Als Indifferenzgeschäft wird in der Bankbetriebslehre und im Bankwesen eine Produktgruppe von Finanzprodukten bezeichnet, bei denen Kreditinstitute Bankgebühren vereinnahmen.
Allgemeines Jedes Bankgeschäft lässt sich einer der drei Kategorien zuordnen, dem Zinsgeschäft, Finanzkommissionsgeschäft oder Indifferenzgeschäft. Letzterem wird eine Vielzahl höchst unterschiedlicher Dienstleistungen zugerechnet, deren Entgelt in einer Stückgebühr besteht.Erich Priewasser, Bankbetriebslehre, 1994, S. 352 Bei indifferenten Bankgeschäften gewähren die Kreditinstitute weder Kredit noch nehmen sie Bankguthaben an. Sie werden insbesondere im Rahmen der Allfinanz in erheblichem Umfang als Dienstleistungsunternehmen tätig (Indifferenzgeschäfte).Jürgen Krumnow/Ludwig Gramlich (Hrsg.), Gabler Bank-Lexikon: Bank – Börse – Finanzierung, 2020, S. 855
Geschichte Ersichtlich zum ersten Mal tauchte der Begriff der indifferenten Bankgeschäfte 1910 auf.Deutscher Verband für das Kaufmännische Unterrichtswesen (Hrsg.), Zeitschrift für das gesamte kaufmännische Unterrichtswesen, Bände 13 – 14, 1910, S. 230 1911 erwähnte ihn Eugen Philippovich von Philippsberg im Rahmen der Volkswirtschaftslehre,Eugen von Philippovich, Grundriss der politischen Ökonomie, Band 1, S. 329 1923 folgte Johannes Conrad.Johannes Conrad, Grundriss zum Studium der politischen Ökonomie, Teil 1, 1923, S. 215 Georg Obst definierte diese 1923 als Geschäfte ohne Kredit von einer Bank oder ohne Kredit an eine Bank.Georg Obst, Das Bankgeschäft, Band 2, 1923, S. 73 Im Jahre 1926 erwähnten ihn zwei Publikationen.Robert Deumer, Die Verstaatlichung des Kredits, 1926, S. 52Farkas Heller, Nationalökonomie (Theorie und Geschichte), 1926, S. 76 Melchior Palyi ging 1933 auf die indifferenten Bankgeschäfte ausführlich ein.Melchior Palyi/Paul Quittner, Handwörterbuch des Bankwesens, 1933, S. 70 Sie sind Geschäfte ohne Risiko für die Banken.Droemer Knaur (Hrsg.), Knaurs Konversations-Lexikon, 1934, S. 641 Wilhelm Kalveram teilte die Indifferenzgeschäfte in „Wertübertragungen“ (Zahlungsverkehr), „Wertumwandlungen“ (An- und Verkauf von Devisen, Edelmetallhandel, Effekten, Sorten), „Wertverwaltung“ (Depotgeschäft) und „Wertaufbewahrung“ (Bankschließfach). Da sie weder Aktiv- noch Passivgeschäfte darstellten, seien sie indifferente Bankgeschäfte. Wilhelm Kalveram, Bankbetriebslehre, Teil I, 1950, S. 15
Einteilung In der Bankbetriebslehre wird folgende Einteilung vorgenommen:Erich Priewasser, Bankbetriebslehre, 1994, S. 399
Kategorie Produktgruppe Bankgeschäfte Preis Zinsgeschäft Aktivgeschäft Passivgeschäft Kreditgeschäfte: Geldleihe: Anschaffungskredit, Bau- und Immobilienfinanzierung, Dispositionskredit, Konsumkredit, Lombardkredit Unternehmensfinanzierung: Investitionskredit, Kontokorrentkredit Corporate Finance: Emissionsgeschäft, Konsortialkredite Kommunalkredite Kreditleihe: Avalkredite, Akkreditive Einlagengeschäft: Sichteinlagen, befristete Einlagen, Spareinlagen, Spar(kassen)briefe Kreditzinsen, Sollzinsen, Überziehungszinsen Habenzinsen Finanzkommissionsgeschäft Effektengeschäft Wertpapierdepotgeschäft, Wertpapierhandel, Wertpapierorders Provisionen Indifferenzgeschäft Zahlungsverkehr Beratung Inkassogeschäft bargeldloser Zahlungsverkehr: Inlandszahlungsverkehr, Auslandszahlungsverkehr Barauszahlungen, Bareinzahlungen Verwahrungsgeschäft: Bankschließfach Anlageberatung, Financial advisory, Financial Engineering Dokumenteninkasso Bankgebühren: Bearbeitungsgebühren, Buchungspostengebühren, Depotgebühren, Kontoführungsgebühren Beratungsgebühren Inkassogebühren
Das Zinsgeschäft setzt sich aus dem Passivgeschäft (Bankguthaben jeder Art) und dem Aktivgeschäft (Kreditgeschäft) zusammen. Im Passivgeschäft erhält der Kunde einen Habenzins auf seine Geldanlagen, der niedriger ist als der Kreditzins, den Kreditinstituten bei Kapitalnachfrage auf dem Kapitalmarkt bezahlen müssten. Im Hinblick darauf wird der Bankenmarkt mit Bankkunden als Primärmarkt, der Kapitalmarkt als Sekundärmarkt bezeichnet. Im Aktivgeschäft zahlt der Kreditnehmer einen Kreditzins auf seine Kreditschuld, der höher ist als der Zins, den die Bank bei Kreditvergabe am Kapitalmarkt erhalten würde. Die Banken erhalten am Kapitalmarkt im Regelfall günstigere Zinskonditionen, weil sie die betragsmäßig höheren Geschäfte abschließen und weil sie eine gute bis sehr gute Bonität nachweisen können.
Zahlungsverkehr kann zwar durch das Zinsgeschäft oder das Finanzkommissionsgeschäft ausgelöst werden, doch hauptsächlich dient er der Zahlung zwischen Zahlungspflichtigem und Zahlungsempfänger. Jede Art der Bankberatung (Anlageberatung, Financial advisory, Financial Engineering) gehört zu den Indifferenzgeschäften.
Wirtschaftliche Aspekte „Indifferent“ (, „unbestimmt“, „weder das eine noch das andere“Ursula Hermann, Knaurs etymologisches Lexikon, 1983, S. 212; ISBN 3426260743) bedeutet in diesem Zusammenhang, dass diese Bankgeschäfte weder dem Kreditgeschäft oder dem Einlagengeschäft noch dem Kommissionsgeschäft zuzuordnen sind. Letzteres wird zuweilen auch zu den indifferenten Bankgeschäften gezählt. Indifferente Bankgeschäfte haben die Besonderheit, dass sie sich unmittelbar nicht in einer Bilanzposition niederschlagenBeat Hotz-Hart/Daniel Schmucki/Patrick Dämmler, Volkswirtschaftslehre der Schweiz, 2006, S. 457; ISBN 978-3728135247 und deshalb keine Bilanzwirksamkeit entfalten.Martin Keller, Die Organisation der Bank: Ein Beitrag zur praktisch betriebswirtschaftlichen Organisationslehre, 1954, S. 13 Große Teile des Investment-Banking und vom Corporate Finance sind indifferente Geschäfte, bei denen die Kreditinstitute eine Informationstransformation vornehmen,Joachim Storck, Mergers & Acquisitions, 1993, S. 165 also beratend tätig sind.
In der Bankkalkulation gehören die vereinnahmten Gebühren folglich zu den Betriebserlösen der Betriebssphäre.
Einzelnachweise
Kategorie:Bankwesen Kategorie:Betriebswirtschaftslehre Kategorie:Rechnungswesen Kategorie:Spezielle Betriebswirtschaftslehre