mini|hochkant=0.5|Grafische Darstellungen (Glyphen) des Buchstabens a mini|hochkant=0.4|Buchstabe A als Majuskel und a als Minuskel

Die MorphogeneseHerbert E. Brekle: Die Antiqualinie von ca. –1500 bis ca. 1500. Untersuchungen zur Morphogenese des westlichen Alphabets auf kognitivistischer Basis. 1994. oder MetamorphoseAlbert Kapr: Schriftkunst. Geschichte, Anatomie und Schönheit der lateinischen Buchstaben, S. 270–298. der Buchstaben (von altgriechisch μορφή (morphē) → Gestalt, lateinisch Transformation) ist die grafische Gestaltveränderung bzw. Umformung der „lateinisch-deutschen“ Buchstaben (als Allographe bzw. Glyphen). Beispielsweise sind a und ɑ Allographe: in vielen Druckschriften wird die humanistische Form a verwendet, während man in Schreibschriften eher das kursive ɑ findet (vgl. ᵹ, 𝗴 und g). Ein weiteres Beispiel sind Groß- und Kleinbuchstaben, z. B. A und a. Außerdem die Ligatur ß für ſs, ſʒ oder ʃs und die Umlaute ä, ö und ü für aͤ (æ), oͤ (œ) und uͤ.

Urformen und Entwicklung

Im Vorderen Orient entstand neben der Keilschrift auch eine Lautschrift (im Libanon) ohne Vokale. Diese Phönizische Schrift hatte ein Alphabet mit 22 Anlautzeichen (Aleph, Beth, Gimel …). Von dieser »Phoinikeia grammata« (Herodot) stammt auch das (west)griechisch-etruskische, das Lateinische Alphabet (»scriptura capitalis«) und das kyrillische Alphabet ab.Wolfgang Beinert: Typolexikon – Schriftgeschichte

+ Ursprung der Lateinischen Glyphen: Piktogramm → Phonogramm → Allograph Beispiel A: x50px x50px x50px → 40px 30px x32px x35px → 40px x25px 25px 30px

Phönizisches Alphabet

Die phönizischen Schriftzeichen stammen von der Protosinaitische Schrift (in Kanaan) ab. Es waren Lautzeichen aus vereinfachten Zeichnungen von Hieroglyphen. Die Namen dieser Lautzeichen wurden nach einem Gegenstand oder einem Tier benannt, das mit dem gleichen Buchstaben begann – wie bei einer Anlauttabelle: A wie Aleph (=Stier), B wie Beth (=Haus).

Die phönizische Schrift ist eine linksläufige Konsonantenschrift mit 22 Lautzeichen. Die meisten Buchstaben „schauen“ nach links (z. B. Ǝ, И, Я und Ƨ) und geben damit die Leserichtung an. Sie sind so gestaltet, dass man sie auch spiegelbildlich (oder gedreht) eindeutig erkennen kann.

Altgriechisches Alphabet

Die griechische Schrift ist eine Weiterentwicklung der phönizischen Schrift und war die erste Alphabetschrift mit VokalenE. Stiebner/W. Leonhard: Bruckmann’s Handbuch der Schrift. Bruckmann, München 1985, ISBN 3-7654-1940-0, S. 17.. Das Upsilon (griech. Υ = U) stammte ebenso wie das Digamma (Ϝ) von dem phönizischen Waw (16px) ab, den Buchstaben Omega (Ω) bildeten die Griechen aus dem Omikron neu. Der Text wurde links- und rechtsläufig geschrieben (bustrophedonal, „furchenwendig“), d. h. die Buchstaben schauen zunächst nach links (z. B. ∃) und in der nächsten Zeile nach rechts (dextral: E). Auf Stein und Blech konnten wenig runde Formen eingeritzt werden („graviert“, von griech. graph). Deshalb sehen die phönikischen und frühen griechischen Buchstaben fast wie Runen aus.

Etruskisches Alphabet + Altitalische Alphabetewestgriechisch20px20px20px20px20px20px20px20px20px20px20px20px20px20px20px20px20px20px20px20px20px20px20px20px20px20pxfrühetruskisch20px16px15px16px 15px15px20px15px20px15px15px15px20px15px16px16px15px20px15px20px20px15px15px15px15px15px12px

Die Etruskische Schrift hat sich aus einem westgriechischen Alphabet entwickelt – in einer euböischen Kolonie in Kampanien. Die älteste Inschrift in altlateinischer Sprache mit etruskischen Schriftzeichen ist ein Grenzstein in Rom, der Lapis Niger (um 600 vor Chr.).

Lateinisches Alphabet

Das lateinische Alphabet geht auf die etruskische Schrift zurück. Das griechische K wurde im klassischen Latein durch C ersetzt. Dafür erweiterten die Römer das C mit einem diakritischen Zeichen zum G mit einer angehängten Cauda (ebenso: griech. P → lat. R). Die römische Lapidarschrift (Capitalis monumentalis) war das Vorbild für die Antiqua-Majuskeln. Alle Buchstaben sind auch gedreht nicht zu verwechseln (außer M/W, aber das W gehörte noch nicht dazu).

Die Griechen und Römer haben die phönizisch-etruskischen Buchstaben aufgerichtet (senkrecht gestellt): 15px → 15px, 15px → 15px oder 15px → L, die Schreibrichtung von links nach rechts festgelegt: z. B. 15px → 15px und die dreieckigen Formen abgerundet: 15px → B, 15px → C, 15px → D, 15px → P.

„Geschrieben“ wurden (je nach Anwendungszweck): Inschriften mit dem Meißel auf Steinplatten oder Gebäuden: eine „lineare“ Spur, später ein „Wechselzug“. Buchschriften mit der breiten Rohrfeder auf Papyrus und Pergament: wechselnd dicke und dünne Striche. Gebrauchsschriften mit dem Griffel auf einer Wachstafel: eine lineare Spur, zum Teil kurʃiv.

+ Alphabetische Reihenfolgen Griechische Form Α Β Γ Δ Ε Ϝ Ζ Η Θ 𐌉 Κ Λ Μ Ν Ξ Ο Π Ϙ Ρ Σ 𐌕 Υ X Φ Ψ Ω Etruskische Form 𐌀 𐌁 𐌂 𐌃 𐌄 𐌅 𐌆 𐌇 𐌈 𐌉 𐌊 𐌋 𐌌 𐌍 𐌏 𐌐 𐌒 𐌓 𐌔 𐌕 (16px) 𐌗 Römische Form A B C D E F G H I K L M N O P Q R S T V X

Deutsches Alphabet

Das deutsche Alphabet ist eine Erweiterung des lateinischen Alphabets. Heute umfasst es die 26 Grundbuchstaben des lateinischen Alphabets, die drei Umlaute (Ä, Ö, Ü) sowie das „Eszett“ (ß). Die Buchstaben J, U und W (bzw. die Unterscheidung zwischen I und J, U und V sowie W und V) wurden dem lateinischen Alphabet erst im Mittelalter hinzugefügt, ebenso die Umlaute Æ und Œ (als Ligatur von Digraphen) sowie alle Minuskeln (mit stark veränderten Formen).

+ Erweiterung des Alphabets Majuskeln A B C D E F G H I J K L M N O P Q R S T U V W X Y Z   Ä Ö Ü   ẞ Minuskeln a b c d e f g h i j k l m n o p q r s t u v w x y z   aͤ oͤ uͤ   15px Die Antiqua ist eine Mischform aus den römischen Majuskeln der Capitalis monumentalis und humanistischen Minuskeln. Es gibt Kleinbuchstaben, die in ihrer Form identisch sind mit den Großbuchstaben: C c, O o, S s, V v, W w, X x, Z z. Manche sind nur wenig verändert: I i, J j, K k, L l, P p, T t, U u, Y y. Andere haben sich dagegen stärker gewandelt: A a, D d, E e, G g, Q q, R r.

Morphologie der lateinisch-deutschen Buchstaben

Die Lateinische Paläografie hilft bei der Analyse der Buchstabenformen, um verschiedene Schriftarten zu bestimmen. Dadurch können historische Handschriften entziffert werden oder zeitlich, örtlich und stilistisch eingeordnet werden. Die Typografie beschreibt die grafische Entwicklung der gedruckten Buchstaben bis zu den aktuellen Formen. Das „alte“ Klassifikationsschema wird durch die Vielfalt der neueren Schriftarten als unbefriedigend empfunden. Aktuelle Ansätze der Schriftklassifikation stammen z. B. von Indra Kupferschmid (nach dem „Formprinzip“, zusammen mit Max Bollwage und Hans Peter Willberg) und Wolfgang Beinert (Matrix-Beinert)M. Beinert: Typolexikon – Schriftklassifikation.

Allographe des Buchstaben A: zentriert|x150px

Schreibgeräte

mini|Schneiden der Gänsefeder,Strichstärke und Strichführung.

Das Aussehen der Buchstaben war eng mit dem Schreibwerkzeug und dem Geschmack der jeweiligen Stilepoche verbunden und bestimmte damit den Duktus (die Strichführung, das charakteristische der Handschrift).

Der Griffel (von griech. graph, lat. stilus) diente zum einritzen („gravieren“) in Blech, Ton oder Wachs (Holzgriffel oder metallene Griffel). Damit konnte die lineare Schrift oder die römischen Kursiven geschrieben werden. Das dünne Schilfrohr (lat. calamus) mit „weicher“ Spitze diente als Ersatz für einen Pinsel; geschrieben mit Tinte (Ruß, Tusche) auf Papyrus. Die breite Rohrfeder (Schreibrohr, später die Gänsefeder, dann die Bandzugfeder) ergibt Wechselzüge (bei gleichem Schreibwinkel – ohne die Feder zu drehen). Nur „zusammengesetzte“ Buchstaben sind mit der breiten Feder möglich – beim „Schieben“ fließt keine Tinte. Der erste, kraftvolle Grundstrich wird von oben nach unten geführt oder schräg von oben-rechts nach unten-links. Der zweite Strich ist entweder linear (meist waagrecht) oder ein kleiner bzw. großer Bogen (Halbkreis). Die Schreibfeder aus Metall löste den Gänsekiel ab. Die stählerne Spitzfeder verbreitete sich von England aus, wo sie zum Schreiben der Schreibschrift (Anglaise) verwendet wurde. Auch das Schriftbild der deutschen Kurrentschrift wurde von der Spitzfeder geprägt. Sie ermöglichte den etwas schwierigen „Schwellzug“. Erst die Kugelspitzfeder (wie beim Füller) ermöglichte das Schreiben eines längeren Wortes in einem Zug. Damit waren die schulischen Ausgangsschriften möglich.

Buchstabenform und Schriftart

Antike „kapitale“ und „unziale“ Formen: Die 250px wurde mit fast waagrechter Federbreite geschrieben. Die 130px wurde mit fast senkrechter Feder und dicken Serifen geschrieben. Die 130px entstand durch eine kursive Alltagsschrift mit „bauchigen“ Buchstaben: der erste, senkrechte Schaft von A, D, E, T, U (V, W).

Die Schriftarten mit den wichtigsten Grundformen der Buchstaben sind: die griechisch-römische Capitalis → Antiqua-Majuskel, Initiale → „BLOCKSCHRIFT“; die römisch-byzantinische Unziale → Gotische Unziale → Lombarden (Absatz-Initiale); die frühmittelalterliche Halbunziale → „runde“ Karolingische Minuskel → Humanistische Minuskel → Antiqua; die „gebrochene“ gotische Minuskel → „Textura-Minuskel“ → „Fraktur-Minuskel“, dazu „neue“ Majuskeln; die gebrochene, kursive Notula → Deutsche Kanzleischrift → Deutsche Kurrentschrift → „Sütterlinschrift“; die „neue“ Humanistische Kursive → „Lateinische Kanzleischrift“ → Lateinische Schreibschrift.

Merkmale der Buchstaben Die Bezeichnung für eine Schriftart hängt von der Erscheinungsform der Buchstaben ab. Die Eingruppierung einer Schrift erfolgt in der Regel nach bestimmten Merkmalen (Schriftklassen). Die Buchstabenfiguren werden aus den Elementen „Gerade“ und „Bogen“ gebildet: Der Schaft (Haste) kann eine gerade vertikale oder diagonale Linie sein. Im Unterschied zu den Schäften werden gerade (horizontale) Linien Balken oder Querstriche genannt. Bei „gebrochenen“ Schriften werden die Schäfte der Großbuchstaben manchmal verdoppelt. In Kursivschriften werden Schäfte schräg gestellt („oblique“), zu Kurven („Bäuche“) wie bei der Unziale (z. B. vom T zum Ꞇ) oder die Schäfte werden mit einem leichten S-förmigen Schwung als sogenannte „Flammenlinien“ gezogen. In der Schreibschrift, besonders bei den Großbuchstaben finden sich kurvige Schwünge und Schnörkel. Gerundete Linien werden je nach Art und Lage als Bäuche, Bögen, oder Kurven bezeichnet. Die Bögen sind bei den gotischen Schriftarten gebrochen.

Die Strichstärke: Je nach Schreibgerät entstehen lineare Striche oder, mit der breit geschnittenen Feder, wechselnd dicke und dünne Linien im Buchstaben. Bei den Handschriften variieren die Strichstärken im Verhältnis zur Buchstabenhöhe; dadurch erscheinen die Schriften mager oder fett.

Serifen: Ein weiteres Merkmal einer Schrift sind vorhandene oder fehlende Serifen. Ihren Ursprung haben die Serifen in der Griechischen Lapidarschrift. Der in Stein geritzte Buchstabe (Glyphe) wurde später gemeißelt. Das Vorschreiben auf Stein mit einem breiten Flachpinsel hat die Entstehung der Serifen unterstützt und führte auch zu den variierenden Strichstärken (Wechselzug). Es gibt Schriftarten mit Serifen (Antiqua), serifenbetonte (Egyptienne) oder serifenlose („groteske“) Schriftarten.

Kursive Formen In fast allen Epochen entstanden neben den Buchschriften auch Gebrauchsschriften für Notizen, Verträge oder Briefe: Die ältere römische Kursive führte zur Unziale. Die jüngere römische Kursive zur sogenannten Halbunziale, die sich zur minuskel mit Ober- und Unterlängen entwickelte. Die humanistische Kursive ist die Urform der lateinischen Schreibschriften. Die Notula (Notizenschrift, auch „Nottel“) ist die jüngere gotische Kursive. Die Deutsche Kanzleischrift entstand aus der „gebrochenen“ Bastarda. Die Deutsche Kurrentschrift ist eine Schreibschrift mit spitzen Winkeln. Die Sütterlinschrift mit dem „deutschen“ Alphabet ist die erste, lineare Ausgangsschrift.