mini|Notarzteinsatz per Notarzteinsatzfahrzeug mini|Notarzteinsatz per Hubschrauber mini|Notarzteinsatzfahrzeug auf VW-T5-Basis
Ein Notarzt ist ein Arzt mit einer entsprechenden Zusatzqualifikation, der bei akuten, lebensgefährdenden Erkrankungen oder Verletzungen eines Patienten mit bestimmten Transportmitteln (Notarzteinsatzfahrzeug, Notarztwagen, Rettungshubschrauber) in kürzestmöglicher Zeit zu diesem gelangen und ihn präklinisch (außerhalb des Krankenhauses) behandeln soll. Ihm stehen eine Reihe von Medikamenten und Gerätschaften zur Verfügung, um vor Ort tätig werden zu können. Dabei arbeitet der Notarzt im Team mit Notfallsanitätern, Rettungsassistenten oder Rettungssanitätern.
In Österreich (besonders in Tirol und Kärnten) gibt es im niedergelassenen Bereich die Organisationsform der Notarzteinsatzgruppe, in der mehrere niedergelassene Ärzte die notärztliche Versorgung in einem Gebiet gemeinsam sicherstellen. Diese Ärzte sind selbständig tätige Fachärzte oder Allgemeinmediziner mit Notarztqualifikation und entsprechender Ausrüstung. Sie sind nicht Teil des Rettungsdienstes und können im Anlassfall sowohl direkt als auch über die Leitstellen angefordert werden.
Begriffsdefinition Wer als Notarzt tätig ist, muss neben der ärztlichen Approbation über eine zusätzliche QualifikationVgl. etwa Peter Sefrin, Wulf Skrobek: Qualifikation des Notarztes. In: Deutsche Medizinische Wochenschrift. Band 105, 1980, S. 666 ff. verfügen. In Deutschland handelt es sich heute dabei um die Zusatzbezeichnung Notfallmedizin. Die Voraussetzungen zum Erwerb der Zusatzbezeichnungen sind in den Weiterbildungsordnungen der Länder reguliert und variieren (siehe Abschnitt #Ausbildung).Vgl. Weiterbildungsordnung für die Ärzte Bayerns in der Neufassung vom 16. Oktober 2021, hier S. 431, sowie Weiterbildungsordnung der Landesärztekammer Thüringen vom 18. März 2020, hier S. 395.
Ärzte, die in der Notaufnahme eines Krankenhauses arbeiten, müssen keine Notärzte sein. Insbesondere für leitende Ärzte von Notaufnahmen ist jedoch der Erwerb der Zusatzbezeichnung Klinische Akut- und Notfallmedizin möglich.(Muster-)Weiterbildungsordnung 2018 in der Fassung vom 25. Juni 2022. bundesaerztekammer.de, abgerufen am 30. Oktober 2022. Auch bei diesem handelt es sich aber nicht um den unter anderem von der Deutschen Gesellschaft für interdisziplinäre Notfall- und Akutmedizin (DGINA) geforderten Facharzt für Notfallmedizin.
Vom Notarzt abzugrenzen ist der (kassen)ärztliche Notdienst (allgemeinmedizinischer Bereitschaftsdienst in Tirol, Ärztefunkdienst oder Ärztenotdienst im übrigen Österreich, in der Schweiz auch Notfallarzt), der nicht Teil der Notfallrettung ist, sondern die allgemeinmedizinische Versorgung außerhalb üblicher Ordinationszeiten sicherstellt. Ärzte des Notdienstes müssen weder eine Notarztausbildung aufweisen, noch eine dementsprechende Ausrüstung mitführen.
Statistik für Deutschland In Deutschland wurden 2020/2021 im Jahr 13 Mio. Rettungseinsätze durchgeführt, das waren im Durchschnitt 158 Einsätze je 1.000 Einwohner pro Jahr. Rund 62 % davon waren Einsätze der Notfallrettung, die weiteren 38 % entfielen in die Einsatzart Krankentransport. Bei 2,2 Mio. der Notfälle wurde ein Notarzt hinzugezogen. Rund 8,4 Mio. Einsatzfahrten pro Jahr werden mit Sonderrechten durchgeführt. Zur Disposition und Alarmierung vergehen im Mittel 2,5 Minuten. Der Bundesdurchschnitt der mittleren Hilfsfrist lag 2020/21 bei 8,7 Minuten, 95 % aller Hilfsfrist-Einsätze wurden in 16,2 Minuten erreicht.
Der Notarzt mit Sonderrechten braucht ab Ende des Anrufs bis zum Eintreffen am Einsatzort in 30 % der Fälle unter 10 Minuten, in 50 % der Fälle unter 13 Minuten, im Mittel 16,5 Minuten, in 75 % der Fälle unter 20 Minuten, in 95 % der Fälle unter 41 Minuten.
Im Mittel verweilt der Notarzt 24,0 Minuten am Einsatzort. Im Mittel folgen 15,2 Minuten Transportzeit und 19,6 Minuten Verweilzeit am Transportziel. Insgesamt dauern Notfälle mit Notarztbeteiligung im Mittel 53,9 Minuten.
Aufgaben Aufgaben des Notarztes – in Zusammenarbeit mit weiterem Rettungsfachpersonal – sind: die Durchführung akut lebensrettender medizinischer Maßnahmen die Herstellung der Transportfähigkeit des Patienten die Linderung von Schmerzen die Begleitung und Überwachung des schwerverletzten oder schwerkranken Patienten beim Transport in ein geeignetes Krankenhaus gegebenenfalls der Abbruch der Hilfsmaßnahmen und/oder die Feststellung des Todes (siehe Todesbescheinigung) die Dokumentation des NotarzteinsatzesVgl. etwa Peter Sefrin, Detlef Blumenberg: Notarzteinsatzprotokoll. In: Notfallmedizin. 7, 1981, S. 244–256.
Der Notarzt wird von speziell ausgebildetem Rettungsdienstpersonal (Notfallsanitäter/Rettungssanitäter, in Deutschland teilweise noch Rettungsassistenten) begleitet und ist diesem Personal gegenüber in medizinischer Hinsicht weisungsbefugt. Notärzte werden jedoch nur bei einem Teil der Notfalleinsätze tätig; in Deutschland bilden die Notarztindikationskataloge die Empfehlung zur Notarztdisposition (siehe unten). Durch Weiterentwicklungen wie die Einführung des Notfallsanitätergesetzes, die Implementierung von Telemedizin sowie eine deutlich erweiterte Ausstattung der Rettungswagen wird dem Rettungsdienst zunehmend eine gestufte Notfallbehandlung ermöglicht, in der Notfallsanitäter als das am höchsten qualifizierte nichtärztliche Rettungsdienstpersonal eigenverantwortlich, d. h. ohne anwesenden Notarzt, auch invasive Maßnahmen am Einsatzort vornehmen dürfen.
Einsatzindikationen Nur bei Vorliegen bestimmter Meldebilder entsendet die Rettungsleitstelle zusätzlich zum Rettungswagen einen Notarzt. Je nach örtlichen und regionalen Begebenheiten und den Rettungsdienstgesetzen der Länder werden hierfür unterschiedliche Indikationskataloge verwendet. Die Bundesärztekammer hat zuletzt 2023 Empfehlungen für einen Indikationskatalog für den Notarzteinsatz herausgegeben, der die folgenden Punkte umfasst:Empfehlungen für einen Indikationskatalog für den Notarzteinsatz – Handreichung für Disponenten in Rettungsleitstellen und Notdienstzentralen (NAIK). Deutsches Ärzteblatt, Jahrgang 120, Heft 48.
ABCDE-Schema Symptom-Abfrage Disponent Beispiele für potenziell vital bedrohliche Störungen Atemweg Atemwege verlegt/verengtauffällige, ungewöhnliche Atemgeräusche Aspirationschwere MittelgesichtsverletzungStrangulationSchwellung im Zungen-/Rachenbereich (z. B. Epiglottitis, schwere Anaphylaxie, Inhalationstrauma), Komplikation bei Tracheostoma Atmung/Beatmung Atemstillstandausgeprägte Atemnotausgeprägte Zyanoseauffällig langsame oder schnelle Atmung (Bradypnoe/Tachypnoe)Atembeschwerden bei Säugling/Kleinkind akuter Asthmaanfall/Status asthmaticusThoraxtraumaLungenödemschwerer Pseudokrupp-Anfall Kreislauf Kreislaufstillstandakuter starker Brustschmerz oder Brustschmerz mit relevanten Begleitsymptomenauffällig langsamer oder schneller Herzschlag (Bradykardie/Tachykardie)Kreislaufinstabilität (auffällig niedriger Blutdruck (Hypotonie))stark erhöhter Blutdruck (Hypertonie) mit relevanten Begleitsymptomen akutes Koronarsyndromhämodynamisch relevante Herzrhythmusstörung (z. B. bei Defibrillator-Auslösungen, Stromunfall)Schockhypertensiver Notfallschwere Blutungen (z. B. gastrointestinal, Polytrauma, spritzende Extremitätenverletzung, Makro-Amputationen (proximal Handgelenk/Sprunggelenk))penetrierende Verletzungen (z. B. Pfählungsverletzung am Körperstamm; scharfe Gewalt gegen Kopf/Hals/Rumpf) Bewusstsein/neurologischer bzw. psychischer Status/neurologisches Defizit Bewusstlosigkeitnicht ansprechbar/nicht erweckbarakute stärkste Kopfschmerzen mit neurologischen Ausfällen oder Nackensteifigkeitlanganhaltende, generalisierte Krampfanfälle/auch Fieberkrämpfeakute Querschnittslähmungakute Psychosedrohender Suizid Apoplex/akute neurologische Ausfälle mit VitalfunktionsstörungStatus epilepticusSchädel-Hirn-Trauma mit Bewusstseinsstörungakute HirnblutungMeningitisIntoxikation Exponierung/besondere Einsatzlagen starker (nicht beherrschbarer) Schmerzunmittelbar beginnende oder stattgehabte Geburtabnorme Körpertemperaturen (Hypothermie/Hyperthermie)schwere thermische Verletzungen (mit größerer Ausdehnung und/oder mit Beteiligung des Gesichts)Verletzungen der Extremitäten mit grober Fehlstellung und/oder neurologischen Ausfällen und/oder Gefäßverletzung/PulslosigkeitUnfall mit vermuteten schweren Verletzungen: Fahrzeuginsasse herausgeschleudert Fahrzeuginsasse eingeklemmt Helmverlust von Zweiradaufsassen Verkehrsteilnehmer mitgeschliffen/überrollt Unfallfahrzeug neben der Fahrbahn und gegnerisches Fahrzeug mit Frontscheibenbruch besondere Einsatzlagen/Unfallmechanismen mit Personenschaden: thermische, chemische (Explosions-)Unfälle Brände/Rauchgasentwicklung Sturz aus ≥ 3 m Höhe Ertrinkungs-/Tauch-/Eiseinbruch-Unfall Einklemmung oder Verschüttung Geisel- oder Amoklage MANV
Ein weiterer Notarztindikationskatalog wurde durch den Deutschen Berufsverband Rettungsdienst e. V. 2024 veröffentlicht.
Alle Indikationskataloge beziehen sich nur auf Frage einer initialen Disposition des Notarztes bei Eingang des Notrufs. Durch die am Einsatzort anwesende Rettungsmannschaft kann jederzeit ein Notarzt nachgefordert werden, wenn sie dies für gerechtfertigt ansieht. Dies kann beispielsweise bei einer Zustandsverschlechterung des Patienten bzw. einer kritischeren Sachlage als zunächst angenommen der Fall sein oder wenn zur Behandlung Maßnahmen notwendig sind, die vom Rettungsfachpersonal nicht beherrscht werden.
Entwicklung mini|Notarztwagen (Bj. 2003) der Berliner Feuerwehr mini|Notarzteinsatzfahrzeug in Graz (Steiermark), Österreich
In der Notfallmedizin wuchs die Erkenntnis, dass bereits vor Ort wichtige medizinische Maßnahmen geleistet werden müssen, um den Patienten für den Transport ins Krankenhaus zu stabilisieren und eine optimale nachfolgende Behandlung zu ermöglichen. In vielen Ländern wurden dafür nicht-ärztliche Helfer mit einer erweiterten Ausbildung qualifiziert, zum Beispiel im Paramedic-System der USA oder Großbritanniens. In Deutschland, Österreich und einigen anderen europäischen Staaten (u. a. Frankreich) wurde dagegen der Ansatz gewählt, Ärzte direkt vor Ort einzusetzen. In der Schweiz existiert beides. So verzichten hier aktuell (2022) die Kantone Aargau, Bern, Glarus, Graubünden, Schaffhausen grundsätzlich auf Notärzte,Einige Kantone verzichten auch künftig auf Notärzte. saldo 16/2022, 8. Oktober 2022. obwohl diese die Patientenversorgung verbessern könnten. Stattdessen werden teilweise Anästhesiepflege-Fachpersonen mit erweiterten Kompetenzen eingesetzt.
In Deutschland wurde im Juni 1957 in Köln erstmals ein Notarztwagen in Dienst gestellt. Zuvor war im gleichen Jahr durch die Universität Heidelberg erstmals ein fahrbarer Operationssaal mit ärztlichem Personal in Dienst gestellt worden. Das erste Notarzteinsatzfahrzeug in Deutschland war seit 7. April 1964 in Heidelberg im Einsatz. Es diente als Vorbild für die bundesweite Erstversorgung.Notarztwagen feiert 50-jähriges Jubiläum. Spiegel OnlineUni-Klinik Heidelberg: Notärztliche Tätigkeit Bis dahin war es üblich, den Patienten einfach aufzunehmen und so schnell wie möglich, aber weitgehend unversorgt, in ein Krankenhaus zu transportieren.