Die Pfalzgrafschaft bei Rhein oder Kurpfalz (früher auch Churpfalz geschrieben; auch Pfalz, kurfürstliche Pfalz, Kurfürstentum Pfalz, kurfürstliche Pfalzgrafschaft bei Rhein oder kurfürstlich rheinische Pfalzgrafschaft) war ein Kurfürstentum des Heiligen Römischen Reichs, das aus der Pfalzgrafschaft Lothringen hervorging und sich seit 1214 im Besitz der Wittelsbacher befand. Kurfürst Karl Theodor (Kurfürst von 1742 bis 1799) trat nach dem Aussterben der bayerischen Wittelsbacher im Jahr 1777 das Erbe als Herzog und Kurfürst von Bayern an. Damit entstand ein wittelsbachischer Gesamtstaat Kurpfalz-Bayern.
Geographie Die Kurpfalz lag an Ober- und Mittelrhein, zwischen Mosel und Kraichgau, mit dem Kerngebiet am unteren Neckar und den Hauptstädten Heidelberg und ab 1720 Mannheim. Das kurpfälzische Staatsgebiet war nicht zusammenhängend, sondern ein für die damalige Zeit typischer „Flickenteppich“ mit Exklaven, Enklaven und Kondominien. Bei der Vereinigung mit Bayern zu Kurpfalz-Bayern 1777 umfasste das Gebiet 8200 Quadratkilometer.
Ehemals kurpfälzische Gebiete liegen heute in den deutschen Ländern Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz, Hessen, Bayern (Obere Pfalz = Oberpfalz, Pfalz-Neuburg), Saarland sowie in den heute zu Frankreich gehörenden Départements Bas-Rhin und Moselle.
Bedeutung Die Kurpfalz zählte zu den bedeutendsten weltlichen Territorien des Alten Reichs. Im konfessionellen Zeitalter stieg sie zu einer der aktivsten und führenden protestantischen Mächte im Reich auf. Kurfürst Friedrich V. erlangte als der „Winterkönig“ sogar kurzzeitig die böhmische Königskrone. Sein gescheitertes „böhmisches Abenteuer“ löste den Dreißigjährigen Krieg aus, was auch den Wendepunkt der Geschichte der Kurpfalz markierte. Sie geriet für Jahrzehnte unter fremde Herrschaft und wurde als häufiger Kriegsschauplatz immer wieder geplündert und entvölkert. Die angestammte Herrschaft der Pfälzer Wittelsbacher wurde zwar im Westfälischen Frieden 1648 wiederhergestellt, das Territorium konnte aber an seine frühere Bedeutung nie mehr anknüpfen.
Geschichtlicher Überblick und die Begriffe Pfalz und Kurpfalz Siehe auch: Liste der Herrscher der Kurpfalz (mit Darstellung der Frühzeit der Pfalzgrafschaft bei Rhein)
Dieser Abschnitt gibt einen Überblick über die Geschichte der (Kur-)Pfalz bis 1777 und einen Ausblick auf das weitere politische Schicksal der pfälzischen Gebiete ab 1777. Zudem werden davon nicht abtrennbare Hinweise auf die Bezeichnungen Pfalz und Kurpfalz gegeben, die jeweils vor und nach 1777, 1803 und 1816 eine ganz unterschiedliche Bedeutung haben.
Von einer Verbindung des Pfalzgrafenamts mit der Kurwürde kann frühestens ab 1198 ausgegangen werden.Benjamin Müsegades: Kurpfalz: Politische Geschichte. In: Historisches Lexikon Bayerns 1214 fiel die Pfalz von den Welfen an die Wittelsbacher (die bereits 1180 das Herzogtum Baiern – ebenfalls zuvor welfisch – erhalten hatten). Die Wittelsbacher hatten damals kurzzeitig weitere größere Territorien inne, beispielsweise Holland, Zeeland, den Hennegau und Brandenburg. 1255 wurden die wittelsbachischen Gebiete geteilt; seit 1329 entwickelten sich aus dieser Teilung die Linien der pfälzischen und seit 1340 die der bairischen Wittelsbacher. Residenzstadt der Pfalz war Heidelberg (1386 Gründung der Universität Heidelberg), ab 1720 Mannheim. Seit Bestehen des Kurkollegiums (etwa Mitte des 13. Jahrhunderts) war die Pfalzgrafschaft (mit einer Unterbrechung von 1623 bis 1648) auch Kurfürstentum – der jeweilige Pfalzgraf hatte also das Recht zur Teilnahme an der Wahl des römisch-deutschen Königs. Das Eintreten der rheinischen Pfalzgrafen für den Luxemburger Karl IV. führte zur Festschreibung der pfälzischen Kurwürde und der Unteilbarkeit des Kernlandes, das von da an als Kurpfalz bezeichnet wurde.Kurze Geschichte der Kurpfalz (Zentrale für Unterrichtsmedien im Internet e. V.) Die Zugehörigkeit zum Wahlgremium wurde 1356 durch die von Kaiser Karl IV. erlassene Goldene Bulle festgelegt.
Gemäß dem Hausvertrag von Pavia 1329 sollte die Kurwürde zwischen Bayern und der Kurpfalz zwar alternieren; faktisch wurde sie jedoch mit der Goldenen Bulle 1356 der Kurpfalz zugesprochen.
Seit der großen Teilung der Pfalz im Jahr 1410 bestand ein unübersichtlicher Herrschaftsverbund mit mehreren pfälzischen Nebenlinien und -territorien (beispielsweise Pfalz-Simmern, Pfalz-Zweibrücken, Pfalz-Veldenz, Pfalz-Neuburg, Pfalz-Sulzbach und Pfalz-Zweibrücken-Birkenfeld). Diese spielten für die politische Geschichte jedoch eine wichtige Rolle, da sie beim Aussterben pfälzischer oder wittelsbachischer Hauptlinien das Erbe antreten konnten. Zur Unterscheidung von diesen sonstigen pfälzischen Staaten erhielt das Kernterritorium, an das die Kurwürde gebunden war, den Zusatz Kur- und wurde daher zunehmend auch als Kurpfalz bezeichnet. Die Kurpfalz war Teil des Kurrheinischen Kreises. Die anderen pfälzischen Staaten hingegen waren Teil des Oberrheinischen Kreises, mit Ausnahme Pfalz-Neuburgs, das Mitglied des Bairischen Kreises war.
1685 erbte die Linie Pfalz-Neuburg die Kurpfalz. Diese Linie herrschte bereits seit 1614 über die Herzogtümer Jülich und Berg am Niederrhein mit der Hauptstadt Düsseldorf, die nun in Personalunion durch den Pfälzer Kurfürsten regiert wurden. 1777 starben die bairischen Wittelsbacher aus, und die Pfalz wurde mit Baiern zum neuen Staat Pfalz-Baiern vereinigt. Im Hinblick auf die Teilungen 1255, 1329 und 1340 kann man auch von einer Wiedervereinigung sprechen. Mit der Vereinigung von 1777 endet die Geschichte der eigenständigen Pfalz, die im vorliegenden Artikel behandelt wird.
1778 wurde die Residenz Pfalz-Baierns von Mannheim nach München verlegt, womit die bisherige Kurpfalz zu einem Nebenland wurde. Der 1785 geplante Tausch (Baiern an Österreich, die Österreichischen Niederlande an die Pfalz) kam nicht zustande – er hätte die alte Pfalz möglicherweise wieder zum Zentrum eines neuen pfälzischen Staates gemacht. Nach dem erneuten Aussterben einer Hauptlinie wurden 1799 erstmals seit 1410 wieder alle ehemals pfälzischen Territorien vereinigt.
Unmittelbar darauf erschütterten die Auswirkungen der Französischen Revolution die mitteleuropäische Staatenwelt, und zwischen 1798 und 1816 änderte sich auch für das Territorium der ehemaligen Pfalz mehrfach die Zugehörigkeit: Ihre linksrheinischen Teile fielen 1798 an Frankreich, die rechtsrheinischen kamen 1803 auf Geheiß Napoleons überwiegend an Baden – die 1777 und 1799 erreichte Einheit der wittelsbachischen Länder war erneut dahin. Seitdem ist die ehemalige Pfalz in einen links- und rechtsrheinischen Teil getrennt.
Das verbliebene Herzogtum Pfalz-Baiern erhielt 1803 und 1806 unter anderem Tirol sowie große Teile des Fränkischen Kreises zugesprochen und wurde 1806 zum Königreich Baiern (ab 1826 Schreibweise „Bayern“). 1816, nach der Niederlage Napoleons, wurden die linksrheinischen Teile der ehemaligen Pfalz an Baiern zurückgegeben und bildeten zusammen mit zahlreichen anderen, bisher nie pfälzischen Gebieten die „neue Pfalz“: den baierischen Rheinkreis, später Pfalz oder Rheinpfalz genannt, mit der – historisch nie pfälzischen – Hauptstadt Speier (ab 1836 „Speyer“).
Die rechtsrheinischen Teile der ehemaligen Pfalz mit dem Kerngebiet um Mannheim und Heidelberg wurden Bayern trotz aller diplomatischen Versuche nicht zurückerstattet und blieben bei Baden. In Baden gab es zwar nie eine eigene Provinz „Pfalz“ oder „Kurpfalz“, aber die Bezeichnung „Kurpfalz“ lebt als nordbadischer Landschaftsname bis heute weiter. Sie bot und bietet damit eine Unterscheidung zur linksrheinischen (neuen) „Pfalz“; in der heutigen baden-württembergischen Region „Kurpfalz“ werden aber auch Gebiete als „kurpfälzisch“ bezeichnet, die nie (kur-)pfälzisch waren.
Die heutige Verwendung der Begriffe „Pfalz“ und „Kurpfalz“ besitzt also in beiden Fällen keine direkte Kontinuität zu den historischen Gegebenheiten der alten (Kur-)Pfalz, die nie in links- und rechtsrheinisch unterschieden war.
Geschichte Lothringische Pfalzgrafen
mini|Die Wahl des deutschen Königs, dargestellt in einer Handschrift des Sachsenspiegels um 1300. In der Mitte die drei weltlichen Kurfürsten. Der Pfalzgraf bei Rhein überreicht als Truchsess eine goldene Schüssel, dahinter der Herzog von Sachsen mit dem Marschallstab und der Markgraf von Brandenburg, der als Kämmerer eine Schüssel mit warmem Wasser bringt. Am Beginn der Geschichte der Kurpfalz stand nicht ein Territorium, sondern ein Amt, nämlich das aus der Merowingerzeit stammende Amt des Pfalzgrafen, das im 6. Jahrhundert erstmals erwähnt wurde.Hans Eugen Meyer: Die Pfalzgrafen der Merowinger und Karolinger. In: Zeitschrift der Savigny-Stiftung für Rechtsgeschichte. Germanistische Abteilung. Band 42 (1921), Heft 1, S. 381 () Damit war es das älteste durchgängig nachweisbare Pfalzgrafenamt. Der Schwerpunkt lag bis ins 10. Jahrhundert um die Königspfalz zu Aachen am Hof der fränkischen Könige. Im Sachsenspiegel ist rückblickend davon die Rede, dass Franken, Bayern, Schwaben, Sachsen und Lothringen jeweils einen Pfalzgrafen hatten. Während bayerische, schwäbische und sächsische Pfalzgrafen im Verlauf des Mittelalters an Bedeutung verloren, lässt sich ein fränkischer Pfalzgraf zu keiner Zeit nachweisen. Stattdessen gab es schon seit der Merowingerzeit einen Pfalzgrafen bzw. mit dem Herzogtum Ripuarien ein Stammesherzogtum im lothringischen Bereich. Als ein erster lothringischer Pfalzgraf ist der Ardennergraf Wigerich greifbar. Die erste genauer fassbare Familie, die die lothringische Pfalzgrafschaft kontinuierlich innehatte, waren von 985 bis 1085 die Ezzonen. Hauptburgen waren Siegburg und Tomburg. Unter Hermann I. (ab etwa 985 Pfalzgraf; † 996) wurde die Pfalzgrafenwürde bei Rhein erblich. Der Amtsschwerpunkt lag zu dieser Zeit in der Eifel. In der Folgezeit führten Auseinandersetzungen mit den Erzbischöfen von Köln zu einer Verdrängung vom Rande der Kölner Bucht in Richtung Südosten. 1060 wurde Pfalzgraf Heinrich I. von Lothringen durch Erzbischof Anno II. von Köln aus Siegburg vertrieben.
Pfalzgrafen bei Rhein Als Erben traten bis 1156 Personen aus verschiedenen Adelsfamilien auf. Heinrich II. von Laach († 1095) war 1085 der erste, der sich Pfalzgraf bei Rhein nannte. Er stiftete 1093 das Kloster Laach. Die nahe gelegene, um 1070 errichtete Burg Laach wurde 1112 von seinem Stief- und Adoptivsohn Siegfried von Ballenstedt auf Betreiben der Abtei abgebrochen. Nach Siegfrieds Tod 1113 ging die Pfalzgrafschaft den Askaniern zunächst an Gottfried von Calw verloren, bis sie im Jahr 1126 sein Sohn Wilhelm (1112–1140) wiedererlangen konnte. Nach dessen Tod wurde sein Stiefvater Otto I. von Salm, der sich auf der Burg Rheineck festgesetzt hatte, vom Stauferkönig Konrad III. gestürzt und Heinrich II. von Österreich an dessen Stelle eingesetzt. Nachdem dieser die Markgrafschaft Österreich übernommen hatte, wurde Hermann von Stahleck († 1156), der Erbe der Burg Stahleck und Schwager Konrads III., von diesem 1142/1143 mit der Pfalzgrafschaft bei Rhein belehnt. Zuvor hatte Hermann seinen Rivalen, Otto II. von Salm, gefangen nehmen und 1149 auf der Schönburg erdrosseln lassen. Dieser Kampf hatte territoriale Folgen im Gebiet Eifel und Untermosel.