Johann Georg Wagner (* 16. April 1790 in Eschwege; † 20. Juni 1868 in Marburg), zweiter Vorname auch George, war ein kurhessischer Jurist und Historiker. Er war in verschiedenen Funktionen, zuletzt als Richter, an kurhessischen Gerichten tätig. Von ihm stammt eine monografische Darstellung der Gerichtsverfassung und der Gerichtsverfahren in diesem Bundesstaat, die insgesamt viermal aktualisiert neu aufgelegt wurde. In seinen späteren Lebensjahren publizierte er eine Reihe von lokalhistorischen Werken. Die umfangreichste Quelle zu seinem Leben ist seine 1863 veröffentlichte zwölfseitige autobiografische Notiz, die der Historiker Stefan Brakensiek neben zahlreichen anderen Materialien in seiner Habilitationsschrift ausgewertet hat.

Leben Familie, Herkunft, Name Wagner war der vierte und jüngste Sohn des evangelisch-reformierten Pfarrers Johann Georg Wagner (1749–1818) und seiner Frau Katharina Louise Jakobine, geborene Schotten (1753–1808). In seine Autobiografie für die Grundlage zu einer Hessischen Gelehrten- und Schriftsteller-Geschichte hat er einen kleinen Nachruf auf seine Eltern eingebaut, der auch die Basis für den Eintrag des Vaters in der Allgemeinen Deutschen Biographie ist.s:ADB:Wagner, Johann Georg (Allendorfer Superintendent). Der Vater war Pfarrer, Diakon und Superintendent in verschiedenen hessen-kasselschen bzw. kurhessischen Gemeinden, so in Germerode, Eschwege, Schmalkalden und Allendorf; zur Zeit von J. G. Wagners Geburt war er Diakon und zweiter Pfarrer an der Altstädter Kirche (Marktkirche St. Dionys) in Eschwege.Karl Wetz: Aus zwei hessischen Stammbüchern, 1939, S. 29. Die Berufswahl des Vaters entsprach gemäß Johann Georg jr. einer alten Familientradition, die bis auf die Reformationszeit zurückgehe: Alle Vorfahren väterlicherseits hätten seit dieser Zeit dem geistlichen Stand angehört. Die Mutter war Tochter eines Hauptmanns in der hessen-kasselschen Armee.Wagner, Johann George. In: Grundlage zu einer hessischen Gelehrten- und Schriftsteller-Geschichte seit der Reformation bis auf die gegenwärtige Zeit, 1863, S. 141. Wagners ältester Bruder Friedrich wurde ebenfalls Jurist, Theodor (1786–1859), der Familientradition entsprechend, Pfarrer,Gerhard Bätzing: Pfarrergeschichte des Kirchenkreises Homberg. Von den Anfängen bis 1984. Elwert, Marburg 1988, S. 222 (Fußnote 2). ebenso Carl Leopold.Wilhelm Bach: Kirchenstatistik der evangelischen Kirche im Kurfürstenthum Hessen, Kassel 1835, S. 23 (Fußnote 47).

Wagner führte seine Vornamen in wechselnder Form und Schreibung. Seine erste Publikation erschien noch unter dem Namen Johann Georg Wagner, in späteren schrieb er seinen zweiten Vornamen George, schließlich wählte er Abkürzungen als J. G. Wagner oder G. Wagner, oft mit seinem akademischen oder beruflichen Titel (Dr., Landrichter).

Erziehung und Ausbildung Wie Wagner schreibt, erhielt er von seinen Eltern eine „höchst einfache und dabei strenge und religiöse Erziehung“.Wagner, Johann George. In: Grundlage zu einer hessischen Gelehrten- und Schriftsteller-Geschichte seit der Reformation bis auf die gegenwärtige Zeit, 1863, S. 141. Als Kind machte er eine Pockenerkrankung durch, von der ihm zahlreiche Narben im Gesicht blieben. Nach dem Umzug der Eltern nach Schmalkalden besuchte er das dortige Lyzeum. Zunächst war für ihn eine Offizierslaufbahn vorgesehen. Ein geadelter Onkel mütterlicherseits, Major von Flies, sollte ihn adoptieren und als Fahnenjunker in sein Regiment aufnehmen. Nach der Schlacht bei Jena und Auerstedt kam dies jedoch nicht mehr infrage, da die siegreichen Franzosen Kurhessen besetzten und 1807 das kurzlebige Königreich Westphalen etablierten. „Ich ward weder in den Adelsstand erhoben noch Soldat, vielmehr bestimmt, Theologie zu studieren.“Wagner, Johann George. In: Grundlage zu einer hessischen Gelehrten- und Schriftsteller-Geschichte seit der Reformation bis auf die gegenwärtige Zeit, 1863, S. 143. Wagner nahm im April 1808 an der Universität Marburg ein Theologiestudium auf, doch sein Interesse an diesem Fach kühlte sich bald ab. So sattelte er im Frühjahr 1809 auf ein Jurastudium an der Universität Göttingen um, offenbar unterstützt durch seinen ältesten Bruder Friedrich, der königlicher Prokurator am Distriktgericht zu Eschwege war.Siehe zu diesem Berufswahlprozess Stefan Brakensiek: Fürstendiener – Staatsbeamte – Bürger. Amtsführung und Lebenswelt der Ortsbeamten in niederhessischen Kleinstädten (1750–1830). Göttingen 1999, S. 208. Dort absolvierte er auch sein Vorbereitungsjahr,Siehe neben der Autobiografie Gerhard Bätzing: Pfarrergeschichte des Kirchenkreises Homberg. Von den Anfängen bis 1984. Elwert, Marburg 1988, S. 222 (Fußnote 2). Vgl. auch Hof- und Staats-Handbuch des Königreichs Westphalen. 1811, S. 209. Digitalisat. das für eine juristische Tätigkeit erforderlich war, und bestand 1812 sein Examen.Wagner, Johann George. In: Grundlage zu einer hessischen Gelehrten- und Schriftsteller-Geschichte seit der Reformation bis auf die gegenwärtige Zeit, 1863, S. 144–145. Vom Militärdienst im Königreich Westphalen wurde er „zu meiner nicht geringen Freude“, wie er schreibt, wegen einer „Deformité meiner Brust“ freigestellt.Wagner, Johann George. In: Grundlage zu einer hessischen Gelehrten- und Schriftsteller-Geschichte seit der Reformation bis auf die gegenwärtige Zeit, 1863, S. 145.

Prokurator, Justizbeamter, Landrichter Wagner bewarb sich nun bei dem westfälischen König Jérôme Bonaparte erfolgreich auf eine Prokuratur im Distrikt Heiligenstadt.Siehe neben dem Nekrolog auch: Gerhard Bätzing: Pfarrergeschichte des Kirchenkreises Homberg. Von den Anfängen bis 1984. Elwert, Marburg 1988, S. 222 (Fußnote 2); Almanach royal de Westphalie. 1813, S. 241. Digitalisat. Er heiratete im Dezember 1812 die Kaufmannstochter Louise Sell aus Allendorf, die er schon als Kind gekannt hatte;Stefan Brakensiek: Fürstendiener – Staatsbeamte – Bürger. Amtsführung und Lebenswelt der Ortsbeamten in niederhessischen Kleinstädten (1750–1830). Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1999, S. 430. sein Vater nahm die Trauung vor. In Heiligenstadt bekamen sie im Dezember 1813 auch ihr erstes Kind, einen Sohn. Im Zuge der Auflösungserscheinungen des Königreichs Westphalen nach der Völkerschlacht bei Leipzig hoben die Wagners ihren Hausstand in Heiligenstadt auf und Wagner meldete sich im Januar 1814 freiwillig zum Militärdienst in den Befreiungskriegen. Er machte bei den kurhessischen Jägern den Frühjahrsfeldzug 1814 mit, verbrachte aber, an Typhus erkrankt, zwei Monate des Feldzugs im Lazarett.Wagner, Johann George. In: Grundlage zu einer hessischen Gelehrten- und Schriftsteller-Geschichte seit der Reformation bis auf die gegenwärtige Zeit, 1863, S. 145–147; Nekrolog. In: Mittheilungen an die Mitglieder des Vereins für Hessische Geschichte und Landeskunde, No. 4, August 1868, S. 10.

Nach seiner Rückkehr bekam Wagner von der restaurierten kurhessischen Regierung die Genehmigung zur Advokatur (also zur Tätigkeit als Rechtsanwalt) in den Ämtern Allendorf und Witzenhausen und ab Dezember 1814 zusätzlich die Stelle des Syndikus der Stadt Allendorf an der Werra, wo sein Vater Superintendent war und wo die Wagners nun zunächst lebten. Zudem bewarb er sich 1817 erfolgreich auf die Stelle eines Aktuars beim hansteinschen Patrimonialgericht im nahe Allendorf gelegenen preußischen Wahlhausen, für die er von der kurhessischen Regierung zu Kassel eine Genehmigung erhielt. Er hätte nun gern auch die Befähigung zum Richteramt erworben und bestand 1820 ein entsprechendes Examen beim preußischen Oberlandesgericht in Halberstadt, wollte aber weiter in Kurhessen tätig sein. So ging er zunächst 1821 als Aktuar nach Netra. Eine zusätzliche Tätigkeit als Justizbeamter (also Richter an einem Gericht der untersten Ebene, einem Justizamt) und Amtsassistent wurde zunächst lediglich als Stellvertretung für einen suspendierten Beamten möglich, ab 1828 arbeitete er dort regulär als Justizbeamter des Justizamts Netra.Wagner, Johann George. In: Grundlage zu einer hessischen Gelehrten- und Schriftsteller-Geschichte seit der Reformation bis auf die gegenwärtige Zeit, 1863, S. 147–150.

In Netra scheint sich Wagner nicht sonderlich wohlgefühlt zu haben. In seiner Autobiografie klagte er über das „schmutzige Netra“ im Kontrast zu dem „freundlichen Wahlhausen“, hielt fest, dass es dort weder einen Arzt noch Apotheker gegeben habe und sein „blühendes, hoffnungsvolles Töchterchen“ daher dort gestorben sei, und beschwerte sich schließlich darüber, dass er für die Zeit der Stellvertretung als Justizbeamter kein Geld erhalten habe.Zitate: Wagner, Johann George. In: Grundlage zu einer hessischen Gelehrten- und Schriftsteller-Geschichte seit der Reformation bis auf die gegenwärtige Zeit, 1863, S. 149 und 150. Jedenfalls begann er dort andere Tätigkeiten zu entfalten. Er schrieb 1822 sein erstes Buch, die Grundzüge der Gerichts-Verfassung und des processualischen Verfahrens bei den Untergerichten in Kurhessen, die unter leicht veränderten Titeln über einen Zeitraum von 37 Jahren vier Auflagen erlebten und ihm 1827 einen Ehrendoktor der Universität Marburg einbrachten,Nekrolog. In: Mittheilungen an die Mitglieder des Vereins für Hessische Geschichte und Landeskunde, No. 4, August 1868, S. 11; ein Bericht über die Verleihung des „Ehrendiploms“ findet sich in Jenaische Allgemeine Literatur-Zeitung, Nr. 66, November 1827, S. 522, Digitalisat. sowie 1833 einen selbstständig publizierten Nachtrag zu diesem Werk. Ferner ließ er sich 1833 als Vertreter der Werrastädte (Eschwege, Allendorf, Großalmerode, Wanfried und Witzenhausen) in die kurhessische Ständeversammlung wählen.Nekrolog. In: Mittheilungen an die Mitglieder des Vereins für Hessische Geschichte und Landeskunde, No. 4, August 1868, S. 11. Freilich wurde die Wahl aufgrund des § 66 der kurhessischen Verfassung von 1831 angefochten,Wagner, Johann George. Datensatz Nr. 4875. In: Hessische Biografie, lagis-hessen.de. mit der Begründung, dass ein landesherrlicher Beamter nicht von jenen gewählt werden dürfe, auf die sich seine Amtsgewalt erstrecke. Die Mehrheit des zuständigen Ausschusses hielt seine Wahl für rechtens, doch die Ständeversammlung selbst erklärte sie letztlich für ungültig.Kurfürstentum, 3. Landtag, Protokolle, Nr. 1, Sp. 8–17, Digitalisat.