Die Tour de France 2023 war die 110. Austragung des wichtigsten Etappenrennens im professionellen Straßenradsport. Das Rennen wurde am 1. Juli 2023 in Bilbao gestartet, das Ziel der letzten Etappe wurde am 23. Juli 2023 in Paris auf der Avenue des Champs Élysées erreicht. Die Tour de France war auch im Jahr 2023 ein Teil der UCI WorldTour.
Jonas Vingegaard (Jumbo-Visma) wiederholte seinen Triumph aus dem Vorjahr. Den Grundstein für seinen zweiten Tour-de-France-Sieg legte der Däne mit seinem Etappensieg beim Zeitfahren der 16. Etappe. Schlussendlich betrug sein Vorsprung sieben Minuten und 29 Sekunden, was dem größten Abstand seit dem Jahr 2014 entsprach. Platz zwei ging erneut an den Slowenen Tadej Pogačar (UAE Team Emirates), der zum vierten Mal in Folge die Nachwuchswertung gewann und sich zudem zwei Etappensiege sicherte. Gesamtdritter wurde mit Adam Yates ein weiterer Fahrer des UAE Team Emirates. Der Brite hatte die Auftaktetappe gewonnen und wies schlussendlich einen Rückstand von 10 Minuten und 56 Sekunden auf Jonas Vingegaard auf.
Die Punktewertung ging mit 377 Punkten souverän an den Belgier Jasper Philipsen (Alpecin-Deceuninck), der vier Etappen im Massensprint gewann. Keine andere Mannschaft konnte im Rahmen der Rundfahrt mehr Etappen für sich entscheiden. Mit Giulio Ciccone (Lidl-Trek) triumphierte erstmals seit dem Jahr 1992 wieder ein Italiener in der Bergwertung. Die Mannschaftswertung ging an das Team Jumbo-Visma. Der Belgier Victor Campenaerts (Lotto Dstny) wurde zum kämpferischsten Fahrer gewählt.
Im Baskenland, das den Grand Depart, der 110. Austragung abgehalten hatte, konnte man sich über zwei Etappensiege durch Pello Bilbao (Bahrain Victorious) und Ion Izagirre (Cofidis) freuen. Weiters kam für Spanien mit Carlos Rodríguez (Ineos Grenadiers) ein weiterer Tagessieger hinzu. Sowohl Carlos Rodríguez als auch Pello Bilbao belegten zudem Plätze in den Top 10 der Gesamtwertung. Die Belgier waren mit fünf Etappensiegen am erfolgreichsten, gefolgt von Dänemark, Slowenien und Spanien mit jeweils drei Erfolgen. Das Gastgeberland Frankreich stellte mit Victor Lafay (Cofidis) nur einen Etappensieger.
Teams und Fahrer
Nach dem Reglement der Union Cycliste Internationale waren die 18 UCI WorldTeams zum Start berechtigt und verpflichtet. Zudem qualifizierten sich automatisch die beiden besten UCI ProTeams des Vorjahres: Lotto Dstny (unter dem damaligen Teamnamen Lotto Soudal) und TotalEnergies. Der Veranstalter vergab außerdem Wildcards an die beiden ProTeams Israel-Premier Tech und Uno-X Pro Cycling Team.
Am 29. Juni 2023 – zwei Tage vor Beginn der Rundfahrt – wurden die Fahrer im Rahmen einer Teampräsentation in Bilbao vorgestellt.
Die 176 Teilnehmer stammten aus 27 Nationen. Das größte Kontingent stellte traditionell Frankreich, es nahmen 32 Franzosen an der Rundfahrt teil. Nach Frankreich folgten Belgien mit 21 Fahrern, die Niederlande sowie Spanien mit je 14, Australien mit 12, Dänemark mit 11 und Norwegen mit 8 Startern. Sieben Rennfahrer kamen jeweils aus Deutschland, Großbritannien und Italien. Zudem waren sechs Österreicher und zwei Schweizer bei der Tour de France 2023 am Start. 36 Fahrer nahmen zum ersten Mal an der Tour de France teil. An der Nachwuchswertung nahmen 31 Sportler teil, was rund 18 % des Feldes entsprach.
Der am 22. Juli 1983 geborene Dries Devenyns (Soudal Quick-Step) war mit 39 Jahren der älteste Starter der Frankreich-Rundfahrt, er nahm zum achten Mal an der Tour de France teil. Mark Cavendish (Astana Qazaqstan Team) hatte mit der 14. Tour-de-France-Teilnahme die meisten Starts aller Fahrer aus dem Feld vorzuweisen. Quinn Simmons aus dem Team Lidl-Trek war wiederum der jüngste Fahrer im Teilnehmerfeld, er wurde am 8. Mai 2001 geboren und war damit zum Start der Rundfahrt 22 Jahre alt. Das höchste Durchschnittsalter aller 22 Mannschaften wies das Team Soudal Quick-Step auf, die Rennfahrer im Tourkader waren dort im Durchschnitt 32 Jahre alt. Das jüngste Team war die Mannschaft Uno-X Pro Cycling Team mit einem Durchschnittsalter von 27 Jahren. Der durchschnittliche Rennfahrer der Tour de France 2023 war 29 Jahre alt.
Bei der Frankreich-Rundfahrt 2023 nahmen sechs bisherige Grand-Tour-Sieger teil: Egan Bernal, Tadej Pogačar, Jonas Vingegaard, Jai Hindley, Simon Yates und Richard Carapaz. Außerdem nahmen 39 Fahrer teil, die bereits bei der Tour de France einen Etappensieg erringen konnten. Mark Cavendish hatte mit 34 Etappensiegen zwischen 2008 und 2021 die meisten Etappen gewonnen. Er lag vor Peter Sagan, der zwischen 2012 und 2019 insgesamt 12 Etappen gewann, und vor Tadej Pogačar sowie Wout van Aert mit jeweils neun Etappensiegen.
Favoriten Als Favoriten gingen mit Jonas Vingegaard (Jumbo-Visma) und Tadej Pogačar (UAE Team Emirates) die beiden Erstplatzierten der vergangenen zwei Austragungen ins Rennen. Der Titelverteidiger Jonas Vingegaard entschied im Frühjahr mit O' Gran Camiño und der Baskenland-Rundfahrt zwei Etappenrennen für sich. Bei Paris–Nizza hatte er gegenüber Tadej Pogačar das Nachsehen und belegte den dritten Platz. Tadej Pogačar gewann mit der Andalusien-Rundfahrt nur eine weitere Rundfahrt, triumphierte jedoch bei etlichen Eintagesrennen. Neben der Clásica Jaén Paraíso Interior gewann er mit der Flandern-Rundfahrt ein Monument des Radsports, ehe er in den Wochen darauf auch das Amstel Gold Race und den Flèche Wallonne für sich entschied. Bei Lüttich–Bastogne–Lüttich kam der Slowene zu Sturz und brach sich das Kahnbein, was eine längere Pause zur Folge hatte. Vor dem Start der Tour de France gewann Jonas Vingegaard das Critérium du Dauphiné mit dem größten Vorsprung seit dem Jahr 1993, während Tadej Pogačar die slowenischen Meisterschaften als Vorbereitung nutzte, wo er das Zeitfahren und das Straßenrennen für sich entschied. Beide Fahrer konnten sich auf ein starkes Team verlassen, wobei Sepp Kuss und Wilco Kelderman (beide Jumbo-Visma) sowie Adam Yates, Marc Soler und Rafal Majka (alle UAE Team Emirates) in den Bergen eine zentrale Rolle einnehmen sollten. Primož Roglič (Jumbo-Visma), der den Giro d’Italia 2023 gewann, stand nicht am Start der 110. Austragung.
Mit Egan Bernal (Ineos Grenadiers) nahm ein weiterer ehemaliger Tour-de-France-Sieger an der Grande Boucle teil. Der Kolumbianer kehrte somit nach seinem schweren Trainingsunfall im Frühjahr des Jahres 2022 wieder zum größten Radrennen der Welt zurück. Mit Top-10-Platzierungen bei der Tour de Romandie und der Ungarn-Rundfahrt sowie dem zwölften Gesamtrang beim Critérium du Dauphiné zeigte er zuletzt aufsteigende Form, wobei unklar war, ob er sich bei der Tour de France auf die Gesamtwertung fixieren würde. Mit Carlos Rodríguez und Daniel Felipe Martínez planten die Ineos Grenadiers, zwei weitere Rundfahrt-Spezialisten zu entsenden. Zudem ging auch Thomas Pidcock an den Start. Geraint Thomas, der bei der Tour de France 2022 Dritter wurde und den Giro d’Italia 2023 als Zweiter beendete, nahm die Tour de France hingegen nicht in Angriff.
Jai Hindley nahm nach seinem Sieg beim Giro d’Italia 2022 seine erste Tour de France in Angriff und zeigte zuvor mit Rang vier beim Critérium du Dauphiné auf. Mit Richard Carapaz (EF Education-EasyPost) und Simon Yates (Jayco AlUla) starteten zwei weitere Grand-Tour-Sieger, die zuvor jedoch hinter ihren Erwartungen zurückgeblieben waren. Weitere potentielle Podiumsanwärter waren: David Gaudu (Groupama-FDJ), Enric Mas (Movistar), Mikel Landa (Bahrain Victorious), Ben O’Connor (AG2R Citroën), Romain Bardet (DSM-Firmenich), Rigoberto Urán (EF Education-EasyPost), Guillaume Martin, Ion Izagirre (beide Cofidis), Alexei Luzenko (Astana Qazaqstan), Louis Meintjes (Intermarché-Circus-Wanty) und Mattias Skjelmose Jensen (Lidl-Trek), der wenige Wochen zuvor die Tour de Suisse gewann. Weitere nennenswerte Fahrer waren die aufstrebenden Nachwuchstalente Matteo Jorgenson (Movistar), Felix Gall (AG2R Citroën) und Tobias Halland Johannessen (Uno-X) sowie die erfahrenen Rundfahrt-Spezialisten Rui Costa (Intermarché-Circus-Wanty) und Michael Woods (Israel-Premier Tech).
Sprinter Mit Jasper Philipsen (Alpecin-Deceuninck), Fabio Jakobsen (Soudal Quick-Step), Caleb Ewan (Lotto-Dstny), Dylan Groenewegen (Jayco AlUla), Mads Pedersen (Lidl-Trek), Biniam Girmay (Intermarché-Circus-Wanty), Alexander Kristoff (Uno-X), Jordi Meeus (Bora-hansgrohe), Sam Welsford (DSM-Firmenich), Bryan Coquard (Cofidis) und Phil Bauhaus (Bahrain Victorious) gingen zahlreiche Sprinter an den Start der Rundfahrt. Ein besonderes Augenmerk lag auf Mark Cavendish (Astana Qazaqstan), der sich bei seinem letzten Antreten bei der Tour de France mit einem weiteren Etappensieg zum alleinigen Rekordhalter hätte krönen können; mit seinem sturzbedingten Ausscheiden auf der 8. Etappe am 8. Juli blieb ihm dies verwehrt. Auch Peter Sagan (TotalEnergies), der die Punktewertung bereits sieben Mal gewinnen konnte, startete im Jahr 2023 das letzte Mal bei der Tour de France.
Als Favorit auf das Grüne Trikot zählte erneut Wout Van Aert (Jumbo-Visma), der im vergangenen Jahr einen neuen Punkterekord aufgestellt hatte. Nach eigener Aussage lag der Fokus des Belgiers jedoch nicht auf der Punktewertung.
Bergfahrer Die Bergwertung war in den vergangenen Jahren jeweils vom Gesamtsieger gewonnen worden. Zuletzt setzte sich im Jahr 2019 mit Romain Bardet ein Fahrer durch, der in der Gesamtwertung außerhalb der Top 10 platziert war. Zu den Favoriten auf das Gepunktete Trikot galten meist gute Bergfahrer sowie Gesamtklassement-Fahrer, die auf den ersten Etappen bereits viel Zeit verloren haben. Besonders bei den einheimischen Fahrern und Teams spielte das Bergtrikot vor allem zu Beginn der Rundfahrt eine große Rolle. Ein möglicher Aspirant auf den Sieg in der Bergwertung war der Franzose Thibaut Pinot (Groupama-FDJ), der die Sonderwertung bereits wenige Wochen zuvor beim Giro d’Italia gewann und im Jahr 2023 seine letzte Tour de France bestritt. Weitere Bergfahrer, die keine Helferdienste für ihre Team-Leader leisten mussten, waren: Giulio Ciccone (Lidl-Trek), Michael Woods (Israel-Premier Tech), Warren Barguil (Arkea-Samsic), Harold Tejada, David de la Cruz (beide Astana Qazaqstan) und Simon Geschke (Cofidis), der das Gepunktete Trikot im vergangenen Jahr für neun Tage trug.
Weitere interessante und abwesende Fahrer Im Kampf um das Gelbe Trikot bei den ersten Etappen galten in erster Linie die Klassiker-Spezialisten zu den Favoriten. Hier waren primär Mathieu van der Poel (Alpecin-Deceuninck), der die Monumente Mailand–Sanremo und Paris–Roubaix gewann, und Wout van Aert zu nennen. Weiterhin startete auch der zweifache Weltmeister Julian Alaphilippe (Soudal Quick-Step), der bislang jedoch hinter seinen Erwartungen zurückgeblieben war. Weitere Klassiker-Spezialisten, die das Rennen in Angriff nahmen, waren Biniam Girmay (Intermarché-Circus-Wanty), Søren Kragh Andersen, Quinten Hermans (beide Alpecin-Deceuninck), Matej Mohorič, Fred Wright (beide Bahrain Victorious), Christophe Laporte, Dylan Van Baarle (beide Jumbo-Visma), Benoît Cosnefroy (AG2R Citroën) und Valentin Madouas (Groupama-FDJ).
Von den Zeitfahr-Spezialisten starteten Stefan Küng (Groupama-FDJ), Rémi Cavagna (Soudal Quick-Step), Mikkel Bjerg (UAE Team Emirates) und Jonathan Castroviejo (Ineos Grenadiers), wobei das anspruchsvolle Profil eher Fahrern wie Jonas Vingegaard und Tadej Pogačar entgegenkam.
Nicht am Start der 110. Austragung standen neben Primož Roglič und Geraint Thomas auch der Weltmeister Remco Evenepoel (Soudal Quick-Step), der den Giro d’Italia aufgrund einer COVID-19-Infektion frühzeitig verlassen hatte. Auch Tao Geoghegan Hart (Ineos Grenadiers), João Almeida, Juan Ayuso (beide UAE Team Emirates), Damiano Caruso (Bahrain Victorious), Hugh Carthy (EF Education-EasyPost) und Alexander Wlassow (Bora-hansgrohe), die in den vergangenen Jahren gute Resultate bei den Grand Tours erzielt hatten, standen nicht auf der Startliste.
Strecke Allgemeines