mini|Walter Grimshaw, ca. 1880 Walter Grimshaw (* 12. März 1832 in Dewsbury; † 27. Dezember 1890 in Whitby) war ein britischer Komponist von Schachaufgaben. Er gewann 1854 ein Turnier im Komponieren von Schachproblemen, das als erstes Problemturnier der Schachgeschichte gilt. Sein Name steht für eine geläufige Schnittpunktkombination, die Grimshaw-Verstellung. Grimshaw, von Beruf Pfandleiher, veröffentlichte von seinem 17. Lebensjahr an zahlreiche Probleme in der Schachspalte der Illustrated London News, die von Howard Staunton redigiert wurde, sowie in Stauntons The Chess Player’s Chronicle, eine der ersten reinen Schachzeitschriften der Welt. Er leistete einen wesentlichen Beitrag zur Entdeckung und scharf ausgeprägten Darstellung von Themen, die bis heute zum Grundbestand der Schachkomposition gehören. Zudem war er ein starker Partiespieler und soll sogar den späteren Weltmeister Wilhelm Steinitz in einer freien Partie geschlagen haben.

Leben Grimshaw war ein Sohn des Brauers, Gastwirts und späteren Tierarztes James Grimshaw und seiner Frau Mary. Die Familie zog bald nach Cleckheaton und in den 1840er Jahren nach Hightown in der Gemeinde Liversedge in West Yorkshire. Walter Grimshaw, der wenigstens sieben Geschwister hatte, verließ den elterlichen Haushalt früh, möglicherweise bereits als Vierzehnjähriger 1846,Walter Grimshaw. In: The British Chess Magazine, 1891, S. 68–70, hier: S. 68. und machte eine Lehre als Pfandleiher bei John Wood in York. Dort lernte der junge Walter Grimshaw Henry Edwin Kidson kennen, der ebenfalls Lehrling bei einem Pfandleiher war und mit dem ihn eine lebenslange Passion für das Schachspiel verband. Spätestens 1855 zog Grimshaw nach Whitby und übernahm dort eine Pfandleihe.

Er heiratete 1861 in der Kirche St. Crux in York eine Tochter seines Lehrherrn, Mary Wood (oder Holliday)Stephen John Mann hält fest, dass im Eheregister von St. Crux der Name Mary Holliday angegeben ist, in der Whitby Gazette dagegen „Mary, daughter of John Wood“. Mary war die Tochter von John Wood und seiner Frau Grace, geborene Holliday, siehe die Beschreibung des Gemäldes The Trial of the Pony, das die Kinder von John Wood zeigt, auf artuk.org: online.. Zu den Trauzeugen gehörte sein Schachfreund Kidson. Das Paar lebte in Whitby. 1862 kam ihr Sohn Walter Edwin zur Welt. Im Kindbett nach der Geburt des zweiten Kindes, der Tochter Mary, starb Walter Grimshaws Frau 1868, auch die kleine Mary wurde nicht älter als neun Monate. 1878 heiratete er ein zweites Mal, seine zweite Frau hieß Jane Trattles und war eine recht wohlhabende Witwe. Walter Grimshaw lebte bis zu seinem Tod in Whitby. Er füllte dort verschiedene Ehrenämter aus, etwa im Town Improvement Board. 1883 wurde er Präsident der wohltätigen Vereinigung Whitby Christmas Beef Fund, die Spenden sammelte, um die Armen zu Weihnachten mit einem Braten zu versorgen. Etwa um diese Zeit hat er wohl seine Pfandleihe aufgegeben und wurde Privatier, der sein Geld hauptsächlich in Schiffe investierte (der erste Mann seiner zweiten Frau kam aus einer Schiffseignerfamilie).

Im Jahre 1890 soll Grimshaw unter Depressionen gelitten haben, möglicherweise im Zusammenhang mit verschiedenen Todesfällen im Familienkreis und mit einer Krankheit seiner Frau. Er wurde am 27. Dezember 1890 tot in seinem Schlafzimmer gefunden, mit einem Rasiermesser und einem Schnitt im Hals. Der Spruch der Totenschau lautete auf Suizid im Zustand geistiger Verwirrung.Biografie nach Stephen John Mann: Walter Grimshaw, online; zu den Umständen des Todes siehe auch: Obituary. In: The British Chess Magazine 1891, S. 15. Walter Grimshaw liegt auf dem Larpool Lane Cemetery in Whitby begraben, zusammen mit seiner ersten Frau Mary und seiner Tochter Mary.Edward Winter: Chess Note No. 7271 Walter Grimshaw (1832–1890), online auf Chesshistory.com. Mit einem Foto des Grabsteins, aufgenommen von Stephen John Mann.

Schach Problemschach In ihrer Zeit als Lehrlinge in York entwickelten Grimshaw und Kidson, möglicherweise angeregt durch Charles Tomlinsons Schachspalte im Saturday Magazine, eine Vorliebe für das Schachspiel und insbesondere für Schachprobleme.Walter Grimshaw. In: The British Chess Magazine, 1891, S. 68–70, in Verbindung mit den Korrekturen, die Tomlinson in einem Leserbrief anbrachte, siehe Mr Grimshaw’s Chess Lessons, in: The British Chess Magazine, 1891, S. 130f. Siehe auch Stephen John Mann: Henry Edwin Kidson, online auf der Seite Yorkshire Chess History. Grimshaw begann um 1849, selbst Schachaufgaben zu veröffentlichen, zunächst vor allem in der von Howard Staunton besorgten Schachspalte der Illustrated London News.Gemäß einer Umfrage der Schachrubrik des Gentleman’s Journal 1871, die die „ersten Versuche unserer Komponisten“ (first attempts of our composers) abfragte, gab Grimshaw als erstes veröffentlichtes Problem eine Aufgabe vom Juli 1849 an, die auch in Notation abgedruckt wurde (The Gentleman’s Journal and Youth’s Miscellany of Literature Information & Amusement, Band 3, 1871, S. 224). Sie findet sich in The Illustrated London News, Band 15, 21. Juli 1849, S. 42, Diagramm Nr. 287 (online), mit der Bemerkung: „This beautiful end game we owe to an Amateur of York“. Zwei seiner Probleme, die unter der Überschrift Chess Enigmas (Schachrätsel) standen und unter seinem Namen in Notation gedruckt wurden, lassen sich für den 29. Dezember 1849 in der Illustrated London News nachweisen (siehe Band 15, S. 443, online). In Stauntons The Chess Player’s Chronicle, einer der ersten Schachzeitschriften der Welt, konnte er bereits 1850, also als Achtzehnjähriger, nicht weniger als zehn Schachkompositionen publizieren. In den Folgejahren erschienen seine Probleme dort regelmäßig, ebenso in anderen Zeitungen und Zeitschriften.

Grimshaw gewann einen Kompositionswettbewerb im Nachgang zum Schachturnier in London 1851, der als erstes Problemturnier der Schachgeschichte gilt.Patrick Thomas Duffy beantwortete 1881 in der Schachspalte der Illustrated London News, die er nach Stauntons Tod übernommen hatte, die Frage nach dem ersten Problemturnier der Schachgeschichte und machte genauere Angaben, siehe The Illustrated London News, 4. Juni 1881, S. 563, online auf archive.org. Siehe auch Tim Harding: Eminent Victorian Chessplayers. McFarland, Jefferson 2012, S. 362, sowie Kalenderblatt. In: Die Schwalbe, Heft 224, April 2007, online. The British Chess Magazine sprach in seinem Nachruf auf Grimshaw 1891 davon, dass dieses Turnier wohl das erste gewesen sei, in dem Preise vergeben wurden; vgl. Walter Grimshaw. In: The British Chess Magazine 1891, S. 68–70, hier: S. 69. Die vielfach übernommene Angabe von Bill Wall (etwa in Off the Wall – Chess Trivia, Pickard & Son, Wylie 2001), es habe sich um ein Turnier im Lösen von Schachproblemen gehandelt, ist mit einiger Sicherheit unrichtig; keine der Quellen erwähnt einen Lösewettbewerb. Die Idee für ein solches Turnier stammte von Staunton, sie fand aber zunächst nur wenig Unterstützung. Ein ambitionierter Versuch einer internationalen Ausschreibung Anfang 1852The Chess Tournament Problems. In: The Chess Player’s Chronicle 13 (1852), S. 26–28. Online. scheiterte. Erst Anfang 1854 konnte die Idee in stark reduzierter Form umgesetzt werden. Wegen Finanzierungsproblemen (ausländische Problemkomponisten waren nicht bereit, eine Teilnahmegebühr zu bezahlen) musste sich der Wettbewerb auf britische Teilnehmer beschränken. Jeder Problemkomponist hatte eine Subskriptionsgebühr von einer Guinee zu entrichten und durfte dann acht Aufgaben einsenden, die von einem Preisrichtergremium bewertet wurden. Die Richter wählten jeweils die besten drei Probleme aus und erstellten eine Rangfolge. Grimshaw wurde einstimmig auf den ersten Platz gesetzt, vor Silas Angas, und gewann damit den Preis, ein Schachfigurenset aus Elfenbein.Berichte darüber finden sich in der von Staunton redigierten Schachspalte der Illustrated London News, 26. August 1854, S. 191, online, sowie in The Chess Player’s Chronicle, Bd. 15 (1854), S. 322f., von einem gewissen E.: Prize Problems at Chess, Online. Eines der „besten Probleme des Siegers“ wurde mit dem ersten Bericht über das Turnier in The Illustrated London News gedruckt.The Illustrated London News, 26. August 1854, S. 191, Diagramm Nr. 549. Online auf Google Books. Alle acht von Grimshaw eingesandten Probleme erschienen wenig später in The Chess Player’s Chronicle unter dem Titel „Mr. Grimshaw’s Prize Problems“.Mr. Grimshaw’s Prize Problems. In: The Chess Player’s Chronicle, Bd. 15 (1854), S. 361–364. Online.

Wegen dieses Erfolgs berief Johann Jacob Löwenthal Grimshaw 1856 in das Komitee zur Durchführung des Schachkompositionsturniers der Zeitschrift The Era. Er wurde in das Preisrichtergremium gewählt.Johann Jacob Löwenthal: A selection from the problems of the Era problem tournament. T. Day, London 1857, S. 6–8. Online. Sein Urteil über den ersten und zweiten Preis ist in der deutschen Übersetzung von Löwenthals Turnierbericht nachzulesen; in Übereinstimmung mit der Mehrheit der Richter votierte er für die Einsendung von Conrad Bayer, die aufgrund der gekonnten Konstruktion dem Träger des zweiten Preises, Frank Healey, überlegen sei.Johann Jakob Löwenthal: Era-Schach-Problemturnierbuch. Weber, Leipzig 1857, Anhang: Urtheile der Preisrichter, dort S. 112f. Online. Im August 1866 erhielt er den Problempreis des Schachturniers in Redcar.Stephen John Mann: 1866: North Yorkshire & Durham Chess Association, 2nd Annual Meeting, Redcar. Online auf der Seite Yorkshire Chess History; vgl. auch Walter Grimshaw. In: The British Chess Magazine 1891, S. 68–70, hier: S. 70. 1867 gewann er im internationalen Kompositionswettbewerb der British Chess Association den Preis für die beste britische Einsendung (in Höhe von 10 Pfund Sterling).J. Löwenthal und G. Medley (Hrsg.): The Transactions of the British Chess Association for the Years 1866 and 1867. Longmans, Green, Reader and Dyer, London 1868, S. 12, 136f. (Diagramme der eingesandten Probleme), 139. Online.

Die Grimshaw-Verstellung Sein Name ist in der Schachkomposition noch heute ein Begriff dank der nach ihm benannten Schnittpunktkombination, der Grimshaw-Verstellung.Manfred van Fondern: Lexikon für Schachfreunde. Verlag C. J. Bucher, Luzern/Frankfurt am Main 1980, S. 125. Ausgangspunkt des klassischen „Grimshaw“ ist die folgende Situation: Zwei schwarze langschrittige Figuren ungleicher Zugweise, klassischerweise Turm und Läufer, haben Wirkungslinien, die sich in einem Punkt schneiden. Wenn eine dieser beiden Figuren gezwungen wird, diesen Schnittpunkt zu besetzen, wird die Wirkungslinie der anderen Figur unterbrochen, man spricht von „Verstellung“ oder Sperrung dieser Linie. Diese Verstellung kann der Weiße dann für seine Zwecke nutzen. Wird diese Verstellung nur für eine der beiden Figuren wirksam, spricht man von einem einwendigen Grimshaw; wenn sie alternativ für beide gezeigt wird (wechselseitige Verstellung), ist dies ein doppelwendiger Grimshaw. Typisch für den Grimshaw ist, dass nicht Weiß (wie beim Nowotny), sondern nur Schwarz den Schnittpunkt besetzt, es handelt sich um eine opferlose Verstellung.

Der Grimshaw ist eine der elementaren schwarzen Schnittpunktkombinationen. Weitere sind: der Nowotny, bei dem die Verstellung durch ein weißes Opfer im Schnittpunkt ausgelöst wird, der Plachutta, bei dem zwei schwarze Figuren gleicher Zugweise durch ein weißes Opfer im Schnittpunkt verstellt werden, und der „Wurzburg-Plachutta“ (siehe bei Otto Wurzburg), auch als „doppelwendiger Holzhausen“ bekannt (nach Walther Freiherr von Holzhausen), mit opferloser wechselseitiger Verstellung zweier gleichschrittiger schwarzer Steine.

Das „Stammproblem“ der Grimshaw-Verstellung, also die Fassung, die als Erstdarstellung gilt, hat Walter Grimshaw 1850 veröffentlicht.

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