mini|Ute Mohrmann (2019)|alternativtext=Ute Mohrmann sitzt in einem Zug und schaut direkt in die Kamera. Sie hat kurzes helles Haar und eine schwarze Brille. Ihr beiger Schal ist locker geknotet, sie trägt ein weißes Hemd und ein dunkles Oberteil, darüber einen hellen beigen Mantel. Ute Mohrmann (geboren am 1. Juli 1938 in Gera als Ute Kalkof) ist eine deutsche Ethnologin und Professorin für Ethnographie. Sie war Mitarbeiterin und Leiterin des Bereichs Ethnographie der Humboldt-Universität zu Berlin.
Leben und Forschung Ute Mohrmann wurde 1956 von der Oberschule an die Arbeiter-und-Bauern-Fakultät der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg delegiert und legte 1957 die Reifeprüfung ab. Daraufhin begann sie ein Studium der Volkskunde und Kunstgeschichte an der Humboldt-Universität zu Berlin (HUB), das sie 1961 als Diplom-Ethnographin abschloss. Vor ihrer Aufnahme in die planmäßige Aspirantur war Mohrmann in den Jahren 1961 und 1962 wissenschaftliche Assistentin bei Dozentin Waltraud Woeller am Institut für Völkerkunde und Deutsche Volkskunde der HUB. Nach ihrem Eintritt in die SED 1960 war sie daneben von 1961 bis 1963 Parteisekretärin einer Grundorganisation (GO). Von 1965 bis 1968 folgte eine Assistenz bei Pawoł Nedo am Institut der HUB. Im Oktober 1966 wurde sie bei Woeller und Nedo im Fach Ethnographie/Volkskunde magna cum laude promoviert. Das Thema ihrer Dissertation lautete Die Entwicklung des bildnerischen Volksschaffens in Berlin von 1945 bis zur Gegenwart: Eine Untersuchung zur Durchsetzung der sozialistischen Kulturrevolution.
Während einer Oberassistenz von 1968 bis 1980 bei Vakanz des volkskundlichen Lehrstuhls im Bereich Ethnographie (umbenanntes Institut) der HUB erhielt Mohrmann 1974 die facultas docendi. 1980 folgte die Promotion B zur Dr. sc. phil. im Fachgebiet Ethnographie/Volkskunde an der HUB mit einer Arbeit Zur Geschichte des künstlerischen Volksschaffens in der Deutschen Demokratischen Republik – Werdegang und Entwicklungsprobleme des bildnerischen Volksschaffens (Gutachter: Wolfgang Jacobeit, Pawoł Nedo, Horst Oeser, Peter H. Feist). Von September 1980 bis 1986 war Mohrmann Hochschuldozentin für Ethnographie/Volkskunde an der Sektion Geschichte der HUB.
In den Jahren 1974–1989 war sie Mitglied der Internationalen Kommission der ethnographischen Gegenwartsforschung sozialistischer/osteuropäischer Länder. Von 1979 bis 1984 stand der Bereich Ethnographie der HUB unter Mohrmanns Leitung, und 1984–1988 war sie stellvertretende Direktorin für Forschung der Sektion Geschichte an der HUB, wo sie im September 1986 auf eine ordentliche Professur für Ethnographie/Volkskunde (1993 abgewickelt) berufen wurde. Von 1989 bis 1992 leitete Mohrmann den Bereich Ethnographie und war bis zur Abwicklung ihrer Professur 1993 an dem in Gründung befindlichen Institut für Europäische Ethnologie der HUB angestellt. Zwischenzeitlich und danach hatte sie bis zu ihrer Berentung 1998 Lehraufträge und Vertretungsprofessuren an den Universitäten Wien, Marburg und Kiel. 2005 und 2007 nahm Mohrmann Lehraufträge am Institut für Europäische Ethnologie der HUB wahr.
Ute Mohrmann ist mit dem Historiker Walter Mohrmann (geb. 1939) verheiratet, der Sekretär für Agitation und Propaganda der SED-Kreisleitung sowie Dozent für Deutsche Geschichte und Leiter der Forschungsstelle für Universitätsgeschichte an der Sektion Geschichte der Humboldt-Universität zu Berlin war.
Forschungsgebiete Sie forschte beispielsweise zur Festkultur der Nachkriegszeit und zur Rolle öffentlicher Feiern und Feste in der DDR sowie zu ritualisierten Lebensstationen von der Geburt bis zum Tod. Traditionen, Festerfindungen und Ersatzrituale waren Ausdruck der spezifischen Gesellschaftsverfassung der DDR und der konkreten Lebensstile der Bevölkerung. Die Festentwicklung in den einzelnen DDR-Jahrzehnten erfährt bei Ute Mohrmann Wertung im kulturpolitischen Kontext.
In den Nachkriegs- und ersten 1950er Jahren wurden Volksmusik und Volkstanz als wichtige Bestandteile der Festkultur stark von sowjetischen folkloristischen Vorbildern geprägt. Zunehmend manifestierte sich dagegen seit Mitte des Jahrzehnts und während der 1960er Jahre eine politische Repräsentationskultur mit einer monumentalen Festästhetik. Zugleich avancierte die „Arbeiterklasse“ zum Träger eines neuen Festzyklus, wie der Betriebs- und Arbeiterfestspiele. Die Belastungen des Arbeitsalltags stimulierten nicht zuletzt in breiten Schichten die „Lust auf Feste“. Für die 1970er Jahre war eine erneute Folklorisierung der öffentlichen Festkultur angesagt. Nach politischem Konzept sollte die Besinnung auf regionale Traditionen, auf „DDR – meine Heimat“ eine neue Identität, eine Geborgenheit in der geschlossenen Gesellschaft der DDR geschaffen werden. Die massenhafte Annahme des prall gefüllten und bunten Festkalenders vermittelte Gemeinschaftserlebnisse, fand sich im privaten Bereich allerdings nicht gleichermaßen wider. Ebenso wurden die überorganisierten Angebote von Ehrentagen und ritualisierten Lebensstationen, wie etwa Aufnahme als Jungpionier, Fest der Volljährigkeit oder Beginn der Facharbeiterlehre in der Privatsphäre weniger mitgetragen. Eine bemerkenswerte Ausnahme spielte die Jugendweihe. Im letzten Jahrzehnt der DDR wurden bei der Rezeption von Feiern und Festen verstärkt generationenspezifische, soziale und politische Unterschiede sichtbar. Die Festkultur bewegte sich schließlich zwischen Annahme, Unbehagen und Protest.
Auszeichnungen hochkant|mini|alt=Scan einer Urkunde mit folgendem Text: Die Gemeinde Bad Saarow dankt Frau Professor Ute Mohrmann für ihr langjähriges Engagement zum Wohle des Kurortes Bad Saarow und würdigt ihre Verdienste mit der Eintragung in das Ehrenbuch der Gemeinde Bad Saarow. Im unteren Bereich sind Datum und Unterschriften zu sehen.|Ehrenurkunde der Gemeinde Bad Saarow 1975 Johannes R. Becher-Medaille des Kulturbundes der DDR in Bronze, 1984 in Silber 1983 Preis für künstlerisches Volksschaffen der DDR II. Klasse 2015 Urkunde der Brandenburgischen Frauenwoche 2016 Urkunde und Eintrag ins Ehrenbuch der Gemeinde Bad Saarow
Mitgliedschaften Ute Mohrmann trat 1970 dem Kulturbund der DDR bei und gehörte ab 1972 dessen Bezirksleitung Berlin an. Sie war von 1976 bis 1984 Vorsitzende der Zentralen Arbeitsgemeinschaft Bildnerisches Volksschaffen beim Zentralhaus für Kulturarbeit und von 1976 bis 1990 Mitglied des Zentralen Fachausschusses Kulturgeschichte/Volkskunde der Gesellschaft für Heimatgeschichte beim Kulturbund der DDR. Von 1981 bis 1990 war sie Mitglied der Kulturbund-Fraktion der Volkskammer der DDR.Ute Mohrmann: Zur Volkskunst und zum Laienschaffen in der DDR. In: Jahrbuch für Kulturpolitik 2015/16 Transformatorische Kulturpolitik. transcript Verlag 2016, ISBN 978-3-8394-3512-0, S. 133.
1987–1989 Mitglied des Executive board der Société Internationale d’Ethnologie et de Folklore en Europe 1989–2021 Mitglied der Kulturinitiative ’89 e. V. 1990–1993 Mitglied des Vorstandes der Gesellschaft für Ethnographie e. V., weiterhin Mitglied des Vereins 1992–1994 Mitglied einer Projektfachgruppe am Adolf-Grimme-Institut, Medieninstitut des Deutschen Volkshochschulverbandes e. V., Ressort DDR-Alltag/Biographieforschung Seit 1990 Mitglied der Deutschen Gesellschaft für Volkskunde e. V. und der Thüringer Vereinigung für Volkskunde e. V. 2014–2022 Vorsitzende/Mitglied der Initiativgruppe Amateurkunst beim Kunstverein MAL-HEURE e. V.
Ausstellungen (Auswahl) 1999–2016 Mitarbeit an Ausstellungen zur Regional- und Ortsgeschichte in Eisenhüttenstadt und Bad Saarow 2002–2016 Jurymitglied und -vorsitzende der bundesweit ausgeschriebenen Ausstellung behinderter Menschen „Ermutigung“ in Fürstenwalde 2015–2018 Kuratorin von Ausstellungen des bildnerischen Volksschaffens/der Freizeitkunst der DDR in Fürstenwalde, Eisenhüttenstadt und Berlin
Veröffentlichungen (Auswahl) Monografien Zur Geschichte des künstlerischen Volksschaffens in der Deutschen Demokratischen Republik: Werdegang und Entwicklungsprobleme des bildnerischen Volksschaffens. Humboldt-Univ., Diss. B, 1980. Engagierte Freizeitkunst: Werdegang und Entwicklungsprobleme des bildnerischen Volksschaffens in der DDR. Verlag Tribüne, Berlin 1983 (zugleich: Dissertation, Humboldt-Universität, 1966, u. d. T. Die Entwicklung des bildnerischen Volksschaffens in Berlin von 1945 bis zur Gegenwart: Eine Untersuchung zur Durchsetzung der sozialistischen Kulturrevolution). Ethnographie in der DDR: Rückblicke auf die Fachgeschichte. Panama Verlag, Berlin 2018, ISBN 978-3-938714-63-8.
Herausgeberschaften/Sammelbände mit Wolfgang Jacobeit: Kultur und Lebensweise des Proletariats. Kulturhistorisch-volkskundliche Studien und Materialien. Berlin 1973. FrauenAlltag im östlichsten deutschen Osten: Eisenhüttenstadt (= Berliner Blätter. Sonderh. 47.) Lit, Münster/Hamburg/Berlin/London 2008, ISBN 978-3-8258-1674-2. Beiträge zur ethnographischen Gegenwartsforschung. Thematisches Heft der EAZ 1/1986 mit Wolfgang Nahrstedt, Willy Kesper und Dietrich Dreiling: Die Altmark. Neues Reisen in Europa: Chancen für die Umwelt und Kultur? Erste Bielefelder und Salzwedeler Tourismustage 1990. Bielefeld 1991, ISBN 3-926499-21-4. Geschichte der Völkerkunde und Volkskunde an der Berliner Universität – Zur Aufarbeitung des Wissenschaftserbes (= Beiträge zur Geschichte der Humboldt-Universität zu Berlin. Nr. 28). Berlin 1991, S. 90. mit Wolfgang Jacobeit Beiträge zur Geschichte der Volkskunde. Eine Wissenschaft im Widerspruch zwischen Leistung und Versagen. In: Wissenschaftliche Zeitschrift der Humboldt-Universität zu Berlin. Nr. 11, Berlin 1991. mit Wolfgang Kaschuba: Blick-Wechsel Ost-West. Beobachtungen zur Alltagskultur in Ost- und Westdeutschland. Tübinger Vereinigung für Volkskunde, Tübingen 1992, ISBN 3-925340-79-3. mit Leonore Scholze-Irrlitz, Sigrid Jacobeit: FrauenAlltag im östlichsten deutschen Osten: Eisenhüttenstadt (= Berliner Blätter. Ethnographische und ethnologische Beiträge. Heft 47). Lit, Münster/Hamburg/Berlin/London 2008, ISBN 978-3-8258-1025-2.
Beiträge/Aufsätze DDR-Alltag als volkskundliches Forschungsfeld? Eine Frage im wissenschaftsgeschichtlichen Kontext. In: Wissenschaftliche Zeitschrift der Humboldt-Universität zu Berlin (= Gesellschaftswissenschaften. Bd. 10). 1989, S. 1059–1066. Volkskunde an der Humboldt-Universität zu Berlin von 1952 bis 1986 – Standortfindung, Konsolidierung und Profilierung der Volkskunde als einer Spezialdisziplin der Ethnographie. In: Olaf Bockhorn, Gertraude Liesenfeld (Hrsg.): Volkskunde in der Hanuschgasse. 25 Jahre Institut für Volkskunde der Universität Wien. Institut für Volkskunde der Universität Wien, Wien 1989, S. 153–169. Sitten und Bräuche im Lebenslauf der DDR-Bürger. In: Abhandlungen und Berichte des Museums für Völkerkunde Dresden. Bd. 44, Berlin 1990, S. 437–446. Der Erste Mai in der DDR. Zum Wandel der politisch-kulturellen Festform. In: Wolfgang Kaschuba, Gottfried Korff, Bernd-Jürgen Warneken (Hrsg.): Arbeiterkultur seit 1945: Ende oder Veränderung? Tübingen 1991, S. 307–312. Volkskundliche Universitätsausbildung für Museumspraktiker der DDR. In: Wissenschaftliches Kolloquium. Alltagsgeschichte in ethnographischen Museen. Möglichkeiten der Sammlung und Darstellung im internationalen Vergleich. hrsg. v. Staatliche Museen zu Berlin. Berlin 1991, S. 15–17. mit Wolfgang Nahrstedt, Willy Kesper und Dietrich Dreiling: Die Altmark. Neues Reisen in Europa: Chancen für die Umwelt und Kultur? Erste Bielefelder und Salzwedeler Tourismustage 1990. Bielefeld 1991. mit Walter Rusch Vier Jahrzehnte Ethnographie an der Humboldt-Universität zu Berlin. In: Ute Mohrmann (Hrsg.): Geschichte der Völkerkunde und Volkskunde an der Berliner Universität –zur Aufarbeitung des Wissenschaftserbes. Beiträge zur Geschichte der Humboldt-Universität zu Berlin, Berlin 1991, S. 61–72.