Hemerobaptisten (; Singular: ἡμεροβαπτιστής hēmerobaptistḗs) waren eine kleine jüdische Gruppierung, die nur in spätantiken christlichen Quellen belegt ist.Martin Goodman: A History of Judaism. From Its Origins to the Present. Princeton University Press, Princeton/Oxford 2018, S. 201: “The Essenes practised daily ablutions, as did presumably the Hemerobaptists (‘Daily Bathers’), a Jewish group in the first century known only from references in later Christian texts.” Die historischen Verhältnisse sind schwer einschätzbar.Vgl. Yonder Moynihan Gillihan: Art. Sectarianism. In: Loren T. Stuckenbruck, Daniel M. Gurtner: T&T Clark Encyclopedia of Second Temple Judaism Volume Two. Bloomsbury-Verlag, 2019, ISBN 978-0-567-66095-4, S. 719, auf books.google. de : “In some instances, scholars include so-called ‘minor sects’ for which there is less reliable evidence, such as those to which sources refer to as Ḥavurot, Bana'im, Hypsistarians, Hemerobaptists, and Maghāriya.” Gelegentlich wird die Identifikation mit einer Gruppe erwogen, die in der rabbinischen Literatur genannt wird.Tosefta Yadayim 2:9, 2:20 Judith R. Baskin: Ablution. Encyclopaedia Judaica 2008 : “The tovelei shaḥarit ("morning bathers") mentioned in Tosefta Yadayim 2:20 perhaps may be identified with the latter [= hemerobaptists] but more likely were an extreme group within the general Pharisaic tradition”Herbert W. Basser, Marsha B. Cohen: The Gospel of Matthew and Judaic Traditions. A Relevance-based Commentary. Koninklijke Brill, Leiden 2015, ISBN 978-90-04-29178-2, auf mis.kp.ac.rw hier S. 73, Fußnote 3Saul Lieberman: Light on the Cave Scrolls from Rabbinic Sources. Proceedings of the American Academy for Jewish Research, (1951) 20, 395, doi:10.2307/3622176 hier S. 401Elliot N. Dorff, Arthur Rossett: Living Tree. A: The Roots and Growth of Jewish Law. Suny Press, New York 1987, S. 179, mit Verweis auf: Tosefta Jadajim, Ende; Berachot, 22a. Ähnlich wie die Essener vollzogen ihre Angehörigen täglich kultische Reinigungen. Die Entstehung der Hemerobaptisten wird – analog zu den Essenern – im 2. und 1. Jahrhundert v. Chr. vermutet. In jener Zeit der Antike, um den Beginn der christlichen Zeitrechnung herum, differenzierten sich innerhalb des jüdischen Glaubens verschiedene strengreligiöse Gruppen aus, in deren theologischen Annahmen (Theologeme) eine „messianische Naherwartung“ und eine deutliche Kritik am „unreinen Tempelkult in Jerusalem“ geäußert wurden.Norbert Copray: Der Messias, die fromme Szene und das Reich Gottes. Z. kritischer Christen 4 (1995), S. 23.
Dabei bleibt die Quellenlage auf Aufzeichnungen beschränkt, die nicht von den Sektenmitgliedern der Hemerobaptisten selbst verfasst wurden. Ebenso wage bleibt die hebräische Eigenbezeichnung, denn es ist historisch nicht belegt, ob sich die Gruppe auch der in der rabbinischen Literatur wiedergegebenen Bezeichnung bedient hatte.
Geschichtlicher Hintergrund In der Zeit des seleukidischen Herrschers Antiochos IV. Epiphanes (175 bis 164 v. Chr.) und des jüdischen Makkabäeraufstandes (167 bis 142 v. Chr.) entwickelte sich die anti-hellenistische jüdische Bewegung, der Hasidäer, (zu , Plural ) aus dieser Bewegung und weiteren Einflüssen entstanden in der Folge und dem späteren Geschichtsverlauf, eine Vielzahl an diversen jüdischen Sekten und Gruppierungen.Jan Assmann: Martyrium, Gewalt, Unsterblichkeit. Die Ursprünge eines religiösen Syndroms. In: Jan-Heiner Tück (Hrsg.): Sterben für Gott – Töten für Gott? Religion, Martyrium und Gewalt. Freiburg 2015, S. 122-147, auf archiv.ub.uni-heidelberg.de Ernst Haag: Das hellenistische Zeitalter. Israel und die Bibel im 4. bis 1. Jahrhundert v. Chr. (= Band 9, Biblische Enzyklopädie) Kohlhammer, Stuttgart 2003. ISBN 3-17-012338-6, S. 80–87 Antiochos IV. war der Sohn von Antiochos III. und im Gegensatz zu seinem Vater wollte er die hellenistische Kultur mit Gewalt etablieren, so wandelte er den Jerusalemer Tempel in eine Kultstätte des mit dem Zeus gleichgesetzten Baals um und verbot rigoros und unerbittlich jüdische Gebräuche und sogar den Besitz von Torarollen.Susanne Galley, Anja Kurths, Katharina Hoba, Helga Völkening: Die Hebräische Bibel. Eine Einführung. Wbg, Darmstadt 2004, S. 92 Der Makkabäeraufstand stand unter der Führung des, aus einem hohepriesterliche Geschlecht stammenden, Mattatias, nach ihrem Sieg führte insbesondere Judas Makkabäus, einer seiner Söhne, die militärische Auseinandersetzung weiter. Flavius Josephus nennt einige, so werden neben den Pharisäern etwa die Sadduzäer, die Essener und Widerstandsgruppen, wie die Zeloten und Sikarier erwähnt.Günter Stemberger: Pharisäer, Sadduzäer, Essener. (= Band 144, Stuttgarter Bibelstudien), Katholisches Bibelwerk, Stuttgart 1991, ISBN 978-3-4600-4441-8.
Für einige dieser jüdischen Sekten war die rituelle Reinheit, Tahara () von großer Bedeutung.
Hemerobaptisten als jüdische Sekte Kurt Rudolph zufolge gab es etwa vom 2. vorchristlichen bis 2. nachchristlichen Jahrhundert und schwerpunktmäßig in Palästina jüdische Einzelpersonen und Gruppen, bei denen das im Judentum übliche Tauchbad besondere Bedeutung gewann. Die von der Tora geforderte Reinheit wurde radikaler verstanden.Arnold Angenendt: Reinheit und Unreinheit. Anmerkungen zu „Purity and Danger“. In: Peter Burschel, Christoph Marx (Hrsg.): Reinheit. Böhlau, Wien/Köln/Weinmar 2011, S. 48–73. Tauchbäder waren Teil einer asketischen Praxis und konnten magisch-sakramental aufgewertet werden. Genaueres lässt sich über diese jüdische Täuferbewegung nicht aussagen.Kurt Rudolph: Antike Baptisten. Zu den Überlieferungen über frühjüdische und frühchristliche Taufsekten. Leiden 1996, S. 571 f.
In der Untersuchung von Marcel Simon (1964)Marcel Simon: Die jüdischen Sekten zur Zeit Christi. Benziger Verlag, Einsiedeln/Zürich/Köln 1964, S. 86 f, 88 wird u. a. darauf hingewiesen, dass der frühchristliche Kirchenschriftsteller Hegesipp (Historia ecclesiastica 4,22,7) sowohl zwischen den Hemerobaptisten als auch Masbothäern unterschieden habe, da er beide in seinen Texten unterschiedlich benannt und kontextuell erwähnt.
Ein Teil dieser Täuferbewegung waren die nur in christlicher häresiologischer Literatur genannten „Baptisten“ (Βαπτισταί) und die mit diesen vorsichtig gleichzusetzenden „Masbothäer“ (Μασβώθεοι), außerdem die „Hemerobaptisten“ (Ἡμεροβαπτισταί). Die ältesten Quellen bieten die Namen und keine weitere Information; dass es sich um häresiologische Konstrukte handelt, ist auch möglich. Epiphanios von Salamis weiß dann über die Hemerobaptisten, dass sie im täglichen Tauchbad, vorzugsweise in fließendem Wasser, die Bedingung für Reinheit und Heiligkeit sahen, die dann auch zum ewigen Leben erforderlich sei.Epiphanios: Panarion 1,17,1-5. Möglicherweise übertrug Epiphanios Informationen über Elkesaiten und Ebioniten auf die Hemerobaptisten, ohne zu letzteren eigene Informationen zu besitzen. Die Apostolischen Konstitutionen (IV,6) schreiben den Hemerobaptisten Reinheitsriten zu, die als pharisäische Praxis genannt werden. Tertullian behauptete sogar, alle Juden praktizierten das tägliche Tauchbad. So verstand er offenbar Mk 7, 3-4.Kurt Rudolph: Antike Baptisten. Zu den Überlieferungen über frühjüdische und frühchristliche Taufsekten. Leiden 1996, S. 574 f. Von den Hemerobaptisten unterscheidet Rudolph, die in der rabbinischen Literatur genannten , da es sich bei letzteren nicht um eine Gruppe gehandelt habe, sondern um einzelne Rigoristen, deren morgendliches Tauchbad durch motiviert war: die Sorge, infolge einer nächtlichen Pollution kultisch unrein geworden zu sein.Kurt Rudolph: Antike Baptisten. Zu den Überlieferungen über frühjüdische und frühchristliche Taufsekten. Leiden 1996, S. 575.
Das wichtigste Merkmal der Hemerobaptisten war der von jedem Einzelnen durchgeführte, kollektive Akt des täglichen Eintauchens in Wasser (Tevila) bzw. eines rituellen Bades (Mikwe). Das Bad wurde jeden Morgen vor dem Gebet durchgeführt, um den Namen Gottes mit einem reinen Körper aussprechen zu können. Unklar bleibt inwieweit Ansprüche an die rituelle Qualität, an das Tauchwasser gestellt wurden, ob es sich um „lebendiges Wasser“ (Lexicon: Strong's H4325 - mayim, auf blueletterbible.org ) handelte, es also „lebendiges, fließendes Wasser“ gewesen sein musste.Michael Rosenkranz: Mikwe – Das Eintauchen in lebendiges Wasser. 31. März 2014, auf talmud.de.
Nach der Didascalia Apostolorum (VI. 6) würden die Hemerobaptisten keine Nahrung am Morgen zu sich nehmen, bis sie gebadet hätten, auch benutzten sie ihre Betten, Tische und Teller nicht, bis sie sich dergestalt gereinigt hätten.Kaufmann Kohler: Hemeobaptists (lit. „morning bathers“). Jewish Encyclopedia
Epiphanios von Salamis (Panarion I. 17) erwähnte die Gruppierung als vierte Ketzerei unter den jüdischen Sekten und ordnet sie doktrinär den Pharisäern zu, von denen sie sich nur darin unterschieden, dass sie wie die Sadduzäer die Auferstehung der Toten leugneten. Nach eben diesem EpiphaniosEpiphanios von Salamis: The Panarion of Epiphanius of Salamis. Book I (sects 1-46), Brill, Leiden 2009, ISBN 978-90-04-17017-9, auf books.google.de hier S. 32 f. wurden, neben den Hemerobaptisten, noch sechs weitere jüdisch-frühchristliche Sekten und Gruppierungen beschrieben, so: Sadduzäer Schriftgelehrten Pharisäer Essener Nazarenerzitiert aus James Parkes: The Conflict of the Curch and the Synagogue. A study in the origins of antisemitism. Meridian Books, Cleveland / New York, The Jewish Publication Society of America, Philadelphia 1961, auf ia802605.us.archive.org hier S. 168–170 HerodianerDianne Bergant: Israel's Story. Part II, Liturgical Press, Collegeville Minnesota 2006, ISBN 978-0-8146-3046-4, S. 94 Weitere Gruppierungen, etwa die Zeloten, Sikarier oder Samaritaner wurden von ihm in diesem Zusammenhang nicht erwähnt.
In den Pseudo-Klementinen (Homilien 2,23)auch als Homilien. Hrsg. von Bernhard Rehm, 1953; verb. Aufl. von Georg Strecker. 1992. ISBN 3-05-000575-0 gilt Johannes der Täufer als extrem negative Gestalt und Lehrer des Simon Magus. Im Zuge seiner Verketzerung wird er in diesem Werk als Hemerobaptist diffamiert.Kurt Rudolph: Antike Baptisten. Zu den Überlieferungen über frühjüdische und frühchristliche Taufsekten. Leiden 1996, S. 575. Den Angaben von Pseudo-Clemens zufolge, sei Dositheus von Samaria, der Gründer einer gnostisch-samaritianischen Sekte, ein Schüler des Johannes des Täufers gewesen (so in den Stromateis). Dabei wurde Johannes als Hemerobaptist beschrieben, eine Hypothese die nach Lahe ahistorisch erscheint, diese könnte aber interpretatorisch durch die Berührung des Dositheos mit den Täufergruppen entstanden sein.Jaan Lahe: Gnosis und Judentum Alttestamentliche und jüdische Motive in der gnostischen Literatur und das Ursprungsproblem der Gnosis. (= Band 75 Nag Hammadi and Manichaean Studies), Brill, Leiden / Bosten 2012, ISBN 978-90-04-20618-2, auf gnosis.study S. 132, Fußnote 529
Die Hemerobaptisten waren Teil weiterer kleinerer jüdischer Sekten, einschließlich der Bana'im auch „Meister, Bauleute“Emanuel Oskar Deutsch: Der Talmud. Aus der siebenten englischen Auflage ins Deutsche übertragen. Ferdinand Dümmlers Verlagsbuchhandlung, Berlin 1869, auf diss-duisburg.de hier S. 22 genannt und der Maghāriya ().
Siehe auch Täufersekte Judenchristen Bannus
Literatur Wilhelm Brandt: „Fünfter Teil. Der Baptismus mit dem Tauchbad zur Sündenvergebung bei den vom Judentum ausgegangenen Sekten“. Die jüdischen Baptismen oder das religiöse Waschen und Baden im Judentum mit Einschluß des Judenchristentums. De Gruyter, Berlin/Boston 1910, S. 50; 86–122. doi:10.1515/9783112324165-007 Robert Eisenman: Jakobus, der Bruder von Jesus. Der Schlüssel zum Geheimnis des Frühchristentums und der Qumran-Rollen. Übersetzung von Ditte und Giovanni Bandini, C. Bertelsmann Verlag, München 1998, ISBN 3-570-00071-0, (Original: James, the brother of Jesus. Faber and Faber, London 1997, ISBN 0-571-17573-2).