Bei der Katechismusdebatte (vielfach in Anlehnung an den Historikerstreit auch als Zweiter Historikerstreit oder Historikerstreit 2.0 betitelt) handelt es sich um eine Debatte um den Stellenwert des Holocausts in der gegenwärtigen Erinnerungskultur in Deutschland, häufig im Zusammenhang mit dem Gedenken an die Verbrechen des Kolonialismus. Basierend auf älteren Debatten, polarisierte ein Artikel des australischen Genozidforschers Anthony Dirk Moses die Fachwelt und die Feuilletons und löste eine Debatte aus.
Ein zweiter Historikerstreit? Vielfach wurde die Debatte in den Medien in Anlehnung an den Historikerstreit von 1986 als Historikerstreit 2.0 oder als zweiter Historikerstreit betitelt.Die Bezeichnung der Debatte als Zweiter Historikerstreit bzw. als Historikerstreit 2.0 wird etwa von Meron Mendel (Über Israel reden. Eine deutsche Debatte, Köln 2023, S. 33), Thierry Chervel, sowie vielen verschiedenen Medien verwendet (Der Spiegel, DLF, ORF, FAZ, SZ) Prominent verwendet hat den Begriff auch Jürgen Habermas, der auch im Historikerstreit von 1986 eine wichtige Rolle spielte. Andere Diskutanten, prominent etwa Dirk Moses oder Jürgen Zimmerer, lehnen die Bezeichnung der Debatte als Historikerstreit 2.0 ab.
Beiden Auseinandersetzungen gemeinsam sei – so Dan Diner – die „Argumentationsfigur der Ursprünglichkeit“: Während Ernst Nolte im ersten Historikerstreit suggestiv argumentierte, der stalinistische Gulag sei ursprünglicher als der Holocaust gewesen, argumentierten nun Vertreter der postkolonialen Schule, die kolonialen Genozide hätten vor dem Holocaust das „logische und faktische Prius“ (Diner nutzt hierbei die Wortwahl Noltes).
Unterschiede zum Historikerstreit werden in der kulturellen Bandbreite, der Globalität und der geschlechtlichen Vielfalt der Beteiligten gesehen.
Chronologie Vorgeschichte und Veröffentlichung Am 23. Mai 2021 veröffentlichte der australische Genozidforscher Dirk Moses im Online-Magazin Geschichte der Gegenwart einen Artikel unter dem Titel Der Katechismus der Deutschen (eine Referenz auf eine gleichnamige Schrift Heinrich von Kleists). Darin behauptete er, die deutsche Erinnerungskultur bestehe wie ein religiöser Katechismus aus mehreren Dogmen, denen zu widersprechen als Häresie behandelt werde. Damit löste Moses eine Debatte im deutschen Feuilleton und in der Fachwelt aus.Für eine Übersichtsliste mit Links siehe hier Sie wird zumeist im Zusammenhang oder als neue Stufe älterer Debatten um die deutsche Erinnerungskultur und den Antisemitismus (etwa mit der Antisemitismusdebatte um Achille Mbembe) betrachtet. So meint etwa Michael Wildt, die Diskussion um Moses’ Artikel knüpfe an vorherige gesellschaftliche Debatten (wie etwa die Mbembe-Debatte, die Rückgabe kolonialer Kunstgegenstände, die Anerkennung des Völkermords an den Herero und Nama, den BDS-Beschluss sowie Michael Rothbergs Buch Multidirektionale Erinnerung) an. In diese „recht aufgeladene, mehrschichtige Diskussion“ sei wie eine Bombe Moses' Artikel geplatzt. Für Urs Lindner beginnt der Historikerstreit 2.0 bereits mit der Antisemitismusdebatte um Mbembe. Moses selber erklärte, er habe den Katechismusartikel u. a. geschrieben, weil er sich über die Mbembe-Debatte sowie die Reaktionen auf Rothbergs Multidirektionale Erinnerung geärgert habe. Laut Moses selber sei er auch nicht der erste, der den Katechismus kritisiert habe; Moses verweist auf Stephan Detjen, der bereits im Mai 2020 (damals im Bezug auf die Debatte um Mbembe) Ähnliches geäußert habe.
Als Grund für das Ausbrechen der Debatte zur jetzigen Zeit wird unter anderem die Globalisierung genannt.Weiter mögliche Erklärungsansätze, die den Streit gesellschaftspolitisch erklären, stellt resümierend Felix Axster vor (vgl. Felix Axster: Streiten wofür? (Dis)-Kontinuitäten in erinnerungspolitischer Konstellationen, in: Meron Mendel (Hrsg.): Singularität im Plural. Kolonialismus, Holocaust und der zweite Historikerstreit, Weinheim/Basel 2023, insb. S. 43–45) Natan Sznaider nennt explizit auch die Einbettung der Erinnerung in einen europäischen Kontext sowie die Anforderung einer neuen, migrantisch geprägten Gesellschaft:
Moses’ Thesen mini|Dirk Moses
Moses diagnostiziert der deutschen Erinnerungskultur einen fünfteiligen Katechismus, der von „selbsternannten Hohepriestern“ bewacht werde. Der Katechismus der Deutschen bestehe – so Moses – aus fünf Überzeugungen: Der Holocaust sei einzigartig, weil dort die uneingeschränkte Vernichtung nur um der Vernichtung willen geschehen sei, während andere Genozide aufgrund „pragmatischer und begrenzter Ziele“ unternommen worden seien. Die Erinnerung an den Holocaust als Zivilisationsbruch bilde das moralische Fundament der deutschen Nation, häufig auch der europäischen Zivilisation. Deutschland trage gegenüber den Juden in Deutschland und dem Staat Israel eine besondere Verantwortung und sei letzterem zu Loyalität verpflichtet. Antisemitismus sei ein Ideologem und Vorurteil sui generis, das spezifisch deutsch ist. Er soll nicht mit Rassismus gleichgesetzt werden. Antizionismus sei Antisemitismus.
Laut Moses hat der neue Katechismus im Zuge verschiedener Debatten, darunter des Historikerstreits und der Goldhagen-Debatte, zunehmend einen älteren, konservativen Katechismus abgelöst. Dies habe auch daran gelegen, dass Deutschlands geopolitische Legitimität von der Akzeptanz des neuen „im Austausch mit amerikanischen, britischen und israelischen Eliten ausgehandelte[n] Katechismus“ abhing. Seit dem neuen Katechismus sei der Holocaust für Millionen Deutsche ein „heiliges Trauma“, das nicht durch andere Ereignisse „kontaminiert“ werden dürfe. Die „erinnerungspolitische Orthodoxie“, zu denen Moses auch den Antisemitismusbeauftragten der Bundesregierung zählt, halte immer nach „antisemitischer Häresie und Glaube an den alten Katechismus“ Ausschau. Als Beispiel führt Moses den BDS-Beschluss der Bundesregierung vom 17. Mai 2019 an. Dieser Katechismus werde der neuen, migrantisch geprägten Gesellschaft nicht mehr gerecht. Der Holocaust sei Teil vieler Geschichten: „des Antisemitismus, der massenhaften Versklavung, von Aufständen in den Kolonien und von Vertreibungen, um nur einige Beispiele zu nennen.“ Für Moses verdeckt der Holocaust andere Verbrechen: „Deutsche Eliten instrumentalisieren den Holocaust, um andere historische Verbrechen auszublenden.“
Der Katechismus habe zwar viele positive Wirkungen gehabt, etwa bei der Entnazifizierung. Deutschland aber habe sich verändert und jetzt gefährde er die Freiheit. Es sei Zeit, diesen Katechismus zu verabschieden und die Frage nach historischer Gerechtigkeit unter Einbezug aller Opfer („auch BPoC, inkl. Juden und Jüdinnen und Muslime und Muslimas, Einwander:innen und ihre Nachfahren“) neu zu verhandeln.
Debatte im Blog New Fascism Syllabus Die ersten Reaktionen zu Moses’ Artikel folgte im Blog New Fascism Syllabus, wo sich verschiedene, insbesondere englischsprachige Historiker äußerten. Einige der Debattenbeiträge wurden in deutschen Übersetzungen auch auf Geschichte der Gegenwart veröffentlicht. Die Reaktionen waren gemischt, aber im Grundton eher positiv. Viele Autoren stimmten großen Teile Moses’ Argumentation zwar zu, meinten aber, es brauche mehr Differenzierung.Johannes von Moltke: Polemik und Provokation, in: Geschichte der Gegenwart, 6. Juni 2021. Helmut Walser Smith hingegen äußerte sich dezidiert kritisch und stimmte zumindest partiell dem Urteil von Patrick Bahners zu, Moses sei ein „Sieferle von links“. Mehrfach kritisiert wurde Moses’ Kritik an der Bewegung, die sich für Gedenken und Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen engagiert hätte. Diese von Moses manchmal als „68er“, manchmal als „Eliten“ oder „Hohepriester“ benannte Bewegung sei, wie Helmut Walser Smith schreibt, eine viel breitere, soziale Bewegung gewesen, als Moses es impliziert habe. Moses’ religiöse Wortwahl (etwa der Begriff Katechismus, der aus christlichen Kontexten stammt) wurde von mehreren Autoren kritisiert (etwa von Paula-Irene Villa Braslavsky und Bill Niven). Am 15. Juni schaltete sich Moses mithilfe eines neuen Beitrags auf dem Blog in die Debatte ein. Am 16. Juni wurde die Debatte innerhalb des Blogs von der Koordinatorin und Herausgeberin des Blogs, Jennifer Evans, für beendet erklärt. Insgesamt erschienen mit Evans’ Endbeitrag 21 Beiträge. Sie dauerte vom 25. Mai bis zum 16. Juni.
Debatte im deutschen Feuilleton Nach der größtenteils akademischen Debatte um Moses Thesen verlief die Debatte schnell auch in den Feuilletons. Einzelne Journalisten, etwa Alan Posener, Jürgen Kaube, Thomas Schmid und Vojin Saša Vukadinović mischten sich in die Diskussion ein. Vielfach beteiligten sich Historiker in Gastbeiträgen oder Kolumnen für wichtige deutschsprachige Zeitungen: Kritisch äußerten sich insbesondere Norbert Frei in der Süddeutschen Zeitung, im Juli 2021 Dan Diner in der FAZ und Saul Friedländer in der Zeit sowie Götz Aly im Deutschlandfunk Kultur. Auch Dirk Moses veröffentlichte am 17. Juli 2021 einen Gastbeitrag in der Zeit. Eher unterstützend zu ihm äußerten sich weiter Michael Rothberg und Jürgen Zimmerer in der Zeit. Auch Habermas bezog am 9. September 2021 in einem Beitrag im Philosophie Magazin Stellung, worauf Dirk Moses wiederum am 25. September in der Berliner Zeitung antwortete.
Die ersten Buchpublikationen Im Herbst 2021 argumentieren Ali Tonguç Ertuğrul, Sabri Deniz Martin und Vojin Saša Vukadinović in einem Aufsatz, Moses sei im Kontext der Modernisierung antiimperialistischer Ideologie zu lesen und schreibe für ein ganzes Milieu, das sich durch historisches Unwissen bezüglich des Holocaust und ideengeschichtliches Desinteresse an menschheitsgeschichtlichen Zäsuren auszeichne. Im Frühjahr 2022 erschienen die ersten eigenständigen Buchpublikationen zum Thema. Im Januar versammelte der Band Ein Verbrechen ohne Namen Texte von Saul Friedländer, Norbert Frei, Sybille Steinbacher, Dan Diner und Jürgen Habermas, die sich allesamt kritisch zu den Thesen Moses’ äußern. Bei den Texten handelt es sich – bis auf Steinbachers Text, der ein Originalbeitrag ist – um erweiterte und bearbeitete Verfassung bereits veröffentlichter Texte. Auch Charlotte Wiedemanns Den Schmerz der Anderen begreifen. Holocaust und Weltgedächtnis wurde im Zusammenhang mit der Debatte rezipiert. Natan Sznaider veröffentlichte mit seinem Werk Fluchtpunkte der Erinnerung: Über die Gegenwart von Holocaust und Kolonialismus einen weiteren Debattenbeitrag.
Documenta15 Eine weitere Verstärkung erhielt das Thema durch den Antisemitismusskandal der documenta 15. Einige Beobachter stellten beide Themenkomplexe – Moses’ Katechismustext und den Eklat – in einen Zusammenhang. Für Hanno Hauenstein und Eyal Weizman war die documenta-Debatte im Subtext auch stets eine Mitverhandlung der „Bedingungen des Vergleichs und der Verschränkung der Erinnerung an den Holocaust mit der Erinnerung an koloniale Gewaltverbrechen“. (zum Skandal siehe Documenta fifteen#Antisemitismuseklat)
„Historiker streiten“ und Wiedemann-Kontroverse