mini|hochkant=1.3|Ausflugslokal Wiesenbaude, um 1900
Am Ort der Wiesenbaude in Groß-Lichterfelde befand sich ursprünglich ein kleines Wirtshaus. Im Jahr 1897 konnte der Gastwirt einen verzierten Ausstellungspavillon der Berliner Gewerbeausstellung von 1896 erwerben, der an diesen Ort umgesetzt wurde und zur Eröffnung 1897 als Wiesenbaude bezeichnet wurde. Das neue Wirtshaus entwickelte sich bald zu einem überregional bekannten Ausflugslokal. Im Zweiten Weltkrieg wurde es zerstört, aber kurz danach in vereinfachter Form wieder aufgebaut, bis es schließlich 2007 abgerissen wurde. Dennoch ist der Name Wiesenbaude weiterhin als inoffizielle Ortsbezeichnung für die große Straßenkreuzung im heutigen Berliner Ortsteil Lichterfelde im Bezirk Steglitz-Zehlendorf bekannt.
Geschichte Um 1880 existierte an diesem Ort an der Bäke-Niederung bereits ein erstes kleines Wirtshaus, das in Überlieferungen auch als Stehbierhalle bezeichnet wurde. Hier trafen die Chausseestraße (heute: Hindenburgdamm), Wilhelmstraße (heute: Königsberger Straße), Teltower Straße (heute: Goerzallee), Zehlendorfer Straße (heute: Finckensteinallee) und Drakestraße zusammen.
Im Mai 1881 ging die weltweit erste elektrische Straßenbahn Groß-Lichterfelde zwischen dem Bahnhof Groß-Lichterfelde an der Anhalter Bahn und der Hauptkadettenanstalt in Betrieb. An dem später als Wiesenbaude bezeichneten Wirtshaus wurde eine Haltestelle Chausseestraße eingerichtet.
mini|Berliner Gewerbeausstellung 1896 1897 konnte hier anstelle des alten Wirtshauses ein reich verziertes Holzgebäude aufgebaut werden, das ursprünglich als Ausstellungspavillon für die Berliner Gewerbeausstellung 1896 in Treptow vom schlesischen Baumeister Riedel aus Görlitz im Stil einer Riesengebirgsbaude entworfen und errichtet worden war.Schlesische Gebirgsbaude. In: Illustrierter Amtlicher Führer durch die Berliner Gewerbe-Ausstellung 1996, abgerufen am 3. Dezember 2023. In diesem Pavillon schenkte die Berliner Weinhandlung F. W. Manegold u. a. den Echt Stonsdorfer Bitter aus, einen Kräuterlikör nach einem Rezept aus dem Riesengebirge.Eintrag im Hauptkatalog zur Berliner Gewerbeausstellung 1996, Gruppe X: Nahrungs- und Genussmittel, Nr. 1987, S. 109, F.W. Manegold, Berlin SO, Dresdner Straße 14: Echt Stonsdorfer Bitter, abgerufen am 1. Dezember 2023.Werbung des Fabrikanten F. W. Koerner für den Echt Stonsdorfer Bitter, Warnung vor Nachahmungen, Ausschank in der Riesengebirgsbaude der Ausstellung, Generalvertretung für Berlin G. Ross, Manteuffelstraße 84, abgerufen am 1. Dezember 2023. Der Pavillon befand sich im Vergnügungspark der Ausstellung östlich der heutigen Bulgarischen Straße und war auch im Inneren passend zu einer Riesengebirgsbaude dekoriert. Im Plan der Gewerbeausstellung ist der Pavillon mit „Riesen Geb. Bde.“ bezeichnet.Die Riesengebirgsbaude. In: Offizielle Ausstellungsnachrichten der Gewerbe-Ausstellung 1896, Nr. 37, 24. Mai 1896, S. 14, abgerufen am 2. Dezember 202340 Jahre Lichterfelder Wiesenbaude. In: Steglitzer Anzeiger, 29. August 1937 (az 252)
Da das Treptower Gelände nach dem Ende der Ausstellung im Oktober 1896 wieder freigeräumt werden musste, bot sich die Gelegenheit, diesen Pavillon nach Lichterfelde umzusetzen. Dort erhielt er den Namen Wiesenbaude, damit wurde der Name des seinerzeit sehr bekannten Berggasthofes Wiesenbaude in der Nähe der Schneekoppe im Riesengebirge übernommen. Die Lichterfelder Wiesenbaude wurde zunächst von Flori Florian Gottwald betrieben.Simon, 100 Jahre Wiesenbaude. In: Steglitzer Heimat, 1997, S. 15 (sh 1568)
1917 übernahmen die Wirtsleute Anna und Wilhelm Franke, die bereits seit 1904 ein Lokal in Schöneberg betrieben, die Wiesenbaude zunächst zur Pacht und kauften sie später. Sie konnten das Gelände bis zum Teltowkanal erweitern.Simon, 100 Jahre Wiesenbaude. In: Steglitzer Heimat, 1997, S. 16 (sh 1568) In der folgenden Zeit entwickelte sich die Wiesenbaude zu einem beliebten und überregional bekannten Ausflugslokal.
mini|Die Wiesenbaude um 1925 Im Juli 1923 wurde das Ausflugslokal Wiesenbaude während der grassierenden Hyperinflation Opfer von Metalldieben, die dem Schankwirt Franke Bierleitungen im Wert von damals 16 Millionen Mark raubten.Metalldiebe an der Arbeit. In: Berliner Börsen-Zeitung, 24. Juli 1923, S. 2, abgerufen am 6. Januar 2023
Die Adresse des Ausflugslokals Wiesenbaude lautete zunächst Giesensdorfer Straße 150 bzw. Drakestraße 2, als Eigentümer war im Adressbuch 1925 der Gastwirt W. Franke eingetragen. Seit 1939 wurde das Grundstück unter der Adresse Goerzallee 1 geführt.
Wilhelm Franke starb 1935, Anna Franke betrieb die Wiesenbaude weiter. Im Jahr 1937 wurden das 40-jährige Jubiläum der Wiesenbaude und das 20-jährige Jubiläum der Wirtin Anna Franke gefeiert.Bild der Wiesenbaude aus dem Jahr 1937 mit Werbeschildern der beiden Jubiläen.Goldenes Jubiläum in der Wiesenbaude. In: Steglitzer Lokal-Anzeiger, 23./24. Oktober 1954 (az 256) Im Jahre 1943 brannte das Gebäude der Wiesenbaude durch Kriegseinwirkungen ab und musste später abgerissen werden.
Nach dem Zweiten Weltkrieg konnte Anna Franke einen Neubau errichten lassen, der sich nun allerdings rd. 20 m weiter südlich befand. Das ursprüngliche Grundstück der Wiesenbaude wurde zur Verbreiterung der Königsberger Straße herangezogen.HistoMap Berlin Vgl. historische Karten 4042 von 1935 und 1955 sowie historische Karten 404 D von 1992 und 2012. Das traditionelle Ausflugslokal konnte am 1. Juli 1950 wiedereröffnet werden. Die neue Wiesenbaude bot rund 100 Gästen Platz.Simon, 100 Jahre Wiesenbaude, 1997, S. 16 Am 15. Oktober 1954 konnte Anna Franke ihren 73. Geburtstag und gleichzeitig ihr 50-jähriges Jubiläum als Gastwirtin feiern.Goldenes Jubiläum in der Wiesenbaude. In: Steglitzer Lokal-Anzeiger, 23./24. Oktober 1954 (az 256)
1975 wurde die Wiesenbaude von Fayek Abdou, einem in Kairo geborenen Bauingenieur-Studenten, und seiner deutschen Frau übernommen.Fayek Abdou: Nüchterner Diener des Herrn. In Steglitzer Lokal-Anzeiger, Oktober 1990, S. 6 (sa 3881) Das Restaurant hatte sich auf ägyptische Spezialitäten konzentriert und bekam den Namen „El Pharao“.El Pharao an der Wiesenbaude. In: Berliner Abendblatt, 6. Dezember 2006 (az 8873). Im Mai 1994 geriet das Restaurant wegen einer deutlichen Erhöhung der Pacht in die Schlagzeilen.Die Idylle in der Wiesenbaude trügt. In: Berliner Morgenpost, 22. Mai 1994 (az 255) Wegen Pachtrückständen wurde dem Restaurantbesitzer schließlich vom Bezirksamt gekündigt und eine Räumungsklage angestrengt. Nach Abschluss des Verfahrens wurde 2007 der Abriss des Restaurantgebäudes veranlasst.An der Wiesenbaude: Restaurantgebäude wird abgerissen. In: Berliner Abendblatt, 10. Oktober 2007 (az 9834).
mini|Am historischen Ort der Wiesenbaude steht heute ein modernes Kaffeehaus, 2025 An diesem Ort wurde ein modernes Kaffeehaus errichtet, das sogar als Drive-in-Café mit dem Auto angefahren werden kann. Das Gebäude war zunächst orangefarben angestrichen. Bei der Renovierung im Herbst 2023 erhielt es einen dunkelgrauen Anstrich.Im September 2023 neu eröffnete Filiale Bakers Drive Goezallee 1 Der traditionelle Name Wiesenbaude wird allerdings nicht mehr geführt.
Im Linienverkehr der BVG wurde der Haltestellenname Wiesenbaude auch nach der Einstellung des Straßenbahnverkehrs der Linien 73 und 74 in den 1960er Jahren noch beim Bus weitergenutzt. Zuletzt wurde dieser Name von den Buslinie 53 und 112 bis zum Mai 1994 verwendet.Berliner Linienchronik Fahrplan Bus 1993/94. Auf: berliner-linienchronik.de, abgerufen am 18. Dezember 2023.
Im 200-Kilometer-Plan von 1957 zum Ausbau der Berliner U-Bahn war eine Linie F (später Linie 10) vorgesehen, die im Süden bis zur Drakestraße (Lichterfelde Wiesenbaude) verlängert werden sollte.
Der Name Wiesenbaude ist noch heute in der Umgebung präsent und wird u. a. vom Taxistand im Hindenburgdamm, von einem Sportplatz in der Goerzallee und einer Minigolfanlage in der Königsberger Straße verwendet. Der Name war auch noch lange Zeit ein Bestandteil der Taxifahrer-Ortskundeprüfung und lebt im Taxifahrer-Jargon weiter.
Im näheren Umfeld mini|Ausgestelltes Ensemble mit Schiffsbug und Treidellokomotive am Teltowkanal, 2006 mini|Anlegestelle Wiesenbaude am Teltowkanal, zur Zeit gesperrt, 2025 mini|Postamt von 1925 bis 1929 gebaut, direkt gegenüber der Wiesenbaude, 2012
1897 wurde in der Nähe der Wiesenbaude am Anfang der Teltower Straße (heute: Goerzallee) das große Kornmessersche Waisenhaus gebaut, das von Hans Altmann entworfen wurde. Das Gebäude erlitt im Zweiten Weltkrieg schwere Schäden und musste später abgerissen werden.
Rund 500 m entfernt von der Wiesenbaude begann in der Teltower Straße die Drehstrom-Versuchsstrecke Groß-Lichterfelde–Zehlendorf, auf der in den Jahren 1899–1901 von Siemens & Halske wichtige Grundlagen zum Einsatz von Drehstrom im Eisenbahnbetrieb erforscht wurden.
1906 wurde in unmittelbarer Nähe im Verlauf der Bäke-Niederung der Teltowkanal eröffnet. Hier gibt sogar eine Anlegestelle für Ausflugsfahrten, die auch heute noch als Lichterfelde (Wiesenbaude) bezeichnet wird, aber derzeit (Stand Frühjahr 2025) wegen Bauarbeiten am Uferweg gesperrt ist.Anlegestelle Lichterfelde (Wiesenbaude) auf: Berlin.de, abgerufen am 6. Januar 2023 Unweit der Wiesenbaude befindet sich an der Emil-Schulz-Brücke auf der Ostseite des Kanals ein Denkmal zur Erinnerung an den Treidelbetrieb, das aus der Treidellokomotive Nr. 2 von Siemens (in der Glasumhausung) und dem Bug des Binnenschiffs Sans Souci besteht.
In den Jahren 1925–1929 wurde unmittelbar gegenüber der Wiesenbaude an der Ecke Hindenburgdamm / Königsberger Straße das große und markante Postamt Lichterfelde nach den Plänen von Postbaurat Robert Gaedicke gebaut, das unter Denkmalschutz steht. Es wird inzwischen nicht mehr als Postfiliale genutzt und soll nach Umbauten und Erweiterungen Wohnungen und Gewerberäume beinhalten.Neues Wohnen in alter Post – Bauarbeiten am Hindenburgdamm haben begonnen. In: Berliner Woche, 15. Juli 2019, abgerufen am 16. Januar 2025.
Literatur Christian Simon: Ein Goldenes Jubiläum – 100 Jahre Wiesenbaude in Lichterfelde. In: Steglitzer Heimat (Mitteilungsblatt des Heimatvereins Steglitz e. V.), 1997/1, S. 15 f. 80 Jahre Lichterfelder Wiesenbaude. In: Steglitzer Heimat (Mitteilungsblatt des Heimatvereins Steglitz e. V.), 1976/2, S. 36 u. 40.
Weblinks
Historische Informationen und Bilder zur Wiesenbaude. Bei: geocaching.com, abgerufen am 2. Januar 2023 Historische Informationen und Bilder zur Wiesenbaude. Bei: veikkos-archiv.com, abgerufen am 2. Januar 2023 Heimatverein Steglitz e. V. Bei: steglitz-museum.de, abgerufen am 2. Januar 2023
Einzelnachweise
Kategorie:Berlin-Lichterfelde Kategorie:Gebäude in Berlin Kategorie:Gastronomiebetrieb (Berlin)