Niloufar Bayani (; * 1986 in Teheran) ist eine iranische Biologin und Umweltschützerin, die ab 2017 die Bestände des stark bedrohten Asiatischen Geparden im Iran erforschte. Revolutionsgardisten verhafteten sie und acht ihrer Kollegen Anfang 2018 unter dem Vorwurf der Spionage. Die Teheraner Staatsanwaltschaft beschuldigte sie ab November 2018 des „Säens der Korruption auf Erden“. Knapp ein Jahr später wurde die Anklage ein weiteres Mal geändert. Ihr wurde nun „Kollaboration mit den feindlichen Staaten USA und Israel“ vorgeworfen. Eine Kammer des Islamischen Revolutionsgerichts verurteilte sie im November 2019 zu einer Haftstrafe von zehn Jahren. Nach internationalem Druck wurde Bayani im April 2024 begnadigt und freigelassen.
2022 wurde Bayani auf die BBC-Liste der 100 einflussreichsten Frauen des Jahres aufgenommen.
Leben Familie und Ausbildung Niloufar Bayani stammt aus einer bekannten Familie im Iran. Ihr Urgroßvater Reza Gholi Khan war Gouverneur in kadscharischer Zeit; ihr Großvater, der Ingenieur und Universitätsprofessor Ali Gholi Bayani (1913–2009), gilt als „Vater der iranischen Hydrologie“.The protest of one of the environmental prisoners in a closed court against torture to obtain forced confessions, Kayhan London, 3. Februar 2019.
Nach ihrem Schulabschluss begann Niloufar Bayani ein Studium der Biologie an der McGill University in Montreal, das sie 2009 mit dem Grad einer Baccalaurea abschloss.Six Scientists Researching Cheetahs in Iran Accused of Being American Spies, Sentenced to Up to a Decade in Prison, Newsweek, 21. November 2019. Anschließend studierte sie bis zu ihrem Master-Examen im Jahr 2012 Naturschutzbiologie an der Columbia University in New York, an der sie zeitweise auch unterrichtete. In ihrer Masterarbeit untersuchte sie Küstenökosysteme am Beispiel der Wechselbeziehungen von Korallen und Algen in Belize.About Niloufar Bayani, Berg Students for SAR (abgerufen am 1. Januar 2023).Environmental Activist Imprisoned in Iran Alleges Torture for Forced Confessions, U.S. Foundation for Liberty and Human Rights, 7. Februar 2019.
Beraterin bei den Vereinten Nationen 2012 begann sie, für das Umweltprogramm der Vereinten Nationen in Genf zu arbeiten.Iranische Umweltschützerin zu zehn Jahren Gefängnis verurteilt, Internationale Gesellschaft für Menschenrechte (abgerufen am 1. Januar 2023). Hier setzte sie sich für die Unterstützung von Gemeinschaften ein, die unter den Umweltfolgen von Krisen und Katastrophen leiden. Ihre Tätigkeit brachte sie in verschiedene Regionen der Erde, so nach Afghanistan, Sri Lanka und in die Elfenbeinküste. In Haiti war sie bei der Erholung von Ökosystemen nach dem verheerenden Wirbelsturm Mathieu behilflich. Im Westen der Demokratischen Republik Kongo setzte sie sich dafür ein, das Risiko von Überschwemmungen und Erosionen im Lukaya-Flussbecken zu verringern. In ihrer Forschung beschäftigte sie sich außerdem mit der Ökologie des Persischen Golfes.UN Environment Programme statement on the sentencing of environmentalists in Iran, UN Environment Programme, 19. Februar 2020.
Konflikt mit dem iranischen Staat Verhaftung Im Juni 2017 kehrte Niloufar Bayani in den Iran zurück und schloss sich der Persian Wildlife Heritage Foundation (PWHF) an, einer Nichtregierungsorganisation auf dem Gebiet des Naturschutzes, die 2008 in Teheran gegründet worden war. Bayani wurde die Leitung eines PWHF-Projektes anvertraut, das sich die Rettung des von Ausrottung bedrohten Asiatischen Geparden (Acinonyx jubatus venaticus) zum Ziel gesetzt hat. Um die Bestände der Art in sieben iranischen Provinzen zu dokumentieren, stellten sie und ihre Kollegen Kamerafallen auf. Am 24. Januar 2018 wurde Bayani von Angehörigen der Iranischen Revolutionsgarde festgenommen. Am selben Tag, einen Tag darauf und am 25. Februar 2018 wurden sieben weitere Personen verhaftet. Es handelte sich dabei um den PWHF-Direktor Kavous Seyed-Emami sowie die Forscher und Umweltschützer Sepideh Kashani, Houman Jowkar, Taher Ghadirian, Amir Hossein Khaleghi, Abdolreza Kouhpayeh und Sam Radjabi, die alle in die Abteilung 2-A des Teheraner Evin-Gefängnisses überstellt wurden.Umweltschützer_innen droht Todesurteil, Amnesty International (abgerufen am 1. Januar 2023). Kurz zuvor war auch schon der Gründer der Persian Wildlife Heritage Foundation, Morad Tahbaz, verhaftet und nach Evin verbracht worden. Alle Forscher wurden beschuldigt, „Spionage von Militäranlagen unter dem Deckmantel des Umweltschutzes“ betrieben zu haben.Jailed researchers trying to protect threatened cheetahs in Iran await verdict, National Geographic, 15. März 2019.
Renommierte Fotografen wie Frans Lanting wiesen darauf hin, dass man mithilfe von Kamerafallen nur Bilder mit geringer Auflösung von vorbeiziehenden Tieren aufnehmen kann, diese Fotografien aber nicht zu militärischen oder anderen Zwecken genutzt werden können. Der im Iran orts- und sprachkundige Ökologe David Laylin erklärte, dass in den Gebieten, in denen die PWHF-Forscher arbeiteten, keine militärischen Anlagen existieren. Er erachtete die Vorwürfe als konstruiert.Why Iranian conservationists are facing ‘ludicrous' spying charges, Science, 4. März 2019. Im Mai 2018 kam auch ein hochrangiger iranischer Regierungsausschuss zu dem Schluss, dass es keine überzeugenden Beweise für eine Spionagetätigkeit gebe. Dennoch wurden die Forscher nicht auf freien Fuß gesetzt.
Amnesty International berichtete darüber, dass 2018, im Jahr der Festnahme Bayanis, „mindestens 63“ Umweltaktivisten und Forscher festgenommen wurden. Die Menschenrechtsorganisation sah darin einen Versuch des iranischen Staates, die zunehmend offen artikulierte Kritik von Menschenrechtsaktivisten und Umweltschützern an Fehlentwicklungen und Versäumnissen im Land einzudämmen.Iran’s ‘year of shame’: More than 7,000 arrested in chilling crackdown on dissent during 2018, Amnesty International, 24. Januar 2019. Eine weitere Ursache für die Verhaftung der Forscher der Persian Wildlife Heritage Foundation erblickten Beobachter darin, dass die PWHF mehrfach technische Unterstützung von der gemeinnützigen Panthera Corporation erhielt, einer Organisation, die mit dem Ziel gegründet wurde, Großkatzen zu erforschen und zu schützen. Der Co-Gründer von Panthera, der US-amerikanische Investor und Philanthrop Thomas S. Kaplan, hatte sich in einem anderen Zusammenhang kritisch und abwertend über den Iran geäußert. Obwohl die PWHF-Forscher diese Kritik explizit zurückwiesen, gilt seit dem Zeitpunkt ihrer Äußerung das Verhältnis zwischen den iranischen Behörden und der PWHF als belastet. Generell lösten die Kontakte in den Westen, über die mehrere der Forscher verfügten, bei den Revolutionsgarden und Teilen der iranischen Politik Misstrauen aus.
Zwei Wochen nach ihrer Inhaftierung kam einer der Kollegen von Niloufar Bayani, der PWHF-Direktor Kavous Seyed-Emami, unter mysteriösen Umständen im Evin-Gefängnis ums Leben. Die Polizei teilte der Familie des Forschers mit, dass er in seiner Zelle Suizid begangen habe. Ein Sohn Seyed-Emamis wie auch Akademikerverbände zogen diese Erklärung öffentlich in Zweifel. Die Behörden ließen eine unabhängige Untersuchung des Falles nicht zu. Der kanadischen Ehefrau von Seyed-Emani wurde untersagt, den Iran zu verlassen, wogegen sie erfolgreich klagte.Kavous Seyed-Emami: Iran environmentalist’s death was suicide, Iran says, BBC, 11. Februar 2018.
Anklage, Folter, Prozess Nach ihrer Festnahme wurde Niloufar Bayani, wie auch ihre Kollegen, über einen längeren Zeitraum in Isolationshaft gehalten. Der Zugang zu ihrem Rechtsbeistand wurde ihr verwehrt; Kontakte zu ihrer Familie beschränkten sich anfangs auf gelegentliche Telefonate. Spätere kurze Besuche von Angehörigen konnten nur unter Aufsicht der Staatsanwaltschaft im Gefängnis stattfinden.
Im November 2018 gab ein Sprecher der iranischen Justiz bekannt, dass die Anklage gegen Bayani von „Spionage“ zu „Säen der Korruption auf Erden“ (efsad f’il arz) geändert wurde, worauf im Iran die Todesstrafe steht. Auch die Mitgefangenen Ghadirian, Jowkar und Tahbaz wurden mit diesem Anklagepunkt konfrontiert. Gegen drei Umweltschützer wurde der Spionagevorwurf aufrechterhalten; einem Angeklagten wurde „Kooperation mit feindlichen Staaten“ zur Last gelegt. Kurz darauf sandten mehr als 370 Naturschützer und Wissenschaftler aus 73 Ländern einen „Letter of Concern“ (Brief der Besorgnis) an Ali Chamenei, den geistlichen Führer der Islamischen Republik Iran. In dem Brief heißt es: „Uns entsetzt der Gedanke, dass der neutrale Bereich des Naturschutzes jemals zur Verfolgung politischer Ziele genutzt werden könnte. Wir als Gemeinschaft verurteilen das aufs Schärfste, und wir sind überzeugt, dass unsere Kollegen keinerlei Anteil daran hatten.“ „We are horrified about the thought that the neutral field of conservation could ever be used to pursue political objectives. We as a community strongly condemn that, and we are convinced our colleagues had no such part.“ Letter of Concern from the International Community of Conservationists and Scholars, anyhopefornature.net, 21. November 2018. Den Brief unterzeichneten Persönlichkeiten wie die Verhaltensforscherin Jane Goodall, der Dokumentarfilmer Iain Douglas-Hamilton, Gründer von Save the Elephants, und Marco Lambertini, der Generaldirektor des World Wide Fund For Nature (WWF).
Anfang 2019 wandte sich Niloufar Bayani mit mehreren Briefen an das damalige Oberhaupt der Justiz im Iran, Sadegh Laridschani, an Ali Chamenei und andere Autoritäten. Sie klagte darin über „neun bis zwölf Stunden Verhöre pro Tag und Nacht“. Insgesamt sei sie 1200 Stunden verhört worden. Sie schrieb außerdem: „Ich wurde mit verbundenen Augen verhört, während ich stand [...] mir wurde die Verhaftung und Folter meiner 70-jährigen Mutter und meines Vaters angedroht [...] mir wurde körperliche Folter angedroht, indem man mir Bilder von Foltergeräten zeigte.“ Ein Vernehmungsbeamter habe sie gefragt, ob sie lieber 70-mal in zwei Tagen oder 50-mal an einem einzigen Tag ausgepeitscht werden wolle.1200 Hours of Torture, Sexual Threats and Forced Confessions, IranWire, 2. März 2020. Sexuelle Belästigungen seien an der Tagesordnung gewesen.“Torture” and “Sexual Threats” Detailed in Letters by Jailed Former UN Environment Consultant, Center for Human Rights in Iran, 20. Februar 2020.
Der nicht-öffentliche Prozess gegen Bayani und ihre Kollegen begann am 30. Januar 2019 vor der 15. Kammer des Islamischen Revolutionsgerichts in Teheran unter Vorsitz des Richters Abolqasem Salavati. Nach Angaben von Amnesty International unterbrach Niloufar Bayani mehrfach die Verlesung der Anklageschrift und sagte aus, dass sie im Vorfeld des Prozesses ein „Geständnis“ unterschrieben habe, nachdem sie durch körperliche und psychische Folter „gebrochen“ worden sei, sie dieses „Geständnis“ später aber widerrufen habe. Sie führte aus, dass Beamte während der Verhöre damit gedroht hätten, ihr halluzinogene Drogen zu spritzen und ihr die Fingernägel herauszureißen. Man habe ihr ein Papier vorgelegt und behauptet, dass dies ihr Todesurteil sei. Auch seien ihr Fotos des Leichnams von Kavous Seyed-Emami gezeigt worden, mit dem Hinweis, ihr könne ein ähnliches Schicksal widerfahren. Nach diesen Aussagen wurde Bayani vom Vorsitzenden Richter des Saales verwiesen, da sie die Verhandlung störe. Während der nächsten Prozesstage durfte sie den Gerichtssaal nicht mehr betreten.Iran: Release eight wildlife conservationists following unfair trial on trumped-up spying charges, Amnesty International, 5. März 2019.Eight Conservationists Tried in Iran on Basis of Retracted False “Confessions”, Center for Human Rights in Iran, 30. Januar 2019. Die Teheraner Staatsanwaltschaft widersprach später den Vorwürfen Bayanis und verwies darauf, dass alle Verhöre mit Videoaufzeichnungen dokumentiert seien.دادستانی تهران: بحث شکنجه نیلوفر بیانی عملیات رسانهای است, Deutsche Welle, 20. Februar 2020.