Graham Alfred Nuthall (* 28. April 1935; † 2004) war ein neuseeländischer Professor und empirischer Lernforscher. Er gilt als Gestalter einiger der elaboriertesten und längsten qualitativen Studien über die Beziehung von Lehren und Lernen in Klassenzimmern. Die eigene Reise durch diese 40-jährige Geschichte legt er verschiedentlich, zuletzt im 2007 posthum erschienenen Werk „The hidden lives of Learners“, dar. Seine Theorien bezüglich der Lehre werden dem Sozialkonstruktivismus zugeordnet.Jere Brophy im Aufsatz "Graham Nuthall and social constructivist teaching: Research-based cautions and qualifications" (Abstract), abgerufen am 30.12.22
Biografie Nuthall wurde am 28. April 1935 in Christchurch geboren. Bereits als Student startete er 1960 seine ersten Untersuchungen darüber, wie Unterricht und Lernen zusammenhängen.Blogbeitrag Tishauser 2019, abgerufen am 3. August 2022 Er hat in 1962 ein Masterstudium an der University of Canterbury abgeschlossen. Mit 37 Jahren wurde er Professor für Pädagogik und Lehrforschung an der Universität von Canterbury in Neuseeland. 2003 bekam er den neuseeländischen Orden für seine Verdienste im Bereich der BildungWebseite Nuthall Trust, aufgerufen am 3. August 2022, kurz darauf, 2004, starb er.Blogbeitrag Sudbury Beach School 2016, abgerufen am 3. August 2022 Er hinterließ einen umfangreichen wissenschaftlichen Korpus über das Lehren und Lernen an Schulen, gestützt auf sehr detaillierte Langzeitstudien und elaborierte Experimente. Seine empirischen Erkenntnisse zählen zu den sozialkonstruktivistischen Theorien von Lehre und vor allem des Lernens von Schülern und Studentinnen. Um empirisch herauszufinden, was wirklich in Bezug auf das Lernen in den Klassenzimmern passiert, nutzte er die jeweils aktuellen Technologien.
„Nuthall wired classrooms for sound, installed video cameras, sat in on lessons and interviewed hundreds of students and teachers.“Blogbeitrag Sudbury Beach School 2016
Die wesentliche Erkenntnis seinerseits war, dass es weder logisch, noch kausal einen direkten Zusammenhang zwischen Lehre (Didaktik, Methoden) und Lernen (Mathetik) gibtDas wird auch durch Klaus Holzkamps Lernbegriff gestützt. Siehe hierzu Holzkamp, Klaus (1996). Wider den Lehr-Lern-Kurzschluß. In: Rolf Arnold (Hrsg.): Lebendiges Lernen. Hohengehren: Schneider-Verlag, S. 29–38. und Lernen einen unsichtbaren Prozess darstellt.Vgl. hierzu auch Malte Brinkmann, der Lernen als "Entzugsphänomen" bezeichnet. Brinkmann, Malte (2020): Preprint von "Lernen. Pädagogischer Grundbegriff", abgerufen am 4. August 2022. Sein Anliegen war, die einem Unterricht zugrundeliegenden Muster im Sinne eines erfolgreichen Lernprozesses handhaben zu können und Lehrende darin auszubilden. Er wählte den Weg des Lernens, da seine eigenen Studien zu einer guten Lehre bis dahin nicht reproduzierbar in ihren Ergebnissen waren."He failed to find reliable evidence-backed teaching methods and his published research came under professional attack." Ihm zu Ehren, und vor allem, um seine wissenschaftlichen Erkenntnisse fortzusetzen, wurden an der Universität von Canterbury die „Graham annual lectures“ eingerichtet,The Graham Nuthall Classroom Research Trust, abgerufen am 4. August 2022 die mit einem entsprechenden Preis für die Personen ausgezeichnet sind und vom „Graham Nuthall Trust“ vergeben werden.Website Nuthall Trust, abgerufen am 4. August 2022
Von der Didaktik zur Mathetik Den Weg seiner Forschung beschreibt er sehr ausführlich im Aufsatz „The Cultural Myths and the Realities of Teaching and Learning“. Zu wissen, wie sich seine Empirie entwickelt hat, ist für ihn deshalb elementar, um zu verstehen, wie er zu seinen Schlussfolgerungen und seiner Vision kommt.“My vision is that we will be able to produce a deep understanding of how pupils experience classroom activities and how their minds are shaped by those experiences. This deep understanding will provide teachers with the basis on which they can plan effective learning activities that will match the needs and interests of their pupils. It will provide them with the understanding they need to monitor, on a moment-by-moment basis, what their pupils are learning or not learning, understanding or misunderstanding.” Auf der Seite des Classroom Research Trust der Universität von Canterbury
Lehre als kulturelles Ritual mini|Die Reise zum Lernen beginnt für Graham Nuthall mit der empirischen Untersuchung dessen, was in Klassenräumen als Lehre geschieht. „I have become deeply suspicious [...] of research on different methods of teaching“ (2007, S. 14). Die Reise beginnt 1968 mit einem Kassettenrecorder.Die nun folgende Darstellung folgt dem Aufsatz aus dem Jahr 2002 mit dem Titel "The Cultural Myths and the Realities of Teaching and Learning", der öffentlich zum Download zur Verfügung steht. Siehe hierzu die Bibliografie. Zu dieser Zeit arbeitete Nuthall an seiner Masterarbeit. Er überzeugte erfahrene Lehrkräfte davon, die Schülerinnen und Schüler aufnehmen zu dürfen und diese Aufnahmen auswerten zu können. Dabei entdeckte er, wie andere Forscher auch, vorhersagbare Regeln und Strukturen der sozialen Interaktion zwischen den Lehrkräften und den Schülerinnen als kulturelle Rituale.“Although we did not think this way at the time, we had, in fact, discovered that teaching was a kind of cultural ritual” (2002, S. 7). Daran schloss sich der Frage an, welchen Einfluss die Erfahrung von Lehrer auf das Lernen der Schüler hat. Das endete mehr oder weniger immer mit der gleichen Erkenntnis: der Effekt auf das Lernen war gering, unabhängig davon, ob es sich um Anfänger oder äußerst erfahrene Lehrerinnen handelte."The underlying patterns of teaching appeared to be independent of training and experience" (2002, S. 8).
Zwei experimentelle Richtungen Ab 1974 wurde zwei verschiedene Wege experimenteller Studien eingeschlagen. In der ersten Richtung wurden experimentelle Designs entwickelt, um die Effekte von Lehre auf das Lernen der (Lehramts-)Studierenden zu messen. Der zweite Strang wertete systematisch die bisher vorliegenden Studien dazu aus. Aufgrund des sehr präzisen und sorgfältigen Vorgehens stellte sich sehr schnell heraus, wie komplex das Unterrichtsgeschehen und wie schwierig eine Messung von Effekten, insbesondere der realen Interaktionen im Unterricht, tatsächlich ist. Um nicht eine endlose Liste von Variablen zu haben, stellte sich sofort folgende Frage: „What ist it that teachers need to make their teaching more effective?“ (2002, S. 9).Vor genau demselben Problem steht der Landsmann von Graham Nuthall, John Hattie, denn (fast) alle seine Variablen, die er in den Metastudien von "Visible Learning" zusammenfasst, haben positive Feldeffekte. "Selbst wenn als Kriterium der Wirksamkeit eine Effektstärke von d≥ .40 gesetzt wird (wie dies Hattie tut), bleiben immer noch 66 Determinanten der Schülerleistung, deren bloße Aufzählung keine verbindliche Aussage über guten Unterricht zulässt." Siehe Walter Herzog (2014): "Weshalb uns Hattie eine Geschichte erzählt – Oder: Ein missglückter Versuch, den Erkenntnisstand der quantitativen Unterrichtsforschung zur Synthese zu bringen". Die systematische Auswertung bereits vorliegende Studienuntersuchungen förderte die Erkenntnis zutage, dass es einerseits an systematischen Wiederholungen fehlte,"But the statistical tests that we assume replicability. They do not prove it or even establish its probability" (2002, S. 9, Kursiv im Original). andererseits die Ergebnisse vielfach nicht reproduzierbar waren. Wie sich herausstellte, waren bereits die Originaldaten oft inkonsistent.Der am Ende entstandene Aufsatz "detailed the inconsistencies in the data in the different studies" (2002, S. 10). Damit waren die Forschungen bezüglich der richtigen Methode(n) des Lehrens erst einmal in eine Sackgasse geraten.
Das Lernen von Studierenden Weiter voran ging es mit den Studien ab 1984 durch die akribische Untersuchung mit Adrienne Alton-Lee dessen, wiederum gestützt auf Techniken, was er Konzepte nennt.Nuthall & Alton-Lee 1993 Damit sind verschiedene Arten des Wissens, des Verstehens und von Fähigkeiten gemeint, die in den verschiedenen Fächern notwendig sind.
„The first thing that became apparent from this very detailed data on the experiences of individual students was how little little teachers know abot whats going on in their classrooms“.2002, S. 11.
Das Ergebnis war, dass die Studierenden (des Lehramts) in einer eigenen Welt leben und mehr darauf hören, wie ihre Peers das Thema beurteilen. Vor allem aber wurde offensichtlich, dass der Lernprozess sehr individuell verläuft. Demgegenüber müssen Lehrende den Raum und die Gruppe insgesamt im Blick haben, darauf zahlen die kulturellen Rituale ein. Umgekehrt ist es nur für ganz kurze Perioden möglich, sich persönlich um die individuellen Lernfortschritte zu kümmern."They get upset and anxious in they notice that the teacher is keeping more than a passing eye on them" (2002, S. 12). In den Studien ab 1990 ging es nun darum zu erforschen, was Studierende lernen und was sie eher nicht lernen. Dabei spielt(e) die Erfahrung die zentrale Rolle. Genauer: Wie es den Lernenden gelingt, den Lernstoff sinnvoll in ihren Erfahrungskontext zu integrieren."It is less important what the student is doing, or what resources the studen is using, or what are any of the other contextual aspects of the experience. What matters is the sense the student is making of the experience." (2002, S. 13, Hervorhebung nicht im Original). Damit war die Erfahrung direkt mit dem Lernen verknüpfbar. Es blieb die Suche nach der Verbindung vom Lernen zum Lehren.Nuthall beschreibt hier seine "relativ simple" Entdeckung, dass die Lernenden, um ein Konzept zu verstehen, es mindestens unter drei verschiedenen Aspekten und jeweils vollständig erkunden können müssen. Dann gibt es eine hohe Wahrscheinlichkeit (> 80 %) dafür, dass das Konzept wirklich gelernt worden ist. Eine andere Beobachtung war die, wie Studierende mit Tests umgingen. Da ihr Wissen ähnlich kohärent und logisch strukturiert ist, wie das der Prüfenden, hängt es vor allem von der Beziehung zueinander ab und nicht davon, „what the student knows or can do“.2002, S. 15.
Mythen des Lernens mini|Für Graham Nuthall sind Tests und Prüfungen einer der größten Mythen im Klassenraum dergestalt, als sie nichts über das tatsächlich Gelernte oder gar den Lernprozess verraten. „Although nobody knows how these numbers or marks relate to what students actually know or can do, they are used as the primary evidence that we are concerned about student learning“ (2002, S. 23). Beginnend mit 1995 ging es nun, mit Anleihen an Jean Piaget und Lew Wygotski, konsequent um die Frage, welchen Einfluss das Können auf das Lernen hat, weil der Lernprozess innerhalb der Spezies Mensch im Prinzip gleich abläuft. Unterschiede in den Lernfähigkeiten erschienen in seinen Studien nun als Ergebnis dessen, was in den Klassenzimmern passiert, und nicht etwa andersherum."So those students whose backgrounds provides them with the cultural knowledge and skills to use the classroom and its activities for their own purposes, learn more than those who dutifully do what they are told but do not want, or know how, to create their own opportunities" (2002, S. 17). Eine besondere Bedeutung bekamen dabei wieder die sozialen Rituale der Lehre als „Klassenraummanagement“. Eine Veränderung des Lernens durch die Lehraktivitäten erforderte erneut eine detaillierte Analyse, denn die herkömmliche Herangehensweise an Praxis von Lehre – und ihrer Beobachtung – dreht sich gerade nicht um das Lernen.An dieser Stelle gibt es den direkten Link zu dem, was Klaus Holzkamp als Lehr-Lern-Kurzschluss bezeichnet. Ein erfahrener Lehrer einer großen Highschool erwähnte gegenüber Nuthall: "I realized I had not really consciously thought about what effective teaching is [...] I had made the assumption that because I was teaching the children were learning" (2002, S. 19).