Godnów (deutsch Gnadenberg) ist ein ehemaliges Dorf in der Landgemeinde Bolesławiec (Bunzlau) der Woiwodschaft Niederschlesien in Polen. 1973 wurde Godnów ein Teil des Dorfes Kruszyn.
Lage Godnów liegt vier Kilometer östlich des Stadtzentrums von Bolesławiec (Bunzlau) und einhundert Kilometer westlich von Breslau, an der Grenze der Schlesisch-Lausitzer Tiefebene (Nizina Śląsko-Łużycka) zum Bober-Katzbach-Vorgebirge (Pogórze Kaczawskie) der Westsudeten.
Geschichte mini|links|Der 1781 neu erbaute Gemeinsaal war der Mittelpunkt Gnadenbergs mini|300px|Gnadenberg auf einer aktuellen Landkarte (gelb: ehemaliger Gemeinsaal und Gottesacker; rot: heute unter Denkmalschutz stehende Gebäude der Brüdergemeine; A – Gedenkstein für einen 1813 gefallenen russischen Husaren; B – ehemalige Säule am Massengrab von 1813) mini|links|Glocke Lob Christi von Christian Ludwig Pühler in der Stabkirche Wang mini|links|Denkmalgeschütztes Haus in der Ulica Lipowa 26 mini|links|Am ehemaligen Gottesacker liegen unter dem Gras noch Bruchstücke der Grabsteine
Gnadenberg war, neben Gnadenfrei bei Ober-Peilau, eine der ersten Siedlungen der Herrnhuter Brüdergemeine in Schlesien, die nach dem Ersten Schlesischen Krieg durch Preußen ermöglicht wurden.Marek J. Battek: Ansiedlung der Unitäts-Brüder in Schlesien und ihre Spuren. Typoskript: Technische Universität Breslau, 2012 pdf Die Ortsgründung erfolgte am 6. März 1743, nicht einmal ein Jahr nach dem Frieden von Berlin, auf dem Gut Groß Krauschen des Hans Friedrich von Falkenhayn (1681–1745). Die Gründer waren Nikolaus Ludwig von Zinzendorf und Johann Martin Dober (1703–1748), der Bruder des Johann Leonhard Dober.Dariusz Dworzyński (2017): Kruszyn koło Bolesławca, osadą założoną przez Braci Morawskich z Herrnhut. Instytut Rozwoju Didaskalos 09/05. Es wurden 68 Grundstücke ausgewiesen für den Bau von Häusern für Gemeindezwecke sowie für Einwohner, die aus Herrnhut nach Gnadenberg übersiedelten.
Im Siebenjährigen Krieg wurde auch Gnadenberg nicht verschont. Insbesondere gab es Plünderungen im September 1757 und Ende Juli 1760. Andererseits kam es zu einem Aufschwung durch den Zuzug von Glaubensgeschwistern aus Neusalz an der Oder, nachdem die dortige Kolonie der Herrnhuter nach der Schlacht bei Kunersdorf komplett bis auf die Grundmauern niedergebrannt war und 280 Personen ein neues Zuhause suchen mussten.Birgit A. Schulte: Die schlesischen Niederlassungen der Herrnhuter Brüdergemeine Gnadenberg, Gnadenfeld und Gnadenfrei: Beispiele einer religiös geprägten Siedlungsform im Wandel der Zeit. Degener, Insingen 2008. ISBN 978-3-7686-3502-8. S. 256.
Es entstanden immer mehr Handwerksbetriebe, Werkstätten und Fabriken, u. a. eine Spinnerei und eine Weberei. Eine 1771 gerichtlich veranlasste Betriebszählung ergab je einen Schmied, Radmacher, Maurer, Zimmermann, Tischler, Schuhmacher, Glaser, Beutler, Knopfmacher, Uhrmacher, Buchbinder, Goldschmied, Nadler, Seifensieder, Glockengießer und Chirurgen sowie je zwei Schneider und Bäcker.Birgit A. Schulte: Die schlesischen Niederlassungen der Herrnhuter Brüdergemeine Gnadenberg, Gnadenfeld und Gnadenfrei: Beispiele einer religiös geprägten Siedlungsform im Wandel der Zeit. Degener, Insingen 2008. ISBN 978-3-7686-3502-8. S. 258. Die Glockengießerei Pühler wurde 1788 durch den erfolgreichen Guss einer Glocke für Klix bekannt.Gerhard Simmank (1977): Die Glockengießer Gruhl von Kleinwelka. Eine Studie zur Oberlausitzer Firmen- und Familiengeschichte. Mitteldeutsche Familienkunde Jg. 18, Heft 1 S. 161–172. Bei Johann Thomas Pühler (1737–1812) ging auch der später weltweit bekannt gewordene Kleinwelkaer Glockengießer Friedrich Gruhl in die Lehre. Auch ein Glockengießer aus dem Herrnhuter Viertel von Neuwied ist hier ausgebildet worden. Drei Gnadenberger Glocken von Christian Ludwig Pühler aus dem Jahre 1844 hängen noch heute in der Stabkirche Wang in Karpacz Górny (damals Brückenberg).Erich Gebhardt: Die Kirche Wang im Riesengebirge und ihre Geschichte. 6. vermehrte und veränderte Auflage. Verlag der Agentur des Rauhen Hauses, Hamburg 1924. S. 55–56. Digitalisat Die 1850 für die ehemalige evangelische Grenzkirche in Niederwiesa bei Greiffenberg gegossene Glocke hängt seit 1956 als „Greiffenberger Friedensglocke“ in der Auferstehungskirche Bamberg.Die Greiffenberger Friedensglocke. In: Gemeindebrief Auferstehungskirche Bamberg. Juni–August 2020. S. 12–13. pdf Die Glockengießer-Tradition in Gnadenberg brach allerdings 1860 ab.
Ab 1810 wurde Gnadenberg zunehmend zu einer Schulstadt ausgebaut. Es entstand eine Internatsschule, die auch Angehörigen anderer Glaubensrichtungen offen stand und ab Mitte des 19. Jahrhunderts von mehr als 80 Mädchen besucht wurde. Zunehmend gab es weitere Einrichtungen am Rande der Kolonie, wie zum Beispiel das Zachertsche Mädchenpensionat, das von 1871 bis 1922 betrieben wurde.Birgit A. Schulte: Die schlesischen Niederlassungen der Herrnhuter Brüdergemeine Gnadenberg, Gnadenfeld und Gnadenfrei: Beispiele einer religiös geprägten Siedlungsform im Wandel der Zeit. Degener, Insingen 2008. ISBN 978-3-7686-3502-8. S. 270–271.
mini|links|Gedenkstein für den 1813 gefallenen russischen Husaren Natalotchka, der wohl eine Frau war Wenige Tage vor der Schlacht an der Katzbach kam es am 21. August 1813 bei Gnadenberg zu einem größeren Gefecht mit den Franzosen, bei dem viele russische Soldaten fielen. Sie wurden in einem Massengrab östlich von Gnadenbergheute nördlich der Lipowa kurz vor der Brücke über die Kruszynka bestattet, das durch eine Säule gekennzeichnet war, die heute nicht mehr existiert. Zwei russische Offiziere begrub man auf dem Gottesacker der Brüdergemeine.Artur Schiller: Der tapfere russische Husar Natalotchka von 1813. Die Heimat, Dienstag 28. Januar 1936. S. 3–4. (Digitalisat) Ein Gedenkstein mit Kreuz für den russischen Husaren Natalotchka, möglicherweise eine Frau, kann heute noch besichtigt werden. Er steht unmittelbar am nördlichen Straßenrand der Droga krajowa 94 rund 100 Meter östlich der Einmündung der Kasztanowa.
Zum 1. Dezember 1885 gab es offiziell die folgenden Angaben zu Gnadenberg: Fläche 26 Hektar, davon zwölf Hektar Ackerland, drei Hektar Wiesen und keinen Wald; in den 42 Wohngebäuden gab es 88 Haushaltungen, in denen 453 Einwohner lebten (davon 119 männlich und 334 weiblich). Als Religionszugehörigkeiten wurden 251 sonstige Christen (wohl Angehörige der Brüdergemeine), 195 evangelische, vier katholische Christen (Kirchspiel Bunzlau) sowie drei Juden aufgeführt.Gemeindelexikon für die Provinz Schlesien aufgrund der Materialien der Volkszählung vom 1. Dezember 1885. Band VI im Gemeindelexikon für das Königreich Preußen. Verlag des Königlichen Statistischen Bureau, Berlin 1887. S. 242. Digitalisat Meyers Orts- und Verkehrslexikon vermerkt im Jahre 1912 457 Einwohner.Gnadenberg 1) in Meyers Orts- und Verkehrslexikon des Deutschen Reiches. 5. Auflage. Erich Uetrecht, Leipzig 1912. S. 582. 1939 waren es schon 604 Einwohner in 192 Haushalten.Alphabetisches Verzeichnis der Stadt- und Landgemeinden im Gau Niederschlesien mit den dazugehörigen Ortsteilen, Siedlungen usw. Kurt Gruber Verlag, Dresden 1939. S. 58. pdf
Als Folge des Zweiten Weltkriegs fiel Gnadenberg 1945 mit dem größten Teil Schlesiens an Polen und wurde in Godnów umbenannt. Die deutsche Bevölkerung wurde, soweit sie nicht schon vorher geflohen war, weitgehend vertrieben. Die neu angesiedelten Bewohner waren teilweise Zwangsausgesiedelte aus Ostpolen, das an die Sowjetunion gefallen war. Der Gemeinsaal und viele andere Gebäude wurden nach Kriegsschäden abgetragen. Es blieben nur einige typische Häuser der Brüdergemeine im „Herrnhuter Barock“ erhalten, wurden jedoch teilweise stark umgebaut; nur wenige stehen unter Denkmalschutz. Der Gottesacker ist teilweise noch an den Baumreihen erkennbar. Einige wenige Grabsteintrümmer lassen sich ebenfalls finden. Viele der Steine fanden jedoch Verwendung als Pflastersteine in den Bauernhöfen von Kruszyn. 1979 wurde neben dem ehemaligen Gottesacker die katholische Pfarrei und Kirche St. Johannes der Täufer errichtet.Historia auf kruszyn.com (abgerufen am 30. Dezember 2022)
Nach der Aufteilung der Woiwodschaft Breslau 1975 gehörte das Dorf Kruszyn mit Godnów zur Woiwodschaft Jelenia Góra. Seit der Gebietsreform 1998 ist es Bestandteil Niederschlesiens.
Verkehr Der Ort liegt unmittelbar südlich der Landesstraße 94. Gnadenberg hatte einen eigenen Bahnhof an der 25 km langen Strecke der Bunzlauer Kleinbahn von Bunzlau nach Neudorf am Gröditzberge im Landkreis Goldberg, die 1906 eröffnet wurde. Der Personenverkehr wurde im Jahre 1976 eingestellt und die Strecke 2006 ganz geschlossen.323 Nowa Wieś Grodziska - Bolesławiec Wschód im Atlas Kolejowy (abgerufen am 29. Dezember 2022)
Söhne und Töchter von Gnadenberg bis 1945 Christian Ludwig Pühler (1789–1860), Glockengießer Heinrich August Zwick (1796–1855), deutscher Missionar der Herrnhuter Brüdergemeine Leopold Martin (1815–1885), Naturforscher, Ornithologe und Tierpräparator
Häuser der Brüdergemeine In einer älteren Denkmalliste fanden sich insgesamt sieben denkmalgeschützte Häuser. Drei in der unten stehenden Tabelle nicht aufgeführte Häuser, Rynek 1, 6 und 20 trugen jeweils die Bemerkung: „18. Jahrhundert, im 19. und 20. Jahrhundert umgebaut“. Zwei der drei sind im Geoportal des Narodowy Instytut Dziedzictwa als nicht mehr existent vermerkt (Nummern 103528/1301 und 103530/1302). Ein weiteres (Nummer 103532/1303) ist nicht zugeordnet (Stand 2022).Geoportal des Narodowy Instytut Dziedzictwa (abgerufen am 31. Dezember 2022) In der Liste steht unter NID-ID zuerst die Inspire-ID und in der zweiten Zeile die alte Nummer.
Literatur Margrit Keßler-Lehmann: Gnadenberg – eine Herrnhuter Brüdergemeine in Schlesien 1743–1947. Beiheft der Unitas Fratrum Nr. 7, 2. Auflage. Herrnhuter Verlag, Herrnhut 2021. ISBN 978-3-931956-11-0
Weblinks
kruszyn.com Website der katholischen Kirche von Kruszyn
Einzelnachweise
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