mini|Ein Griot der Susu aus Guinea mit einer dreisaitigen bolon. Am oberen Ende ein Rasselblech nyenyemo. Um 1905 Bolon (Bambara in N’Ko-Schrift ߓߐ߬ߟߐ߲), auch bolon bata, bolombata, bolombato, bulumbata, ist eine Stegharfe oder Harfenlaute mit drei oder vier Saiten in Westafrika, die unter anderem von den Mandinka in Gambia, Guinea und Mali, ferner von den Fulbe, den Senufo in Mali und der Elfenbeinküste sowie von den Susu und Kissi in Guinea und Sierra Leone gespielt wird. Von anderen westafrikanischen Harfen mit einem Kalebassen-Resonanzkörper und einer gebogenen Halsstange wie der 21-saitigen kora und der siebensaitigen simbi unterscheidet sich die bolon durch eine Rasselplatte aus Blech am oberen Ende des Saitenträgers. Wegen ihrer einfachen Konstruktion wird die bolon an den mutmaßlich entwicklungsgeschichtlichen Anfang der Stegharfen gestellt.

Die Stegharfen haben unterschiedliche traditionelle Verwendungsbereiche. Die bolon gehört zu den „Kriegerharfen“, die von „Jägerharfen“ und den Begleitinstrumenten der Griots abgegrenzt werden. Saiten und Korpus wurden in vorkolonialer Zeit für die Krieger im Umfeld des Herrschers rhythmisch geschlagen, heute begleitet das Bassinstrument hauptsächlich Tanzaufführungen und Lieder.

Herkunft und Verbreitung mini|hochkant|Ein donso jeli („Griot der Jäger“) spielt eine simbi (simbingo) mit vermutlich acht Saiten in der Region Kayes im Südwesten von Mali, 1868Eugène Mage: Voyage dans le Soudan occidental (Sénégambie–Niger). Paris 1868, S. 91 Harfen sind als Saiteninstrumente klassifiziert, bei denen die Saitenebene senkrecht zur Decke des Resonanzkörpers verläuft, und Bogenharfen sind die ursprünglichste Form dieser Instrumentenklasse, deren aus dem schalenförmigen Resonanzkörper herausragende Halsstange mit diesem eine durchgängig gekrümmte Linie bildet. Zwar wird die bolon verschiedentlich, manchmal auch in der Fachliteratur als „Bogenharfe“ bezeichnet,Etwa als „large arched harp“ in: K. A. Gourlay, Lucy Durán: Bolon. In: Grove Music Online, 2001; „a three stringed arched harp“ in: Graeme Counsel: Mande Music. In: Heidi Feldman, David Horn, John Shepherd (Hrsg.): Bloomsbury Encyclopedia of Popular Music of the World. Band 12: Genres: Sub-Saharan Africa. Bloomsbury Academic, London 2019, S. 383 dies ist jedoch wegen der völlig anderen Position der unteren Saitenbefestigung bei der nur in Westafrika vorkommenden Gruppe der Stegharfen unzutreffend. Die Saiten sind bei Harfen generell an einer Saitenhalterleiste befestigt, die unter der Decke parallel zu den Längsseiten des Resonanzkörpers angebracht ist. Bei den Stegharfen hingegen führen die Saiten vom oberen Bereich der Halsstange über einen senkrecht auf der Decke aufgestellten Steg bis zu einem Befestigungspunkt am unteren Korpusrand. Senkrechter Steg oder parallele Leiste ist das wesentliche Unterscheidungskriterium zwischen westafrikanischen Stegharfen und den übrigen afrikanischen Harfen. Die Gemeinsamkeit zwischen beiden Harfentypen ist die senkrechte Anordnung der Saitenebene zur Decke im Unterschied zu Lauten, deren Saitenebene parallel über die Decke hinweg verläuft. Wegen des wie bei Lauten senkrecht aufgestellten Stegs ist auch die Klassifizierung als „Harfenlaute“ üblich.Der Name „Harfenlaute“ findet sich zuerst in anderem Zusammenhang als „harpfen lauten“ in Oskar Doering: Des Augsburger Patriciers Philipp Hainhofer Reisen nach Innsbruck und Dresden, Wien 1901, S. 230, für ein Saiteninstrument, das der Reisende Philipp Hainhofer 1629 in Dresden sah und hörte und das wahrscheinlich der Abbildung in Michael Praetorius: Syntagma musicum, Band 2, Wolfenbüttel 1619, Tafel XXXVI, Nr. 2, entsprach.

Da die Saiten hinter dem Steg an der durch den Resonanzkörper gesteckten und unten ein wenig herausragenden Halsstange befestigt sind, stehen die Stegharfen in dieser Hinsicht mit den im islamischen Nordafrika verbreiteten Spießlauten wie der ribab in Marokko und der goge in Nordnigeria in Beziehung.Sibyl Marcuse: A Survey of Musical Instruments. Harper & Row, New York 1975, S. 404 Die grundsätzliche Unterscheidung zwischen Stegharfen und Harfen stellt bereits Bernhard Ankermann (1901) deutlich heraus, indem er zwischen seiner dritten Gruppe der Saiteninstrumente (Spießlauten und Halslauten) und seiner fünften Gruppe (Bogenharfen) eine vierte – namenlose – Gruppe für die Stegharfen klassifiziert.Bernhard Ankermann: (Inaugural-Dissertation zur Erlangung der Doktorwürde der philosophischen Facultät der Universität Leipzig) Haack, Berlin 1901, S. 12f Erst mit der Hornbostel-Sachs-Systematik von 1914 wurde der Begriff „Harfenlauten“ (323) als Gattungsname eingeführt und später von Klaus Wachsmann und anderen Musikethnologen übernommen. Roderic Knight (1971)Roderic Knight: Towards a Notation and Tablature for the Kora and Its Application to Other Instruments. In: African Music, Band 5, Nr. 1, 1971, S. 23–36, hier S. 24 wendet sich gegen die Benennung „Harfenlaute“ (englisch harp-lute), weil er der für eine Harfe typischen Spieltechnik mehr Bedeutung zumisst als organologischen Merkmalen und deshalb den Begriff „Stegharfe“ (bridge-harp) vorschlägt.Roderic Knight: A New Look at Classification and Terminology for Musical Instruments. In: The Galpin Society Journal, Band 69, April 2016, S. 5–22, 154f, hier S. 6 Der Musiker zupft die Saiten wie bei Harfen mit den Händen von beiden Seiten.Vgl. Sue Carole DeVale: Bridge Harp. In: Grove Music Online, 2001

Ein gutes Dutzend Stegharfen sind entlang der westafrikanischen Atlantikküste von Senegal bis Benin und im Norden bis in die Sudanregion verbreitet.Ulrich Wegner, 1984, S. 175 Abgesehen von der unterschiedlichen Konstruktion, das Verbreitungsgebiet der afrikanischen Bogenharfen überschneidet sich nicht mit dem der Stegharfen. Ein gemeinsames Vorkommen ergäbe keinen Sinn, weil beide Konstruktionen eine gleichermaßen praktikable Lösung für den Wunsch bieten, die Saitenzahl zu erhöhen. Die Mitte des 3. Jahrtausends v. Chr. im Alten Ägypten aufgetauchte Bogenharfe gelangte im 1. Jahrtausend n. Chr. den Nil aufwärts bis in seine heutigen Zentren in Ostafrika (darunter die ennanga in Uganda und die kundi im Kongo) und auf einer anderen Route bis zum Tschadsee, aber nicht nach Westen darüber hinaus.Ulrich Wegner, 1984, S. 160 In Westafrika kommt neben den Stegharfen einzig die mauretanische Winkelharfe ardin vor.

Die bolon ist typisch für die Gruppe der Stegharfen, deren bekannteste Vertreterin die kora ist. Die Benennung als „Harfe“ erfolgte aus instrumentenkundlichen Überlegungen und wurde wohl durch den bei manchen Typen leicht gebogenen Saitenträger begünstigt, der zunächst an eine Harfe erinnert, aber die Herkunft verdeckt. Sie erlaubt auch keine Rückschlüsse auf einen gemeinsamen Ursprung der afrikanischen Bogenharfen und Stegharfen, deren Entwicklung nicht nur räumlich unabhängig verlief. Wahrscheinlich entstanden die Stegharfen aus den in derselben westafrikanischen Region verbreiteten Binnenspießlauten mit ein oder zwei Saiten, die über einen kleinen Steg parallel zur Decke verlaufen und nach alter Tradition am oberen Ende des Saitenträgers an einer Schnurschlaufe befestigt sind. Altertümliche Vertreter der Binnenspießlauten sind die xalam in Senegal und Gambia sowie die keleli im Tschad (siehe dort jeweils zur Herkunft dieses Instrumententyps). Eine Möglichkeit, um die Saitenzahl an den Spießlauten deutlich zu erhöhen, bot der senkrecht auf die Decke gestellte Steg, an dessen Seite die Saiten über in unterschiedlicher Höhe angebrachte Kerben oder durch Löcher geführt werden. So ergibt sich eine oder bei Kerben auf beiden Seiten des Stegs eine doppelte senkrechte Saitenebene. Inwiefern dieser Kerbsteg mit demselben senkrechten Steg der Kerbstegzither mvet in Kamerun in Verbindung steht, ist unklar. Die Kerbstegzither ist eine Entwicklung, um an einem geraden Musikstab mehrere Saiten unterzubringen. Während afrikanische Bogenharfen selten mehr als acht Saiten besitzen, lassen sich die Stegharfen mit wesentlich mehr Saiten ausstatten. Die bolon gehört zu den frühen einfachen Formen der Stegharfen mit bis zu sechs Saiten. Bei allen traditionellen Stegharfen bis hin zur deutlich aufwendiger konstruierten kora mit 21 Saiten blieb die von den Spießlauten übernommene obere Saitenbefestigung an Schnurschlingen erhalten. Gerhard Kubik (1989) hält wegen der Entstehungsgeschichte die Bezeichnung „Harfe“ für irreführend.Gerhard Kubik, 1989, S. 188

mini|Alte sechssaitige Stegharfe seperewa mit Holzkorpus in Ghana Der Resonanzkörper der bolon besteht wie bei der kora und den meisten Stegharfen aus einer großen runden Kalebasse. Zu diesem Typus gehört die donso ngoni (auch dunsu nguni, dounsoukoni) in der Region Wassoulou im Süden von Mali, die mit sechs Saiten in zwei Saitenebenen und einem Rasselblech am oberen Ende des geraden Saitenträgers der bolon am ähnlichsten ist. Der Name „Jäger-Laute/Harfe“ (aus Bambara donso, „Jäger“, und ngoni für eine Laute oder Stegharfe) kennzeichnet den Verwendungsbereich. Die „Jägerharfen“ in Mali, einschließlich der donso ngoni und der simbi der Malinke, gehören zu einer mutmaßlich bis in prähistorische Zeit zurückreichenden Tradition der Jägergesellschaften südlich der Sahara. Die bolon zählt zur gesonderten frühen Gruppe der „Kriegerharfen“ und beide werden von den Harfen der Griots unterschieden.Eric Charry: Mali. 3. Musical sources. In: Grove Music Online, 2001 Die sieben heptatonisch gestimmten Saiten der simbi sind nicht wie bei der kora in zwei parallelen Ebenen, sondern in einer Ebene angeordnet. Nahe verwandt ist die simbing(o) (auch esimbin) der Maninke, die bei den Diola furakaf heißt und fünf pentatonisch gestimmte Saiten besitzt.

Manche Stegharfen lassen sich dem magisch-mythischen Bereich zuordnen, etwa die gingiru der Dogon, die mit ihren drei Saiten, die durch in einem Dreieck angeordnete Löcher im Steg verlaufen, eher einer Schalenspießlaute entspricht.Gingiru. Musica Para Ver. World Instruments (Abbildung) In der komplexen Kosmogonie der Dogon soll die Korpusschale das Himmelsgewölbe und die Decke die Erde darstellen, aus der als akustische Entsprechung (vier – weil für die Symbolik vier Saiten benötigt) tiefe Töne herauskommen.Klaus Wachsmann, Russell Kay: The Interrelations of Musical Instruments, Musical Forms, and Cultural Systems in Africa. In: Technology and Culture, Band 12, Nr. 3, Juli 1971, S. 399–413, hier S. 402: Die Autoren beziehen sich auf Marcel Griaule, Germaine Dieterlen: La Harpe-luth des Dogons. In: Journal de la Societe des Africanistes, Band 20, 1950, S. 209–228; ausführlich zitiert in Ulrich Wegner, 1984, S. 180–184

Zum Instrumentarium der Kaste der Preisliedsänger (Griots, in Mande-Sprachen jali oder jeli) gehören neben der kora die konimesin in Oberguinea, die aus einem mit Haut bespannten Holzkasten, einem gebogenen Saitenträgerstab und vier Saiten besteht. Griots, die mit Jägern herumzogen, spielten früher auch die donso ngoni. Einen ebensolchen rechteckigen Korpus aus Holzbrettern mit einer Hautdecke und traditionell 6, heute auch 14 Saiten besitzt die seperewa, früher sanku, der Akan, vor allem der Aschanti in Ghana,Gavin Webb: Seperewa. In: Grove Music Online, 31. Januar 2014 ebenso die sechssaitige aloko in der Umgebung von Bouaké, Elfenbeinküste.Hugo Zemp: Begleitheft zur CD: Côte d'Ivoire. Baule Vocal Music. Smithsonian Folkways Archival (Aufnahmen 1964–1967), 2014, Titel 11 In der Savanne haben Stegharfen Resonanzkörper aus einer Kalebasse und weiter südlich in den Waldgebieten aus Holz.Eric Charry, 2000, S. 77