte Die Beziehungen zwischen den USA und Mexiko sind aus den früheren Beziehungen zwischen der jungen Nation der Vereinigten Staaten und dem Spanischen Kolonialreich und seiner Kolonie, dem Vizekönigreich Neuspanien, hervorgegangen. Das heutige Mexiko bildete das Kerngebiet des Vizekönigreichs Neuspanien, als die Vereinigten Staaten im Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg (1775–1783) ihre Souveränität erlangten. Spanien hatte den Dreizehn Kolonien in diesem Krieg als Verbündeter gedient.

19. Jahrhundert mini|Die Gebietsentwicklung Mexikos, unter Berücksichtigung der Verluste an die Vereinigten Staaten (rot, weiß und orange). Nach dem Louisiana Purchase (1803) kam es zu einem Territorialstreit zwischen den Spaniern und den USA, die Ansprüche auf Texas als Teil des Kaufs stellten. Der Streit wurde mit dem Adams-Onís-Vertrag von 1819 gelöst, in der die USA auf ihre Ansprüche auf Texas verzichteten und stattdessen das spanische Florida kauften. 1821 wurde Mexiko nach dem mexikanischen Unabhängigkeitskrieg von den Spaniern unabhängig, mit Agustín de Iturbide als erstem Kaiser von Mexiko. Die neue Nation in Nordamerika wurde am 12. Dezember 1822 von den USA anerkannt, als diplomatische Beziehungen aufgenommen wurde. Unter ihrem Gesandten Joel Roberts Poinsett unterboten die USA den Mexikanern ein Angebot für den Kauf des nördlichen Mexiko (Oberkalifornien, Texas und Neu-Mexiko sowie Teile von Niederkalifornien, Sonora, Coahuila, und Nuevo León), welches allerdings von Mexiko abgelehnt wurde.Timothy J. Henderson, A Glorious Defeat: Mexico and Its War with the United States (New York: Macmillan, 2008), Ab den 1820er Jahren begannen sich Angloamerikaner unter der Führung von Stephan F. Austin in großer Zahl im Osten von Texas niederzulassen. Die Migration der Amerikaner in das kaum besiedelte Gebiet führte bald zu Konflikten mit der mexikanischen Regierung, als die Siedler Autonomie und die Einführung der Sklaverei in Texas forderten. Die Meinungsverschiedenheiten führten zur texanischen Revolution und der Ausrufung der Republik Texas, die von 1836 bis 1845 unter dem Schutz der USA bestand, ohne dass dessen Unabhängigkeit von Mexiko anerkannt worden oder ihre Grenzen festgelegt worden wären. Im Jahr 1845 annektierten die Vereinigten Staaten Texas, was zu einem Streit mit Mexiko und schließlich zum Mexikanisch-Amerikanischen Krieg führte. Der Krieg erwies sich für Mexiko als katastrophal; die Amerikaner eroberten Neu-Mexiko und Kalifornien und drangen in die nördlichen Provinzen Mexikos ein. Im September 1847 nahmen US-Truppen unter General Winfield Scott die Hauptstadt Mexiko-Stadt ein. Der Vertrag von Guadalupe Hidalgo vom 2. Februar 1848 beendete den Konflikt. Infolgedessen war Mexiko gezwungen, sein gesamtes nördlichstes Territorium, einschließlich Kalifornien und Neu-Mexiko, an die Vereinigten Staaten zu verkaufen. Außerdem verzichtete Mexiko auf seine Ansprüche auf Texas, und die Vereinigten Staaten zahlten 15 Millionen US-Dollar Entschädigung für Kriegsschäden. Die Mexikaner in den annektierten Gebieten wurden US-Bürger, wurden allerdings häufig enteignet oder vertrieben. Es gab innerhalb der USA auch Diskussionen um eine Annexion des gesamten mexikanischen Staatsgebiets, welche mit Verweis auf die unterschiedlichen politischen und kulturellen Verhältnisse in beiden Ländern innerhalb der USA auf Widerstand stießen.

Der mexikanische Präsident Antonio López de Santa Anna verkaufte im Rahmen des sogenannten Gadsden-Kaufs weiteres mexikanisches Territorium an die Vereinigten Staaten, um den USA den Bau einer Eisenbahnlinie durch diese Region zu erleichtern. Dieser Kauf spielte eine wichtige Rolle beim Sturz Santa Annas durch die mexikanischen Liberalen in der Revolution von Ayutla, da er weithin als Verrat gegenüber dem Land angesehen wurde. Während des Sezessionskriegs in den Vereinigten Staaten (1861–65) sah Frankreich unter Napoleon III. die Chance zur Abschaffung der mexikanischen Republik unter dem liberalen Präsidenten Benito Juárez gekommen. Frankreich intervenierte in Folge in Mexiko und installierte den Habsburger Maximilian I. 1864 als Kaiser von Mexiko. Als der Sezessionskrieg im April 1865 mit dem Sieg der Nordstaaten zu Ende ging, rüsteten die USA die Anhänger von Juárez mit Waffen und Munition aus, und richteten Warnungen an Paris, da die Intervention in Mexiko der amerikanischen Monroe-Doktrin widersprach und nicht akzeptiert wurde. Napoleon III. zog schließlich seine Armee zurück, und Kaiser Maximilian wurde 1867 von der mexikanischen Regierung hingerichtet. Die Unterstützung der mexikanischen Regierung gegenüber der ausländischen Intervention stärkte die Beziehungen zwischen beiden Staaten. Im späten 19. Jahrhundert unter der Regierung von Präsident Porfirio Díaz (1876–1911) unterhielten die beiden Länder enge diplomatische und wirtschaftliche Beziehungen. Während der langen Präsidentschaft von Díaz investierten US-amerikanische Geschäftsleute im Bergbau und der Landwirtschaft und beide Länder wurden durch die Eisenbahn miteinander verbunden. Doch Díaz war auch misstrauisch gegenüber dem nördlichen Nachbarn und der Satz „Armes Mexiko! So weit weg von Gott und so nah an den Vereinigten Staaten“ (Pobre México: tan lejos de Dios y tan cerca de los Estados Unidos) wird ihm zugeschrieben.

20. Jahrhundert mini|Karikatur zu der Mexikanischen Expedition von 1916 Im Oktober 1909 reiste der US-Präsident William Howard Taft nach Ciudad Juárez, wo er sich mit Porfirio Díaz traf. Das Treffen war historisch, da es der erste ausländische Staatsbesuch eines amtierenden US-Präsidenten und das erste Treffen zwischen den Staatsoberhäuptern der beiden Staaten war. Während des Treffens konnte ein Anschlagsversuch im letzten Moment verhindert werden. Mit dem Sturz von Diaz in der Mexikanischen Revolution unterstützten die USA zuerst dessen Nachfolger Francisco Madero, die Beziehungen verschlechterten sich allerdings bald darauf. Nach der Machtübernahme von Victoriano Huerta in einem Putsch forderten die USA unter Präsident Woodrow Wilson demokratische Wahlen und es kam zum Konflikt. Nachdem Angehörige der US-Marine im Hafen von Tampico von Huertas Soldaten festgenommen worden waren, besetzten die USA 1914 Veracruz für sechs Monate, was den Tod von 160 mexikanischen Soldaten und einer unbekannten Anzahl mexikanischer Zivilisten zur Folge hatte und für antiamerikanische Proteste sorgte. Nachdem Einheiten des mexikanischen Revolutionsführers Pancho Villa die Stadt Columbus in New Mexico überfallen hatten, entsandte Präsident Wilson 1916 eine Strafexpedition unter General John J. Pershing, um Villa zu verhaften. Die Expedition nahm den Rebellen den Nachschub weg, konnte Villa aber nicht festnehmen. Im Januar 1917 sendete das sich im Ersten Weltkrieg befindende Deutsches Reich die Zimmermann-Depesche an Mexiko und bot dem Land ein Militärbündnis zur Rückgewinnung von New Mexico, Kalifornien, Nevada, Arizona und Texas an, welche Mexiko 1848 an die USA verloren hatte. Der britische Geheimdienst fing die Nachricht ab und gab sie an die US-Regierung weiter. Präsident Wilson gab sie an die Presse und verstärkte damit die Forderungen nach einem Eintritt der USA in den Ersten Weltkrieg, welcher kurz darauf erfolgte. Mexiko blieb im Ersten Weltkrieg neutral und lieferte Erdöl an das Vereinigte Königreich. Nach dem Ende der Kriegsphase der mexikanischen Revolution erhoben Amerikaner und Mexikaner Ansprüche für Schäden, die während des jahrzehntelangen Bürgerkriegs entstanden waren. Die Amerikanisch-Mexikanische Anspruchskommission wurde während der Präsidentschaft des Revolutionsgenerals Alvaro Obregón und des US-Präsidenten Calvin Coolidge eingerichtet, um diese Ansprüche zu klären. Obregón war bestrebt, die Probleme mit den USA zu lösen, einschließlich der Frage um die Ausbeutung mexikanischer Erdölvorkommen, um sich die diplomatische Anerkennung der USA zu sichern. Die Verhandlungen führten 1923 zum Bucareli-Vertrag. In den 1920er Jahren vermittelten die USA außerdem unter Botschafter Dwight Morrow im Guerra Cristera, welche zwischen der Regierung und Bauernmilizen, die der katholischen Kirche nahestanden, stattfand. mini|Franklin D. Roosevelt und der mexikanische Präsident Avila Camacho in Monterrey (1943) In den auf Obregón folgenden Regierungen kam es immer wieder zu Streitigkeiten zwischen den Ländern und 1938 nutzte Präsident Lázaro Cárdenas del Río seine verfassungsmäßigen Befugnisse, um ausländische Ölgesellschaften in Mexiko zu enteignen, und gründete die staatseigenen Petroleos Mexicanos (PEMEX). Cárdenas enteignete auch Agrarflächen, welche sich in amerikanischem Besitz befanden. Ähnliche Vorfälle hatten in der Vergangenheit zu Interventionen der USA in anderen lateinamerikanischen Ländern geführt, allerdings hatten die USA unter Franklin D. Roosevelt inzwischen die Good Neighbor Policy als neue außenpolitische Doktrin angenommen, weshalb sie auf eine Intervention zugunsten amerikanischer Geschäftsinteressen verzichteten. Als die USA 1941 in den Zweiten Weltkrieg eintraten, handelten sie mit dem mexikanischen Präsidenten Manuel Avila Camacho ein Abkommen aus, das eine enge Zusammenarbeit gegen die Achsenmächte vereinbarte und bestehende Differenzen ausräumte. Nachdem deutsche U-Boote begannen, mexikanische Öltanker und Handelsschiffe anzugreifen, erklärte Mexiko den Achsenmächten im Mai 1942 formal den Krieg. Während des Kriegs importierte die USA aus Mexiko Rohstoffe. Als es im Krieg zu Arbeitskräftemangel in den USA kam, wurde 1942 das Bracero-Programm geschlossen, das den Mangel an Arbeitskräften in der Landwirtschaft mit mexikanischen Vertragsarbeitern behob. Das Programm wurde später verlängert. Im Krieg wurde die antifaschistische Propaganda für Lateinamerika von dem Office of the Coordinator of Inter-American Affairs unter der Leitung von Nelson Rockefeller koordiniert und der in Mexiko unter der Linken verbreitete Antiamerikanismus wurde abgeschwächt, da sich die USA in einem Bündnis mit der Sowjetunion befanden. Nach Debatten entsandte Mexiko eine kleine Lufteinheit in den Pazifikkrieg. Es wurde eine Vereinbarung getroffen, so dass 250.000 in den Vereinigten Staaten lebende mexikanische Staatsbürger in den amerikanischen Streitkräften dienen konnten; über 1000 wurden im Kampf getötet. mini|Unterzeichnung von NAFTA (1994)