Das Kabinett Asquith I war die Regierung im Vereinigten Königreich vom 5. April 1908 bis zum 25. Mai 1915. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts hatte Großbritannien mit schweren wirtschaftlichen, politischen und sozialen Problemen zu ringen.
Das Kabinett wurde von Premierminister Herbert Henry Asquith von der Liberal Party gebildet und löste die Regierung Campbell-Bannerman ab. Dem Kabinett gehörten nur Mitglieder der Liberal Party an. Das Kabinett wurde am 25. Mai 1915 von der Zweiten Regierung Asquith abgelöst.
Regierungsjahre 1908 bis 1915 Unterhauswahlen Die Liberal Party verfügte seit den Unterhauswahlen vom 12. bis 29. Januar 1906 über eine breite absolute Mehrheit im Unterhaus (House of Commons) von 49,4 Prozent und stellten durch das Mehrheitswahlsystem 399 der 670 Sitze im Unterhaus. Die Conservative Party unter der Führung von Arthur James Balfour erhielt 43,4 Prozent und kam auf 131 Abgeordnete. Die Irish Parliamentary Party (IPP), die sogenannten Irish Nationalists, unter John Redmond stellten trotz eines Stimmenanteils von nur 0,7 Prozent 83 Abgeordnete, wobei sie 75 Wahlkreise ohne Gegenkandidaten holte. Die Labour Party erhielt 4,8 Prozent und 29 Mandate. Die Liberalen Unionisten von Joseph Chamberlain holten 25 Sitze, während drei Sitze an andere Kandidaten fielen.
Im Laufe der Amtszeit kam es zu zwei weiteren Unterhauswahlen. Aus den Unterhauswahlen vom 15. bis 31. Januar 1910 ging die Liberal Party von Premierminister Asquith mit 43,5 zwar nur als Zweiter hervor, gewann aufgrund des Wahlsystems allerdings 274 Sitze der 670 Mandate im Unterhaus. Die Conservative Party von Arthur James Balfour konnte sich zwar mit 46,8 Prozent auf den ersten Platz verbessern, erhielt jedoch lediglich 240 Sitze. Die Irish Nationalists von John Redmond erhielt mit 1,9 Prozent 82 Mandate, davon 55 Wahlkreise ohne Gegenkandidaten. Die Labour Party unter Führung von Arthur Henderson kam auf 7 Prozent und 40 Mandate. Die Liberalen Unionisten von Joseph Chamberlain kamen auf 32 Mandate, während zwei weitere Parteilose dem Unterhaus angehörten.
Bereits elf Monate später kam es zum nächsten Urnengang: bei den Unterhauswahlen vom 3. bis 19. Dezember 1910 ging die Liberal Party des Premierministers mit 44,2 Prozent abermals als Zweiter hervor, gewann aber 272 der 670 Mandate. Die Conservative Party von Arthur James Balfour erhielt 46,6 Prozent und 235 Sitze. Die Irish Nationalists von John Redmond holten 2,5 Prozent und 84 Mandate. Die Labour Party, nunmehr angeführt von George Nicoll Barnes kam auf 6,4 Prozent und 42 Mandate. Joseph Chamberlains Liberal Unionists holte 36 Mandate im Unterhaus, während ein weiteres Mitglied des House of Commons Parteiloser war. Am 8. November 1910 trat Arthur James Balfour als Vorsitzender der Conservative Party zurück und wurde von Andrew Bonar Law abgelöst.
Innenpolitische Ereignisse Daily-Telegraph-Affäre und Krönung von Georg V. mini|200px|Georg V. wurde 1910 König und Kaiser von Indien.
König Eduard VII. eröffnete am 13. Juli 1908 im für 60.000 Pfund neuerbauten White City Stadium offiziell die IV. Olympischen Sommerspiele. Im Gegensatz zu den Olympischen Sommerspielen 1900 in Paris und den Olympischen Sommerspielen 1904 in St. Louis waren die Olympischen Spiele 1908 nicht mehr nur ein Anhängsel einer gleichzeitig stattfindenden Weltausstellung, sondern hatten eine eigene sportpolitische Identität. Bei der Eröffnungsfeier zogen die erstmals einheitlich gekleideten Mannschaften hinter ihrer Nationalfahne ins Olympiastadion ein: 2035 Wettkämpfer aus 32 Ländern – darunter 36 Frauen – kämpften um die erstmals vergebenen 110 Goldmedaillen in 21 Sportarten. London 1908 war der erste große und alles in allem gut vorbereitete und abgewickelte internationale Sport-Wettkampf des 20. Jahrhunderts.Das 20. Jahrhundert, S. 59
Die britisch-deutschen Beziehungen verschlechterten sich am 27./28. Oktober 1908 im Zuge der sogenannten „Daily-Telegraph-Affäre“. In der Tageszeitung The Daily Telegraph erschien ein Artikel, in dem der deutsche Kaiser Wilhelm II. zur Beziehung zwischen Großbritannien und dem Deutschen Reich Stellung nahm. Der Kaiser erklärte unter anderem in diesem Interview, dass er, im Gegensatz zum Großteil seiner Landsleute, ein Freund Großbritanniens sei. Die deutsche Öffentlichkeit war über das Interview entsetzt. Fast alle Zeitungen und Parteien verurteilten die Auslassungen des Kaisers: Diese schädigten den Ruf des Deutschen Reichs und machten seine Politik unglaubwürdig.Das 20. Jahrhundert, S. 57Cassell’s, S. 468
Nach neunjähriger Regentschaft starb König Eduard VII. am 6. Mai 1910 im Buckingham Palace an einer asthmatischen Herzaffektion. Bei seiner Beerdigung am 20. Mai 1910 säumten Zehntausende die Straßen, um ihm die letzte Ehre zu erweisen. Sein Sohn folgte ihm als Georg V. auf den Thron, leistete am 7. Mai 1910 den Eid auf die Verfassung und wurde zum Oberlehnsherrn aller Länder der britischen Krone proklamiert. Die Krönung Georgs V. und seiner Ehefrau Maria – auch die zum Kaiser von Indien – fand erst am 22. Juni 1911 in der Westminster Abbey statt. An diesem pompösen Zeremoniell nahmen der gesamte englische Adel, die Abgesandten aller Höfe der Erde und Tausende Gäste teil. Mehr als drei Millionen Menschen säumten die Straßen des Krönungszuges auf dem Weg zur Westminster Abbey.Das 20. Jahrhundert, S. 67, 73
Haushaltskrise 1909, das Parliamentary Act 1911 und andere Gesetze mini|200px|David Lloyd George legte als Schatzkanzler 1909 ein geradezu revolutionäres Budget vor, das zu einem schweren Verfassungskonflikt führte.
1908 hatte das Parlament für eine beitragsunabhängige Rente von 60 Pence (5 Denarius) pro Woche für eine Minderheit von Menschen über 70 Jahren gestimmt. Unter dem Zwang, einen Fehlbetrag von 15 Millionen Pfund im Staatshaushalt decken zu müssen, legte David Lloyd George als Schatzkanzler am 29. April 1909 mit dem sogenannten „People’s Budget“ ein geradezu revolutionäres Budget vor. Um auch noch eine Erhöhung der Ausgaben für die Kriegsflotte um 3 Millionen Pfund, welche die Regierung als „Opfer für die Sicherheit des Landes“ vom Parlament forderte, herauszuwirtschaften, konnte er sich nicht damit begnügen, die bereits bestehenden Steuern zu erhöhen, sondern er führte ein anderes Steuersystem ein, das den 700.000 Steuerpflichtigen mit kleinem Einkommen Erleichterungen brachte, dafür aber hohe Einkommen und große Vermögen wie auch Grundbesitz und Erbfall stärker belastete sowie eine „Supersteuer“ von 6 Denarius auf einen Pfund bei einem jährlichen Einkommen von mehr als 5.000 Pfund pro Jahr. Das Budget wurde vom Unterhaus nach wochenlangen Debatten mit der eindrucksvollen Mehrheit von nicht weniger als 230 Stimmen angenommen. Das Oberhaus hingegen, das letzte Bollwerk der konservativen Aristokratie, erhob gegen dagegen Einspruch und beschwor damit einen schweren Verfassungskonflikt herauf. Zuvor hatte die konservative Mehrheit am 30. November 1909 den Haushaltsentwurf mit 350 zu 75 Stimmen abgelehnt. Aber Lloyd George war nicht der Mann, sich von der „Partei der Herzöge“ und den Repräsentanten einer längst verschwundenen Zeit Steine in den Weg legen zu lassen.Gondrom, S. 20Cassell’s, S. 469 Durch das Labour Exchanges Act 1909 wurden am 1. Februar 1910 die ersten Arbeitsvermittungen (Labour Exchanges) für Erwerbslose eröffnet. Am 29. April 1910 wurde der Gesetzesentwurf für das Volksbudget („People’s Budget“) Gesetz.
Im Zuge des schweren Verfassungskonfliktes reiste Schatzkanzler Lloyd George im Lande umher, hielt bissige scharfe Reden gegen die Lords und brachte die öffentliche Meinung so gegen diese auf, dass der neue König George V. sich ihr beugte und dem Oberhaus mit einem sogenannten Peers-Schub drohte, der darin bestanden hätte, dass er eine entsprechende Anzahl liberaler Politiker geadelt hätte und diese so Mitglieder des Oberhauses geworden wären, was die Mehrheitsverhältnisse im Oberhaus geändert hätte. Das House of Commons beschloss im Mai 1910, dem House of Lords das Vetorecht bei der Finanzierung von Rechnungen zu entziehen. Das Parlamentsgesetz (Parliamentary Act) vom 10. August 1911 entzog schließlich dem Oberhaus sämtliche finanzpolitischen Befugnisse und begrenzte die aufschiebende Wirkung seines Einspruchs gegen ein vom Unterhaus beschlossenes Gesetz auf zwei Jahre. Gleichzeitig wurde den Mitgliedern des Unterhauses eine jährliche Entschädigung von 400 Pfund Sterling zuerkannt. Sie hatten bis dato ihr Mandat ehrenamtlich ausgeübt, war vielen von ihnen materielle Sorgen bereitete. Mit all diesen Maßnahmen war der Sieg des Mehrheitsprinzips und der Volkssouveränität besiegelt.Cassell’s, S. 471
Im November 1910 brachen in Wales in Tonypandy im Rhondda Valley zivile Unruhen aus (Tonypandy-Aufstand). Das Management einer Grube hatte ab 1. August 1910 reguläre Belegschaft ausgesperrt; daraufhin schlossen sich fast alle Bergarbeiter in Südwales dem Streik an. Innenminister Winston Churchill schickte 300 zusätzliche Polizisten aus London, um die Unruhen zu unterdrücken. 1911 begann ein Streik der Hafenbahner und Eisenbahner, der bis 1913 andauerte.Der Große Ploetz, S. 1047 Während einer antideutschen Spionagedrohung verabschiedete das Parlament am 22. August 1911 ein Amtsgeheimnisgesetz (Official Secrets Act 1911), das die Veröffentlichung geheimer Informationen ohne Erlaubnis unter Strafe stellte. Im Dezember 1911 verabschiedete das Parlament die erforderlichen Gesetze für ein Nationalversicherungsprogramm, das die Zahlung von Kranken- und Arbeitslosengeld vorsah. Nach dem Beispiel der meisten anderen europäischen Staaten wurde 1912 das Telefon- und Telegrafenwesen als Telegraph Office unter dem Dach des General Post Office (GPO) verstaatlicht. Das Unterhaus billigte am 19. Mai 1914 in dritter Lesung einen Gesetzentwurf zur Trennung von Staat und Kirche in Wales. Dies dokumentierte – wie auch vergleichbare Gesetzesvorlagen im Königreich Belgien und im Königreich Italien – die seit 1914 anhaltenden Machtkämpfe zwischen Klerus und Staaten in Europa.Das 20. Jahrhundert, S. 84
Kampf um das Frauenwahlrecht mini|200px|Emmeline Pankhurst setzte sich mit den „Suffragetten“ – zunehmend gewaltbereiter – für das Frauenwahlrecht ein.
Am 29. Juni 1909 stürmten mehrere hundert Frauenrechtlerinnen das Unterhaus. Die Suffragetten fordern vom Parlament die Einführung des Frauenwahlrechts. Die Demonstrantinnen lieferten der Polizei eine regelrechte Straßenschlacht. 115 Frauen wurden festgenommen. Mit dem Sturm auf das Unterhaus hatte der Kampf der Frauen für ihre Rechte einen neuen Höhepunkt erreicht. Da solche Aktionen bislang jedoch kaum Wirkung zeigten, waren die Suffragetten zunehmend auch zu Gewalttaten bereit. Eine Erfüllung der politischen Forderungen war jedoch nicht in Sicht.Das 20. Jahrhundert, S. 62
mini|links|200px|Emmeline Pethick-Lawrence war die Anstifterin der Unruhen der Suffragetten im November 1911.